Der damalige Meßfremde.
_Der »Meßfremde«_, in keiner Weise identisch mit dem jetzt gleich
einem flüchtigen, oft nur scheinbar glänzenden Meteor nur auf
Tage die Messe besuchenden »Meßonkel«, war im Gegensatz zu diesem
leichtlebigen, anspruchsvollen, über alles raisonnirenden, oft nur
dem Vergnügen huldigenden und ebenso schnell, wie er gekommen, wieder
verschwindenden, unbeständigen Meßbesucher -- ein Mann von soliden
Grundsätzen. Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit bezüglich der
Meßquartiere und Toleranz gegen mäßige Meßpreise und entsprechend
verkleinerte Beefsteaks, sowie den damals noch weitberühmten
sächsischen Kaffee war seine lobenswerthe Eigenschaft. Er nahm es nicht
übel, wenn er für das Bett in einem Zimmer des 4. Stockes, welches
Zimmer außer ihm noch zwei, drei andre »Meßfremde« zur Nachtzeit
bewohnten, für die Nacht drei Mark bezahlen mußte, und fiel nicht vor
Schreck auf den Rücken, wenn er des Morgens seine Stiefel nur mit
Studentenwichse (Speichel) nothdürftig gewichst fand. Wußte er doch,
daß im Uebrigen seine »Wirthsleute« Alles thaten, was sie ihm an den
Augen absehen konnten; und war erst der ärgste »Meßtrubel« vorüber
und die Masse der großen Einkäufer wieder abgereist, dann avancirte
er ohne Preiserhöhung zum Selbst- und Alleinherrscher in seiner
Stube, die Wirthin kochte ihm seine Lieblingsgerichte. Der Kaffee
wurde nicht mehr gar so sehr »in die Länge« gezogen, er trat in den
Alleinbesitz eines pfundschweren Hausschlüssels, den er sich wegen
der Größe und des Gewichtes desselben in den auf seiner Kehrseite
befindlichen Hosenriegel schnallte, und schäkerte gern mit den ihn
»Onkel« anredenden Kindern seines Gastfreundes, selbst wenn dieselben
nicht weiblichen Geschlechtes und jünger als 16 Jahre waren. Schon sein
ganzes Aeußere bei seiner Ankunft machte einen vertrauenerweckenden,
soliden Eindruck. Seine Hauptkennzeichen waren im Sommer langer
Gehrock und hochgeschlossene Weste mit massivgoldener Uhrkette nebst
daran hängendem Petschaft, niedrige Reisemütze mit breitem Schild,
Regenschirm, Cylinderhutschachtel, Geldkatze, bescheidene Vatermörder
mit schwarzseidenem Halstuch und dickbauchige Reisetasche mit den
aufgestickten Worten »~Bon voyage~« oder »~Au revoir~«; im Winter kam
ein mächtiger Reisepelz, Pelz- oder lange Filzstiefel oder Fußsack
(letzterer wieder mit Stickerei versehen), sowie ein dicker, 3—4
Ellen langer gestickter Shawl hinzu, dessen Enden ihm malerisch bis
auf die Knie herabfielen. Den Platz der Sommermütze hatte dann eine
runde Pelzmütze eingenommen. So entstieg er pustend, aber munter
und beweglich, dem Post- oder Eisenbahnwagen, mit nie fehlender
Pünctlichkeit empfangen von seinem über das ganze Gesicht lachenden
erzgebirgischen »Meßhelfer«, der nun hinter seinem »Herrn« mit dem
Gepäck ins »Logis« trabte. Hier fand nun feierlicher Empfang statt,
der »Meßfremde« schälte sich aus und hörte nun ebenso gewissenhaft
den Rapport seines »Wirthes« über etwaigen neuen Familienzuwachs oder
sonstige intimere Familienereignisse mit an, wie er selbst gewissenhaft
über die Seinen zu Hause rapportirte; denn der »Meßfremde« wohnte oft
wieder in derselben Familie, in welcher schon sein Vater gewohnt hatte,
und oft verband die beiden Familien langjährige, enge Freundschaft.
Nachdem sich der »Meßfremde« von den Strapazen der Reise erholt hatte,
ging es sofort an die Arbeit, denn obwohl er meist schon Mittwoch
oder höchstens Donnerstag vor der »Vorwoche« eingetroffen war, gab es
doch scharf zu thun. Da mußte der »Meßzoll« (pro Centner 25 Pfennige)
erlegt, die Ballen und Kisten angenommen und controlirt und dann --
zunächst hinter verschlossenen Ladenthüren -- ausgepackt werden.
Daneben gab es die langjährigen Nachbarn, welche ebenfalls aus allen
Richtungen der Windrose eintrafen, zu begrüßen, um Abends todtmüde in
den »Kahn« oder »Gondel« zu fallen. Freitags und Sonnabends trafen
bereits die »Einkäufer« ein, machten ihre Runden, drangen bis in die
dunkelsten Winkel der Höfe, und Montags ging das Geschäft los. Da wurde
geprüft und untersucht, geschachert und gefeilscht, die dickleibigen
Brieftaschen der Einkäufer wurden schlanker und zusehends dünner,
dagegen füllten sich die Geldkatzen der Verkäufer. Alle Quartiere
waren doppelt und dreifach belegt, die Hotels und Gasthöfe bis auf
den letzten Vorsaalplatz besetzt, und in den Judenherbergen in den
Hinterhäusern des Brühls und der Ritterstraße lagen die Söhne Israels
schichtenweise zur Nachtzeit neben- und aufeinander. Alles arbeitete,
hastete, lachte, scherzte, denn Alles verdiente Geld, und »Leben und
leben lassen« war der allgemeine Wahlspruch. Waren aber die »großen
Einkäufer« wieder verschwunden und die Vorwoche zu Ende, so stellte
sich zur nun kommenden Meßwoche die »kleine Kundschaft aus der Provinz«
ein. Diese treuesten aller Kunden brachten ebenfalls straffe Beutel
mit, beglichen ihre alten Conten und belasteten dieselben durch neue
Einkäufe. Das Geschäft war hier ein glattes, auf gegenseitigem, durch
langjährige Verbindung begründetem Vertrauen basirend. Immer noch war
die Arbeit eine scharfe, angestrengte, denn wenn sich auch die zweite
Woche ihrem Ende zuneigte, die »Kunden« seltener wurden, fehlte es
doch nicht am Geschäft. Es stellten sich die Männer mit der scharf
ausgeprägten Physiognomie ein. Sie fragten nach »ä Pöstchen _Waare_«
oder »_ä Ramschpöstchen, er kann sein groß_ oder _klein_« -- und
dann neigte sich die Engrosmesse ihrem Ende zu, und die Arbeit ließ
bedeutend nach.
Jetzt ging aber auch mit dem »Meßfremden« eine bedeutende Umwandlung
vor. Er häutete sich geradezu.
Er steckte eine unternehmende, ja kecke Miene heraus; kam der Abend
heran, so legte er »den guten Anzug« an, steif gestärkte Vatermörder,
von einer leichtfertigen bunten Halsbinde lose umschlossen, schauten
über die großgeblumte seidene Weste mit dem breiten Kragen; in
der Mitte des Vorhemdchens prangte eine ungeheure Busennadel, der
langschößige solide Rock verschwand, und ein »Schniepel« (Frack)
oder kurzer Rock mit breitem Revers umhüllte nur flüchtig seine
Hüften. Breite Galons und straffe Stege zierten die hellen Hosen,
ein schwindelhaftes Fischbeinstöckchen ersetzte den soliden
Familienregenschirm, und der nach oben kühn geschweifte Cylinderhut
hielt aus der Tiefe seines Futterals seine Auferstehung. Haupthaar
und Backenbart erhielten durch Brenneisen und Bürsten sanfte
Kräuselungen und einen kühnen Schwung, der Trauring marschirte in die
Tiefen der Westentasche und -- -- -- der »Meßfremde« stürzte sich
-- in den darauffolgenden Tagen am chronischen Kater leidend -- mit
Todesverachtung in die Freuden und Genüsse der Messe, heute hier --
morgen da »den Affen loslassend« bis das allmälige Verschwinden fast
aller Einkäufer und auch etwas »moralischer Katzenjammer« ihn wieder
solideren Bahnen zulenkte und er -- den Trauring wieder ordnungsgemäß
placirend -- dem verführerischen, aber, ach, so gemüthlichen Leipzig
wieder einmal Ade sagte, schon im Voraus die Wochen berechnend, welche
vergehen mußten, ehe er hier wieder seinen Einzug halten konnte.