XVII.

Ein Abend bei den Harfenistinnen in Auerbachs Keller

zur Messe vor 40 Jahren.

Wer vor 30 oder 40 Jahren zur Sommerszeit eine Geschäfts- oder

Vergnügungsreise in das an Naturschönheiten reiche, jetzt immer

noch viel zu wenig bekannte und geschätzte sächsische Erzgebirge

machte, verließ in Chemnitz die Bahn und ging zu Fuß durch prächtige

Wiesengründe, über Berge und durch liebliche Thäler, in denen sich

die kleinen, vielfach von wildem Wein umrankten Häuser mit den rothen

Ziegeldächern wie solche in den bekannten Spielwaarenschachteln

ausnahmen, nach dem hoch gelegenen, damals nur kleinen, aber durch

seine Spitzenklöppelei doch schon weitbekannten Annaberg. In der

Mitte des etwa zehnstündigen Weges kam er in das schön in einem

Thalkessel gelegene Städtlein _Thum_. Aus fast allen Häusern des

alterthümlichen Städtchens klapperte dem ermüdet, aber von seiner

Wanderung hochbefriedigten Wanderer, wenn er von der »Katze«, einem

auf der Höhe vor Thum liegenden Gasthaus, aus ins Thal hinabstieg,

der dreiviertel Tact der Webstühle oder das Seufzen der aufgezogenen

Strumpfwirkerstühle entgegen, und im Rathskeller fand er billige

und reichliche Atzung und ein sauberes Bett für die Nachtruhe. Am

andern Morgen aber verließ er den geraden Pfad nach Annaberg und

wandte sich in der Regel am Ende des Marktplatzes nach rechts, um den

»Greiffenstein« mit seinen romantischen Höhlen zu besteigen, auf dessen

Höhe man einen wahrhaft prachtvollen Umblick bis weit hinein ins schöne

erzgebirgische Land genießt. Da liegen Annaberg und Scheibenberg,

Schlettau und Ehrenfriedersdorf und Gelenau vor unseren Blicken, und

aus der Ferne lugt Schloß Augustusburg, Zschopau und Schellenberg

durch die Thalmulde herüber. Und hatte sich damals der Wanderer an

all’ diesen, im Sonnenlicht funkelnden Herrlichkeiten satt gesehen, so

schlug er sich rechts in den herrlichen Eichen- und Buchenwald, folgte

einem ziemlich steil herabführenden schmalen Fußpfad und gelangte,

begleitet vom Gesange der Lerchen, dem Triller des Buchfinkens, dem

Pfeifen des Dompfaffens und der Amsel, nach einstündigem Marsch in das

hochgelegene Städtlein Geyer.

Erstaunt hielt der Wanderer beim Heraustreten aus dem Walde seinen

Schritt einige Augenblicke an, denn ein eigenthümliches Gemisch von

Tönen drang aus den nahen hüttenähnlichen Holzhäusern des Ortes zu

ihm herüber, und erst beim Einmarsch in den Ort entwirrten sich die

einzelnen Töne, so daß sie der Fremde zu deuten oder wenigstens zu

erkennen vermochte.

Da guckte aus dem geöffneten Parterrefenster eines Häuschens eine

Clarinette, während aus dem ersten und einzigen Stockwerk desselben

ein angehender Trompetenvirtuos seinem Instrument die schauerlichsten

Töne -- untermischt mit zahlreichen »Fröschen« -- entlockte. Weiterhin

klang das harmonische Summen eines vortrefflich gespielten Violoncellos

über die Straße, dem eine Flöte und eine erste Geige ebenso

vortrefflich accompagnirten. Aus anderen Häusern rauschten Harfen- und

Guitarrenklänge und der Contrabaß brummte verdrießlich dazwischen. Wenn

aber der Reisende zur Abendzeit im Städtlein eintraf, und ehe er das

schmale, hoch von Betten gethürmte Nachtlager bestieg, noch einmal die

wenigen Gassen des Städtchens durchschritt, so konnte er gar prächtige

Concerte aus den kleinen, dem Felsen abgerungenen Gärten, hören und

zwischen den gutgespielten Instrumenten erklangen die Melodien alter

Volkslieder von frischen wohlklingenden Mädchenstimmen.

Und wie in Geyer, so war es in dem kleinen Gebirgsnest Elterlein, in

Grünhain, Schlettau und Scheibenberg und in all’ den großen Dörfern bis

Schwarzenberg, denn hier war die eigentliche Heimath der Harfenisten.

Jetzt ausgestorben und durch die um Vieles minderwerthigen Tingeltangel

verdrängt, aber nicht ersetzt, bezogen die Harfenisten vor 30 und 40

Jahren und bis weit in das vorige Jahrhundert zurück außer vielen

anderen Orten des In- und Auslandes auch regelmäßig in zahlreichen

Trupps die Leipziger Messe, und sowohl Fremde wie Einheimische

erfreuten sich an ihren Liedern und ihrer Musik. Auch das nahe Böhmen

stellte, wie bekannt, und wie noch heute seine Musikanten.

Das eigentliche Hauptinstrument jener, sich meist aus

Familienmitgliedern oder doch nahen Verwandten zusammensetzenden

Trupps bildete die ehrwürdige, jetzt nur noch in größeren Capellen zu

findende Harfe; eine Geige und drei, vier Guitarren vervollständigten

die Harmonie einer solchen kleinen Capelle. Die Geige und wohl auch

die Flöte spielte in der Regel das einzige männliche Mitglied der

reisenden Truppe, und dieses war oft der Vater, meist aber der Bruder,

Gatte oder sonstige Verwandte der anderen weiblichen Mitglieder oder

eines derselben. Mochten sie aber auch die übrige Zeit weilen, wo sie

wollten, ob auf ihren Reisen, die sie bis in weitentfernte Länder

brachten, oder zu Hause, wo sie in der Ferienzeit Spitzen klöppelten

und daneben neue Musikstücke und Lieder einübten; zur Meßzeit zogen

sie alle immer wieder der Handelsstadt an der Pleiße und Elster zu,

und eine Messe -- ohne Harfenistinnen, das wäre damals von Jedermann

eben gar nicht als eine richtige, vollwichtige Messe angesehen worden.

An den letzten Tagen vor Beginn der Messen zogen sie in Leipzig ein

und rückten in ihre bescheidenen Quartiere in den Hinterhäusern der

Vorstädte, wo sie für ein Billiges Unterkommen fanden. Sie theilten

sich in sogenannte ansässige und in fliegende Trupps. Die letzteren

bestanden in der Regel nur aus zwei, höchstens drei Personen, fast

immer zwei Schwestern und einen Bruder dabei. Dieselben zogen fast

stets mit Geige und Harfe, nie aber ohne letztere, von Schenke zu

Schenke, wo keine »ansässige Capelle« concertirte, stellten sich

in eine passende Ecke des Gemaches und spielten ihre zwei bis drei

Stücklein, worauf ein Mädchen mit zusammengebogenem Notenblatt bei

den Gästen cassiren ging. Dreier der verschiedensten Nationalitäten,

formlose Vierpfenniger und preußische Sechser empfing die auch für die

kleinste Gabe freundlich dankende Harfenistin; hatte sie aber ihre

Runde beendet, so gaben die Zwei oder Drei ein sogenanntes Schlußstück

zum Besten und verschwanden, um in unzähligen anderen Localen aufs Neue

ihr Glück zu versuchen.

Eine um Vieles günstigere Stellung nahm die »ansässige«

Harfenisten-Capelle ein. Sie bestand mindestens aus vier, meist aber

aus fünf bis sechs Personen und »spielte« die ganze Messe über in ein

und demselben, natürlich nur größerem und stark besuchtem Locale, in

welches sie regelmäßig alle Messen wiederkehrte und durch vieljährige

Thätigkeit in demselben gar bald heimisch und mit den musikalischen

Lieblingswünschen der Gäste vertraut wurde.

Wer nun aber vielleicht glaubt, daß diese, oft dreiviertel des Jahres

in der Welt herumziehenden Mädchen unter die Classe der besonders

leichtfertigen und unsoliden zu rechnen gewesen seien, der irrt sich

gewaltig. Sie waren meist durchaus ehrbare Mädchen, welche zwar einen

und zwar selbst etwas derben Spaß verstanden, im Uebrigen aber durchaus

die sittlichen Grenzen innezuhalten wußten. Gar mancher Musensohn

oder Handlungscommis, welcher nach »Feierabend« (Polizeistunde) auf

vieles Bitten die Erlaubniß erhielt, die schöne »Hulda« oder »Anna«

-- nach Hause zu begleiten, und der entzückt und im Vorgefühl seines

Sieges die schwere Harfe durch Dick und Dünn, eine halbe Stunde weit,

der zierlich Kleid und Röckchen bei den Straßenübergängen hebenden

vorausschreitenden Harfenistin nachtrug, mußte an der bewußten

Hausthür, belohnt mit einem neckischen Dank, mit langem Gesicht ohne

Kuß abziehen. Wenn er sich dann auch gegen seine ihn beneidenden

Genossen aller möglichen Erfolge rühmte, so waren dies doch eben nur

Flunkereien; Thatsache war, daß die Harfenistin der früheren Messen

bei Weitem besser war als ihr Ruf. In großen Etablissements, wie in

_Auerbach’s Keller_ z. B., wo die Harfenistinnen bis 2 Uhr Morgens

spielen durften, waren denn auch stets nur besonders gut geschulte

Trupps zu finden. Kein Wunder, daß der Zudrang zu diesen Localen auch

ein großer war. Sowohl im oberen, eleganteren Keller, den hauptsächlich

Familien besuchten, wie im unteren sogenannten Faustkeller, dessen

Möblement aus einfachen Holztafeln mit gekreuzten Beinen und ebenso

einfachen Stühlen bestand und der fast nur von der Herrenwelt

frequentirt wurde, concertirte je eine tüchtige Capelle Harfenistinnen.

War nun schon im oberen Keller das Leben ein lebhaftes und das Treiben

im hohen Grade animirt, so mußte, wer im Faustkeller Platz nahm, ein

gut Theil Humor besitzen, denn das Treiben daselbst war oft sehr

fidel und durchaus zwanglos, wenn auch stets anständig. Griesgrämige

Gesichter konnte man hier nicht brauchen, entweder hellten sich

dieselben schnell auf oder ihr verstockter Besitzer verschwand ebenso

schnell wieder, wie er gekommen.

Ein allgemeines »Hut ab!« begrüßte den biedern Meßbesucher, wenn

er, angezogen von dem aus dem Faustkeller emportönenden Jubel, die

steile Treppe zögernd betrat. Verdutzt schaute der neue Ankömmling auf

die unter ihm sitzende dichtgedrängte Masse ihm entgegenwinkender,

jubelnder, feuchtfröhlicher Zecher, denen das im Hintergrund des

Kellers stehende, mächtige, fast 4 Ellen hohe Faustfaß ein würdiges

Relief gab.

Unwillkürlich zog er den Hut.

»Runterkommen!« tönte das weitere Commando, und schon entschlossener

und angezogen von dem frohen, tollen Treiben beeilte der »Neue« seine

Schritte und verschwand sofort in dem dichten Menschenknäuel. Da saßen

sie Alle einig und vergnügt beisammen, die verschiedensten Elemente

der Einheimischen und Fremden, die einen guten Tropfen und einen

fidelen Jux über Alles liebten. Der biedere Schuhmachermeister aus der

Provinz, der heute seine Bürde Leder eingekauft hatte, saß neben dem

Großeinkäufer aus Griechenland in seiner Nationaltracht; der flotte

Student neben dem Fabrikanten; der Berliner Grossist neben dem Commis

seines erbittertsten Concurrenten, und über Allen schwebte der Geist

des Weins und der harmlosen Fröhlichkeit.

»Gustchen! Göttlichste aller Harfenschlagenden Schönen!« ruft

begeistert ein ältlicher Herr, dessen Glatze und goldne Brille, sowie

das weiße Halstuch auf einen, kurze Zeit seiner heimathlichen Herde

entronnenen Seelenhirten schließen läßt, der auf einige Tage zur Messe

gekommen ist und, der schönen -- ach längst entschwundenen Studienzeit

gedenkend, aufthaut -- »Dein Wohl -- im Wein!«

Und das schöne erzgebirgische Kind wirft dem »alten Herrn« einen

so süßen Blick als Dank zu, daß er sein Herz im innersten Busen

erzittern fühlt und es ihm heiß bis zu der sonst in unschuldiger Weiße

erglänzenden, jetzt aber sanft gerötheten »_Platte_« hinaufsteigt.

»Du -- -- --?« sagt sein Nachbar und Bruder, ein etwas verknöcherter

Gymnasiallehrer, der hier mit ihm zu kurzem Wiedersehen

zusammengetroffen ist und doch erst die eigentliche Veranlassung zu

ihrem Besuche des Faustkellers gegeben hat, »wenn das Deine Frau wüßte!«

Erbleichend ob der schauderhaften, schrecklichen Möglichkeit sinkt

dem entflammten Pastor die zum Einschänken erhobene Flasche herab und

während er fast entnüchtert ein »~Apage Satanas!~« murmelt, ergießt

sich der goldene, flüssige und süffige Strom auf den Schooß des

Sonntagsstaates seines Nachbarn zur Linken, eines massiv groben Baiern,

der sofort alle Schleußen seiner Beredsamkeit öffnet und dem armen

Theologen eine Fluth von Grobheiten und Ehrentiteln an den Kopf wirft,

in denen besonders das Thierreich eine hervorragende Rolle spielt.

»Sie -- sein’s a Vie’ch!« schließt er seinen entrüsteten Sermon, um

aber gleich darauf, als er das Entsetzen des geistlichen Herrn sieht

und seine gestammelten Entschuldigungen hörte, von der Grobheit zum

Jovialismus überzugehen, den Attentäter auf die Schulter zu klopfen und

zu versichern »Na -- ’s macht nix aus -- Schad nur um den Wein!« -- --

und der einen Moment bedrohte Frieden ist wieder hergestellt. »Auf

Ehre« flötet ein junger, stark nach Patschouli duftender Benjamin, der

am Tage im Meßlokale seines Berliner Chefs in Fellen und Rauchwaren

macht, indem er bemüht ist, das thalergroße Monokel, das consequent

immer wieder auf die starkentwickelte Nase herabfällt, aufs Neue in’s

Auge zu klemmen, »auf Ehre reizende Rosa, wie Se hab’n gesungen vorhin

das Lied von der Schwalben wie se ziehn heimwärts, is mer geworden

ganz warm ums Herz, un wenn mer a Herz hat als Cavalier« -- jetzt

saß glücklich das Monokel wieder oben, aber durch das Einklemmen

desselben zogen sich die buschigen Augenbrauen des »Cavaliers« in so

unnatürlicher Weise in die Höhe, daß sein Gesicht nicht gerade als ein

besonders geistreiches gelten konnte, »so mechte mer wohl singen, wie

der Herr von Fielitz im Berliner Opernhaus: Reich mir die Hand mein

Leben, komm auf mein Schloß -- -- --.«

Bumms -- fällt ihm das Monokel wieder auf das Riechorgan, was seinen

halblauten pathetischen Gesang unterbricht.

»Darf ich mer machen de Hoffnung, daß Se sein nich grausam un gestatten

mer zu leisten Ihnen Ritterdienste; darf ich Se begleiten später nach

Hause?«

»Das dauert noch lange -- --«

»Un wenn’s noch so lange dauerte -- bin ich nich mei eigner Herr und

bin gekommen von meine Giter, blos zum Vergnügen nach der Leipziger

Messe?«

»I gar!« flüstert Rosa zerstreut, denn ein lustiger, bildhübscher,

kecker Musensohn wirft ihr eben eine Kußhand zu.

»Gott soll mer leben lassen« ereifert sich der, sich immer mehr in sein

phantastisches Lügengewebe verstrickende handlungsbeflissne Benjamin,

»mei Name is --«

»Esau -- Esau« fällt der eifersüchtige Musensohn ein, der seine

Aufschneidereien mit angehört hat, »Esau -- ist sein Name -- und in

Meseritz ist er derhame -- das E ist nur deshalb zu seinem sonst

richtigen Namen gesellt, weil sich die »Cavaliere« von Meseritz

und Umgegend auf etwas gespanntem Fuß mit der »Sau« befinden --

holdseligste Rosa!«

Rosa und die Umsitzenden lachen laut und der liebegirrende Benjamin

fährt wüthend auf, aber sein Nachbar und Concurrent seines Chefs zieht

ihn gewaltsam an den Rockschößen wieder auf die Bank herab.

»Machen Se kenen Stuß, Levy« sagt er, »der Herr Student is e kleiner

Spaßvogel -- allons -- angestoßen!«

»In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht!« pflichtet der

ebenfalls aufgethaute Gymnasiallehrer bei und hält sein Glas hin;

zögernd begraben die beiden Nebenbuhler das Kriegsbeil und die Gläser

klingen hell aneinander.

»Also Levy heißt er« brummt der Student in sich hinein, »e Vieh ist

also doch dabei!«

»Was ham Se gesagt!?« fragt hitzig der nur halb versöhnte Benjamin.

Schrumm -- schrumm -- schrumm rauschen die Harfentöne durch den Keller

und die drallen Mädchen erheben sich zum Chorgesang.

Aller Streit ist vergessen, frisch tönen die Mädchenstimmen

durcheinander im Sopran und Alt und beim Refrain des Liedes aus den

»Mottenburgern« stimmt Alles mit ein:

»Ja ich bin der Oberbürgermeister -- bin der Tyrann, ja der Tyrann von

Mottenburg!« -- --

Der Schuster aus der Provinz singt, daß die Wände wackeln könnten, der

Gymnasiallehrer will durchaus mit dem Berliner Grossisten Brüderschaft

trinken, was aber der Mann der Gottgelahrtheit noch glücklich

verhindert. Der Bruder Studio schwingt sich unter ungeheurem Jubel auf

das Hauptfaß und dirigirt, auf demselben reitend das Lied bis zum Ende

desselben.

Der Theologe macht einen kühnen Versuch, den Arm um die Hüfte der jetzt

zum Cassiren die Runde machenden Hulda zu legen, begegnet aber auf

diesem Wege der Hand des stark »angerissenen« Bruders, wodurch beider

Hände erschrocken zurückfahren; der »Giter« besitzende Monokelbändiger

lehnt sich stolz befriedigt und siegesgewiß zurück, denn »Rosa« hat

ihm -- ach der Aermste wußte nicht, daß er bereits der Fünfte war, der

dasselbe Versprechen heute Abend erhielt -- das Recht ihrer Begleitung

nach Hause zugestanden und der Student verschwindet auf wenige

Augenblicke, um draußen den Zustand seiner Casse zu prüfen, denn »hier

wird nicht gepumpt« steht in Form eines buntkolorirten Bildes bereits

im oberen Keller zu lesen.

Das Notenblatt aber, welches Hulda mit demselben Lächeln, Alt oder Jung

-- Christ oder Jude -- entgegenhält, bedeckt sich mit Sechsern und

Groschen, ja Zweigroschenstücken und wie sie dasselbe in die hinter dem

Bruder an der Wand hängende Geldkatze leert, gibt es dem Nagel an der

Wand einen ordentlichen Ruck.

So geht es fort, Lieder und Musikstücke wechseln ab, eine Flasche

Rebensaft folgt der andern, Niemand denkt ans Heimgehen, bis auf

einmal auf einer der oberen Stufen das »Auge des Gesetzes« in Gestalt

eines untersetzten Polizeidieners erscheint, der halb schmunzelnd,

halb dienstlich streng das noch vollzählige Auditorium einen Moment

betrachtet, als thäte es ihm Leid dies fidele Völkchen zu stören. Indeß

-- der Dienst geht über Alles, er steigt deshalb noch eine oder zwei

Stufen weiter herab, hebt den stockbewaffneten Arm und als hierauf

etwas Ruhe eintritt, läßt er seinen Vers los.

»Heern Se -- meine Herrn -- s’ is um Zwee, un -- s’ thut mer leid, aber

s’ is Feierabend!«

[Illustration: Ein Abend in Auerbachs Keller.]

Damit aber entfesselt der Biedre ein Meer lustigen Widerspruchs.

»Hut ab! -- Runterkommen! Mittrinken! Rede reden!« So tönt’s ihm

opponirend entgegen, ja -- der total bezechte Gymnasiallehrer ruft

schluchzend »Uff’s Faß!«

»Heern Se« sagt der Mann der Staatsgewalt, »s’ geht Se werklich nich

länger, Se missen nu ’naus!«

»Runterkommen -- Maul halten -- Mittrinken!« opponiren die Zecher.

Zögernd kommt der Mann des Gesetzes einige Stufen weiter herab; das

Fluidium des Weines steigt ihm kitzelnd in die Nase -- noch schwankt

er -- --

»Prost, würdiger Vertreter der herrschenden und alle Unthat rächenden

Nemesis« ruft ein angehender Journalist und hält dem Polizeidiener

das gefüllte Glas entgegen, »bist Du ein fühlender Mensch, gleich uns

hochachtend Bachus den Fröhlichen, so komm -- o Edler in unsere Arme

und schlürfe mit uns, durch gleiche Bande vereint, den süffigen Nektar

der Reben -- bist Du es nicht -- so entfleuch aus diesen historischen

Hallen und -- -- -- geh selber heeme!«

»Bravo -- bravo!« schrie händeklatschend das verehrte Auditorium.

Der biedre Polizeidiener aber war »ein fühlender Mensch«, halb zogen

ihn hilfreiche Hände, halb kam er selbst; zehn Weingläser, alle gefüllt

mit der edlen Gottesgabe, wurden ihm entgegen gehalten und -- -- -- der

Edle verschmähte keins. In sanften Incarnat erglühte seine stattliche

Nase, zwar protestirte er noch eine kurze Zeit, dann aber ergab er sich

bedingungslos, bis die Harfenistinnen »einpackten« und aufbrachen,

ihnen folgte ein Schwarm Verehrer und »Benjamin« erkannte oben auf der

Straße, daß der Student bereits die Harfe Rosas in der Linken trug und

ihr mit der Rechten lachend den Arm bot.

Ein höhnisches, »Gute Nacht, Esau!« drang noch an das Ohr des in allen

seinen Gefühlen Getäuschten und ingrimmig wandelte er der heimischen

Stätte des »Brühls« zu, um seinen Aerger und Jammer zu verschlafen.

Gewiß aber wäre er um Vieles getrösteter heimgegangen, wenn er das

etwas lange Gesicht des Studenten gesehen hätte, als Rosa demselben an

ihrer Hausthür, weit draußen in der Vorstadt, mit dankendem Lächeln

ihre Harfe abnahm und -- freilich nach zärtlichem Händedruck -- mit

Schwestern und -- dem den Schluß machenden Bruder hinter der Hausthür

verschwand.

Der Titel, mit dem sich Bruder Studio hierauf selbst regalirte, fing

auch mit dem E. an und rangirte ebenfalls unter die weniger geachteten

Thiernamen. -- -- -- Rechts und links vom Ausgange des altberühmten

Kellers, auf der Straße standen, steif an die Wand gelehnt, wie weiland

zwei Statuen des steinernen Roland zu Halle, der Theologe und sein

gleich ihm total bezechter Bruder, der aus aller Façon gekommene Lehrer

der heranwachsenden Jugend.

»Bruder -- komm!« lallte der Theologe.

»N -- e -- e -- e« stammelte der andere, »komm Du!«

»Ich -- kann -- die Wand -- nicht -- los -- lassen -- -- -- sonst --

fall ich um!«

»Na warte -- dann komm -- ich -- -- wie kannst -- du nur so -- viel

trinken!« sagte, von vielfachem Schlucksen unterbrochen, der Lehrer und

versuchte kühn seine Nüchternheit dadurch zu beweisen, daß er seine

Wand loslies, um dem Bruder zu helfen.

Ach -- er wußte nicht, was er that -- der Unglückliche, denn kaum hatte

er den verwogenen Schritt gemacht, so versagten die rebellirenden Beine

dem guten Willen den Gehorsam und statt zur Unterstützung des Bruders,

trugen sie ihn im Sturmschritt über die Straße hinüber, wo er mit dem

Cylinderhut voran, unter einem furchtbaren Knall an der Bretterthür der

zur Messe daselbst seit vielen, vielen Jahren stehenden Nadlerbude vor

Anker ging.

Der nun formlose Hut schob sich ihm über die Augen und die Brille über

die Nase, so daß totale Finsterniß das Haupt des Guten umgab; aber er

murrte nicht gegen sein Geschick, sondern vertraute auf die Sorgsamkeit

und Menschenfreundlichkeit irgend eines vorüberkommenden Nachtrathes

(Nachtwächters). Ein solcher erschien dann auch bald und nachdem er

aus dem geistlichen Herrn glücklich ihre gemeinschaftliche Wohnung

herausgebracht hatte, entdeckte er auch den in Dunkelheit schwebenden

Gymnasiallehrer und brachte glücklich Beide nach Hause.

* * * * *

Am anderen Abend war die Scenerie und Handlung so ziemlich dieselbe,

nur mit täglich veränderten Personen, die Harfenisten ausgenommen; denn

selbst der Solideste schlug, wenn er einmal zur Messe fuhr, ein wenig

über den Strang, ohne daß dies aber seiner sonstigen Reputation irgend

etwas geschadet hätte.

[Illustration]

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 24 / 71 题