XII.

Allerlei Chronika von 1846—1849.

[Sidenote: Brand vom Hotel de Pologne.]

Anno 1846 Abends 7 Uhr am 29. August ertönten die Sturmglocken von

allen Stadtthürmen, die Tamboure der Communalgarde wirbelten durch

die Straßen und die Signalhörner der Jäger schmetterten durch die

Luft. Feuerruf ertönte aus der Hainstraße! -- Es brannte im Hotel de

Pologne. Ein Markthelfer in der Droguenhandlung von Marx daselbst

war mit offener Kerze in den Keller des Hauses gegangen, wo große

Vorräthe von Naphta, Vitriolöl und Spiritus lagerten und hatte daselbst

ein Anfangs unbedeutendes Feuer verursacht. Erschrocken suchte er

es selbst zu dämpfen, aber im Augenblick hatte dasselbe Spirituosen

und andere feuergefährliche Stoffe erfaßt und wuchs riesig an. Die

schnell herbeigeeilten Feuerwehren, insbesondere die Spritzen der

Nachtwächter, Lampenleute und Chaisenträger vermochten den brennenden

Stoffen gegenüber nichts zu thun. Man warf Sand, Erde und Mist in die

Flammen, aber umsonst, dieselben durchbrachen schnell das Parterre und

durchschlugen den ersten und zweiten Stock des Hauses. Der furchtbare

Dampf zwang Alles zum Zurückweichen. Das Feuer griff mit solcher

Gewalt um sich, daß in wenig Stunden nicht blos das Hotel de Pologne,

sondern auch der »blaue Stern« und der »Adler« in Flammen stand. Leider

erforderte der kolossale Brand viele Menschenopfer. Ein vom »Stern«

einstürzendes Fenster erschlug von einem vorüberfahrenden Sturmfaß

Pferd und Kutscher, sowie des Letzteren Knecht. Die ganze Nacht über

heulten die Sturmglocken und nach und nach kamen sämmtliche Spritzen

der umliegenden Orte an. Auch das Tags zuvor ins Cantonnement gerückte

Schützen-Bataillon wurde zurückberufen und traf wieder in Leipzig

ein. Alle Fabriken stellten ihre Leute zur zeitweiligen Ablösung der

Bedienung der Spritzen zur Verfügung, ein Gleiches thaten die Turner.

Die Schlauchführer griffen den riesigen Feuerheerd, mit Todesverachtung

und unter eigener Lebensgefahr, von allen Seiten an und drangen

sowohl von der Rückseite -- der Katharinenstraße aus, wie vom Brühl

und vom »großen Joachimsthal« her über die Dächer vor, während Massen

von Schläuchen von den in der Hainstraße gegenüber liegenden Häusern

und deren Dächern ebenfalls Ströme von Wasser in die Gluth sandten;

aber erst nach fast drei Tagen furchtbarer Arbeit war das Feuer auf

seinen Heerd beschränkt. Dasselbe brannte nach Außen noch länger als

14 Tage und von Zeit zu Zeit hörte man im Innern die Explosion der

Spiritusfässer.

Da gerade diese drei Häuser hunderten von auswärtigen Tuch- und

Buxkinfabrikanten als Verkaufslokale dienten und die Messe unmittelbar

bevorstand, so wurden auf den theilweise noch rauchenden Trümmern

schleunigst Buden für die alsbald eintreffenden Fremden errichtet,

aber als man nach der Messe, _fast 12 Wochen nach dem Brande_, den

Schutt gründlich aufzuräumen begann, _stieß man immer noch auf

brennende Stellen_. Mehrere Fremde, sowie ein Oberkellner des Hotels

verbrannten in den Zimmern. Unter der eingestürzten Einfahrt fand man

beim Aufräumen die Ueberreste eines Weinküfers, eines Wollsortirers

und eines Mannes von der Feuer-Colonne erschlagen vor. Ein wackrer

Schornsteinfeger rettete mit eigner Lebensgefahr mittelst einer

Leiter eine um Hilfe rufende Dame aus dem über und über brennenden 3.

Stockwerk des Adlers, indem er sie aus einem Fenster auf die Leiter

trug und, selbst vom Feuer verletzt, glücklich vor dem Einsturz des

Gebälkes zur Erde brachte. Die Knochen und sonstigen Ueberreste von

8 Personen wurden nach einigen Tagen feierlich zusammen beerdigt,

6 weitere Personen fand man erst später auf oder dieselben starben

nachträglich an ihren Brandwunden, der Letzte derselben war der

Maurer Gehlicke, der beim Retten verunglückt war. Er wurde am 30.

September 1846 als erste Leiche auf dem neuen Johannisfriedhof an den

Thonberg-Straßenhäusern beerdigt.

[Sidenote: Neuer Friedhof.]

Am 28. September 1846 Nachmittags übergab Bürgermeister ~Dr.~ Groß den

neuen Johannisfriedhof zur Benutzung, worauf durch Superintendent ~Dr.~

Großmann, unter Theilnahme einer großen Menschenmenge, die feierliche

Einweihung desselben stattfand.

[Sidenote: Erschoss. Liebespaar]

Anno 1847 am 16. August erschoß sich hinter den Gärten bei Sellerhausen

ein junges Liebespaar aus Volkmarsdorf. Der Jüngling war 18, das

Mädchen 17 Jahre alt. Das Mädchen wurde am 18. August unter Vorantritt

der Geistlichkeit und der Schuljugend, sowie ihrer Angehörigen und

Freunde beerdigt. Die Jünglinge von Volkmarsdorf trugen den Sarg. Der

Leichnam des jungen Mannes kam auf die Anatomie!!!

[Sidenote: Mendelssohn-Bartholdy †.]

Am 4. November 1847 starb hierselbst in der Königstraße der Königl.

Preuß. Capellmeister ~Dr.~ Felix Mendelssohn-Bartholdy. Am 7. November

wurde der Sarg mit dem Leichnam des Verewigten unter Vorantritt zweier,

abwechselnd Trauer-Märsche spielender Musikchöre, unter großem Blumen-

und Palmenschmuck und dem Geleit der Mitglieder des Conservatoriums,

der Universität, der Civil- und Militairbehörden im feierlichen Zug

durch Petersthor und Petersstraße, Markt, Grimmaische Straße in das

Innere der Universitäts-(Pauliner-)Kirche gebracht, vor dem Altar

niedergesetzt und mit brennenden Wachskerzen umgeben. Nach abgehaltenem

Trauergottesdienst und Absingen des Chorals »O Haupt voll Blut und

Wunden etc.« unter Orgel- und Posaunenbegleitung, wurde der Sarg Abends

per Extrazug nach Berlin gebracht.

[Sidenote: Robert Blum †.]

Anno 1848 am 14. November kam die Nachricht von Robert Blum’s

Erschießung, in der Brigittenau zu Wien am 9. November, dem Tage

vor seinem Geburtstage, nach Leipzig und fand desselben Tages eine

große Volksversammlung in der Thomaskirche statt. Dieser folgte am

26. November 1848 die Todtenfeier für Robert Blum in Leipzig. Auf

dem Roßplatz stellten sich sämmtliche Innungen und Corporationen mit

ihren Fahnen auf, darunter die Buchdrucker mit einer rothen Fahne und

der Inschrift von Blum’s Namen und Todestag. Punkt 11 Uhr marschirte

der Zug vom Roßplatz um die Promenade, an der Post vorbei, durch die

Hallesche und Katharinenstraße auf den Markt. Hier theilte sich der

Zug und hatte die erste Abtheilung Gottesdienst in der Nikolai- -- die

Andern in der Thomaskirche. Nachmittags gab der Turnerchor auf dem

Exercirplatz bei Gohlis zu Ehren des Erschossenen drei Salven ab.

Robert Blum wurde am 4. November in Wien, nach Bewältigung des dortigen

Aufstandes gefangen genommen und nach kriegsgerichtlichem, durch den

Fürst Windischgrätz bestätigtem Urtheil am 9. November standrechtlich

erschossen.

Am 7. December 1848 veröffentlichte Rechtsanwalt ~Dr.~ Gustav Haubold

im Leipziger Tageblatt Folgendes:

»Ich übergebe hiermit die Abschiedsworte Robert Blum’s, zur

Widerlegung vielfach verbreiteter Gerüchte, der Oeffentlichkeit.

Leipzig, den 7. Dec. 1848.

~Dr.~ Gustav Haubold,

Vormund der 4 unmündigen Geschwister Blum.

Diese Abschiedsworte aber lauteten:

Mein theures, gutes, liebes Weib!

Lebe wohl für die Zeit, die man ewig nennt, die es aber nicht sein

wird. Erziehe unsre -- jetzt nur Deine Kinder zu edlen Menschen,

dann werden sie ihrem Vater nimmer Schande machen. -- Unser kleines

Vermögen verkaufe mit Hilfe unsrer Freunde. Gott und gute Menschen

werden Euch ja helfen. Alles was ich empfinde rinnt in Thränen dahin,

daher nur nochmals: leb wohl theures Weib. Betrachte unsre Kinder als

theuerstes Vermächtniß, mit dem Du wuchern mußt und ehre so Deinen

treuen Gatten. Leb wohl, leb wohl! Tausend, tausend -- die letzten

Küsse von: Deinem

Robert.

Wien, den 9. Nov. 1848, Morgens 5 Uhr.

Um 6 Uhr habe ich vollendet!

Nachschrift.

Die Ringe hatte ich vergessen, ich drücke Dir den letzten Kuß auf

den Trauring. Mein Siegelring ist für Hans, die Uhr für Richard,

der Diamantknopf für Ida, die Kette für Alfred als Andenken. Alle

sonstigen Andenken vertheile Du nach Deinem Ermessen. --

Man kommt, lebe wohl! Lebe wohl!

* * * * *

[Sidenote: Neue Speiseanstalt.]

Anno 1849 wurde die frühere Getreide-Expedition am Königsplatz

(jetzt Ecke Königsplatz und Markthallenstraße) in eine städtische

Speiseanstalt umgewandelt. Die Portion Gemüse und Fleisch kam 12

Pfennige. Die Anstalt wurde am 1. Februar 1849 eröffnet.

[Sidenote: Revolution und Straßenkampf in Leipzig.]

Am 6. Mai ging auch in Leipzig die Revolution los, nachdem dieselbe

bereits am 3. Mai in Dresden zum Ausbruch gekommen war. Vom 3. bis

mit den 5. Mai passirten viele Freischaaren nach Dresden hier durch,

darunter allein 900 Mann aus Werdau und Crimmitzschau. Am 6. Mai

sammelten sich Volksmassen auf dem Roß- und Königsplatze an, welche

die Escadron der Communalgarde durch Einreiten zu zerstreuen suchte.

Hierbei fiel ein Schuß, wodurch ein Mann aus dem Volkshaufen verwundet

wurde. Nun begann der Kampf zwischen dem Volk und den Bürger-Gardisten.

Die Aufständischen erbauten Barrikaden an der Ecke des Marktes und des

Thomasgäßchens, ferner am Neumarkt, gegenüber der Reichsstraße und

die höchste und stärkste am Café Francais in der Grimmaischen Straße.

Hierbei plünderten die Aufständischen den Meißnerschen Gewehrladen

im Thomasgäßchen. Die Bürger-Gardisten nahmen die Barrikaden am

Thomasgäßchen und Neumarkt schnell, wobei auf Ersterer der Souffleur

Wrede vom Stadttheater erschossen wurde; aber bei der Barrikade am

Ausgang der Grimmaischen Straße fanden sie so lebhaften Widerstand,

daß sie sich am 6. Mai zurückziehen mußten, wobei Gardist Müller

erschossen und die Gardisten Böttchermeister Herrmann und Bäckermeister

Ottilie verwundet wurden. Erst am Morgen des 7. Mai zwischen 5 und 6

Uhr gelang es der Bürger-Garde auch die letzte Barrikade zu nehmen,

wobei Gardist Seidenwaarenhändler Gontard todt blieb und auf Seiten

der Aufständischen der Schmiedegesell der Leipzig-Dresdner-Bahn

Merkisch fiel. Auch ein armes Dienstmädchen Namens Emilie Dreßler,

welche im weißen Engel diente, wurde hierbei beim Milchholen auf dem

Grimmaischen Steinweg durch eine Kugel getödtet. Hiermit war der

Aufstand in Leipzig zu Ende.

Am 9. Juli starb noch an seiner Wunde Gardist Böttchermeister Herrmann

und wurde gleich den Gardisten Müller und Gontard mit militairischen

Ehren beerdigt.

[Sidenote: Alter Friedhof.]

Am 1. November wurde die Gottesackermauer, welche die um die

Johanniskirche liegende Abtheilung des alten Friedhofes umgab,

niedergelegt und der Platz bis an den Spittel eingeebnet und

freigemacht.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 16 / 71 题