Die Hiersemusen!
»Da -- da -- da«
»Was denn -- wo denn?«
»Was ist denn los?«
»Da läuft sie -- --«
»Ah -- jetzt kommt sie hierher!«
»Wer denn -- wo denn?«
»Na -- sehn se denn nich, da is se ja!«
»Ah -- -- de _Hierschemusen_!«
So flogen oft die Worte und Reden herüber und hinüber, auf den
Straßen unseres guten Leipzig in den vierziger, fünfziger und
sechziger Jahren unseres Jahrhunderts. Ein Rudel Jungen und Mädchen
kam dann dahergestürmt und umkreiste, sie neugierig anstarrend, eine
schlankgewachsene Frau von schier undefinirbarem Alter, welche inmitten
des Trubels ruhig dahin schritt. Nur wenn ihr ein dreister Bengel
einmal etwas zu nahe kam, stockte einen Augenblick ihr Fuß; wie zur
Abwehr, aber niemals drohend, hob sie leicht den schirmbewaffneten Arm,
und -- hui -- wie stiebte die leichtfüßige Schaar sofort auseinander,
freilich nur um gleich darauf, einem Volke dreister und zudringlicher
Spatzen gleich, dasselbe Spiel wieder zu beginnen. Der Bengel aber, den
sie angesehen hatte, blieb meist betroffen zurück.
»Du -- kann die aber Een ansehn!«
»Wie denn -- se wollte Dir wohl was thun?«
»I -- nee, nee -- aber -- weeßte -- ’s wurde mer ganz nippernäppsch
derbei!« -- -- --
»De Hirschemusen!« sagten die stehenbleibenden Frauen, dieselbe an sich
vorbeigehen lassend. »Se sieht immer noch aus wie früher.«
»Nee -- die verrickte Person -- sehn Se blos, Frau Müllern, heute hat
se bei der Hitze gar e Pelzmantel um -- --«
»Ja -- ja -- und im Winter läuft se mit dem Strohhut un’n Sonnenschirm!«
»Aber’n Pompadour oder e Körbchen hat se egal am Arme!«
»Das arme Thier -- Du lieber Gott -- mer weeß ooch noch nich, was een
an der Stirn geschrieben steht, die hat ooch nich gedacht daß se emal
als Halbverrickte uff der Straße rum loofen wirde.«
»Ja -- ja -- mer erzählt Verschiednes!«
»Na -- Heernse -- da kennt’ch se e Licht uffstecken -- e ganzen Roman
sag ich Sie!«
»I -- da erzähln se doch, Frau Melzern -- ich bin, weeß Kneppchen, nich
neigierig, aber -- -- --«
»Ja, Frau Melzern, erzähln se’s nur, ich habe ooch schon lange so was
munkeln hören -- --«
»I nu!« sagt Frau Melzer geheimnißvoll, indem sie den Marktkorb, gleich
den andern beiden Frauen, auf die Erde stellt -- -- »wissen Se --
eegentlich is es e Geheimniß -- un blos de Bolizei wees es -- aber ooch
nur ganz heemlich un blos de Höchsten dervon -- aber mei Neffe der is
Schreiber beim Gericht -- und -- die wissen Alles!«
»Gott, ’s leeft mer ordentlich kalt übern Rücken!« sagte die Müllern,
das leichte Umschlagetuch trotz der Hitze um sich ziehend.
»Nu, daß es nich richt’g mit ihr is, wissen Se.«
»Natürlich -- Se meenen hier oben -- --«
»Na ja« -- fährt Frau Melzer ungeduldig über die Unterbrechungen fort,
denn jeder Nerv in ihr drängt sie, den Quatsch, den sie selbst erst
heute von einer andern _Freundin_ gehört hatte, möglichst vergrößert
wieder los zu werden, »freilich -- im Koppe is es nich richtig mit ihr,
aber -- wissen Se, wovon das kommt?«
[Illustration: Die Hiersemusen.]
Frau Müller und Frau Lehmann wissen’s natürlich nicht und zittern vor
Neugierde.
»Eene arme verlass’ne Creatur is se -- aus Liebe is se ibergeschnappt,
weil se der schlechte Kerl verlassen hat -- --«
»Nee -- die Männer -- die Männer --«
»Aber -- das is noch lange nich Alles -- ’s richt’ge Geheimniß kommt
erst noch -- aber -- ich bitte Sie -- keen Menschen en eenziges Wort --
nicht wahr? Mer kommt doch für seine Güte nich gern in Ungelegenheiten.«
Die Müllern legt betheuernd die Hand auf die Brust und gelobt tiefstes
Schweigen. Die Lehmann reckt alle zehn Finger in die Luft -- sie ist
sprachlos vor Neugierde.
»Hab’n Se gesehn, was de Hierschemusen immer vor feine Sachen hat --
wenn Se se ooch immer zur verkehrten Jahreszeit anzieht, heite den
nobeln Pelzmantel -- --«
»Un vorigen Winter e echtes blaues Barègekleid mit drei großen Volants
un e breiten idaliänschen Strohhut -- -- --« fällt die Müllern ein.
»Un e ganz neien Sonnenschirm von gelber Seide mit Spitzen -- --«, sagt
die Lehmann.
»Sehn Se? Sehn Se?« fährt Frau Melzer triumphirend fort. »Un -- wo hat
se’n her? Liederlich is se nich und ooch nich mehr in den Jahren dazu
-- verdienen thut se ooch nischt -- also? -- -- Ich weeß es -- woll’n
Se’s wissen?«
Welche Frage! -- Die drei Köpfe der Frauen fahren eng zusammen.
»Von ihrem Vater kriegt se’s -- von ihrem heemlichen Vater -- un das
is -- -- --«
Athemlose Spannung der beiden andern Frauen, höchster Triumph der
Melzern.
»Das is -- -- -- ä reicher bohlscher (polnischer) Graf!!«
»Ae -- -- bohlscher -- -- -- Graf!«
»Heern Se, nu thun Se mer aber de Liebe an, un vertreten Se nich länger
’s Trottoir!« sagt hinzukommend, mit gemüthlicher Amtsmiene der
Polizeidiener, »ich muß Se sonst weeß der hohle uffschreiben!«
»Herr Jeses -- Se ham Recht -- mei Mittagessen!« besinnt sich Frau
Melzer, nimmt schnell ihren Korb und -- nach einem letzten Blick auf
die Freundinnen eilt sie hastig davon.
Dies führt aber auch die beiden anderen Frauen zu ihrer Pflicht zurück.
»Mei Mann -- er wird so immer gleich ungeduldig, wenn er mal den
Kleenen warten muß -- na -- Adje!« sagt die Lehmann und -- weg ist sie.
»Na -- ich will nur ooch machen, daß ich zu Hause komme, die hochnäsige
Krausen, die immer Alles zuerst wissen will in ganz Leipzig, wird sich
scheene wundern, wenn ich ’r Alles erzähle -- -- ä bohlscher Graf
-- -- -- ä richtger bohlscher Graf?«
* * * * *
So entstanden und schwirrten die Gerüchte über die Hierschemusen in
unserm Leipzig hin und her, eins immer unsinniger als das andere
-- bald sollte sie die Tochter eines russischen Fürsten, bald die
verlassene Geliebte irgend eines exotischen Prinzen sein -- und
woben allmählig um die arme Person einen Nimbus, der in keiner Weise
gerechtfertigt war. Auch der Name Hiersemus war ihr vom Volksmunde
verliehen, kein Mensch kannte sie unter einem andern, außer einigen
Eingeweihten des Polizeiamtes. Und was verbarg sich schließlich hinter
diesem Namen und dem um sie gewobenen Sagenkreis? Die alte, einfache
Geschichte einer armen, verlassenen Frau, die sich ihr Unglück in den
Kopf gesetzt und ihren harm- und gefahrlosen, zeitweiligen Irrsinn nur
dadurch documentirte, daß sie consequent im Sommer Winterkleidung und
im Winter Sommerkleidung trug. Von schlanker Gestalt, mußte sie trotz
einiger Sommersprossen im Gesicht in ihrer Jugend sicher nicht unschön
gewesen sein, und fast dreißig Jahre lang bemerkte man fast keinerlei
Veränderung an ihr.
Wer aber war sie und wie war ihr Lebensgang?
* * * * *
Frau Amalie Auguste Stalzer, dies war der richtige Name der
Hiersemusen. Ganz merkwürdiger Weise läßt sich auch nicht der
allergeringste Anhaltepunkt darüber finden, wie der Volksmund darauf
gekommen ist, gerade den seltsamen Namen Hiersemus für sie zu
wählen. Zwar war in früheren Zeiten diese jetzt fast ganz von der
Volksspeisekarte verschwundene Speise ein Leibgericht der Leipziger,
und auf der Menukarte der städtischen Speiseanstalt fungirte »Hirsemus
mit Syrup« oder »Hirsemus mit Pflaumen« früher fast jede Woche einmal
und ist auch jetzt noch dann und wann auf ihr zu finden; allein in
welche Verbindung der Volksmund jene Unglückliche mit seinem alten
Leibgericht gebracht hat, ist unerfindlich und wird wohl nun auch
niemals ergründet werden.
Die Hiersemusen war im Jahre 1806 in Breslau geboren und in der
katholischen Religion erzogen worden. Ihr Vater war Stadtsoldat, hieß
Josef Sattler und war aus Olmütz gebürtig. Er wurde nach Auflösung der
Truppe der Stadtsoldaten pensionirt und starb in Leipzig im Jahre 1834.
Jungfrau Amalie Auguste Sattler soll von hervorragender Schönheit
und Lieblichkeit gewesen sein, worauf selbst ihr Aussehen noch als
Vierzigerin und Fünfzigerin hindeutet, insbesondere sollen ihr ein
Paar prächtiger blauer Augen und eine Fülle goldblonden Haares schon
sehr frühzeitig Massen von Bewunderern zugeführt haben. Unter all
diesen Bewerbern zeichnete sich besonders der damalige junge Bürger
und Cigarrenhändler Anton Stalzer aus, und da er trotz der Armuth und
des niederen Standes des jungen Mädchens seine Bewerbungen auf das
Eifrigste betrieb und als Bürger -- welche Eigenschaft damals eine
gewisse höhere gesellschaftliche Stellung bedeutete als jetzt -- der
Vielumworbenen eine gesicherte Existenz bieten konnte, so sagte Amalie
Auguste, zumal da auch ihr Herz dem jungen hübschen Mann freudig
entgegenschlug, gern ja und wurde bereits 1822, also kaum 16 Jahre
alt, das Weib des geliebten Mannes. Glückstrahlend zog sie am Arme des
Geliebten in das ihr von demselben bereitete Heim, und auch ihr alter
Vater war glücklich, sein einziges Kind wohl versorgt zu wissen. -- --
Aber Vater und Kind hatten sich in dem jungen Ehemann bitter getäuscht.
Seine Verhältnisse waren längst total zerrüttet, und nur um die
Geliebte zu besitzen, hatte er Alles aufgeboten und es wohl verstanden,
diese Zerrüttung vor Jedermann sorgfältig zu verbergen. Aber als er
sein Ziel erreicht hatte, ward er zum offenbaren Schurken, und kaum
ein Jahr nach der fröhlich gefeierten Hochzeit verschwand Stalzer für
immer aus Leipzig, Alles mit sich nehmend, was er nur konnte, sogar
die geringen Sparpfennige des alten Soldaten, und seine junge kaum
17 jährige Frau in tiefster Noth und Verzweiflung zurücklassend.
Er blieb für immer verschollen.
Die junge Frau fiel in eine langandauernde, schwere Krankheit, und
als sie endlich von des alten Invaliden väterlicher Hand sorgsam
gepflegt vom Krankenlager wieder erstand, da war nicht blos der größte
Theil ihrer körperlichen Schönheit vernichtet, sondern auch ihr Geist
umnachtet oder doch für immer getrübt.
Noch länger als elf Jahre lebte der alte Soldat, und da es seine
Tochter verstand, kunstvoll zu sticken und zu nähen, so hatten Beide im
Verein mit seiner Pension ihr einfaches, aber genügendes Auskommen.
Im Jahre 1834 starb der Alte, und die junge Frau stand nun ganz
allein auf der Welt. Da ihr leichter Irrsinn vollständig harm- und
gefahrloser Natur war, so ließ man sie ruhig gewähren, sie fand unter
den vielen reichen in Leipzig wohnenden katholischen Glaubensgenossen
willige und gutbezahlende Abnehmer für ihre Stickereien und außerdem
reiche Unterstützung durch Geld und Ueberlassung bereits getragener,
oft noch sehr werthvoller Kleidungsstücke. Daher kam es auch, daß sie
oft solche trug, deren Eleganz und Werth in keiner Weise mit ihrem
Stand als Stickerin harmonirte. Im Laufe der Jahre aber bildete sich
noch ein anderer Erwerbszweig bei ihr aus, der ihr zwar, wie man sagt
die Kundschaft der Damen bis zu den höchsten Gesellschaftskreisen
Leipzigs verschaffte, sie aber auch leider mehrfach in Conflict mit den
städtischen Behörden brachte; sie wurde nämlich eine bekannte und sehr
gesuchte Kartenschlägerin, und manche als feingebildet und besonders
geistreich bekannte Dame -- man sagt sogar, daß auch die Herrenwelt
diese Dienste der Hiersemusen gern in Anspruch nahm -- lauschte
heimlich im verschlossenen Gemach den Glück oder Unglück aus den bunten
Blättern verkündenden geheimnißvollen Worten der stets kalt und düster
blickenden Sybille. -- -- --
So trieb die Hiersemusen ihr stilles Wesen viele Jahre lang. Ob Alles
sich auch nach und nach um sie herum veränderte -- sie blieb sich
gleich, und wenn man sie auch einmal monatelang nicht gesehen hatte und
sie als todt betrachtete, so belehrte Einen der oft plötzliche Ruf auf
der Straße »De Hierschemusen« eines Andern.
Aber in ihren Verhältnissen trat mit dem zunehmenden Alter doch
allmählich eine große Veränderung ein, ihre alten Freunde und Kunden
starben dahin, andere Kartenschlägerinnen, die vielleicht besser lügen
konnten als sie, machten ihr auch hier erfolgreich Concurrenz, und so
trat nach und nach die bittre Noth an sie heran, ihr Geist verwirrte
sich mehr und mehr, dazu kam körperliches Leiden, und es war somit
ein Glück für sie, als sich der Rath ihrer als Bürgersehefrau annahm
und sie als Versorgte Anfang der siebenziger Jahre im städtischen
Georgenhaus unterbrachte. Fast noch ein volles Jahrzehnt lebte sie hier
still und friedlich, bis sie am 31. August 1879 im hohen Alter von 73
Jahren verschied.