Student und Verbindungströdeljude.
Vor dreißig Jahren und länger, wo unsere Vorstädte erst in ihren
Anfängen bestanden, concentrirte sich natürlich der ganze damalige
Meßverkehr nur auf die wenigen Straßen der inneren Stadt, und da
dieser Verkehr ein kolossaler und bei weitem größerer als jetzt war,
so wurde natürlich jede Straße und jedes Haus mit in den Meßtrubel
gezogen. Unwillkürlich kommt dem alten Leipziger ein Lächeln an,
wenn er jetzt liest, daß man jetzt sogar für die Concessionirung
neuer Pferdebahnlinien durch die innere Stadt die Straßen derselben
für zu eng hält, wenn er an jene Zeit zurückdenkt, wo zur Meßzeit
stündlich Hunderte von Fracht- und Rollwagen, untermischt mit den
jetzt ganz verschwundenen schwerfälligen Holzschleifen, deren
Schleudern oftmals geradezu lebensgefährlich war, die von Fremden
aller Art vollgepfropften Straßen passirten. Dabei standen sogar
noch oft Pyramiden von Kisten und Waarenballen vor den Trottoirs und
-- was hauptsächlich zu berücksichtigen ist -- die volle Hälfte der
Straßenbreite nahmen noch dazu Verkaufsbuden ein. Freilich -- war man
auch nicht so empfindlich wie heute --, wo ein harmloser Bänkelsänger
vielen ästhetischen Leuten ein Greuel sein würde und man sofort einem
gesammten hohen Rath das Leben sauer machen würde, wenn man nicht
hübsch bequem zur Meßzeit das Trottoir passiren könnte. Keinem Menschen
fiel es ein, einmal einen im Gedränge erhaltenen Puff übel zu nehmen;
man freute sich vielmehr, je größer der Trubel war, wußte man doch, daß
derselbe Ströme Goldes nach Leipzig brachte und von der Steuer-Einnahme
bis zum Eckensteher, dem Vorläufer der jetzigen Dienstleute, Alle durch
diesen Trubel Geld verdienten.
Selbst der kleinste und finsterste Hofwinkel war mit Waarenlagern
auswärtiger großer und kleiner Fabrikanten besetzt und brachte schweres
Geld ein, und dasselbe war bezüglich der Wohnungsräume der Fall.
Fast keine Familie, selbst sehr gut situirte, gab es, die nicht ihre
_Meßfremden_ gehabt hätte, und die Fälle, daß der Sohn wieder bei dem
Sohne des Mannes wohnte, bei dem bereits sein Vater als Meßbesucher
gehaust hatte, waren gar nicht selten. Für die Hausbesitzer der inneren
Stadt waren dies gar goldene Zeiten, denn nicht nur, daß ihnen jeder
Winkel ihres Hauses baares Geld einbrachte, nein, auch die Miether
wechselten im eigenen Interesse nur höchst selten, und so ging der
Vortheil des Einen mit dem des Andern getreulich Hand in Hand und Alle
befanden sich wohl dabei. Nun gab es aber noch eine Classe Miether
damals, welche für die Bewohner der inneren Stadt von Bedeutung waren,
und dies waren die Studenten. Seit mit der Errichtung des neuen
Krankenhauses in der Liebigstraße, vor 27 Jahren, die Universität
allmälig ihre Hörsäle in die südöstliche Vorstadt verlegt hat, sind
auch die Studenten zum allergrößten Theil nach jenem neuen Viertel
ausgewandert, damals aber, vor 40 Jahren, wohnten dieselben bis auf
wenige Ausnahmen sämmtlich in der inneren Stadt. Auch hier herrschte
eine größere Treue und Anhänglichkeit zwischen Miether und Vermiether
als jetzt, denn das jetzige sogenannte Semestermiethen der Studenten
kam gar nicht vor und in der Regel wohnten die Letzteren während der
ganzen Dauer ihrer Studien in Leipzig bei ein und demselben Wirthe.
Bei dieser Vermiethung spielten nur die pecuniären Verhältnisse des
Musensohnes insofern eine Rolle, als er, falls dieselbe besonders
günstig waren, _meßfrei_ gemiethet hatte, also auch während der Messe
sein Zimmer behielt. Die meisten Studenten aber zogen es, in richtiger
Beachtung des dann bedeutend geringeren Miethzinses, den sie würdiger
verwenden konnten, vor, während etwa 2 bis 3 Wochen jede Hauptmesse,
wo der Meßfremde erschien, das Feld insofern zu räumen, als sie nur
für die Tageszeit ihre Stube bewohnten, zur Nachtruhe aber mit irgend
einem Dachkämmerlein vorlieb nahmen. Damals waren zur Meßzeit die jetzt
lediglich als Rumpelkammer oder Trockenböden dienenden Bodenräume bis
auf die letzte Ecke besetzt, denn Abends, wenn als unbeschränkter
Usurpator fast der ganzen Familienwohnung, der Meßfremde erschien, ging
-- wie der Vater des Schreibers dieser Erinnerungen oft sagte -- der
Zug ab, d. h. Weib und Kind und nicht selten in ihrer Mitte »_unser
Student_« trat den Marsch in die höheren Regionen an, was von Seiten
der Musensöhne oft genug Veranlassung zu allerlei Allotria gab.
Am Tage aber wohnte er in seinem gewöhnlichen Zimmer, steckte den Kopf
mit der langen Pfeife zum Fenster hinaus und schaute, je nach dem
Zustand seiner Casse, mehr oder minder sehnsüchtig nach dem zur Messe
mit größter Unfehlbarkeit erscheinenden »_Verbindungströdeljuden_« aus.
Weit aus dem Innern Rußlands oder Polens erschien er, der specklockige
Schylock, mit seinem schwarzen, ebenfalls speckglänzenden Kaftan
und seinem runden Käpsel auf dem Haupte. Seine Sehnsucht waren alte
Kleider, die er in riesigen Posten zur Messe hier einkaufte und nach
seiner Heimath entführte. Nur der Eingeweihte wußte, daß _oft_, ja
sogar _meist_, unter der schmutzigen Hülle dieser Trödeljuden sich
Männer von großem Reichthum bargen und daß deren alte Brieftasche oft
Summen enthielt, wie sie wohl sonst nur ganz bedeutende Einkäufer mit
zur Messe brachten. Ihre Lieblingskundschaft waren naturgemäß die
immer Geld bedürftigen Studenten, und nach und nach hatte fast jedes
Corps, jede Burschenschaft und Verbindung »Verbindungströdeljuden«,
der zum Beginn der Messe gewissenhaft vom Kneipvater der einzelnen
Corporationen die Adressen der »gnädigen Herren« holte und dann
denselben einzeln seine Aufwartung machte.
Melodisch ließ er zunächst im lieblichsten Moll wiederholt sein
»_Nix zu handeln hier!?_« ertönen, und erst wenn der so von seiner
Anwesenheit in Kenntniß gesetzte Geschäftsfreund sein buntbemütztes
Haupt zum Fenster hinaussteckte und ihm herablassend mit der Pfeife
zuwinkte, trat er in tiefster Demuth ins Haus des »gnädigen Herrn« und
klopfte gleich darauf zaghaft an die Zimmerthür desselben.
Mittlerweile hatte der Studiosus Alles zusammengeschleppt, was er
nur überhaupt für irgendwie verwerthbar hielt. Beinkleider mit mehr
als zweifelhaften Sitzgelegenheiten, eine verschossene Pikesche
aus altersgrauem Sammet, Kanonenstiefel, deren Schäfte in tiefster
Zerknirschung über die Vergänglichkeit auch der besten Glanzwichse
wie geknickte Lilien das Haupt hingen. Eine ersoffene Spindeluhr,
das letzte Andenken an die Zeit auf dem Kasten (Gymnasium), welche
ihr Inhaber einmal in nächtlicher Zerstreutheit statt auf den Tisch
in das Waschbecken gesteckt hatte und die seitdem stöckisch jede
weitere Thätigkeit verweigerte. Ferner gab es ein von schöner Hand
erhaltenes Cervis mit zwar schmutzig gewordenen, aber -- was der
Hebräer auf den ersten Blick sah -- echten Goldborden. Ein Paar alte
silberne Sporen, ein noch passabler Winterüberzieher, zwei Westen und
-- vier ausrangirte Vorhemdchen. Das war es, was »unser Student« auch
einst dem alten Itzig Ephraim Rosenstiel aus Meseritz, stolz wie ein
Spanier, zum Kaufe anbot und welche Gegenstände überhaupt in der Regel
die Geschäftsverbindung zwischen Student und Trödeljude ausmachen.
Ich -- ein hoffnungsvoller Bengel von 13 Jahren -- dem »unser
Student« in guter Kameradschaft soeben den momentan hoffnungslosen
und verzweifelten Zustand seiner pecuniären Verhältnisse anvertraut
hatte, harrte voll Interesse des Geschäftsabschlusses. Wußte ich
doch, daß »unser Student« dann, im Vollgefühl seines Reichthums,
sicher einen Griff in den mammongefüllten Beutel thun und mir, dem so
mannichfach Vertrauten, einen Obulus in Gestalt eines Sechsers oder
wohl gar eines Groschens zukommen lassen würde, den mir der Vater
zum Besuche der damaligen Meßneuheit »des geschundenen Raubritters«
entschieden verweigerte. Itzig Ephraim Rosenstiel, nachdem er dem
»gnädigen Herrn« demüthig guten Tag und tausend Jahre voller Glück
und Gesundheit gewünscht hatte, brachte aber in das stolze Bewußtsein
unseres »Studenten«, solche herrliche Sachen zu besitzen, alsbald
eine bedenkliche Bresche, indem er fragte, ob der »geehrteste und
hochgelehrte Herr Baron« -- »unser Student« war das achte oder zehnte
Kindlein eines biederen Dorfpastors, der auf einen sehr bekannten Namen
hörte -- »_nichts Anderes zu handeln habe_.«
Hierauf eifriges Auseinandersetzen der Vorzüge der Verkaufsobjecte
seitens des schon weniger stolzen Besitzers, zweifelndes Kopfschütteln
und geringschätziges Prüfen der Kehrseiten der unglücklichen Hosen;
wiederholtes Hervorheben des Glanzobjectes der ganzen Ausstellung,
des Winterüberziehers; erneuertes Kopfschütteln des geschäftskundigen
Ephraims, welcher that, als ob Uhr, Sporen, beide von Silber,
Goldborden und Ueberzieher, welche er sofort als erwerbungswerth
erkannte, keinen Pfennig werth wären, und endlich die Frage: »was der
gnädige Herr Doctor« für den »Ramsch« haben wolle.
»Zehn Thaler!«
[Illustration: Verbindungströdeljude.]
Itzig Ephraim blinzelte den Verkäufer mitleidig an, faßte nach seinem
schmierigen Cylinder und erklärte feierlich, daß er darauf dem
»gnädigen Herrn« nicht bieten könne, worauf ihn derselbe »zum Teufel«
zu gehen einlud und erklärte, der nächste Concurrent Itzig’s, der sich
auf der Straße bemerkbar mache, solle die Sachen haben. Itzig Ephraim
verschwand und wir Beide sahen uns verständnißinnig an, aber noch ehe
wir unsere Bemerkungen austauschen konnten, öffnete sich ganz leise
die Thür wieder ein wenig, Itzig steckte den Kopf herein und sagte mit
flötender Stimme:
»Wollen Se nehmen zwei Thaler?«
»Nee -- machen Sie, daß Sie fortkommen!«
Die Thür öffnete sich etwas weiter.
»Wollen Se auch nischt nehmen drei Thaler vor das alte Zeug, was nischt
werth is acht gute Groschen?«
»Unser Student« schwieg verstockt und wendete sich dem Fenster zu, da
eben auf der Straße wiederum der Ruf »Nix zu handeln hier« hörbar wurde.
Aber auch Itzig Ephraim Rosenstiel hatte den Ruf vernommen und,
erschreckt ob der ihm drohenden Concurrenz, schob er seine glänzende
Person aufs Neue ins Zimmer.
»Gott wie heißt -- gnädiger un gelehrter Herr -- wollen Se verruiniren
e armen Geschäftsmann, was gekimmen is hundert Meilen von Polen, um
zu verdienen s’ Brot vor seine armen Kinder -- wollen Se nehmen finf
Thaler?«
»Unser Student« stand am Fenster und beugte sich hinaus.
»Gott -- was werden Se rufen erst e Andern, der doch nischt kann mehr
geben als ich, was wollen Se haben im Ernst?«
»Acht Thaler! Keinen Pfennig weniger!«
Itzig Ephraim streckte alle zehn Finger in die Luft und erklärte
sich für das nichtswürdigste Scheusal auf Gottes Erdboden, für einen
Rabenvater, der seinen hungernden Kindern das Brod vom Munde wegstehle,
wenn er auch nur einen Pfennig mehr als _sechs Thaler_ geben könne --
aber »_unser Student_« winkte nach unten, worauf Itzig Ephraim seinen
Arm faßte und -- sieben Thaler -- bot, ein Gebot, das der siegende
Verkäufer endlich, _jeder Zoll ein Grande_ -- annahm.
Hierauf zögernde Bezahlung, worauf Itzig auf einmal seine gute Laune
wiederfand, woraus der stolze Verkäufer zur Genüge merkte, daß er
dennoch der »Gemachte« war. Dies störte aber den großen Geist des
»gnädigen Herrn« nicht, huldvoll versprach er dem Juden auch fernerhin
seine Kundschaft, und auch meine Hoffnung wurde nicht zu Schanden.
Gewissenhaft aber trug ich den funkelnden Groschen hin, um staunend
die Geheimnisse des »geschundenen Raubritters« mit anzuschauen, wo
das dankbare Publicum auf offener Scene die darstellenden Acteure mit
Stöpel’schen _Wiener_ Würstchen fütterte und mit Lagerbier tractirte.
Fürwahr, welchem Darsteller würde es jetzt, selbst auf der größten
Bühne, so wohl, wie damals jenen ihrer Collegen in der einfachsten
Bretterbude am Roßplatz zu Leipzig?