Und nun erst, wenn es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«

Dieses Ausrücken fand in der Regel monatlich einmal im Sommer statt und

endete mit einem Exerciren im _Feuer_, zu welchem Zwecke jeder Gardist

4—6 Platzpatronen und ein Dutzend Zündhütchen empfing. War ein solcher

feierlicher Tag gekommen, so entstand schon gegen Mittag das lebhafte

Treiben eines Volksfestes in den Straßen. Von 1 Uhr an sah man die

Gardisten in möglichstem Glanz, angethan mit Ober- und Untergewehr,

zur Feier des Tages »auf Befehl« in weißen Unaussprechlichen, den

Sammelorten ihrer Compagnien zuschreiten. Und etwas später trabten

die Angehörigen der schmucken Escadron, mit ihren weißen Mänteln

auf dem Rücken, ebenfalls denselben zu. Diese, nach der Uniform der

sächsischen Gardereiter gekleidete Escadron, aus besonders günstig

situirten Leuten gebildet, welche auf eigenen Pferden gut beritten

waren und die auch ein eigenes Corps gut geschulter Trompeter hatte,

bildete einen Glanzpunkt des ganzen Auszugs. Der zweite und für die

Meisten bedeutendste Glanzpunkt aber war die vorzügliche unter Meister

Wenck’s kunstsinniger Leitung stehende Musik der Communalgarde.

Wenn die einzelnen Bataillone von ihren verschiedenen Sammelpunkten

zusammengetroffen, was meist an der östlichen Promenade geschah, so

dehnte sich die Aufstellung der 4 Bataillone vom Blücherplatz bis

zur Post aus und hier wurden die Leute von ihren selbstgewählten

Unterofficieren und Officieren rangirt. Commandant war meist ein

zu diesem Zwecke von der Armee abgegebner Subalternofficier, Ende

der fünfziger Jahre Oberlieutenant Neumeister, der aber hier

Majorsepauletten trug. Schon bei dem Rangiren auf dem Stellplatze ging

es nicht ohne drollige Scenen ab.

»Aber -- heern se Gevatter Lehmann -- ä gleenes Bischen besser hätten

se doch wees Gott de Kneppe an der Montirung butzen kennen, mer gomm’n

orndlich in’n Verruf mit unser Gorporalschaft!«

»Ich hat grade keen Spiritus derheeme un meine Kleene hats Gnobholz als

Linial mit in de Schule genomm’n und dort liegen lassen!«

»I nu wenn och -- -- un Sie -- -- Brickner -- ham Gott Strampach gar

statt de weißen, meisegraue Hosen an -- nee, da heert Alles uff!«

»I -- meine Frau -- das Luderchen war rackrig, weil se heite emal zu

Hause bleib’n muß un -- richtig -- wie ich in de weißen Hosen fahren

will -- sin se noch klitschennaß -- --«

»Na aber -- da gonnten Se doch wenigstens schwarze anziehn!«

»Die hatten vor’n Jahre hinten ä Knacks gekriegt un da hab’ch se mein

Adolf zur Confirmation machen lassen un Geld zu ä baar neien hat’ch

noch nich!«

* * * * *

Vor und hinter der Front trieben sich natürlich und zwar möglichst in

der Nähe ihrer im militairischen Schmuck prangenden Erzeuger, Hunderte

von Jungen aller Altersclassen herum.

»Du -- das is mei Vater!«

»Welcher denn!«

»Der mit dem rothen Fähnchen uff der Flinte -- wees de, was der is?

Gorporal is er, und weil er die kleene Fahne hat, nennt mer’n ooch

Schallonär!«

»Der Kleene mit den krummen Beenen?«

Furchtbare Keilerei folgte diesen Worten.

Endlich kam der Commandant mit seinem Adjutanten angaloppirt. Die

Compagnien standen rangirt und marschfertig.

»Ich bitte Eich blos«, flehte ein Hauptmann seine Leute an, »macht mer

ene ordentliche Schwenkung, un ja Keener links statt rechts um, die

Studenten ham’s eemal heute wieder reene uff uns abgesehen, und looft

nich so durchenander, wie de Horburger Zwiebellaatscher -- --«

[Illustration]

»Achtung!« commandirte der Commandant, »zu Zweien abgezählt -- --

Zweien ausgerückt -- -- rechts um -- -- vorwärts Marsch!«

Die prächtige Musik fiel ein, die Trompeten der Escadron erklangen, die

Keilerei der Jungen endete mit einigen letzten Püffen und Kopfnüssen,

und wie eine buntschillernde Schlange wand sich der Stolz der Leipziger

Frauen und Kinder im möglichsten Gleichtritt um Promenade und zur

Gerberstraße oder dem Rosenthalthore hinaus dem kaum zehn Minuten

entfernten alten Exercirplatze zu.

»Meester -- se ham rechts statt links!«

Der Angeredete hoppste mit den Füßen.

»Se ham zweemal gehoppst statt blos emal, Se ham immer noch rechts!«

Der Sünder brummte etwas in den Bart, hoppste aber noch einmal, diesmal

besser. -- --

»Heinrich -- kommt Deine Alte och ’naus?«

»Na -- ob -- de ganze Familie -- S’is aber ooch zu scheene

heite! -- -- --«

Auf dem alten idyllisch gelegenen Exercirplatz der damaligen kleinen

Garnison, der zwischen Gohlis und der Gerberstraße -- weiter erstreckte

sich damals die Stadt nicht -- liegt und der das Rosenthal im Rücken

hat, standen zu den Zeiten, wo die Communalgarde exercirte, riesige

Restaurationszelte aufgeschlagen, deren bunte Fahnen und Wimpel gar

lustig im Winde wehten. Lager- und Bayerisch Bier, aber auch Braunbier

in steinernen Flaschen, sowie Gose, vor Allem aber die Düfte, welche

die in den Blechkesseln brodelnden Stöpelschen _echten Wiener_

Würstchen verbreiteten, ließen lucullische Genüsse erwarten, und

Mancher der nach dem kurzen Marsch auf den Platz rückenden Gardisten

hob schon von der Ferne schnüffelnd sein Riechorgan und ein mildes

Lächeln verdrängte die finstere Miene von der Stirn des von der

Schwere eines viertelstündigen Marsches angegriffenen kriegerischen

Bürgers. Der Commandant, der seine Leute kannte, hatte denn auch

ein Einsehen, denn nach glücklich vollzogenem Aufmarsch ließ er die

Gewehre zusammensetzen und die Mannschaften wegtreten. Die den Marsch

begleitenden oder ihm vorausgeeilten Frauen oder Kinder der gewappneten

Bürger hatten mittlerweile bereits in ihrem Stammzelte Quartier gemacht

und empfingen nun den Gatten und Vater, und nun flogen die befrackten

dienstbaren Geister, daß es eine Lust war.

»I Herrjeh, Meister Werner, is denn das Ihr Kleenster? Wie alt is er

denn?«

»Elf Monate -- ä dichtiger Kerl, nich wahr?« antwortet der Meister

stolz und setzt das bewußte jüngste Glied seiner zahlreichen Familie

auf seinen Schoß. Plötzlich aber hebt er höchst ärgerlich den Knaben

empor und übergiebt ihn den Händen der ahnungsvollen Gattin.

»Schweinigel!« murmelt der glückliche Vater erzürnt, »s’is mer,

weeß Gott, durch un durch gegangen!« und eifrig wischt er an seinen

unschuldsfarbenen Unaussprechlichen.

Da rufen die Hörner zum kriegerischen Dienst und die Gardisten streben

mehr oder minder eilig ihren Compagnieplätzen zu.

»Heernse Müller --« sagt der Hauptmann einer Compagnie -- seines

Zeichens sonst Advocat und deshalb etwas streng im Dienst, zu einem

Gardisten, der in einer Hand das Gewehr, in der andern ein Paar dick

mit Senf bestrichene Wiener Würste mit Semmeln hält »das nehm’s Se mer

aber nich ibel -- komm’n Se gar mit den Würsten in der Hand ins Glied

geloofen, da heert doch alles uff!«

Der Angeredete hat mittlerweile zwei so riesige Bissen von den Würsten

und der Semmel genommen, daß er -- im Begriffe zu antworten -- ein

Stück Wurst in die unrechte Kehle kriegt; er verdreht schrecklich

die Augen, so daß ihm sein Rottenmann freundschaftlich und hilfreich

wiederholt ins Kreuz pufft, worauf ihm ein kräftiger Hustenanfall

wieder die zur Existenz nothwendige Luft verschafft.

»De Schinderei is zu arg« murmelte er pustend, »nich ä mal seine beeden

Würstchen gann mer in Ruhe verzehr’n!«

»Müller! Wenn Se nu de Würste nich gleich verschwinden lassen, zeige

ich Sie an und sie kriegen ä baar Strafwachen!« raisonnirt der

Hauptmann weiter.

»Herrjeh -- wo soll ich se hinthun -- ich gann se doch nich ins Gras

schmeißen?«

»Weeßt De, Emil«, flüsterte ihm sein Hintermann zu, »steck se in de

Patrontasche!«

»Du -- da hast De Recht!« Erfreut öffnet Müller die Tasche, da sieht er

die Platzpatronen.

»Nee --« sagt er weiter, »das geht nich -- die heeßen Wärschte und

das Pulver -- wenn nachher die Geschichte losginge -- -- --« und mit

heroischem Entschluß schenkt er die trockne Semmel einem hinter der

Front stehenden Knaben und schiebt dann mit einem Mal den Rest der

beiden Würstchen in den Mund. --

* * * * *

Das Exerciren beginnt und stolz und staunend sehen die Familienglieder,

wie ihr Gatte und Vater im Schweiße seines Angesichtes rechts und links

um macht, schwenkt und aufmarschirt.

»I du meine Gite!« sagte Frau Schulze zur Frau Meier. »Sehen Se blos

-- se laden werklich de Gewehre -- wenn nur meiner nischt neinthut in

seine Flinte, denn der hat allemal Malheur damit -- un losgehn thut se

doch nicht!«

Die muthigen Gardisten bereiten sich nun auf Befehl des Commandeurs

zum Sturm auf die am oberen Wege beim Eingang von Gohlis sitzende alte

Obstfrau vor. Die Plänkler rennen im soliden Hundeträppchen vor die

Front und zeigen durch allerhand schreckliche Geberden mit der guten

alten Flinte einem unsichtbaren Feind an, daß sie ihm mit der ganzen

Tapferkeit alter schlachtergrauter Germanen an den Kragen gehen wollen;

die Musik fällt rauschend ein, was die Courage der Plänkerer sichtlich

erhöht, die Tamboure wirbeln -- die Bajonette senken sich --

»Zur Seite Gewehr! -- Vorwärts -- Laufschritt -- Hurrah! -- -- Haalt!

-- -- Legt an! -- Feuer!« -- -- Prasselnd krachen die Schüsse aus den

Gewehren und der angenehme Geruch des Pulverdampfes steigt kitzelnd und

erhebend in die Nasen der tapferen Gardisten und macht ihren Busen in

Kampfesmuth schwellen.

»Heite sin wenigstens die Hälfte Gewehre losgegangen«, sagt die alte

Pauline, die obenerwähnte Obstfrau, welche die Leistungen der Truppe

infolge langjähriger Beobachtungen gleich einem Commandanten zu

beurtheilen vermochte, »so scheene fällts nich allemal aus!« -- -- --

Die kriegerischen Uebungen neigen sich ihrem Ende zu. Die Compagnien

nehmen am oberen Wege Aufstellung mit der Front nach den Zelten. Der

Commandant reitet auf die linke Seite in der Mitte der Entfernung

zwischen Garde und Zelten. Der Schlußactus des Exercirens, der

Vorbeimarsch in Compagnien, in Parade vor dem Commandeur, beginnt.

»Das mer Alles mit dem linken Beene antritt un nich wieder welche mit’n

rechten, wie’s letzte Mal Viele, und der rechte Flügel immer e Bischen

eingezogen marschirt, die uff’n linken Flügel ham nich solche lange

Beene wie Sie, meine Herrn von rechts, un bleiben sonst zurück! Herr

Leitnant Krause, wenn die Compagnie vor uns sich in Bewegung setzt,

zählen Sie recht laut die Schritte; das Defilliren is mit dreißig

Schritt Abstand befohlen! -- Passen Se also ja gut uff!«

Die Abtheilung der Trommler schlägt ein und schreitet vorwärts, hinter

ihr folgt die Musik.

»Bum!« schlägt die große Trommel an und mit einem kriegerischen Marsch

fällt die Musik ein.

»Erste Compagnie zum Defiliren in offener Colonne! Vorwärts, Marsch!«

»Eins -- Zwei -- Drei -- Vier -- Fünf -- Sechs!«, zählt der

diensteifrige Lieutenant.

»Kinder, paßt gut uff!« ruft der Hauptmann.

»Zwölf -- Dreizehn -- Vierzehn -- Fünfzehn -- --«

»Gewehr in die rechte Hand!«

»Vierundzwanzig -- Fünfund -- -- --«

»Compagnie -- Vorwärts -- -- Marsch!«

»Links -- links -- links -- Augen links!«

Die Gardisten wenden das Angesicht nach links, dem salutirenden

Commandanten zu, an dem sie jetzt in passabler Richtung

vorbeimarschiren.

»Ueber’s Gewehr! -- Los -- rechts um -- links schwenkt -- sooo -- sehn

Se meine Herren, so muß es immer gehen! -- Ham Se gesehen, Leitnant

Krause, wie dem Herrn Commandant unsere Compagnie gefiel? Na -- wir

trinken nachher noch ein Fäßchen kameradschaftlich auf meine Kosten!

Setzt die Gewehre -- -- zusammen! Tretet ab!«

»Weißt Du, Paul«, sagt die junge niedliche Frau des Apothekers Krause,

indem sie zärtlich den mit der weißen Binde geschmückten Arm des

ihr erst vor Kurzem angetrauten Gatten faßt -- »Du siehst in Deiner

Lieutenantsuniform wie ein junger Kriegsgott aus.«

Der geschmeichelte Lieutenant lächelt beglückt und nimmt sich zum Dank

für diese Lobrede ernstlich vor, seinem kleinen Weibchen die Mantille,

die ihr bei Steckner so gut gefallen hat, gleich morgen zu kaufen, sie

muß seiner Lili reizend stehen.

Im Hauptzelt aber, mitten unter den Bürgergardisten, sitzt der

Commandant und eine Anzahl Officiere, ebenfalls meist mit den Ihrigen,

und hier kommt auch Gott Bacchus zu hohen Ehren, bis der Abend

herannaht und die Truppe wieder zum Gewehr eilt, um in die Stadt

zurückzumarschiren und am Stellplatz auseinanderzugehen. Vater gab dann

wohl seinem Aeltesten oder dem eigens dazu beorderten Lehrbuben die

feuerspeiende Waffe zum Heimtragen und ließ dabei Mutter sagen, daß er

noch wegen verschiedener dienstlicher Besprechung ins Versammlungslokal

der Compagnie müßte und deshalb _leider_ noch nicht nach Hause kommen

könnte. Mutter wußte aber ganz genau, was dies zu sagen hatte, drückt

aber für heute ein Auge zu. -- -- --

»Sagen Se mal, Frau Nachbarin, wenn ist denn Ihr Mann nach Hause

gekommen, meiner kam glücklich um Dreie!«

»Na -- meiner erst -- ’s war ooch um die Zeit -- na -- un gekooft

hatt’r sich Een!«

»Ich hab’ mein’n aber ticht’g de Wahrheet gesagt!«

»Wissen Se -- das kann ich bei meinem Mann nich, denn wenn er de

Uniform anhat -- da hat er seine militair’sche Laune -- aber er kriegt

sein Fett noch -- warten Se nur!« -- -- --

Das war die wahrheitsgetreue Schilderung eines Sommernachmittags, an

dem es hieß: »Die Communalgarde rückt aus!«

Längst ist diese Institution schlafen gegangen, aber wenn dieselbe auch

keinerlei politischen Werth mehr hatte, so brachte sie es doch mit

sich, daß sich die verschiedenen Kreise der Bürgerschaft näher traten,

als dies jetzt möglich ist. Mancher Freundschaftsbund ward durch sie

geknüpft, der noch bis zum heutigen Tage in alter Treue fest besteht,

und darum ist sie es wohl werth, nicht ohne Weiteres als etwas längst

Abgethanes, Veraltetes und Lächerliches vergessen zu werden.

[Illustration]

Druck von _Fr. Bartholomäus_, Erfurt.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 8 / 71 题