XIV.

Der damalige Meßfremde.

_Der »Meßfremde«_, in keiner Weise identisch mit dem jetzt gleich

einem flüchtigen, oft nur scheinbar glänzenden Meteor nur auf

Tage die Messe besuchenden »Meßonkel«, war im Gegensatz zu diesem

leichtlebigen, anspruchsvollen, über alles raisonnirenden, oft nur

dem Vergnügen huldigenden und ebenso schnell, wie er gekommen, wieder

verschwindenden, unbeständigen Meßbesucher -- ein Mann von soliden

Grundsätzen. Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit bezüglich der

Meßquartiere und Toleranz gegen mäßige Meßpreise und entsprechend

verkleinerte Beefsteaks, sowie den damals noch weitberühmten

sächsischen Kaffee war seine lobenswerthe Eigenschaft. Er nahm es nicht

übel, wenn er für das Bett in einem Zimmer des 4. Stockes, welches

Zimmer außer ihm noch zwei, drei andre »Meßfremde« zur Nachtzeit

bewohnten, für die Nacht drei Mark bezahlen mußte, und fiel nicht vor

Schreck auf den Rücken, wenn er des Morgens seine Stiefel nur mit

Studentenwichse (Speichel) nothdürftig gewichst fand. Wußte er doch,

daß im Uebrigen seine »Wirthsleute« Alles thaten, was sie ihm an den

Augen absehen konnten; und war erst der ärgste »Meßtrubel« vorüber

und die Masse der großen Einkäufer wieder abgereist, dann avancirte

er ohne Preiserhöhung zum Selbst- und Alleinherrscher in seiner

Stube, die Wirthin kochte ihm seine Lieblingsgerichte. Der Kaffee

wurde nicht mehr gar so sehr »in die Länge« gezogen, er trat in den

Alleinbesitz eines pfundschweren Hausschlüssels, den er sich wegen

der Größe und des Gewichtes desselben in den auf seiner Kehrseite

befindlichen Hosenriegel schnallte, und schäkerte gern mit den ihn

»Onkel« anredenden Kindern seines Gastfreundes, selbst wenn dieselben

nicht weiblichen Geschlechtes und jünger als 16 Jahre waren. Schon sein

ganzes Aeußere bei seiner Ankunft machte einen vertrauenerweckenden,

soliden Eindruck. Seine Hauptkennzeichen waren im Sommer langer

Gehrock und hochgeschlossene Weste mit massivgoldener Uhrkette nebst

daran hängendem Petschaft, niedrige Reisemütze mit breitem Schild,

Regenschirm, Cylinderhutschachtel, Geldkatze, bescheidene Vatermörder

mit schwarzseidenem Halstuch und dickbauchige Reisetasche mit den

aufgestickten Worten »~Bon voyage~« oder »~Au revoir~«; im Winter kam

ein mächtiger Reisepelz, Pelz- oder lange Filzstiefel oder Fußsack

(letzterer wieder mit Stickerei versehen), sowie ein dicker, 3—4

Ellen langer gestickter Shawl hinzu, dessen Enden ihm malerisch bis

auf die Knie herabfielen. Den Platz der Sommermütze hatte dann eine

runde Pelzmütze eingenommen. So entstieg er pustend, aber munter

und beweglich, dem Post- oder Eisenbahnwagen, mit nie fehlender

Pünctlichkeit empfangen von seinem über das ganze Gesicht lachenden

erzgebirgischen »Meßhelfer«, der nun hinter seinem »Herrn« mit dem

Gepäck ins »Logis« trabte. Hier fand nun feierlicher Empfang statt,

der »Meßfremde« schälte sich aus und hörte nun ebenso gewissenhaft

den Rapport seines »Wirthes« über etwaigen neuen Familienzuwachs oder

sonstige intimere Familienereignisse mit an, wie er selbst gewissenhaft

über die Seinen zu Hause rapportirte; denn der »Meßfremde« wohnte oft

wieder in derselben Familie, in welcher schon sein Vater gewohnt hatte,

und oft verband die beiden Familien langjährige, enge Freundschaft.

Nachdem sich der »Meßfremde« von den Strapazen der Reise erholt hatte,

ging es sofort an die Arbeit, denn obwohl er meist schon Mittwoch

oder höchstens Donnerstag vor der »Vorwoche« eingetroffen war, gab es

doch scharf zu thun. Da mußte der »Meßzoll« (pro Centner 25 Pfennige)

erlegt, die Ballen und Kisten angenommen und controlirt und dann --

zunächst hinter verschlossenen Ladenthüren -- ausgepackt werden.

Daneben gab es die langjährigen Nachbarn, welche ebenfalls aus allen

Richtungen der Windrose eintrafen, zu begrüßen, um Abends todtmüde in

den »Kahn« oder »Gondel« zu fallen. Freitags und Sonnabends trafen

bereits die »Einkäufer« ein, machten ihre Runden, drangen bis in die

dunkelsten Winkel der Höfe, und Montags ging das Geschäft los. Da wurde

geprüft und untersucht, geschachert und gefeilscht, die dickleibigen

Brieftaschen der Einkäufer wurden schlanker und zusehends dünner,

dagegen füllten sich die Geldkatzen der Verkäufer. Alle Quartiere

waren doppelt und dreifach belegt, die Hotels und Gasthöfe bis auf

den letzten Vorsaalplatz besetzt, und in den Judenherbergen in den

Hinterhäusern des Brühls und der Ritterstraße lagen die Söhne Israels

schichtenweise zur Nachtzeit neben- und aufeinander. Alles arbeitete,

hastete, lachte, scherzte, denn Alles verdiente Geld, und »Leben und

leben lassen« war der allgemeine Wahlspruch. Waren aber die »großen

Einkäufer« wieder verschwunden und die Vorwoche zu Ende, so stellte

sich zur nun kommenden Meßwoche die »kleine Kundschaft aus der Provinz«

ein. Diese treuesten aller Kunden brachten ebenfalls straffe Beutel

mit, beglichen ihre alten Conten und belasteten dieselben durch neue

Einkäufe. Das Geschäft war hier ein glattes, auf gegenseitigem, durch

langjährige Verbindung begründetem Vertrauen basirend. Immer noch war

die Arbeit eine scharfe, angestrengte, denn wenn sich auch die zweite

Woche ihrem Ende zuneigte, die »Kunden« seltener wurden, fehlte es

doch nicht am Geschäft. Es stellten sich die Männer mit der scharf

ausgeprägten Physiognomie ein. Sie fragten nach »ä Pöstchen _Waare_«

oder »_ä Ramschpöstchen, er kann sein groß_ oder _klein_« -- und

dann neigte sich die Engrosmesse ihrem Ende zu, und die Arbeit ließ

bedeutend nach.

Jetzt ging aber auch mit dem »Meßfremden« eine bedeutende Umwandlung

vor. Er häutete sich geradezu.

Er steckte eine unternehmende, ja kecke Miene heraus; kam der Abend

heran, so legte er »den guten Anzug« an, steif gestärkte Vatermörder,

von einer leichtfertigen bunten Halsbinde lose umschlossen, schauten

über die großgeblumte seidene Weste mit dem breiten Kragen; in

der Mitte des Vorhemdchens prangte eine ungeheure Busennadel, der

langschößige solide Rock verschwand, und ein »Schniepel« (Frack)

oder kurzer Rock mit breitem Revers umhüllte nur flüchtig seine

Hüften. Breite Galons und straffe Stege zierten die hellen Hosen,

ein schwindelhaftes Fischbeinstöckchen ersetzte den soliden

Familienregenschirm, und der nach oben kühn geschweifte Cylinderhut

hielt aus der Tiefe seines Futterals seine Auferstehung. Haupthaar

und Backenbart erhielten durch Brenneisen und Bürsten sanfte

Kräuselungen und einen kühnen Schwung, der Trauring marschirte in die

Tiefen der Westentasche und -- -- -- der »Meßfremde« stürzte sich

-- in den darauffolgenden Tagen am chronischen Kater leidend -- mit

Todesverachtung in die Freuden und Genüsse der Messe, heute hier --

morgen da »den Affen loslassend« bis das allmälige Verschwinden fast

aller Einkäufer und auch etwas »moralischer Katzenjammer« ihn wieder

solideren Bahnen zulenkte und er -- den Trauring wieder ordnungsgemäß

placirend -- dem verführerischen, aber, ach, so gemüthlichen Leipzig

wieder einmal Ade sagte, schon im Voraus die Wochen berechnend, welche

vergehen mußten, ehe er hier wieder seinen Einzug halten konnte.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 18 / 71 题