XV.

Wichsekrah!

Einer der beliebtesten und drolligsten Volksoriginale der damaligen

Zeit in Leipzig war ein kleiner kaum vier Fuß hoher Mann, im

Volksmunde »Wichsekrah« genannt und unter diesem Namen nicht blos den

Einheimischen, sondern auch fast allen regelmäßigen Meßbesuchern wohl

bekannt. Seine zwerghafte aber keineswegs verwachsene Person steckte

stets in einem abgetragenen schwarzen Anzug, Rock mit langen Schößen,

Weste und meist viel zu langen Hosen. Sein verhältnißmäßig viel zu

großer Kopf, auf dem er stets einen mehr oder minder abgeschabten

Cylinderhut trug, war nur von spärlichem Haar bedeckt, eine dicke,

ziemlich lange Nase saß in dem schwammigen, finnigen Gesicht und den

großen breiten Mund mit den wulstigen Lippen beschattete eine Anzahl

Haare zweifelhafter Farbe, welche Wichsekrah in ihrer Gesammtheit

mit dem Namen Schnurrbart beehrte: doch behaupteten seine besonderen

Gönner, insbesondere die stets zu allerlei Allotria aufgelegten

Studios, es seien die Motten in diese defecte und lückenhafte

Manneszierde hineingekommen. Ein Vorhemdchen, dessen Weiße niemals

zweifelsohne war, und dessen Hüftbänder ihm consequent unter den

Rockschößen hervorbaumelten, bedeckte die breite Heldenbrust des

kleinen Mannes, und ein Paar ebenfalls bezüglich ihrer Farbe zwischen

dem Weiß der Unschuld und einem soliden Schmutziggrau schwankende

Vatermörder umschlossen, festgehalten durch ein altes zerknittertes

Halstuch, den Hals Wichsekrah’s.

Wenn wir nun noch hinzufügen, daß derselbe infolge einer Angewohnheit

den Kopf ein wenig nach links geneigt trug, wodurch der linke

Vatermörder stets traurig, einer geknickten Lilie gleich, seine Spitze

abwärts senkte, während die des rechten kühn in die Lüfte starrte, so

haben wir mit historischer Treue das Bild unseres Helden der jetzigen

und den späteren Generationen vor die Augen geführt. -- -- Halt! Noch

Eines fehlt! Eines -- ohne welches Wichsekrah eben nicht Wichsekrah

gewesen wäre, eines -- ohne welches man ihn nie sah -- das zu ihm

gehörte wie die Sohle zum Stiefel und der Kaftan zum polnischen Juden.

Dieses Eine war -- sein Kasten; ein ziemlich großer, sehr fester

Holzkoffer, den sein Besitzer stets an einem breiten Lederbande,

welches er über die Brust und Schulter hängte, mit sich herumtrug.

Dieser Kasten, viel zu groß für seine angeblichen Zwecke, als

Behälter der wenigen Schachteln und Büchsen mit Wichse, Pomade und

Streichhölzern, mit welchen Gegenständen Wichsekrah handelte, war denn

auch zu Höherem bestimmt, denn -- er war das Podium eines ausübenden

Künstlers, Declamators, Sängers und -- -- Tänzers, als welcher sich

einem verehrungswürdigen, kunstliebenden Publicum, mochte dasselbe nun

aus halbwüchsigen Jungen, auf den Katerbummel begriffenen Studios oder

ulklustigen Meßonkels bestehen, wenn es nur irgend Geld einbrachte,

Wichsekrah sich entpuppte. Wichsekrah war trotz seines nicht sehr

geistreichen Aussehens und der dämlichen Miene, welche er in der Regel

aufsteckte, ein ganz aufgeweckter, heller Junge und in erster Linie

Geschäftsmann.

»Vor Nischt -- is Nischt! -- Die Wichs is gut!« war sein heimlicher

Wahlspruch, und der Zusatz »De Wichs is gut« war ihm so zur Gewohnheit

geworden, daß er überhaupt jeden Satz, jede Rede und Declamation,

ja sogar seine Leistungen auf dem Gebiete Terpsichorens stets und

unwiderruflich damit schloß. Leider stieß er beim Sprechen etwas

mit der Zunge an, was seine rhetorischen Leistungen einigermaßen

beeinträchtigte. An gewöhnlichen ruhigen Tagen war Wichsekrah nur

selten zu sehen, er besuchte dann höchstens ab und zu die Kneipen

der Studentenschaft, aber wenn irgendwo zu einem Feste die Massen

zusammenströmten, hauptsächlich aber wenn Tausende von Meßfremden

die Straßen bevölkerten, dann fehlte auch Wichsekrah niemals und je

lebhafter es zuging, desto mehr war er in seinem Element, desto mehr

ging er aus sich heraus, desto größer war er in seinen Leistungen.

»Hollah -- da is Wichsekrah! -- Wichsekrah Hurra! Declamire mal --

willst ne feine Habbannah?«

Der Angeredete blinzelte unter seinen buschigen Brauen die ihn auf

diese Art Anredenden grüßend und schläfrig listig an.

»Wennst de eene hast?« schmunzelte er dann vergnügt, wenn die Prüfung

wenigstens mittelmäßig befriedigend ausgefallen war. »De Wichs is gut!«

»Hier -- eine ganz feine!«

Krah betrachtete die erhaltene Cigarre mißtrauisch eine Weile.

»De hast doch kee Feierwerk neingethan? De Wichs is gut.«

»I -- wo -- aber nu declamire ooch e mal -- -- --«

Aber Wichsekrah kannte seine Verehrer, hier war außer der Cigarre

sicher nichts Baares zu holen, eine Cigarre aber war nischt und »vor

Nischt is Nischt«. Er steckte deshalb auch die Giftnudel, als was er

sie sofort erkannte, ruhig ein, sagte:

»Danke -- de Wichs is gut!« und trollte weiter, den etwas verblüfften

Cigarrenspender mit Gelassenheit dem spöttischen Gelächter seiner

Genossen preisgebend.

Es ist am Ende der Engroswoche. Die Vorwoche der Messe mit ihren

zur Zusammenstellung und Verpackung der massenhaften Verkäufe

durchgearbeiteten Nächten ist vorüber, und das Engrosgeschäft

neigt sich seinem Ende zu. Die stillen Tage beginnen und vor den

Geschäftslocalen stehen die Chefs und Commis in rosiger unternehmender

Laune, denn die Messe war gut und der Umsatz ein bedeutender, kein

Wunder, daß Scherz und allerlei Ulk getrieben wird, zumal die fremden

Verkäufer einander seit vielen Jahren kennen und hier zusammen hausen.

Da kommt Wichsekrah mit seinem Kasten auf dem Rücken, einen qualmenden

Cigarrenstummel im Mundwinkel, langsam dahergebummelt, und im Nu ist er

von dem fidelen Chorus regelrecht gestellt.

»Guten Tag, meine Herren -- scheene Wichse, Pommade, Streichhelzer --

de Wichs is gut!«

»Bravo Wichsekrah! Declamiren! Rede reden! Singen -- was macht die

Wichse?«

»De Wichs is gut!«

Allgemeines Gelächter und erneute Aufforderungen zur Vorführung seiner

Künste.

»De Bolizei -- --« versucht Wichsekrah sich scheinbar gegen die Wünsche

des Chorus zu stemmen.

»De Wichs is gut!«

»I -- Unsinn! Hier herein!« Man drängt ihn in eines der großen

Verkaufslocale oder einen geräumigen Hof. Neue treten herzu. »Wer ist

denn da?«

»Wichsekrah!«

»Hallo Krah, nun man los«, commandirt ein Berliner Fabrikant, der nun

während der letzten Meßtage ernstlich daran denkt, ein Wenig »in die

Höhe« zu gehen, ehe er, scheinbar unschuldig als das bekannte Lämmlein

auf der Weide, wieder »zu Muttern« heimkehrt.

Krah kennt seine Leute, jetzt ist er im richtigen Kreise. Scheinbar

noch immer widerstrebend, läßt er sich den Kasten herunternehmen,

hilfebereit greifen ihm verschiedene Hände unter den Arm, und

im nächsten Augenblick, nicht ohne aber vorher sorgsam seinen

Cigarrenstummel sicher verwahrt zu haben, steht er auf seinem Kasten

und legt los.

»Da -- da -- das -- L -- Lämmbchen!«

»Ein kleines L -- Lämmbchen w -- w -- weiß wie -- --«

»Klee« fielen seine Verehrer ein.

»I -- Nee -- heeren se! -- de Wichs is gut!«

»Weiter Krah -- nicht irre machen!«

»Da -- da -- das Lämmbchen!

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 19 / 71 题