Die innere Stadt zur Messe vor 40 Jahren.
Bei den jetzigen Anstrengungen, welche man in anerkennenswerther
Weise macht, um die Leipziger Messen wieder zu heben und den früheren
Verkehr, wenn auch nur annähernd, wieder herbeizuführen, dürfte es
gewiß Jedermann interessiren, einen Blick auf das Leben und Treiben
innerhalb unseres Leipzig zur Meßzeit um 40 Jahre zurückzuwerfen. Wer
den damaligen Verkehr, der bis zum Anfang der sechziger Jahre unseres
Jahrhunderts fortwährend stieg, um allerdings dann durch den Ausbau
des Eisenbahnnetzes und andere gewichtige Factoren, bis zur Mitte
der siebziger Jahre erst allmälig, dann aber, hauptsächlich wohl mit
veranlaßt durch allerlei verkehrte und den freien Verkehr hemmende
Maßregeln, rapid abzunehmen, nicht mit eigenen Augen gesehen hat,
vermag sich wohl kaum noch einen Begriff von demselben zu machen, und
deshalb soll eine möglichst genaue Schilderung desselben in diesen
Blättern den jetzigen und vielleicht auch späteren Generationen ein
Bild von demselben geben. Wenn wir sagen, daß in der inneren Stadt
z. B. jedes Haus bis in seine entferntesten Winkel dazu eingerichtet
war, Meßzwecken zu dienen, so mag Mancher dies jetzt für arge
Uebertreibung halten, und doch war es nicht blos in der That so,
sondern -- was die Hauptsache ist -- diese entferntesten Winkel waren
auch mit Verkäufern besetzt und wurden mit horrenden Miethpreisen
bezahlt. Es ist natürlich, daß zu jener Zeit die Besitzer von Häusern
der inneren Stadt thatsächlich im Besitz der »goldene Eier« legenden
Henne waren und an jene Zeiten mit Wehmuth und voller Groll auf die
Jetztzeit zurückdenken. Gab es doch Grundstücke, welche durch ihre
Meßvermiethungen riesige Erträge abwarfen, und wenn z. B. zu jener
Zeit Auerbach’s Hof _zu jeder Stunde_, Tag und Nacht, _das ganze Jahr
über gerechnet_, einen Doppellouisdor eingebracht haben _soll_, was
ungefähr jährlich 300000 Mark beträgt, so ist dies ganz sicher nicht
das einzige, ja höchst wahrscheinlich noch gar nicht das einträglichste
Grundstück gewesen. Gab es doch Häuser, in denen sich, wie im Hotel de
Pologne, Elephant, goldnen Hahn, Anker, gr. Joachimsthal, Mauricianum
etc. etc. Hunderte von Ständen und Verkaufsgewölben -- ferner das
alte Gewandhaus mit seiner riesigen Anzahl von Tuchständen auf den
sogenannten Tuchböden -- befanden, und einfache Hofstände wurden mit
4—500 Mark pro Messe, kleinere Läden mit 8—1200 Mark und große Gewölbe
mit 1500 bis 2000 Mark _für die Hauptmesse_ bezahlt. Ja selbst in der
nie zu der Größe der Hauptmessen gekommenen, nur zwei Wochen währenden
Neujahrsmesse war der Verkehr immer noch ein vielfach stärkerer, als
jetzt zu den Hauptmessen. Aber alle diese Hausstände und Läden genügten
noch bei Weitem nicht für den riesigen Engrosverkehr, denn es waren
noch alle Straßen und Plätze mit Buden für die kleineren Fabrikanten
und Grossisten besetzt, und in den Hauptstraßen befanden sich
Waarenlager bis in die dritten und vierten Stockwerke der Häuser.
Dabei hatte jede Branche ihre bestimmten Straßen inne. Die Grimmaische
Straße, in welcher Verkaufsstände und Buden fast die Hälfte der
Straßenbreite vom Grimmaischen Thor bis zum Markt einnahmen, enthielt
die Lager der Damenconfection, der Herrenconfection, Blumenfabriken,
Gold- und Silber- und Bijouteriewaarenfabrikanten, sowie Hüte, Mützen
und Kunsthandlungen (Bilder). Im Mauricianum hielten Hunderte von
Lederhändlern, ebenso im rothen Colleg und der ganzen Ritterstraße,
welche noch Buden für Kunstleder, Schäftefabriken, Nähnadeln und
Zwirngrossohändler trug. Der Nicolaikirchhof und die Nicolaistraße
waren mit rheinländischen und Lausitzer Posamenten, Apoldaer Strumpf-
und Phantasie-Wollartikeln, sowie sächsischen Baumwollwaaren besetzt.
Im Salzgäßchen domicilirten sächsische Cravatten-, Cachenez- und
Taschentücherfabriken und Grossisten, im Goldhahngäßchen Chemnitzer
Damaste und Berliner Chales und Tücher. In der Reichsstraße standen die
großen Firmen der Manufacturwaarenbranche aus Greiz, Gera, Glauchau,
Meerane, sowie solche, die englische und sächsische Lüsters und Orleans
führten; in den Höfen und Durchgängen, sowie im Böttchergäßchen wurden
Hohenstein-Ernstthaler Westen, Bett- und Tischdecken, Teppiche und
Läuferstoffe, baumwollene Cords und Hosenstoffe, Lamas und Flanelle,
sowie Möbelplüsche feilgehalten. In der Katharinenstraße waren die
großen Lager Eilenburger und Berliner Kattune und Piqués, die Lausitzer
Leinwand-, Gedeck- und Handtuchfabrikanten, Shlipse und Cravatten,
Drelle und Bettzeuge zu finden. Im Brühl von der Reichsstraße bis zur
Hainstraße befanden sich schweizer und englische, sowie sächsische
Gardinen, Crefelder und Berliner Seidenwaaren und Sammete, Jupons und
Schürzen, sowie Breslauer und Berliner Futterstoffe, im untern Brühl
bis zur Ritterstraße der riesige Rauchwaaren-, Fell-, Borsten- und
Därmehandel, sowie der jüdische Trödelmarkt, letzterer auf hunderterlei
Ständen mit ebensovielerlei alten und neuen Gegenständen. Einen
geradezu riesigen Complex aber nahmen die noch jetzt zahlreichen
Tuch- und Buckskin- und Confectionsstofffabriken und Grossisten
damals ein. Alle Höfe und Durchgänge von der Katharinen- nach der
Hainstraße, von dieser bis zur Fleischergasse und wieder von dieser
bis zum Neukirchhof, auf welchem sich noch Hunderte von Ständen in
Buden befanden, sowie sämmtliche Läden der genannten Straßen waren
mit dieser Branche bis in die kleinsten Winkel besetzt. In den
großen Läden der Hainstraße dominirten die Berliner Weltfirmen der
Confectionsstoffbranche, welche oft mit einem Apparat von über einem
Dutzend Leuten, bestehend aus Chef, Procurist, Buchhalter, Commis,
Lehrlingen und Markthelfern, zu denen sie aber noch ein anderes Dutzend
Packer und Meßhelfer hier engagirten, zur Messe kamen. Das Gewicht
der Waaren, welche diese Häuser, wie Jacob Landsberger, Reinhold
Wolff und Co., Rosenstiel Söhne, Morgenstern Söhne etc., hierher mit
zur Messe brachten, betrug Hunderte von Centnern, und bereits Wochen
vor der Messe trafen Ladungen derselben hier ein. Vor uns liegt die
Specificirung der Meßspesen eines solchen Geschäftes, dieselben
betrugen für _eine einzige_ Michaelismesse in ihrer Gesammtheit
3215 Thaler 28 Neugroschen, also fast 10000 Mark; dabei ist jedoch
ausdrücklich bemerkt, daß in dieser Summe die Gehalte des mitgebrachten
Personals nicht mit inbegriffen waren. Diese Geschäfte führten Alles,
was zur Herren- und Damenconfection (die Confection erstreckte sich
damals bei Damen nur auf Mäntel etc., nicht auf Kleider) gehörte:
Buckskins aller Art, Tuche, Ratiné, Double, Krimmer, Plüsche etc. bis
herab zu den Cloths. Welchen Meßumsatz ein derartiges Haus machen
mußte, um nur erst die Spesen zu verdienen, kann sich wohl Jeder
leicht vorstellen. Sie verdienten aber nicht blos die Spesen, sondern
mehr.
[Illustration: Die Katharinenstraße zur Messe Anno 1850.]
Im großen Joachimsthal, Stern und Hotel de Pologne standen die Tuch-
und Buckskinhändler aus Aachen, Verviers, Quedlinburg und Berlin,
in den anderen Häusern und Straßen, sowie auf dem Neukirchhof die
Fabrikanten aus Cottbus, Spremberg, Forst, Sorau, Crimmitschau und
Werdau. Die kleineren Fabrikanten feiner Tuche standen seltsamerweise
weit von ihren Collegen entfernt und zwar auf dem Neumarkt und im
Gewandhaus. Es waren dies die aus Roßwein, Leisnig und Döbeln. Auf der
oberen Hälfte des Neumarktes standen die Antiquare, in den Höfen und
Hausfluren die Gemäldehändler. Die Petersstraße war damals nur wenig
geschäftlich belebt, es saßen deshalb rechts und links auf derselben
die Obsthändler. Auf dem Marktplatz fanden sich Spielwaaren, Geigen-
und Instrumentenfabriken, Annaberger geklöppelte Spitzen, Marmor-,
Glas- und Meerschaumwaaren und tausenderlei Anderes, im Thomasgäßchen
Pariser Bijouterien, Schweizer Weißwaaren und Spielwaaren. Auf dem
Thomaskirchhof befanden sich die Eisen- und Kurzwarenhändler.
So waren in der inneren Stadt die Branchen vertheilt, dabei fand ein
fortwährendes Gewühl und Gedränge statt: vor den Geschäftslocalen
standen trotz der die Straßen ohnehin sehr beengenden Buden noch
Pyramiden von Kisten und Waarenballen, und auf dem schmalen, nun noch
übrigen Fahrweg schlängelten sich hin- und herschleudernde Schleifen,
Roll- und Lastwagen, Droschken und Handwagen im bunten Knäuel
durcheinander. Arbeiten -- feste arbeiten! war die Losung während der
Vor- und Engroswoche, und wenn Abends spät in den Geschäften endlich
die Läden vorgesetzt wurden und der Andrang der Käufer für den Tag
zu Ende war, dann ging das Zusammenstellen der Commissionen, das
Registriren, Facturiren, Copiren, Vergleichen und Verpacken los,
denn am Tage war dazu keine Zeit, und oft schliefen die Ermüdeten die
wenigen verbleibenden Stunden auf den Ballen. Aber »der Alte« ließ sich
in dieser Zeit schwerer Arbeit »nicht lumpen«, es gab Bier, Kaffee,
Punsch und kalte Küche im Ueberfluß, und die »Meßgratification« war
auch nicht zu verachten.
Wo sind jetzt jene Zeiten? Längst und wohl für immer vergangen! -- --
Die Buden verschwanden von den Straßen, die sonst so belebten Höfe
stehen meist leer, die Regaleinrichtungen in den Hausfluren verfallen,
und die früher so beschäftigten Ballenaufzüge in den großen Durchgängen
strecken betrübt ihren Arm in die Luft. Daß bei solchem Verkehr und
den kolossalen Geschäftsumsätzen natürlich auch eine Menge Menschen
ihre Existenz fanden, ist einleuchtend. So kamen speziell aus den
ärmeren Gegenden des Erzgebirges und Vogtlandes zu jeder Messe Hunderte
von Leuten mit ihrem Schiebebock (einrädriger Handwagen) und der
hölzernen Trage zu Fuß nach Leipzig, lösten sich für wenige Groschen
bei der Behörde einen Arbeitsschein, wurden registrirt und erhielten
nun eine um den linken Arm zu tragende Blechmarke mit ihrer Nummer.
Diese Leute traten nun als Packer oder Meßhelfer bei den Fremden in
Dienst, erhielten zwei Thaler pro Tag und kehrten nach der Messe ebenso
wieder zu Fuß, diesmal aber mit einem hübschen Sümmchen ersparten
Verdienstes, in ihre Heimath zurück. Sie waren treu und ehrlich und
meist viele Jahre bei demselben »Meßfremden« thätig. Solcher Existenzen
aber gab es vielerlei, und so verbreitete die Leipziger Messe ihren
Segen tausendfältig bis weit in die Ferne. Aber auch die Leipziger
Gewerbe fanden durch die Messe und ihren riesigen Verkehr reichlichen
Absatz. Zimmerleute zum Aufbau der tausenden von Meßbuden, Tischler und
Schlosser zu den Regalen, Firmenschreiber, Schneider und Schuhmacher,
alle, alle mußten zur Messe mit verstärkten Kräften oft Tag und Nacht
arbeiten.
Vom Bäuerlein, das zur Messe mit seinen Gäulen kam, um bei Spediteuren
oder dem Rollfuhrverein in den Dienst zu treten, bis zum Rußbuttenmann
und dem Verkäufer des »Wach--holder--beer--saft«, von der armen Wittwe,
die zur Messe mit Kind und Kegel in der ärmlichen Küche auf der nur
nothdürftig mit Stroh bedeckten Diele schlief, um ihre Stube einem
»Meßfremden« einzuräumen, bis zum Hotel I. Ranges -- Alle fanden Brot
und Nahrung von der Leipziger Messe.