Wichsekrah!
Einer der beliebtesten und drolligsten Volksoriginale der damaligen
Zeit in Leipzig war ein kleiner kaum vier Fuß hoher Mann, im
Volksmunde »Wichsekrah« genannt und unter diesem Namen nicht blos den
Einheimischen, sondern auch fast allen regelmäßigen Meßbesuchern wohl
bekannt. Seine zwerghafte aber keineswegs verwachsene Person steckte
stets in einem abgetragenen schwarzen Anzug, Rock mit langen Schößen,
Weste und meist viel zu langen Hosen. Sein verhältnißmäßig viel zu
großer Kopf, auf dem er stets einen mehr oder minder abgeschabten
Cylinderhut trug, war nur von spärlichem Haar bedeckt, eine dicke,
ziemlich lange Nase saß in dem schwammigen, finnigen Gesicht und den
großen breiten Mund mit den wulstigen Lippen beschattete eine Anzahl
Haare zweifelhafter Farbe, welche Wichsekrah in ihrer Gesammtheit
mit dem Namen Schnurrbart beehrte: doch behaupteten seine besonderen
Gönner, insbesondere die stets zu allerlei Allotria aufgelegten
Studios, es seien die Motten in diese defecte und lückenhafte
Manneszierde hineingekommen. Ein Vorhemdchen, dessen Weiße niemals
zweifelsohne war, und dessen Hüftbänder ihm consequent unter den
Rockschößen hervorbaumelten, bedeckte die breite Heldenbrust des
kleinen Mannes, und ein Paar ebenfalls bezüglich ihrer Farbe zwischen
dem Weiß der Unschuld und einem soliden Schmutziggrau schwankende
Vatermörder umschlossen, festgehalten durch ein altes zerknittertes
Halstuch, den Hals Wichsekrah’s.
Wenn wir nun noch hinzufügen, daß derselbe infolge einer Angewohnheit
den Kopf ein wenig nach links geneigt trug, wodurch der linke
Vatermörder stets traurig, einer geknickten Lilie gleich, seine Spitze
abwärts senkte, während die des rechten kühn in die Lüfte starrte, so
haben wir mit historischer Treue das Bild unseres Helden der jetzigen
und den späteren Generationen vor die Augen geführt. -- -- Halt! Noch
Eines fehlt! Eines -- ohne welches Wichsekrah eben nicht Wichsekrah
gewesen wäre, eines -- ohne welches man ihn nie sah -- das zu ihm
gehörte wie die Sohle zum Stiefel und der Kaftan zum polnischen Juden.
Dieses Eine war -- sein Kasten; ein ziemlich großer, sehr fester
Holzkoffer, den sein Besitzer stets an einem breiten Lederbande,
welches er über die Brust und Schulter hängte, mit sich herumtrug.
Dieser Kasten, viel zu groß für seine angeblichen Zwecke, als
Behälter der wenigen Schachteln und Büchsen mit Wichse, Pomade und
Streichhölzern, mit welchen Gegenständen Wichsekrah handelte, war denn
auch zu Höherem bestimmt, denn -- er war das Podium eines ausübenden
Künstlers, Declamators, Sängers und -- -- Tänzers, als welcher sich
einem verehrungswürdigen, kunstliebenden Publicum, mochte dasselbe nun
aus halbwüchsigen Jungen, auf den Katerbummel begriffenen Studios oder
ulklustigen Meßonkels bestehen, wenn es nur irgend Geld einbrachte,
Wichsekrah sich entpuppte. Wichsekrah war trotz seines nicht sehr
geistreichen Aussehens und der dämlichen Miene, welche er in der Regel
aufsteckte, ein ganz aufgeweckter, heller Junge und in erster Linie
Geschäftsmann.
»Vor Nischt -- is Nischt! -- Die Wichs is gut!« war sein heimlicher
Wahlspruch, und der Zusatz »De Wichs is gut« war ihm so zur Gewohnheit
geworden, daß er überhaupt jeden Satz, jede Rede und Declamation,
ja sogar seine Leistungen auf dem Gebiete Terpsichorens stets und
unwiderruflich damit schloß. Leider stieß er beim Sprechen etwas
mit der Zunge an, was seine rhetorischen Leistungen einigermaßen
beeinträchtigte. An gewöhnlichen ruhigen Tagen war Wichsekrah nur
selten zu sehen, er besuchte dann höchstens ab und zu die Kneipen
der Studentenschaft, aber wenn irgendwo zu einem Feste die Massen
zusammenströmten, hauptsächlich aber wenn Tausende von Meßfremden
die Straßen bevölkerten, dann fehlte auch Wichsekrah niemals und je
lebhafter es zuging, desto mehr war er in seinem Element, desto mehr
ging er aus sich heraus, desto größer war er in seinen Leistungen.
»Hollah -- da is Wichsekrah! -- Wichsekrah Hurra! Declamire mal --
willst ne feine Habbannah?«
Der Angeredete blinzelte unter seinen buschigen Brauen die ihn auf
diese Art Anredenden grüßend und schläfrig listig an.
»Wennst de eene hast?« schmunzelte er dann vergnügt, wenn die Prüfung
wenigstens mittelmäßig befriedigend ausgefallen war. »De Wichs is gut!«
»Hier -- eine ganz feine!«
Krah betrachtete die erhaltene Cigarre mißtrauisch eine Weile.
»De hast doch kee Feierwerk neingethan? De Wichs is gut.«
»I -- wo -- aber nu declamire ooch e mal -- -- --«
Aber Wichsekrah kannte seine Verehrer, hier war außer der Cigarre
sicher nichts Baares zu holen, eine Cigarre aber war nischt und »vor
Nischt is Nischt«. Er steckte deshalb auch die Giftnudel, als was er
sie sofort erkannte, ruhig ein, sagte:
»Danke -- de Wichs is gut!« und trollte weiter, den etwas verblüfften
Cigarrenspender mit Gelassenheit dem spöttischen Gelächter seiner
Genossen preisgebend.
Es ist am Ende der Engroswoche. Die Vorwoche der Messe mit ihren
zur Zusammenstellung und Verpackung der massenhaften Verkäufe
durchgearbeiteten Nächten ist vorüber, und das Engrosgeschäft
neigt sich seinem Ende zu. Die stillen Tage beginnen und vor den
Geschäftslocalen stehen die Chefs und Commis in rosiger unternehmender
Laune, denn die Messe war gut und der Umsatz ein bedeutender, kein
Wunder, daß Scherz und allerlei Ulk getrieben wird, zumal die fremden
Verkäufer einander seit vielen Jahren kennen und hier zusammen hausen.
Da kommt Wichsekrah mit seinem Kasten auf dem Rücken, einen qualmenden
Cigarrenstummel im Mundwinkel, langsam dahergebummelt, und im Nu ist er
von dem fidelen Chorus regelrecht gestellt.
»Guten Tag, meine Herren -- scheene Wichse, Pommade, Streichhelzer --
de Wichs is gut!«
»Bravo Wichsekrah! Declamiren! Rede reden! Singen -- was macht die
Wichse?«
»De Wichs is gut!«
Allgemeines Gelächter und erneute Aufforderungen zur Vorführung seiner
Künste.
»De Bolizei -- --« versucht Wichsekrah sich scheinbar gegen die Wünsche
des Chorus zu stemmen.
»De Wichs is gut!«
»I -- Unsinn! Hier herein!« Man drängt ihn in eines der großen
Verkaufslocale oder einen geräumigen Hof. Neue treten herzu. »Wer ist
denn da?«
»Wichsekrah!«
»Hallo Krah, nun man los«, commandirt ein Berliner Fabrikant, der nun
während der letzten Meßtage ernstlich daran denkt, ein Wenig »in die
Höhe« zu gehen, ehe er, scheinbar unschuldig als das bekannte Lämmlein
auf der Weide, wieder »zu Muttern« heimkehrt.
Krah kennt seine Leute, jetzt ist er im richtigen Kreise. Scheinbar
noch immer widerstrebend, läßt er sich den Kasten herunternehmen,
hilfebereit greifen ihm verschiedene Hände unter den Arm, und
im nächsten Augenblick, nicht ohne aber vorher sorgsam seinen
Cigarrenstummel sicher verwahrt zu haben, steht er auf seinem Kasten
und legt los.
»Da -- da -- das -- L -- Lämmbchen!«
»Ein kleines L -- Lämmbchen w -- w -- weiß wie -- --«
»Klee« fielen seine Verehrer ein.
»I -- Nee -- heeren se! -- de Wichs is gut!«
»Weiter Krah -- nicht irre machen!«
»Da -- da -- das Lämmbchen!