XVIII.

Allerlei Chronika von 1850—1859.

[Sidenote: Cholera.]

Anno 1850 brach Anfang August die Cholera in Leipzig aus. Die erste

Woche starben 59 und darauf von Woche zu Woche 72, 88, 99, 98, 116,

92, 60, 45, von der zehnten Woche war die Seuche als erloschen zu

betrachten.

[Sidenote: Feuer.]

Am 21. September brannte der sogenannte Holzhof im Bauhof, Terrain

der jetzigen Bauhof- und unteren Turnerstraße. Es gingen sämmtliche

Arbeitsschuppen, riesige Posten Nutzhölzer, sowie 1500 Klaftern

Brennholz in den Flammen auf. Der Brand währte zwei Tage, zu retten war

bei der kolossalen Hitze, welche das Flammenmeer verbreitete, nichts.

[Sidenote: Neue Brücke.]

Anno 1851, am 9. September, wurde die neue Brücke nach Reichels Garten

(an der katholischen Kirche) zunächst aber nur für den Fußverkehr

eröffnet. An demselben Tage wurde das Frankfurter Thor am Kugeldenkmal

abgebrochen und bis an die Chaussee verlegt.

[Sidenote: Oestreicher.]

Anno 1852 vom 12. bis 23. März passirten theils per Bahn, theils per

Fußmarsch 9 Colonnen Oestreicher aus Holstein nach Böhmen unsre Stadt.

Es war das 4. Armeecorps unter Feldmarschallleutnant von Legeditsch,

an Fußtruppen 11 Bataillone mit 13320 Mann, incl. 319 Offiziere, 185

Pferde und 22 Fuhrwerke. Ferner an Cavallerie, Artillerie, Train und

Depots 181 Offiziere, 5980 Mann, 4290 Pferde, 68 Geschütze und 626

Fuhrwerke.

[Sidenote: Kornähren.]

Am 12. Dezember 1852 wurden auf einem Stoppelfelde bei Eutritzsch

blühende Kornähren gefunden.

[Sidenote: Raubmord.]

Anno 1853 am 5. Januar wurde im Hause Georgenstraße 10 die Witwe

Friese, 57 Jahre alt, erschlagen und beraubt aufgefunden. (Siehe Heft

II: Die letzte öffentliche Hinrichtung von Leipzig.)

[Sidenote: Meuchelmord.]

Am 26. Januar, Abends zwischen 8 und 9 Uhr, wurde der Hausmann

Gimpel Hohe Straße 26 (Laurentius-Gärtnerei) durch einen Stich

meuchelmörderisch getödtet. Der Thäter ist nicht entdeckt worden.

[Sidenote: Armenhaus.]

Am 21. März wurde der Grundstein zum neuen Armenhaus am Gerichtsweg

gelegt.

[Sidenote: Pestalozzistift.]

Am 27. Mai wurde der Grundstein zum Pestalozzistift am Exerzierplatz

gelegt.

[Sidenote: König Friedr. August †.]

Anno 1854 am 15. August kam die Leiche des am 9. August bei Irnstein

in Tyrol durch den Hufschlag eines Pferdes getödteten Königs Friedrich

August von Sachsen auf dem Bairischen Bahnhofe hier an, wurde unter dem

Geläute aller Glocken auf der Verbindungsbahn nach dem Dresdner Bahnhof

übergeführt und von da Nachmittags 4 Uhr mittelst Extrazuges nach

Dresden gebracht.

[Sidenote: Synagoge.]

Am 7. September wurde der Grundstein zum Juden-Tempel in der

Centralstraße gelegt. (Eingeweiht und eröffnet wurde derselbe am 10.

September 1855.)

[Sidenote: Fleischtaxe.]

Anno 1855 am 15. Juli wurde die Fleischtaxe bei den hiesigen und den

Landfleischern aufgehoben. Rindfleisch kam zu dieser Zeit das Pfund 5

Neugroschen, Schweinefleisch 48, Schöpsenfleisch 40 und Kalbfleisch 30

Pfennige.

[Sidenote: Missionshaus.]

Am 14. Mai wurde zum Missionshaus am bairischen Bahnhof (jetzige

Carolinenstraße) der Grundstein gelegt.

[Sidenote: Thür. Bahn.]

Am 9. Juli wurde mit dem Bau der Thüringer Eisenbahn begonnen.

(Eröffnet wurde dieselbe 1856 am 25. März.)

[Sidenote: Landgericht.]

Anno 1856 wurde das Landgericht vom Rathhause an das neue Königliche

Gerichtsamt abgegeben und zwar am 6. Juni.

Am 19. September wurde auch das Criminal- und Stadtgericht im neuen

Bezirksgerichtsgebäude am Petersteinwege abgetreten. Die Gefangenen

kamen einstweilen, bis die Gefängnisse fertig waren, in den (alten)

Peterschießgraben. Die erste öffentliche Gerichtsverhandlung fand am 3.

November 1856 statt und zwar gegen die Gebrüder Beuchelt.

[Sidenote: Museum.]

Anno 1857 am 23. März wurden die Promenadenbäume vom Petersthore bis

zum Augustusplatz weggeschlagen, der Stadtgraben angefangen auszufüllen

und der Bau des Museums begonnen.

Anno 1858 am 26. Dezember wurde das neue Museum eröffnet.

[Sidenote: Plagwitzer Straße.]

1858 am 1. Pfingstfeiertag war der neue Weg von Reichelsgarten nach

Plagwitz (jetzige Plagwitzer Straße) zum ersten Mal gangbar.

[Sidenote: Einwohnerzahl.]

Am 29. Dezember 1858 betrug Leipzigs Einwohnerzahl mit dem Militair

74097 und zwar 36973 männliche und 37124 weibliche.

[Sidenote: Peters-Zwinger.]

Anno 1859 am 1. Januar wurde mit dem Abbruch der alten Magazingebäude,

sowie der kleinen Häuser links vom Petersthor, dem sogenannten

Peters-Zwinger begonnen.

[Sidenote: Berliner Bahn.]

Am 2. Januar 1859 wurde die Berliner Bahn eröffnet.

[Sidenote: Mord.]

Am 25. Februar Abends 10 Uhr erstach der Oberjäger Manicke vom 1.

Jägerbataillon (unsrer Garnison) in der Thieleschen Wirthschaft

(Bordell) kleine Fleischergasse No. 18, aus Eifersucht seinen Kamerad

und besten Freund, den Oberjäger Heinecke in der Trunkenheit.

[Sidenote: Das Schillerfest.]

Das hundertjährige Geburtstagsfest Friedrich Schillers wurde 1859

in fast allen Städten Deutschlands gefeiert und daß hiervon unser

Leipzig keine Ausnahme machte, ist selbstverständlich. Am Abend des

9. November zogen die Sänger mit zirka 500 bunten Laternen von der

Centralhalle aus nach Gohlis vor das ehemalige Schillerhaus, in welchem

Schiller das »Lied an die Freude« dichtete, welches renovirt und zum

dauernden Andenken als eine durch den längeren Aufenthalt des Dichters

geweihte Stätte vom Rathe der Stadt Leipzig angekauft worden war.

Im Theater fand an demselben Abend Festvorstellung statt. Am Morgen

des 10. November bot die Stadt einen überaus festlichen Anblick.

Fast kein Haus war ohne Fahnen- und Blumenschmuck. Auf dem Markt

stand auf hohem Postament die Colossalbüste des Dichterfürsten. Von

9—½11 Uhr fand in allen Schulen, sowie in der Aula der Universität

feierlicher Festaktus statt und um 12 Uhr schlossen fast alle

Geschäfte ihre Läden, was damals gelegentlich eines Festes noch

nicht in Leipzig stattgefunden hatte. Von 12 Uhr an begannen die

sich an dem riesigen Festzug betheiligenden Corporationen auf dem

Augustusplatz und um die Promenade, sowie die Grimmaische Straße

herein bis auf den Markt Aufstellung zu nehmen. Da kam hoch zu Roß

die Gesellschaft »Hyppomannia«, hinter ihr die Sänger mit fliegenden

Fahnen und klingendem Spiel. Dann kamen die Studenten, von berittenen

Chargirten angeführt, jede einzelne Couleur im vollen Wichs, die

blanken Schläger in den Händen, ihnen folgte der Künstlerverein mit

berittenen Herolden und einem Musikchor in alter Schweizertracht voran,

die Mitglieder zum großen Theil nach Personen aus Schillers Werken

kostümirt. Ihnen folgten die Professoren und Schüler der Kunstakademie

mit ihren Emblemen. Dann kam die löbliche Kramerinnung und die sehr

zahlreich vertretenen Turner und nun folgten in einer unabsehbaren

Reihe von geschmückten Wagen und kostümirten Gruppen die Innungen.

Zuerst die Gelbgießer mit zwei großen Altarleuchtern auf den Armen

kostümirter Träger, die Klempner, geführt von stattlichen Gesellen in

selbstgefertigten Harnischen, die Bäcker mit ihrer alten Schwedenfahne,

die Scene ihrer Heimkehr von der Schlacht bei Lützen darstellend,

dann die Schriftsetzer, auf festlichem Wagen das »Lied an die Freude«

setzend, welches auf dem holpernden Wagen, der eine Presse trug,

gedruckt und unter die Zuschauer ausgeworfen wurde. Die Barbiere, dem

ehemaligen Regimentsfeldscheer huldigend. Hier wurden die Innungen

durch das gesammte Lehrerkollegium Leipzigs unterbrochen. Nun schwankte

ein Wagen, mit hohem blumengeschmückten Baldachin über Schillers Büste,

daher. Rechts und links der Büste saßen auf zwei Riesenkürbissen zwei

Elfen mit gefüllten Blumenkörbchen und streuten kleine Bouquets unter

die Menge. Es war dies der Wagen der Gärtner. Den Gärtnern folgten Rath

und Stadtverordnete, nach ihnen kamen die Buchbinder, vier Lehrlinge

trugen einen Riesenband Schillerscher Werke. Jetzt kamen auf hübsch

dekorirtem Wagen die Cigarrenmacher in voller Arbeit, die gefertigten

Cigarren ebenfalls unter die Menge austheilend. Jedem Wagen folgten die

übrigen Meister, Gehilfen und Lehrlinge des Gewerbes. Nun kam hoch zu

Roß in prachtvoller mittelalterlicher Tracht, gefolgt von geharnischten

Rittern, der Landvoigt Geßler mit Rudenz und Harras, hinter ihnen ein

Haufen Kriegsknechte, von denen einer auf einer Stange des Landvoigts

Hut trug. Ihnen folgten Wilhelm Tell mit seinem Knaben, umgeben von

Schweizervolk. Die Gruppe war von der löblichen Schneiderinnung

gestellt worden und bildete einen hervorragenden Glanzpunkt im Zuge.

Im Zuge der Schuhmacherinnung, welche nun kam, schritt Hans Sachs mit

seinen Gesellen im Costüm. Die Schmiede folgten mit bekränztem Ambos

und Hämmern, die Schlosser mit einer im vollen Betrieb befindlichen

Werkstätte auf einem Wagen, die Maschinenbauer ebenfalls mit Wagen als

Werkstätte und im Zuge getragenen Miniaturlokomotiven, Tendern und

Wagen. Die Pianofortearbeiter mit Schiller selbst in antiker Tracht,

die Stirn lorbeerumkränzt, die goldne Leyer im Arm. Die Glockengießer

mit einem Wagen, auf welchem Schillers Glocke steht. Die Fleischer,

auf einem Wagen zwei bekränzte Opferlämmer mitführend, indeß andere

weißgekleidete Gesellen im Zuge eine riesige Wurst tragen. Die Töpfer

mit zwei Wagen mit Drehscheiben im Betrieb und einem kolossalen

Topf. Den Hutmachern schwebt ein mächtiger Freiheitshut voran, dann

folgen die Riemer und Sattler, die Glaser und Tischler, Zimmerleute

und Maurer und die anderen Gewerke, sowie die von einem Berittenen

geführten Eisenbahnarbeiter. Der Zug dauerte länger als eine Stunde im

Vorüberziehen.

Abends war ein kolossaler von allen Zugtheilnehmern ausgeführter

Fackelzug. Als Nachfeier wurde am 11. November die Schiller-Linde in

Gohlis gepflanzt.

[Sidenote: 450 jähr. Universitäts-Jubiläum.]

Am 9. Dezember 1859 feierte die Universität ihr 450 jähriges Bestehen

in Leipzig. König Johann und sämmtliche Prinzen wohnten dem Festmahl

im Schützenhaus (jetzt Krystallpalast) bei. Abends war Commers in

der Centralhalle. Die königliche Familie wurde von den Studenten mit

Fackeln zum Bahnhof geleitet.

[Sidenote: Vatermord.]

Am 25. September 1859 Abends 8 Uhr erschoß der Conditorgehilfe Clermont

im Hause Königsplatz Nr. 1 parterre, seinen Stiefvater, den Cafetier

Krüger mit zwei Pistolenschüssen. Er wurde am 14. Januar 1860 wegen

Todtschlages zu 15 Jahren Zuchthaus verurtheilt, nach einiger Zeit

aber von Sr. Majestät zu 8 Jahren Gefängnis begnadigt.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 25 / 71 题