Mit aus -- ge -- l -- lassner --«

»Kreide!«

»Du bist dumm! -- De Wichs is gut!«

»Jeses -- da laßt ’n doch ruhig weiter deklamiren!«

»Ja wohl! Maul halten!«

»Mit ausgelassner Freide!«

»Komm Krah -- trink erst e Mal!«

»Wenn’st de was hast! De Wichs is gut!«

Leider umgab die meisten seiner Declamationen und die mit blecherner,

meckernder Stimme von ihm nun vorgetragenen Lieder kein zarter

poetischer Duft, und müssen wir deshalb darauf verzichten, dieselben

hier, sei es auch nur zum Theile, weiter auszuführen. Der frühere

Meßonkel war in dieser Beziehung nicht so verwöhnt und wählerisch, er

liebte zeitweilig eine derbe Kost und -- -- -- Wichsekrah’s Poesie

und Prosa ließ allerdings in dieser Beziehung nichts zu wünschen

übrig. Kein Wunder, daß der ihm gespendete Beifall ein ungeheurer,

allgemeiner und aufrichtiger war, und wenn zuletzt der Tausendkünstler

seinen Gesang mit Tanz begleitete und zum Schluß gar ~à la~ Taglioni

versuchte, mit möglichst malerischer Pose das Bein zu heben, wobei ihn

ein paar hilfreiche Arme vor dem Umfallen bewahrten und er dann mit

seinem Schlußwort »De Wichs is gut!« vom Kasten herabkletterte, um den

schmierigen Cylinder von Hand zu Hand wandern zu lassen, da regnete

es nur so Groschen und Zweigroschenstücke in denselben, und mit einem

tiefen Bückling entfernte sich der so vielseitige Geschäftsmann, um

-- -- -- in der nächsten Straße sofort anderen Ulkbedürftigen in die

Hände zu fallen und sein Spiel aufs Neue zu beginnen.

»Hadje, meine Herren -- de Wichs is gut!«

Wer nun aber etwa aus dem bisher Geschilderten schließen will, daß

in Wichsekrah’s Brust blos Raum für rein commerzielle Gefühle und in

seinem Hirn nur der Erwerbssinn herrschte, der täuscht sich gewaltig,

denn auch mildere Gefühle bewegten oft genug Wichsekrah’s Busen, und

vor Allem war sein Sehnen nach der Gunst holder Weiblichkeit ein

gewaltiges, leider oft genug von seinen Hauptgönnern, den buntbemützten

Jüngern der Wissenschaften, zu allerlei tollen Streichen benutzt. In

jenen philiströsen Zeiten -- wie sie wenigstens jetzt der »aufgeklärte«

Geist nennt -- hatten die Hausmütter noch die Ansicht, daß ihre Töchter

zunächst bestimmt seien, dereinst als wackere Hausfrauen zu walten und

daß sie zu diesem Behufe vor Allem die Geschäfte und Pflichten einer

solchen von der Pike auf lernen müßten. Jede gute Mutter hätte damals,

falls es ihr Töchterlein aus Scheu vor Scheuerbürste und Waschfaß

vorgezogen hätte, wie es jetzt modern und allgemein Sitte ist, lieber

für 15—30 Mk. monatlich als elegant gekleidete Verkäuferin hinter

den Ladentischen zu stehen, lediglich um sich die Haut des zarten

Patschhändchens nicht zu verderben, dieses Töchterlein schleunigst

mit Scheuerlappen und Kehrbesen eines Anderen belehrt. Dafür saßen

die Bürgerstöchter damals aber auch Nachmittags, wenn die Wirthschaft

in voller Ordnung war, mit Vorliebe häkelnd oder strickend hinter den

sorgsam gepflegten Blumenstöckchen am Fenster und schauten nach dem

Wetter und -- -- in allen Ehren -- -- auch ein wenig nach des Landes

Söhnen und hierunter nicht am Allerwenigsten nach den mit Pikesche

oder doch mit farbiger Mütze versehenen Jünglingen aus. Hatte nun

ein solches sittsames Töchterlein durch irgend Etwas, sei es stolze

Abweisung, kleine Malicen etc. den Zorn eines Studenten erregt, so

mußte in der Regel Wichsekrah auf ganz seltsame Weise die Rache des

schnöde Verletzten, als wohlbezahlter Vertreter desselben vollziehen

und zwar auf folgende infernalische Weise.

[Illustration: Wichsekrah.]

Man wies ihm von einem sicheren Punkte aus die spröde Schöne und machte

Wichsekrah unter Beihilfe eines guten Achtgroschenstückes klar, daß die

junge Dame ihn (Krah) neulich gesehen habe und in heimlicher Liebe zu

ihm entbrannt sei. Es sei deshalb nothwendig, ja seine Ritterpflicht,

nicht gar zu sehr den Grausamen zu spielen, sondern der Liebenden

wenigstens zu zeigen, daß er sie verstehe und ihre Gefühle erwidere.

Hierauf folgten besondere Anweisungen über sein Benehmen.

Ob nun bei Wichsekrah in der That der Glauben an die Mittheilungen

des Studio Fuß faßte, oder ob es nicht vielmehr das gespendete

Achtgroschenstück und eigne Lust an einem Schabernack war, kurz

Wichsekrah ging gern auf den ausgeheckten Plan ein, postirte sich, auf

seinem Kasten Platz nehmend, gerade gegenüber dem Fenster der bedrohten

Maid und warf, sobald dieselbe nur einmal aufblickte, nicht blos die

wahrhaft schrecklich zärtlichsten Liebesblicke, sondern auch Kußhände

zu Dutzenden nach der erst ärgerlich erröthenden, dann immer zorniger

werdenden und schließlich, da Krah nicht vom Platze wich, unter einer

Thränenfluth zum Vater oder der Mutter flüchtenden Jungfrau, worauf es

Wichsekrah für gerathen fand, schleunigst das Feld zu räumen, denn mehr

als einmal war ihm für seine Gastrolle als Ritter Toggenburg, durch des

Vaters Gesellen und Lehrbuben, ein sehr ungewünschter Lohn zu Theil

geworden.

Was konnte aber der arme Wichsekrah für die heißen Gefühle seines

Mannesherzens? -- Und um diesen Gefühlen Rechnung zu tragen, war er

auch in seiner bescheidenen Häuslichkeit durch zarte Bande gefesselt.

Gegensätze ziehen sich an und berühren sich gern, sagt das Sprichwort

und wie oft große, starke Männer ihr Herz für immer an kleine, zarte

Frauen hängen, so auch umgekehrt. Das letztere war bei Wichsekrah der

Fall. Zwar waren die Bande, welche diese beiden Menschen vereinigte,

nur loser Natur und vor keinem Altar geknüpft und Standesämter gabs

damals noch nicht, auch war die zarte Hälfte keine von Jenen, welcher

jemals des Papstes Tugendrose beschieden gewesen wäre, aber -- das

genirt bekanntlich große Geister nicht -- und -- kleinen -- gehts

nichts an.

Wenn aber sonst der Mann des Weibes Beschützer zu sein pflegt, so war

dies bei Wichsekrah und seiner Gefährtin umgedreht der Fall, und wenn

er sich auch, gänzlich in Verkehrung der Thatsachen und Sachlage, ja

einmal als Haupt des Hauses fühlen wollte, so machte sie ihm sehr

schnell begreiflich, daß sie in diesem Falle die Mütze wäre, welche

noch _über_ dem Haupte sitzt.

Kam Wichsekrah von seinen Geschäftsausflügen nach Hause, so räumte sie

ihm als sorgsame Hausfrau zunächst alle Taschen gründlich aus, und wenn

er ja einmal allzu lebhaft dagegen protestirte, so zog sie ihn -- wie

die Fama berichtet -- mit zarter Hand einfach ein Wenig über die Knie

-- -- und -- -- »De Wichse is gut!« war der Schlußeffect.

Wer aber war Wichsekrah eigentlich und was wurde aus ihm?

Julius Alexander _Grahn_, genannt Wichsekrah, war im Jahre 1822 in

Leipzig geboren. Sein im Jahre 1849 verstorbener Vater war Zeichner,

kam aber gänzlich herunter und fiel der Armenanstalt zur Last. Seine

öffentlichen Declamationen gelegentlich seines Hausirhandels mit

Wichse, Pomade und Streichhölzern wurden ihm wiederholt von der

Behörde untersagt, worüber er sich in der Nummer vom 18. October 1861

des Tageblattes öffentlich beschwerte. Diese Annonce hatte folgenden

Wortlaut:

Wie kommt es denn, daß die Herrn mir Alles verbieten -- wollten?

Der Leipziger Wichs-General. J. A. Grahn.

Er starb am 6. September 1881 im hiesigen Armenhause.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 22 / 71 题