Der Judenbrühl.
Wenn auch der Leipziger Brühl zum Theil jetzt noch ein lebhaftes
Verkehrsleben und in seinem östlichen Theile eine vorwiegend
orientalisch-israelitische Färbung zeigt, so hält die Jetztzeit doch
nicht im Geringsten bezüglich dieses israelitischen Charakters des
Brühls einen Vergleich mit der Zeit vor fünfzig Jahren und länger
aus. Die schroffen Gegensätze zwischen Christen- und Judenthum sind
wesentlich mildere geworden. Die Zeiten, in denen außerhalb der Messen
den Juden der Handel, ja selbst der Aufenthalt in Sachsen untersagt
oder wenigstens sehr erschwert war, sind längst einer milderen
Gesetzgebung gewichen. Die Messen sind in ihrem riesigen Verkehr aller
Völker unter einander ungeheuer zurückgegangen, der früher freie
jüdische Meßhandel in allen Straßen der Stadt ist eingeschränkt worden,
und so ist es kein Wunder, daß auch der alte frühere Judenbrühl, der
früher allein eine hervorragende Sehenswürdigkeit Leipzigs zur Meßzeit
bildete, den Charakter als Mittelpunct des specifisch jüdischen
Handelsverkehrs längst verloren hat. Früher theilte man unsern
Leipziger Brühl in drei Theile. Der westliche, von der Hain- bis zur
Katharinenstraße, hieß der obere, der mittlere, von Katharinen- bis
Nicolaistraße, der Herrenbrühl und der untere östliche Theil, bis zum
damaligen Georgenhause, hieß der Judenbrühl. Zur Meßzeit aber wurde der
ganze Brühl in der Regel »Judenbrühl« genannt. Der Brühl sah damals
noch etwas anders aus als jetzt. Er bildete an seinem östlichen Ende,
also nach der jetzigen Goethestraße zu, eine Art Sack-Gasse, welche auf
der einen Seite das alte finstere Georgenhaus, ein altes burgähnliches
Gebäude und rings umgeben von hohen Mauern, abschloß. Das Georgenhaus
sprang ziemlich weit in die Straße hervor; über seinem Thore sah man
die Legende des weiland Ritter Georg, wie derselbe einen Lindwurm
fein säuberlich aufspießt, in Stein gehauen. Das Georgenhaus selbst
bildete früher einen hervorragenden Theil von Leipzigs Befestigungen;
zur damaligen Zeit aber war es Arbeitshaus. Man erzählte damals, daß
hier in jenen stillen Räumen der Stock gar namhafte Erziehungs- und
Besserungsresultate geliefert habe. Außer diesem Erziehungsinstitut
befand sich im Georgenhaus noch das städtische Waisenhaus und die
damals nur primitiven Anstalten zur Aufnahme Blöder und Irrer.
Als die Eisenbahnen im Entstehen waren, gab es unter den jüdischen
regelmäßigen Meßbesuchern solche, welche mit Ausnahme ihrer in Leipzig
zu den Messen verlebten Zeit fast die ganze übrige Zeit auf der steten
Reise von und nach Leipzig begriffen waren. Denn da diese Handelsjuden
den Grundsatz hatten, möglichst billig zu reisen, so kam es bei ihnen
weniger darauf an, daß dies auch möglichst schnell geschah. Die
Gelegenheiten, die sie deshalb theilweise benutzten, um von und nach
Leipzig zu kommen, waren denn auch sehr verschieden, oft originelle.
So kannte ich einen alten Juden aus Russisch-Polen, der länger als 30
Jahre seine Reise zur Neujahrsmesse nach Leipzig thatsächlich auf der
Pritsche des Schlittens eines besser situirten Glaubensgenossen gemacht
hatte. Wenn man bedenkt, daß der Schlitten in Eis und Schnee, Sturm
und oft bedeutender Kälte Wochen zu seiner Tour bedurfte, und daß die
Lebensweise des Pritschenfahrers dabei in der Regel eine sehr spärliche
war, kann man eine solche Leistung wohl als eine hervorragende
betrachten. Andere Juden kamen mit gewöhnlichen Frachtwagen, sie warfen
ihr bescheidenes Reisebündel auf dieselben und liefen bergan nebenher,
bergab saßen sie hinten auf. Es war schon eine Art Aristokratie der
Judenschaft, welche sich dazu verstieg, in Gemeinschaft einen mit
elenden Brettersitzen ausgestatteten gewöhnlichen Leiterwagen zu
nehmen, der dann mit Menschen aufs Aeußerste vollgepfropft wurde.
Den höchsten Adel aber bildeten diejenigen, welche sich bis zu einem
gemeinschaftlichen, altersschwachen Omnibus aufgeschwungen hatten, bei
welchem dann sogar die äußeren Wagentritte je einen zahlenden Passagier
aufnehmen mußten.
So kamen sie an -- jeden Donnerstag vor der Vorwoche einer jeden Messe,
und auf dem Plauenschen Platz, vor dem damaligen alten Leihhause, wo
jetzt die Pferdebahnwartehalle an Tscharmann’s Hause steht, da lud der
glückliche Fuhrmann, meist selbst ein polnischer Jude, seine glänzenden
Passagiere ab. Glänzend in des Wortes verwegenster Bedeutung, denn die
langen bis zu den Füßen reichenden Kaftane, wie die langen Schafpelze
und die runden Käpsel, die gerollten langen Haarlocken, Prösen genannt,
die scharf gezeichneten Gesichter und die listig blickenden Augen
-- Alles glänzte -- erstere vor Fett und Schmutz, letztere von der
Hoffnung auf »ä faines Geschäftche!«
Und die außer den Messen meist leeren Räume der Hinterhäuser des
Judenbrühls füllten sich. -- In einer einzigen Stube, oft nur auf
Strohsäcken und Decken als Lagerstätte, »logirten« oft zehn und
mehr dieser erwerbsbeflissenen Kinder Israels, und kaum war der
Montagmorgen der ersten Meßwoche angebrochen, so stürzten sich alle mit
Todesverachtung ins Geschäft, und der melodische Ruf der Handelsjuden
tönte durch alle Straßen unseres guten Leipzigs. Die sparsamen
Hausfrauen Leipzigs kramten in allerlei abgelegten Sachen, legten
nicht mehr repräsentations- und nicht mehr die Reparatur vertragende
Kleider- und Wäschestücke, zu eng gewordene Westen des gutgepflegten
Ehegatten, Beinkleider mit den unmöglichsten Defecten, verbogenes Zinn-
und Kupferzeug, sorgsam zu diesem Zwecke aufgesparte Hüte und was nur
noch einigermaßen verwerthbar erschien, auf einen Haufen zusammen,
dabei beflissen, jeden Gegenstand in ein möglichst günstiges Licht
zu stellen, und erwarteten nun ihren alten Bekannten aus Polen mit
klopfendem Herzen. Sie wußten, Veilchen Rosenduft kaufte zwar Alles,
was nur überhaupt noch verwerthbar erschien, aber -- er war auch zäh,
zäh wie Hosenleder, und unglaubliche Zungenschlachten, bei denen von
Seiten der zarten Frauen nicht immer salonfähige Worte fielen, die aber
Veilchen Rosenduft, jeder Zoll ein Grande Seigneur, stets mit größter
Honigsüße vergalt, wurden geschlagen, bis Veilchen den Sieg behielt und
die erbeutete Trophäe in Gestalt eines Hosenpaares etc. seinem Museum
derartiger Sachen einverleibte.
Seine intime Freundschaft mit Bruder Studio haben wir bereits
geschildert, und so beschränken wir uns darauf, zu constatiren, daß
auf diese Weise durch die sich innerhalb vier voller Meßwochen riesig
anhäufenden Massen von alten und ältesten Kleidern die ohnehin
aufs Aeußerste beschränkten Logis der Kinder Israel allmälig so
vollgepfropft wurden, daß ein Anderer als diese Leute es für eine
blasse Unmöglichkeit erklärt haben würde, in denselben auch nur eine
Stunde zuzubringen. Die glücklichen Bewohner aber schienen sich sehr
wohl dabei zu befinden. Nun entwickelte sich aber auf dem Judenbrühl
der Handel der Trödeljuden wieder unter sich um die den Leipzigern
erst abgekauften Sachen. Hier war vom lebensmüden, bis zur Entstellung
mit Beulen versehenen Cylinder bis zum hocheleganten, wenn auch etwas
verblaßten seidenen Schuh der Prima Ballerina und vom zinnernen
Löffel mit verbogenem Griff bis zum schweren silbernen Eßbesteck
und gigantischen Armleuchter Alles zu sehen, was nur überhaupt
transportabel war. -- Es fanden sich auch Käufer aus der Bürgerschaft
bis zum Gelehrten, der auf irgend ein altes hierher verschlagenes
seltenes Buch bot; ein allgemeines Handeln, Feilschen, Schachern vom
frühen Morgen bis in die sinkende Nacht entwickelte sich auf diesem
Theile des Judenbrühls. Die meisten der eingekauften alten Sachen
gingen nach Rußland und Polen, wo dieselben entweder gereinigt und
reparirt ihrer ursprünglichen Bestimmung aufs Neue wieder zurückgegeben
oder zu allen nur möglichen andern Sachen umgearbeitet wurden. --
Wie der verbogene Kupferkessel als goldglänzender preußischer Dreier
vielleicht dieselben Hände wieder passirte, die ihn gefertigt und als
unbrauchbares Möbel verschleudert hatten, so erschienen hunderterlei
Gegenstände auf der nächsten Messe wieder in totaler Umgestaltung, und
nichts gab es für den Trödeljuden, das nicht wenigstens zu Etwas gut
gewesen wäre. So konnte es beispielsweise vorkommen, daß der frühere
glückliche Besitzer einer defekt gewordenen Hose, welche er froh war
einem Juden »aufgehalst« zu haben, nächste Messe auf dem Brühl eine
Anzahl in den verschiedensten Façons schwungvoll gearbeiteter Mützen,
an dem besonderen Stoffmuster, als aus den Beständen seine frühere Hose
deutlich wiedererkannte; und der Häringsbändiger, dessen Locken jetzt
eine solche Mütze bedeckte, ahnte nicht, daß gerade ihre Bestandtheile
früher das Hintertheil der Hose seines erbittertsten Nebenbuhlers in
der Gunst irgend einer Schönen gebildet hatte.
So gab es kein Haus der Stadt, in welches nicht wenigstens einer oder
der andere der Handelsjuden eingedrungen wäre, und überall sah man den
stets demüthigen und bescheidenen Mann gern, so daß Viele, als dieser
Hausirhandel verboten wurde, die alten Geschäftsfreunde sehr vermißten.
Dabei war es oft rührend und erhebend, auch für Andersgläubige, mit
anzusehen, mit welcher Strenge gerade diese alten, oft so schmierigen
Juden, trotz ihrer Sucht, um jeden Preis Geschäfte zu machen, ihre
religiösen Feste feierten und streng die für dieselben vorgeschriebenen
Satzungen hielten.
Wie bekannt, fallen gerade in die Hauptzeit der Michaelismesse die
höchsten Festtage der Israeliten.
Zuerst das Neujahrsfest mit seinem zweiten Tage, dann das
Versöhnungsfest, das Laubhüttenfest und dessen zweiter Tag, dann das
Fest Laubhüttenende und zuletzt das Fest Gesetzesfreude.
Da sah man, was man sonst nie sah, auch den Aermsten und
Unscheinbarsten der Juden die Geschäfte vollständig ruhen lassen
und nicht blos die besten Kleider hervorsuchen, sondern -- -- _in
weißer Wäsche_ erscheinen. Privatsynagogen mit zum Theil theuren
Eintrittspreisen wurden eröffnet. Auf dem damals ebenfalls noch nach
der Promenade zu abgeschlossenen Eselsplatz (jetzt Ritterplatz)
und in vielen Höfen der Ritterstraße und des Brühls erstanden die
Laubhütten, und ungeachtet des öfteren Zudranges Andersgläubiger und
deren nicht immer tactvollen Benehmens verrichteten die strenggläubigen
Juden hier ihre Gebete. Manchem, der herzugekommen war, sich lustig
zu machen, erstarb angesichts der Glaubenstreue und ruhigen Ausübung
ihrer Religionsgebräuche das lose Wort auf der Zunge. -- -- -- Wer nun
aber, sowohl aus der Sparsamkeit, wie aus dem übrigen Benehmen dieser
Handelsjuden etwa geschlossen haben würde, daß dieselben alle arm
oder mittellos gewesen wären, der würde sich sehr getäuscht haben und
erstaunt gewesen sein, wenn er erfahren hätte, daß viele dieser Leute
mit Tausenden von Thalern in ihren schmierigen Brieftaschen hierher
nach Leipzig zur Messe kamen und außerdem oft noch über bedeutende
Credite bei den hiesigen Bankiers verfügten.
Durch das Zuchthaus- oder, wie es eigentlich hieß, das Georgenpförtchen
gelangte man an eine steinerne Treppe, welche auf den Wall der früheren
Stadtbefestigungen führte. Hier stand auf der rechten Seite bis an
das Grimmaische Thor eine Reihe ganz gleicher einstöckiger Häuschen
-- genau wie von der Magazingasse bis zum Petersthor. Nur ein sehr
schmaler Pfad zog sich vor den Häuschen, Peters- und Grimmaischer
Zwinger genannt, hin, auf der andern Seite fiel der Stadtgraben, damals
schon durch den Schwanenteich hier beim Brühl verdrängt, steil hinab.
Dem Georgenhaus gegenüber stand die alte, mit einem an der Ecke der
Ritterstraße vorspringenden Thurm versehene Heuwaage. Auch die unteren
Theile der Ritter- und Nicolaistraße waren zur Meßzeit fast durchgängig
Massenquartiere von Handelsjuden.
Die meist noch im alterthümlichen Kreuzbogenstile gebauten
Gewölbe, sämmtliche Höfe und alle Straßen steckten voll Verkäufer
und zwar dominirte zwischen Nicolai- und Katharinenstraße die
noch jetzt bedeutende Rauchwaarenbranche, von dort an kamen die
Manufactur-, Seiden- und Weißwaaren, und im oberen Brühl, mit der
Leinwandhalle, dominirte die Leinenbranche. Auch Buden waren auf
dem Brühl aufgestellt, und das Gewühl war zur Meßzeit oft geradezu
lebensgefährlich. Am Ende des Brühls gen Westen, da wo jetzt die
Tuchhalle steht, stand bis Mitte der vierziger Jahre ein lebhaft
frequentirter Gasthof mit Ausspannung, »die goldene Gans«. Der Besitzer
derselben hieß Peter und wurde daher von Jedermann »Gänsepeter« genannt.
Das melodische »Nix zu handeln« des polnischen Trödeljuden tönt schon
längst nicht mehr durch Leipzigs Straßen -- auch der Trödeljude
ist vornehm und sässig geworden, die öffentlichen Laubhütten zur
Michaelismesse sind verschwunden -- verschwunden das alte Meßtreiben
auf dem Judenbrühl und der Stadt überhaupt, wie lange wird’s noch
dauern und die ganze Leipziger Messe wird, wie der alte Judenbrühl, zur
Mythe?