XVI.

Student und Verbindungströdeljude.

Vor dreißig Jahren und länger, wo unsere Vorstädte erst in ihren

Anfängen bestanden, concentrirte sich natürlich der ganze damalige

Meßverkehr nur auf die wenigen Straßen der inneren Stadt, und da

dieser Verkehr ein kolossaler und bei weitem größerer als jetzt war,

so wurde natürlich jede Straße und jedes Haus mit in den Meßtrubel

gezogen. Unwillkürlich kommt dem alten Leipziger ein Lächeln an,

wenn er jetzt liest, daß man jetzt sogar für die Concessionirung

neuer Pferdebahnlinien durch die innere Stadt die Straßen derselben

für zu eng hält, wenn er an jene Zeit zurückdenkt, wo zur Meßzeit

stündlich Hunderte von Fracht- und Rollwagen, untermischt mit den

jetzt ganz verschwundenen schwerfälligen Holzschleifen, deren

Schleudern oftmals geradezu lebensgefährlich war, die von Fremden

aller Art vollgepfropften Straßen passirten. Dabei standen sogar

noch oft Pyramiden von Kisten und Waarenballen vor den Trottoirs und

-- was hauptsächlich zu berücksichtigen ist -- die volle Hälfte der

Straßenbreite nahmen noch dazu Verkaufsbuden ein. Freilich -- war man

auch nicht so empfindlich wie heute --, wo ein harmloser Bänkelsänger

vielen ästhetischen Leuten ein Greuel sein würde und man sofort einem

gesammten hohen Rath das Leben sauer machen würde, wenn man nicht

hübsch bequem zur Meßzeit das Trottoir passiren könnte. Keinem Menschen

fiel es ein, einmal einen im Gedränge erhaltenen Puff übel zu nehmen;

man freute sich vielmehr, je größer der Trubel war, wußte man doch, daß

derselbe Ströme Goldes nach Leipzig brachte und von der Steuer-Einnahme

bis zum Eckensteher, dem Vorläufer der jetzigen Dienstleute, Alle durch

diesen Trubel Geld verdienten.

Selbst der kleinste und finsterste Hofwinkel war mit Waarenlagern

auswärtiger großer und kleiner Fabrikanten besetzt und brachte schweres

Geld ein, und dasselbe war bezüglich der Wohnungsräume der Fall.

Fast keine Familie, selbst sehr gut situirte, gab es, die nicht ihre

_Meßfremden_ gehabt hätte, und die Fälle, daß der Sohn wieder bei dem

Sohne des Mannes wohnte, bei dem bereits sein Vater als Meßbesucher

gehaust hatte, waren gar nicht selten. Für die Hausbesitzer der inneren

Stadt waren dies gar goldene Zeiten, denn nicht nur, daß ihnen jeder

Winkel ihres Hauses baares Geld einbrachte, nein, auch die Miether

wechselten im eigenen Interesse nur höchst selten, und so ging der

Vortheil des Einen mit dem des Andern getreulich Hand in Hand und Alle

befanden sich wohl dabei. Nun gab es aber noch eine Classe Miether

damals, welche für die Bewohner der inneren Stadt von Bedeutung waren,

und dies waren die Studenten. Seit mit der Errichtung des neuen

Krankenhauses in der Liebigstraße, vor 27 Jahren, die Universität

allmälig ihre Hörsäle in die südöstliche Vorstadt verlegt hat, sind

auch die Studenten zum allergrößten Theil nach jenem neuen Viertel

ausgewandert, damals aber, vor 40 Jahren, wohnten dieselben bis auf

wenige Ausnahmen sämmtlich in der inneren Stadt. Auch hier herrschte

eine größere Treue und Anhänglichkeit zwischen Miether und Vermiether

als jetzt, denn das jetzige sogenannte Semestermiethen der Studenten

kam gar nicht vor und in der Regel wohnten die Letzteren während der

ganzen Dauer ihrer Studien in Leipzig bei ein und demselben Wirthe.

Bei dieser Vermiethung spielten nur die pecuniären Verhältnisse des

Musensohnes insofern eine Rolle, als er, falls dieselbe besonders

günstig waren, _meßfrei_ gemiethet hatte, also auch während der Messe

sein Zimmer behielt. Die meisten Studenten aber zogen es, in richtiger

Beachtung des dann bedeutend geringeren Miethzinses, den sie würdiger

verwenden konnten, vor, während etwa 2 bis 3 Wochen jede Hauptmesse,

wo der Meßfremde erschien, das Feld insofern zu räumen, als sie nur

für die Tageszeit ihre Stube bewohnten, zur Nachtruhe aber mit irgend

einem Dachkämmerlein vorlieb nahmen. Damals waren zur Meßzeit die jetzt

lediglich als Rumpelkammer oder Trockenböden dienenden Bodenräume bis

auf die letzte Ecke besetzt, denn Abends, wenn als unbeschränkter

Usurpator fast der ganzen Familienwohnung, der Meßfremde erschien, ging

-- wie der Vater des Schreibers dieser Erinnerungen oft sagte -- der

Zug ab, d. h. Weib und Kind und nicht selten in ihrer Mitte »_unser

Student_« trat den Marsch in die höheren Regionen an, was von Seiten

der Musensöhne oft genug Veranlassung zu allerlei Allotria gab.

Am Tage aber wohnte er in seinem gewöhnlichen Zimmer, steckte den Kopf

mit der langen Pfeife zum Fenster hinaus und schaute, je nach dem

Zustand seiner Casse, mehr oder minder sehnsüchtig nach dem zur Messe

mit größter Unfehlbarkeit erscheinenden »_Verbindungströdeljuden_« aus.

Weit aus dem Innern Rußlands oder Polens erschien er, der specklockige

Schylock, mit seinem schwarzen, ebenfalls speckglänzenden Kaftan

und seinem runden Käpsel auf dem Haupte. Seine Sehnsucht waren alte

Kleider, die er in riesigen Posten zur Messe hier einkaufte und nach

seiner Heimath entführte. Nur der Eingeweihte wußte, daß _oft_, ja

sogar _meist_, unter der schmutzigen Hülle dieser Trödeljuden sich

Männer von großem Reichthum bargen und daß deren alte Brieftasche oft

Summen enthielt, wie sie wohl sonst nur ganz bedeutende Einkäufer mit

zur Messe brachten. Ihre Lieblingskundschaft waren naturgemäß die

immer Geld bedürftigen Studenten, und nach und nach hatte fast jedes

Corps, jede Burschenschaft und Verbindung »Verbindungströdeljuden«,

der zum Beginn der Messe gewissenhaft vom Kneipvater der einzelnen

Corporationen die Adressen der »gnädigen Herren« holte und dann

denselben einzeln seine Aufwartung machte.

Melodisch ließ er zunächst im lieblichsten Moll wiederholt sein

»_Nix zu handeln hier!?_« ertönen, und erst wenn der so von seiner

Anwesenheit in Kenntniß gesetzte Geschäftsfreund sein buntbemütztes

Haupt zum Fenster hinaussteckte und ihm herablassend mit der Pfeife

zuwinkte, trat er in tiefster Demuth ins Haus des »gnädigen Herrn« und

klopfte gleich darauf zaghaft an die Zimmerthür desselben.

Mittlerweile hatte der Studiosus Alles zusammengeschleppt, was er

nur überhaupt für irgendwie verwerthbar hielt. Beinkleider mit mehr

als zweifelhaften Sitzgelegenheiten, eine verschossene Pikesche

aus altersgrauem Sammet, Kanonenstiefel, deren Schäfte in tiefster

Zerknirschung über die Vergänglichkeit auch der besten Glanzwichse

wie geknickte Lilien das Haupt hingen. Eine ersoffene Spindeluhr,

das letzte Andenken an die Zeit auf dem Kasten (Gymnasium), welche

ihr Inhaber einmal in nächtlicher Zerstreutheit statt auf den Tisch

in das Waschbecken gesteckt hatte und die seitdem stöckisch jede

weitere Thätigkeit verweigerte. Ferner gab es ein von schöner Hand

erhaltenes Cervis mit zwar schmutzig gewordenen, aber -- was der

Hebräer auf den ersten Blick sah -- echten Goldborden. Ein Paar alte

silberne Sporen, ein noch passabler Winterüberzieher, zwei Westen und

-- vier ausrangirte Vorhemdchen. Das war es, was »unser Student« auch

einst dem alten Itzig Ephraim Rosenstiel aus Meseritz, stolz wie ein

Spanier, zum Kaufe anbot und welche Gegenstände überhaupt in der Regel

die Geschäftsverbindung zwischen Student und Trödeljude ausmachen.

Ich -- ein hoffnungsvoller Bengel von 13 Jahren -- dem »unser

Student« in guter Kameradschaft soeben den momentan hoffnungslosen

und verzweifelten Zustand seiner pecuniären Verhältnisse anvertraut

hatte, harrte voll Interesse des Geschäftsabschlusses. Wußte ich

doch, daß »unser Student« dann, im Vollgefühl seines Reichthums,

sicher einen Griff in den mammongefüllten Beutel thun und mir, dem so

mannichfach Vertrauten, einen Obulus in Gestalt eines Sechsers oder

wohl gar eines Groschens zukommen lassen würde, den mir der Vater

zum Besuche der damaligen Meßneuheit »des geschundenen Raubritters«

entschieden verweigerte. Itzig Ephraim Rosenstiel, nachdem er dem

»gnädigen Herrn« demüthig guten Tag und tausend Jahre voller Glück

und Gesundheit gewünscht hatte, brachte aber in das stolze Bewußtsein

unseres »Studenten«, solche herrliche Sachen zu besitzen, alsbald

eine bedenkliche Bresche, indem er fragte, ob der »geehrteste und

hochgelehrte Herr Baron« -- »unser Student« war das achte oder zehnte

Kindlein eines biederen Dorfpastors, der auf einen sehr bekannten Namen

hörte -- »_nichts Anderes zu handeln habe_.«

Hierauf eifriges Auseinandersetzen der Vorzüge der Verkaufsobjecte

seitens des schon weniger stolzen Besitzers, zweifelndes Kopfschütteln

und geringschätziges Prüfen der Kehrseiten der unglücklichen Hosen;

wiederholtes Hervorheben des Glanzobjectes der ganzen Ausstellung,

des Winterüberziehers; erneuertes Kopfschütteln des geschäftskundigen

Ephraims, welcher that, als ob Uhr, Sporen, beide von Silber,

Goldborden und Ueberzieher, welche er sofort als erwerbungswerth

erkannte, keinen Pfennig werth wären, und endlich die Frage: »was der

gnädige Herr Doctor« für den »Ramsch« haben wolle.

»Zehn Thaler!«

[Illustration: Verbindungströdeljude.]

Itzig Ephraim blinzelte den Verkäufer mitleidig an, faßte nach seinem

schmierigen Cylinder und erklärte feierlich, daß er darauf dem

»gnädigen Herrn« nicht bieten könne, worauf ihn derselbe »zum Teufel«

zu gehen einlud und erklärte, der nächste Concurrent Itzig’s, der sich

auf der Straße bemerkbar mache, solle die Sachen haben. Itzig Ephraim

verschwand und wir Beide sahen uns verständnißinnig an, aber noch ehe

wir unsere Bemerkungen austauschen konnten, öffnete sich ganz leise

die Thür wieder ein wenig, Itzig steckte den Kopf herein und sagte mit

flötender Stimme:

»Wollen Se nehmen zwei Thaler?«

»Nee -- machen Sie, daß Sie fortkommen!«

Die Thür öffnete sich etwas weiter.

»Wollen Se auch nischt nehmen drei Thaler vor das alte Zeug, was nischt

werth is acht gute Groschen?«

»Unser Student« schwieg verstockt und wendete sich dem Fenster zu, da

eben auf der Straße wiederum der Ruf »Nix zu handeln hier« hörbar wurde.

Aber auch Itzig Ephraim Rosenstiel hatte den Ruf vernommen und,

erschreckt ob der ihm drohenden Concurrenz, schob er seine glänzende

Person aufs Neue ins Zimmer.

»Gott wie heißt -- gnädiger un gelehrter Herr -- wollen Se verruiniren

e armen Geschäftsmann, was gekimmen is hundert Meilen von Polen, um

zu verdienen s’ Brot vor seine armen Kinder -- wollen Se nehmen finf

Thaler?«

»Unser Student« stand am Fenster und beugte sich hinaus.

»Gott -- was werden Se rufen erst e Andern, der doch nischt kann mehr

geben als ich, was wollen Se haben im Ernst?«

»Acht Thaler! Keinen Pfennig weniger!«

Itzig Ephraim streckte alle zehn Finger in die Luft und erklärte

sich für das nichtswürdigste Scheusal auf Gottes Erdboden, für einen

Rabenvater, der seinen hungernden Kindern das Brod vom Munde wegstehle,

wenn er auch nur einen Pfennig mehr als _sechs Thaler_ geben könne --

aber »_unser Student_« winkte nach unten, worauf Itzig Ephraim seinen

Arm faßte und -- sieben Thaler -- bot, ein Gebot, das der siegende

Verkäufer endlich, _jeder Zoll ein Grande_ -- annahm.

Hierauf zögernde Bezahlung, worauf Itzig auf einmal seine gute Laune

wiederfand, woraus der stolze Verkäufer zur Genüge merkte, daß er

dennoch der »Gemachte« war. Dies störte aber den großen Geist des

»gnädigen Herrn« nicht, huldvoll versprach er dem Juden auch fernerhin

seine Kundschaft, und auch meine Hoffnung wurde nicht zu Schanden.

Gewissenhaft aber trug ich den funkelnden Groschen hin, um staunend

die Geheimnisse des »geschundenen Raubritters« mit anzuschauen, wo

das dankbare Publicum auf offener Scene die darstellenden Acteure mit

Stöpel’schen _Wiener_ Würstchen fütterte und mit Lagerbier tractirte.

Fürwahr, welchem Darsteller würde es jetzt, selbst auf der größten

Bühne, so wohl, wie damals jenen ihrer Collegen in der einfachsten

Bretterbude am Roßplatz zu Leipzig?

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 23 / 71 题