Ein Abend bei den Harfenistinnen in Auerbachs Keller
zur Messe vor 40 Jahren.
Wer vor 30 oder 40 Jahren zur Sommerszeit eine Geschäfts- oder
Vergnügungsreise in das an Naturschönheiten reiche, jetzt immer
noch viel zu wenig bekannte und geschätzte sächsische Erzgebirge
machte, verließ in Chemnitz die Bahn und ging zu Fuß durch prächtige
Wiesengründe, über Berge und durch liebliche Thäler, in denen sich
die kleinen, vielfach von wildem Wein umrankten Häuser mit den rothen
Ziegeldächern wie solche in den bekannten Spielwaarenschachteln
ausnahmen, nach dem hoch gelegenen, damals nur kleinen, aber durch
seine Spitzenklöppelei doch schon weitbekannten Annaberg. In der
Mitte des etwa zehnstündigen Weges kam er in das schön in einem
Thalkessel gelegene Städtlein _Thum_. Aus fast allen Häusern des
alterthümlichen Städtchens klapperte dem ermüdet, aber von seiner
Wanderung hochbefriedigten Wanderer, wenn er von der »Katze«, einem
auf der Höhe vor Thum liegenden Gasthaus, aus ins Thal hinabstieg,
der dreiviertel Tact der Webstühle oder das Seufzen der aufgezogenen
Strumpfwirkerstühle entgegen, und im Rathskeller fand er billige
und reichliche Atzung und ein sauberes Bett für die Nachtruhe. Am
andern Morgen aber verließ er den geraden Pfad nach Annaberg und
wandte sich in der Regel am Ende des Marktplatzes nach rechts, um den
»Greiffenstein« mit seinen romantischen Höhlen zu besteigen, auf dessen
Höhe man einen wahrhaft prachtvollen Umblick bis weit hinein ins schöne
erzgebirgische Land genießt. Da liegen Annaberg und Scheibenberg,
Schlettau und Ehrenfriedersdorf und Gelenau vor unseren Blicken, und
aus der Ferne lugt Schloß Augustusburg, Zschopau und Schellenberg
durch die Thalmulde herüber. Und hatte sich damals der Wanderer an
all’ diesen, im Sonnenlicht funkelnden Herrlichkeiten satt gesehen, so
schlug er sich rechts in den herrlichen Eichen- und Buchenwald, folgte
einem ziemlich steil herabführenden schmalen Fußpfad und gelangte,
begleitet vom Gesange der Lerchen, dem Triller des Buchfinkens, dem
Pfeifen des Dompfaffens und der Amsel, nach einstündigem Marsch in das
hochgelegene Städtlein Geyer.
Erstaunt hielt der Wanderer beim Heraustreten aus dem Walde seinen
Schritt einige Augenblicke an, denn ein eigenthümliches Gemisch von
Tönen drang aus den nahen hüttenähnlichen Holzhäusern des Ortes zu
ihm herüber, und erst beim Einmarsch in den Ort entwirrten sich die
einzelnen Töne, so daß sie der Fremde zu deuten oder wenigstens zu
erkennen vermochte.
Da guckte aus dem geöffneten Parterrefenster eines Häuschens eine
Clarinette, während aus dem ersten und einzigen Stockwerk desselben
ein angehender Trompetenvirtuos seinem Instrument die schauerlichsten
Töne -- untermischt mit zahlreichen »Fröschen« -- entlockte. Weiterhin
klang das harmonische Summen eines vortrefflich gespielten Violoncellos
über die Straße, dem eine Flöte und eine erste Geige ebenso
vortrefflich accompagnirten. Aus anderen Häusern rauschten Harfen- und
Guitarrenklänge und der Contrabaß brummte verdrießlich dazwischen. Wenn
aber der Reisende zur Abendzeit im Städtlein eintraf, und ehe er das
schmale, hoch von Betten gethürmte Nachtlager bestieg, noch einmal die
wenigen Gassen des Städtchens durchschritt, so konnte er gar prächtige
Concerte aus den kleinen, dem Felsen abgerungenen Gärten, hören und
zwischen den gutgespielten Instrumenten erklangen die Melodien alter
Volkslieder von frischen wohlklingenden Mädchenstimmen.
Und wie in Geyer, so war es in dem kleinen Gebirgsnest Elterlein, in
Grünhain, Schlettau und Scheibenberg und in all’ den großen Dörfern bis
Schwarzenberg, denn hier war die eigentliche Heimath der Harfenisten.
Jetzt ausgestorben und durch die um Vieles minderwerthigen Tingeltangel
verdrängt, aber nicht ersetzt, bezogen die Harfenisten vor 30 und 40
Jahren und bis weit in das vorige Jahrhundert zurück außer vielen
anderen Orten des In- und Auslandes auch regelmäßig in zahlreichen
Trupps die Leipziger Messe, und sowohl Fremde wie Einheimische
erfreuten sich an ihren Liedern und ihrer Musik. Auch das nahe Böhmen
stellte, wie bekannt, und wie noch heute seine Musikanten.
Das eigentliche Hauptinstrument jener, sich meist aus
Familienmitgliedern oder doch nahen Verwandten zusammensetzenden
Trupps bildete die ehrwürdige, jetzt nur noch in größeren Capellen zu
findende Harfe; eine Geige und drei, vier Guitarren vervollständigten
die Harmonie einer solchen kleinen Capelle. Die Geige und wohl auch
die Flöte spielte in der Regel das einzige männliche Mitglied der
reisenden Truppe, und dieses war oft der Vater, meist aber der Bruder,
Gatte oder sonstige Verwandte der anderen weiblichen Mitglieder oder
eines derselben. Mochten sie aber auch die übrige Zeit weilen, wo sie
wollten, ob auf ihren Reisen, die sie bis in weitentfernte Länder
brachten, oder zu Hause, wo sie in der Ferienzeit Spitzen klöppelten
und daneben neue Musikstücke und Lieder einübten; zur Meßzeit zogen
sie alle immer wieder der Handelsstadt an der Pleiße und Elster zu,
und eine Messe -- ohne Harfenistinnen, das wäre damals von Jedermann
eben gar nicht als eine richtige, vollwichtige Messe angesehen worden.
An den letzten Tagen vor Beginn der Messen zogen sie in Leipzig ein
und rückten in ihre bescheidenen Quartiere in den Hinterhäusern der
Vorstädte, wo sie für ein Billiges Unterkommen fanden. Sie theilten
sich in sogenannte ansässige und in fliegende Trupps. Die letzteren
bestanden in der Regel nur aus zwei, höchstens drei Personen, fast
immer zwei Schwestern und einen Bruder dabei. Dieselben zogen fast
stets mit Geige und Harfe, nie aber ohne letztere, von Schenke zu
Schenke, wo keine »ansässige Capelle« concertirte, stellten sich
in eine passende Ecke des Gemaches und spielten ihre zwei bis drei
Stücklein, worauf ein Mädchen mit zusammengebogenem Notenblatt bei
den Gästen cassiren ging. Dreier der verschiedensten Nationalitäten,
formlose Vierpfenniger und preußische Sechser empfing die auch für die
kleinste Gabe freundlich dankende Harfenistin; hatte sie aber ihre
Runde beendet, so gaben die Zwei oder Drei ein sogenanntes Schlußstück
zum Besten und verschwanden, um in unzähligen anderen Localen aufs Neue
ihr Glück zu versuchen.
Eine um Vieles günstigere Stellung nahm die »ansässige«
Harfenisten-Capelle ein. Sie bestand mindestens aus vier, meist aber
aus fünf bis sechs Personen und »spielte« die ganze Messe über in ein
und demselben, natürlich nur größerem und stark besuchtem Locale, in
welches sie regelmäßig alle Messen wiederkehrte und durch vieljährige
Thätigkeit in demselben gar bald heimisch und mit den musikalischen
Lieblingswünschen der Gäste vertraut wurde.
Wer nun aber vielleicht glaubt, daß diese, oft dreiviertel des Jahres
in der Welt herumziehenden Mädchen unter die Classe der besonders
leichtfertigen und unsoliden zu rechnen gewesen seien, der irrt sich
gewaltig. Sie waren meist durchaus ehrbare Mädchen, welche zwar einen
und zwar selbst etwas derben Spaß verstanden, im Uebrigen aber durchaus
die sittlichen Grenzen innezuhalten wußten. Gar mancher Musensohn
oder Handlungscommis, welcher nach »Feierabend« (Polizeistunde) auf
vieles Bitten die Erlaubniß erhielt, die schöne »Hulda« oder »Anna«
-- nach Hause zu begleiten, und der entzückt und im Vorgefühl seines
Sieges die schwere Harfe durch Dick und Dünn, eine halbe Stunde weit,
der zierlich Kleid und Röckchen bei den Straßenübergängen hebenden
vorausschreitenden Harfenistin nachtrug, mußte an der bewußten
Hausthür, belohnt mit einem neckischen Dank, mit langem Gesicht ohne
Kuß abziehen. Wenn er sich dann auch gegen seine ihn beneidenden
Genossen aller möglichen Erfolge rühmte, so waren dies doch eben nur
Flunkereien; Thatsache war, daß die Harfenistin der früheren Messen
bei Weitem besser war als ihr Ruf. In großen Etablissements, wie in
_Auerbach’s Keller_ z. B., wo die Harfenistinnen bis 2 Uhr Morgens
spielen durften, waren denn auch stets nur besonders gut geschulte
Trupps zu finden. Kein Wunder, daß der Zudrang zu diesen Localen auch
ein großer war. Sowohl im oberen, eleganteren Keller, den hauptsächlich
Familien besuchten, wie im unteren sogenannten Faustkeller, dessen
Möblement aus einfachen Holztafeln mit gekreuzten Beinen und ebenso
einfachen Stühlen bestand und der fast nur von der Herrenwelt
frequentirt wurde, concertirte je eine tüchtige Capelle Harfenistinnen.
War nun schon im oberen Keller das Leben ein lebhaftes und das Treiben
im hohen Grade animirt, so mußte, wer im Faustkeller Platz nahm, ein
gut Theil Humor besitzen, denn das Treiben daselbst war oft sehr
fidel und durchaus zwanglos, wenn auch stets anständig. Griesgrämige
Gesichter konnte man hier nicht brauchen, entweder hellten sich
dieselben schnell auf oder ihr verstockter Besitzer verschwand ebenso
schnell wieder, wie er gekommen.
Ein allgemeines »Hut ab!« begrüßte den biedern Meßbesucher, wenn
er, angezogen von dem aus dem Faustkeller emportönenden Jubel, die
steile Treppe zögernd betrat. Verdutzt schaute der neue Ankömmling auf
die unter ihm sitzende dichtgedrängte Masse ihm entgegenwinkender,
jubelnder, feuchtfröhlicher Zecher, denen das im Hintergrund des
Kellers stehende, mächtige, fast 4 Ellen hohe Faustfaß ein würdiges
Relief gab.
Unwillkürlich zog er den Hut.
»Runterkommen!« tönte das weitere Commando, und schon entschlossener
und angezogen von dem frohen, tollen Treiben beeilte der »Neue« seine
Schritte und verschwand sofort in dem dichten Menschenknäuel. Da saßen
sie Alle einig und vergnügt beisammen, die verschiedensten Elemente
der Einheimischen und Fremden, die einen guten Tropfen und einen
fidelen Jux über Alles liebten. Der biedere Schuhmachermeister aus der
Provinz, der heute seine Bürde Leder eingekauft hatte, saß neben dem
Großeinkäufer aus Griechenland in seiner Nationaltracht; der flotte
Student neben dem Fabrikanten; der Berliner Grossist neben dem Commis
seines erbittertsten Concurrenten, und über Allen schwebte der Geist
des Weins und der harmlosen Fröhlichkeit.
»Gustchen! Göttlichste aller Harfenschlagenden Schönen!« ruft
begeistert ein ältlicher Herr, dessen Glatze und goldne Brille, sowie
das weiße Halstuch auf einen, kurze Zeit seiner heimathlichen Herde
entronnenen Seelenhirten schließen läßt, der auf einige Tage zur Messe
gekommen ist und, der schönen -- ach längst entschwundenen Studienzeit
gedenkend, aufthaut -- »Dein Wohl -- im Wein!«
Und das schöne erzgebirgische Kind wirft dem »alten Herrn« einen
so süßen Blick als Dank zu, daß er sein Herz im innersten Busen
erzittern fühlt und es ihm heiß bis zu der sonst in unschuldiger Weiße
erglänzenden, jetzt aber sanft gerötheten »_Platte_« hinaufsteigt.
»Du -- -- --?« sagt sein Nachbar und Bruder, ein etwas verknöcherter
Gymnasiallehrer, der hier mit ihm zu kurzem Wiedersehen
zusammengetroffen ist und doch erst die eigentliche Veranlassung zu
ihrem Besuche des Faustkellers gegeben hat, »wenn das Deine Frau wüßte!«
Erbleichend ob der schauderhaften, schrecklichen Möglichkeit sinkt
dem entflammten Pastor die zum Einschänken erhobene Flasche herab und
während er fast entnüchtert ein »~Apage Satanas!~« murmelt, ergießt
sich der goldene, flüssige und süffige Strom auf den Schooß des
Sonntagsstaates seines Nachbarn zur Linken, eines massiv groben Baiern,
der sofort alle Schleußen seiner Beredsamkeit öffnet und dem armen
Theologen eine Fluth von Grobheiten und Ehrentiteln an den Kopf wirft,
in denen besonders das Thierreich eine hervorragende Rolle spielt.
»Sie -- sein’s a Vie’ch!« schließt er seinen entrüsteten Sermon, um
aber gleich darauf, als er das Entsetzen des geistlichen Herrn sieht
und seine gestammelten Entschuldigungen hörte, von der Grobheit zum
Jovialismus überzugehen, den Attentäter auf die Schulter zu klopfen und
zu versichern »Na -- ’s macht nix aus -- Schad nur um den Wein!« -- --
und der einen Moment bedrohte Frieden ist wieder hergestellt. »Auf
Ehre« flötet ein junger, stark nach Patschouli duftender Benjamin, der
am Tage im Meßlokale seines Berliner Chefs in Fellen und Rauchwaren
macht, indem er bemüht ist, das thalergroße Monokel, das consequent
immer wieder auf die starkentwickelte Nase herabfällt, aufs Neue in’s
Auge zu klemmen, »auf Ehre reizende Rosa, wie Se hab’n gesungen vorhin
das Lied von der Schwalben wie se ziehn heimwärts, is mer geworden
ganz warm ums Herz, un wenn mer a Herz hat als Cavalier« -- jetzt
saß glücklich das Monokel wieder oben, aber durch das Einklemmen
desselben zogen sich die buschigen Augenbrauen des »Cavaliers« in so
unnatürlicher Weise in die Höhe, daß sein Gesicht nicht gerade als ein
besonders geistreiches gelten konnte, »so mechte mer wohl singen, wie
der Herr von Fielitz im Berliner Opernhaus: Reich mir die Hand mein
Leben, komm auf mein Schloß -- -- --.«
Bumms -- fällt ihm das Monokel wieder auf das Riechorgan, was seinen
halblauten pathetischen Gesang unterbricht.
»Darf ich mer machen de Hoffnung, daß Se sein nich grausam un gestatten
mer zu leisten Ihnen Ritterdienste; darf ich Se begleiten später nach
Hause?«
»Das dauert noch lange -- --«
»Un wenn’s noch so lange dauerte -- bin ich nich mei eigner Herr und
bin gekommen von meine Giter, blos zum Vergnügen nach der Leipziger
Messe?«
»I gar!« flüstert Rosa zerstreut, denn ein lustiger, bildhübscher,
kecker Musensohn wirft ihr eben eine Kußhand zu.
»Gott soll mer leben lassen« ereifert sich der, sich immer mehr in sein
phantastisches Lügengewebe verstrickende handlungsbeflissne Benjamin,
»mei Name is --«
»Esau -- Esau« fällt der eifersüchtige Musensohn ein, der seine
Aufschneidereien mit angehört hat, »Esau -- ist sein Name -- und in
Meseritz ist er derhame -- das E ist nur deshalb zu seinem sonst
richtigen Namen gesellt, weil sich die »Cavaliere« von Meseritz
und Umgegend auf etwas gespanntem Fuß mit der »Sau« befinden --
holdseligste Rosa!«
Rosa und die Umsitzenden lachen laut und der liebegirrende Benjamin
fährt wüthend auf, aber sein Nachbar und Concurrent seines Chefs zieht
ihn gewaltsam an den Rockschößen wieder auf die Bank herab.
»Machen Se kenen Stuß, Levy« sagt er, »der Herr Student is e kleiner
Spaßvogel -- allons -- angestoßen!«
»In diesen heiligen Hallen kennt man die Rache nicht!« pflichtet der
ebenfalls aufgethaute Gymnasiallehrer bei und hält sein Glas hin;
zögernd begraben die beiden Nebenbuhler das Kriegsbeil und die Gläser
klingen hell aneinander.
»Also Levy heißt er« brummt der Student in sich hinein, »e Vieh ist
also doch dabei!«
»Was ham Se gesagt!?« fragt hitzig der nur halb versöhnte Benjamin.
Schrumm -- schrumm -- schrumm rauschen die Harfentöne durch den Keller
und die drallen Mädchen erheben sich zum Chorgesang.
Aller Streit ist vergessen, frisch tönen die Mädchenstimmen
durcheinander im Sopran und Alt und beim Refrain des Liedes aus den
»Mottenburgern« stimmt Alles mit ein:
»Ja ich bin der Oberbürgermeister -- bin der Tyrann, ja der Tyrann von
Mottenburg!« -- --
Der Schuster aus der Provinz singt, daß die Wände wackeln könnten, der
Gymnasiallehrer will durchaus mit dem Berliner Grossisten Brüderschaft
trinken, was aber der Mann der Gottgelahrtheit noch glücklich
verhindert. Der Bruder Studio schwingt sich unter ungeheurem Jubel auf
das Hauptfaß und dirigirt, auf demselben reitend das Lied bis zum Ende
desselben.
Der Theologe macht einen kühnen Versuch, den Arm um die Hüfte der jetzt
zum Cassiren die Runde machenden Hulda zu legen, begegnet aber auf
diesem Wege der Hand des stark »angerissenen« Bruders, wodurch beider
Hände erschrocken zurückfahren; der »Giter« besitzende Monokelbändiger
lehnt sich stolz befriedigt und siegesgewiß zurück, denn »Rosa« hat
ihm -- ach der Aermste wußte nicht, daß er bereits der Fünfte war, der
dasselbe Versprechen heute Abend erhielt -- das Recht ihrer Begleitung
nach Hause zugestanden und der Student verschwindet auf wenige
Augenblicke, um draußen den Zustand seiner Casse zu prüfen, denn »hier
wird nicht gepumpt« steht in Form eines buntkolorirten Bildes bereits
im oberen Keller zu lesen.
Das Notenblatt aber, welches Hulda mit demselben Lächeln, Alt oder Jung
-- Christ oder Jude -- entgegenhält, bedeckt sich mit Sechsern und
Groschen, ja Zweigroschenstücken und wie sie dasselbe in die hinter dem
Bruder an der Wand hängende Geldkatze leert, gibt es dem Nagel an der
Wand einen ordentlichen Ruck.
So geht es fort, Lieder und Musikstücke wechseln ab, eine Flasche
Rebensaft folgt der andern, Niemand denkt ans Heimgehen, bis auf
einmal auf einer der oberen Stufen das »Auge des Gesetzes« in Gestalt
eines untersetzten Polizeidieners erscheint, der halb schmunzelnd,
halb dienstlich streng das noch vollzählige Auditorium einen Moment
betrachtet, als thäte es ihm Leid dies fidele Völkchen zu stören. Indeß
-- der Dienst geht über Alles, er steigt deshalb noch eine oder zwei
Stufen weiter herab, hebt den stockbewaffneten Arm und als hierauf
etwas Ruhe eintritt, läßt er seinen Vers los.
»Heern Se -- meine Herrn -- s’ is um Zwee, un -- s’ thut mer leid, aber
s’ is Feierabend!«
[Illustration: Ein Abend in Auerbachs Keller.]
Damit aber entfesselt der Biedre ein Meer lustigen Widerspruchs.
»Hut ab! -- Runterkommen! Mittrinken! Rede reden!« So tönt’s ihm
opponirend entgegen, ja -- der total bezechte Gymnasiallehrer ruft
schluchzend »Uff’s Faß!«
»Heern Se« sagt der Mann der Staatsgewalt, »s’ geht Se werklich nich
länger, Se missen nu ’naus!«
»Runterkommen -- Maul halten -- Mittrinken!« opponiren die Zecher.
Zögernd kommt der Mann des Gesetzes einige Stufen weiter herab; das
Fluidium des Weines steigt ihm kitzelnd in die Nase -- noch schwankt
er -- --
»Prost, würdiger Vertreter der herrschenden und alle Unthat rächenden
Nemesis« ruft ein angehender Journalist und hält dem Polizeidiener
das gefüllte Glas entgegen, »bist Du ein fühlender Mensch, gleich uns
hochachtend Bachus den Fröhlichen, so komm -- o Edler in unsere Arme
und schlürfe mit uns, durch gleiche Bande vereint, den süffigen Nektar
der Reben -- bist Du es nicht -- so entfleuch aus diesen historischen
Hallen und -- -- -- geh selber heeme!«
»Bravo -- bravo!« schrie händeklatschend das verehrte Auditorium.
Der biedre Polizeidiener aber war »ein fühlender Mensch«, halb zogen
ihn hilfreiche Hände, halb kam er selbst; zehn Weingläser, alle gefüllt
mit der edlen Gottesgabe, wurden ihm entgegen gehalten und -- -- -- der
Edle verschmähte keins. In sanften Incarnat erglühte seine stattliche
Nase, zwar protestirte er noch eine kurze Zeit, dann aber ergab er sich
bedingungslos, bis die Harfenistinnen »einpackten« und aufbrachen,
ihnen folgte ein Schwarm Verehrer und »Benjamin« erkannte oben auf der
Straße, daß der Student bereits die Harfe Rosas in der Linken trug und
ihr mit der Rechten lachend den Arm bot.
Ein höhnisches, »Gute Nacht, Esau!« drang noch an das Ohr des in allen
seinen Gefühlen Getäuschten und ingrimmig wandelte er der heimischen
Stätte des »Brühls« zu, um seinen Aerger und Jammer zu verschlafen.
Gewiß aber wäre er um Vieles getrösteter heimgegangen, wenn er das
etwas lange Gesicht des Studenten gesehen hätte, als Rosa demselben an
ihrer Hausthür, weit draußen in der Vorstadt, mit dankendem Lächeln
ihre Harfe abnahm und -- freilich nach zärtlichem Händedruck -- mit
Schwestern und -- dem den Schluß machenden Bruder hinter der Hausthür
verschwand.
Der Titel, mit dem sich Bruder Studio hierauf selbst regalirte, fing
auch mit dem E. an und rangirte ebenfalls unter die weniger geachteten
Thiernamen. -- -- -- Rechts und links vom Ausgange des altberühmten
Kellers, auf der Straße standen, steif an die Wand gelehnt, wie weiland
zwei Statuen des steinernen Roland zu Halle, der Theologe und sein
gleich ihm total bezechter Bruder, der aus aller Façon gekommene Lehrer
der heranwachsenden Jugend.
»Bruder -- komm!« lallte der Theologe.
»N -- e -- e -- e« stammelte der andere, »komm Du!«
»Ich -- kann -- die Wand -- nicht -- los -- lassen -- -- -- sonst --
fall ich um!«
»Na warte -- dann komm -- ich -- -- wie kannst -- du nur so -- viel
trinken!« sagte, von vielfachem Schlucksen unterbrochen, der Lehrer und
versuchte kühn seine Nüchternheit dadurch zu beweisen, daß er seine
Wand loslies, um dem Bruder zu helfen.
Ach -- er wußte nicht, was er that -- der Unglückliche, denn kaum hatte
er den verwogenen Schritt gemacht, so versagten die rebellirenden Beine
dem guten Willen den Gehorsam und statt zur Unterstützung des Bruders,
trugen sie ihn im Sturmschritt über die Straße hinüber, wo er mit dem
Cylinderhut voran, unter einem furchtbaren Knall an der Bretterthür der
zur Messe daselbst seit vielen, vielen Jahren stehenden Nadlerbude vor
Anker ging.
Der nun formlose Hut schob sich ihm über die Augen und die Brille über
die Nase, so daß totale Finsterniß das Haupt des Guten umgab; aber er
murrte nicht gegen sein Geschick, sondern vertraute auf die Sorgsamkeit
und Menschenfreundlichkeit irgend eines vorüberkommenden Nachtrathes
(Nachtwächters). Ein solcher erschien dann auch bald und nachdem er
aus dem geistlichen Herrn glücklich ihre gemeinschaftliche Wohnung
herausgebracht hatte, entdeckte er auch den in Dunkelheit schwebenden
Gymnasiallehrer und brachte glücklich Beide nach Hause.
* * * * *
Am anderen Abend war die Scenerie und Handlung so ziemlich dieselbe,
nur mit täglich veränderten Personen, die Harfenisten ausgenommen; denn
selbst der Solideste schlug, wenn er einmal zur Messe fuhr, ein wenig
über den Strang, ohne daß dies aber seiner sonstigen Reputation irgend
etwas geschadet hätte.
[Illustration]