V.

»Die Communalgarde rückt aus!«

Die Communalgarde Leipzigs, eine Nachfolgerin der 1812 durch den

französischen Stadtkommandant auf direkten Befehl des Kaisers Napoleon

ins Leben gerufenen Nationalgarde, vereinigte in ihren Reihen die

sämmtlichen zum Waffentragen geeigneten, gesunden Bürger Leipzigs aller

Stände ohne Unterschied. Sie hatte den Zweck, gewissermaßen das damals

nur wenige Militair durch Mitübernahme des städtischen Wacht- und

Sicherheitsdienstes gewissermaßen zu entlasten. Eine ihrer Abtheilungen

hatte bei Ausbruch von Schadenfeuern stets die Cordons zu ziehen,

indeß eine andre allabendlich eine Wache im Stockhaus am Naschmarkt

bezog. Kriegerisch thätig ist die Communalgarde, außer 1849 im

Aprilaufstand zu Leipzig, bei welchem die Bürgergarde im Kampfe mit den

Aufständischen drei Mann verlor, nie gewesen. Sie war eine friedliche

Truppe und selbst die Wache im Stockhaus war wohl mehr der Form als

der Nothwendigkeit wegen vorhanden. Kriegerische Lorbeeren waren bei

dieser »Käsekuchen-Wache«, wie sie im Volksmunde hieß, von vorn herein

ausgeschlossen, da sich das Wachtlokal dicht neben der Polizeiwache

befand, so daß man nicht wußte, ob die Communalgarde zum Schutze der

Polizeiwache, oder diese zum Schutze jener vorhanden sei.

Das Einexerciren resp. Trillen der neu eintretenden Mannschaften

erfolgte gewöhnlich im »Wettiner Saal«, einem jetzt ebenfalls

verschwundenen Tanzetablissement, welches in der »blauen Mütze«

ziemlich versteckt lag und Sonntags den Soldaten und Dienstpersonal als

Vergnügungsstätte diente.

Zum Eintritt in die Garde war jeder Mann verpflichtet, der das damals

nur mit großen Kosten zu erlangende Bürgerrecht erwarb.

Nun -- in jenen idyllischen Zeiten, wo nur wenig Militair vorhanden

war, gönnte man den wackeren Bürgern gern die harmlose Spielerei,

ab und zu im militairischen Kleide, angestaunt von den Ihrigen, zu

prangen, und wenn auch jeder einzelne Gardist über die dienstliche

Schuriegelei, wie er es nannte, raisonnirte, innerlich war er doch gern

dabei; gab es doch dadurch manche Gelegenheit, der strengen Aufsicht

der Frau Gemahlin ab und zu unter dem Vorgeben dienstlicher Abhaltung

ein Schnippchen zu schlagen, zumal Aermere stets kameradschaftlichst

von den besser Situirten mit durchgeschleppt wurden, wenn die Zahl

der Mai- und anderen Bowlen auf Wache bedenklich wuchs oder der nie

fehlende Käsekuchen zu delikat war und noch andere lukullische Genüsse

nach sich zog.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 7 / 71 题