Das Gutenbergfest 1840.
So verhältnißmäßig einfach nun auch vor 40—50 Jahren die Bürger und
Einwohner Leipzigs in ihrer Häuslichkeit lebten, trotzdem es schon
zu jener Zeit sehr reiche Leute in der Stadt gab und wirklich Arme
nur wenige vorhanden waren, so gastfreundlich und splendid war doch
die ganze Bevölkerung, wenn es galt, nationale oder sonst für die
Wissenschaft, Kunst oder Cultur bedeutungsvolle Feste zu feiern,
und dieser hohe Sinn, zu dem sich noch stets eine offene Hand bei
auswärtigen oder heimischen Unglücksfällen gesellte, hat sich Gott Lob
bis zum heutigen Tage erhalten.
Eines der bedeutendsten Volksfeste der damaligen Zeit war das am 24.,
25. und 26. Juni 1840 in Leipzig zu Ehren Gutenbergs und der Erfindung
der Buchdruckerkunst gefeierte »Vierhundertjährige Jubiläum der
Letzteren«.
Mittwoch, den 24. Juni versammelte sich die Kramer-Innung am
Kramerhause, Ecke des Neumarktes und des Kupfergäßchens; die
Mitglieder der Universität, Rektor, Professoren etc. und Studenten
im Hofe des Mauricianums; die Buchhändler in der Buchhändlerbörse in
der Ritterstraße und die Buchdrucker, Setzer und Schriftgießer in
ihrem Innungslokale und zogen unter Glockengeläute von da ab auf den
Marktplatz, wo die Communalgarde Spalier bildete. An der nördlichen
Seite des Marktes, vom goldenen Brunnen bis zur Hainstraße, also wo
jetzt das Siegesdenkmal steht, war eine große Tribüne errichtet für den
hohen Rath, die Offiziere der Garnison, die auswärtigen Deputationen
und Damen derselben. Mitten auf dem Markte bei der mittelsten Laterne
stand ein drei Ellen hohes und 16 Ellen langes, gleich der Tribüne
reich dekorirtes Podium, auf welchem 2 Pressen und 1 Schriftgießerei
verhüllt standen, neben an, ebenfalls verhüllt, stand auf hohem
Postament die vom Töpfermeister Funk kunstvoll angefertigte Statue
Gutenbergs in Lebensgröße. Auf den Söllern des Rathhauses und des
demselben gegenüber liegenden Aeckerlein’schen Hauses waren zwei
Musikchöre postirt, welche den Festzug der vorgenannten Corporationen
mit Musik begrüßten. Nach einer feierlichen Festrede und einem
gemeinschaftlichen Gesang, fielen die Hüllen von der Statue und den
Maschinen und letztere traten in Thätigkeit.
In der Buchhändlerbörse war große Ausstellung alter Schriften,
Pressen und Bücher. Nach dem Festaktus auf dem Markte war feierlicher
Gottesdienst in den Leipziger Kirchen, am Abend aber allgemeine
Illumination der Häuser der inneren Stadt.
Vor dem Grimmaischen Thor, auf dem Augustusplatze war vom Zimmermeister
Richter, der auch die Tribüne und das Podium errichtet hatte, eine
stattliche Festhalle -- »wie Leipzig in solcher schöner Gestalt noch
nie gesehen«, sagt eine Urkunde mit dem Festbericht aus jenen Tagen
-- erbaut worden. Dieselbe nahm fast die ganze Länge und Breite des
Platzes rechter Hand vom Fahrweg ein und in derselben war am 24.
Abends großer Commers, am 25. aber, von Nachmittag an bis fast zum
anderen Morgen großer Ball der Honoratioren und geladenen Festgäste
der Stadt. Am 26. Juni aber war allgemeines Volksfest. Früh begann
dasselbe mit einem großen Festzug, in welchem alle Gewerke mit ihren
Insignien vertreten waren, durch die Straßen der Stadt und zuletzt
zum Gerberthore hinaus auf den großen Festplatz, den Wiesen gegenüber
von Pfaffendorf, also da wo jetzt die Yorkstraße und ein neuer
Stadttheil steht. Auf den vier Ecken des Platzes waren Tanzböden zur
allgemeinen freien Benutzung errichtet, zu denen der Rath der Stadt
die Musik besoldete. Für die Jugend fanden allerlei Preisspiele wie
Wettrennen, Vogelschießen, Hahnenkampf, Sackhüpfen, Stangenklettern
und Topfschlagen statt, auch waren zahlreiche Caroussels vorhanden.
Geräumige Restaurationszelte spendeten gegen landesübliche Münze
Speisen und Getränke. War das ein Leben! Hier führte ein schmucker
Altgeselle im besten Sonntagsstaate, angethan mit blauem Frack
mit blanken Knöpfen, gelben Nankinghosen und ditto Weste, den
unvermeidlichen haushohen Cylinderhut auf dem Kopfe, des schmunzelnden
mit seiner Eheliebsten beim »Teppchen Braunbier« sitzenden Meisters
Töchterlein zum Tanz und polkte, zierlich »Schiebekästchen« und
»rechtsum--linksum« machend, beneidet von seinen Mitgesellen und
bewundert von den Lehrjungen, auf den nur flüchtig abgehobelten
Brettern dahin. »Mamsell Louischen!« flüsterte er ihr dabei in das
rosige Ohr »Ach -- wenn -- ich erst Meister bin -- -- --!«
Hier stockt der Biedere verlegen, aber ein beredter Blick Louischens
sagt ihm, daß sie ihn dennoch verstanden hat und -- -- -- ganz seiner
Meinung sei -- -- und beglückt segelt das junge Paar weiter, daß
die Frackschöße nur so fliegen und die langen Enden des zierlich
und kunstvoll geknüpften seidenen Halstuches im Winde flattern, als
beabsichtigten sie, ihr intimes Verhältnis mit den steifgeplätteten
Vatermördern durchaus aufzugeben. -- -- --
Dicht daneben waren zwei Pfähle etwa 3 Ellen von einander in die
Erde geschlagen und beide oben durch einen Strick verbunden. An dem
Strick hingen, durch einen Faden festgehalten dicht neben einander
»Sechserknackwürste« und echte »Wiener Sausischen« männiglich
bekannt als Meister Stöpels wohlrenommirtes Fabrikat. Eine Anzahl
größere Jungen und halbwüchsige Lehrbuben steckten bis zum Hals in
Getreidesäcken, so daß nur der Kopf und obere Hals frei blieb und
bemühten sich in dieser Situation nach den etwa ein viertel Elle über
ihren Köpfen baumelnden Würstchen hinaufzuspringen, um ein solches
mit dem Munde herabzureißen, die auf diese Weise erkämpften Würste
waren dann ihr Eigenthum. Die komischsten Capriolen waren bei diesen
Bemühungen geradezu unvermeidlich. -- -- --
»Ja -- un am Sonntage bist de mit der dicken Emile, vom Bäcker Winter,
bis früh um Dreie im »Wettiner« gewesen, un mir sagst de, daß de Wache
hättst! Foi Deibel!« sagte eine schlanke Vertreterin der dienenden
Classe zu einem flott aussehenden Oberjäger der Garnison, der -- die
mit des Königs Namenszug versehene zweizipfliche Mütze keck aufs Ohr
gedrückt, schuldbewußt vor der zürnenden Küchenhebe den Kopf senkte.
»Aber Carline -- -- --.«
»Mit uns hat sich’s aus carlint« raisonnirte die Schöne zungengeläufig
weiter, bis die lockenden Töne eines Walzers vom nahen Tanzboden an ihr
Ohr schlagen -- -- ach -- -- Otto -- -- der Ungetreue tanzt so schön!
Der Schwerenöther weiß die Gelegenheit sofort zu benutzen.
»Carlinchen -- nur den Walzer noch!«
Caroline schwankt, aber kühn umfaßt Otto ihre Hüfte -- und -- im
nächsten Augenblick neigt sie versöhnt das eben noch so finstere
Angesicht auf die Schulter des flotten Jägers und mit dem sanften
Wiegen im Tanze verfliegt ihr Zorn und aufs Neue schwört sie zu der
grün-weißen Fahne der sächsischen Armee. -- --
So nahte der Abend heran und die Studenten ziehen mit Fackeln in den
Händen im langen, von Musikbanden begleiteten Zuge vom Festplatz nach
der Stadt und durch die Straßen, und als sie auf dem Marktplatz den
Zug beenden, tönt brausend unter dem Zusammenwerfen der noch glimmenden
Fackeln ihr »~Gaudeamus igitur~« zum sternenbesäten Himmel empor.
-- -- Auf dem Festplatz aber geht es bis spät in die Nacht lebhaft
zu, wenn auch der Tanz mit der elften Stunde sein Ende erreicht. Aber
Alles verläuft in schönster Ordnung und die Communalgarde, welche
den Aufsichtsdienst in diesen Festtagen mit versah, rückt ebenfalls,
begleitet von Weib und Kind, in der Nacht wieder in die Stadt ein,
im erhebenden Bewußtsein, auch in diesen Tagen ihrer beschwornen
Bürgerpflicht gewissenhaft genügt zu haben. -- -- -- Ja -- die
Communalgarde -- sie war der Kern der Leipziger Bürgerschaft in Waffen
und schon ihre öffentlichen Exercitien schufen wahre Volksfeste. Wie es
aber bei denselben zuging, dies sei im nächsten Capitel wahrheitsgetreu
geschildert.