Die Südvorstadt.
Ein Sonntagsausflug vor fünfzig Jahren.
Wenn man jetzt durch die Straßen der mächtig emporwachsenden
Südvorstadt schreitet und dann, rechts abbiegend, den Rennplatz umgeht
und sich, auf einer Bank des sorgfältig gepflegten Scheibenparkes
Platz nehmend, dann um vierzig Jahre zurückversetzt und an die
damaligen idyllischen Zustände dieser Stadtgegend denkt, schüttelt
man wohl unwillkürlich über die Vergänglichkeit alles Irdischen
und doch wieder über das unermüdliche Schaffen der Menschenhand
das Haupt und ein Lächeln über diese Erinnerung an die -- ach so
schöne -- Jugendzeit, huscht über das alternde Angesicht. Hat sich
doch gerade die Südvorstadt, die ursprünglich von der Natur sehr
stiefmütterlich beanlagt war, zu einem der schönsten und wohl auch
am zahlreich bevölkertsten Stadttheile emporgehoben, sie, die selbst
noch zu Zeiten des unvergeßlichen Turnfestes, also vor kaum 30 Jahren,
noch nicht einmal in den Kinderschuhen ihrer Entwickelung stand.
Außer dem Peterssteinweg mit seinen alten niedrigen Häusern, welche
seitdem zum guten Theil ebenfalls Neubauten gewichen sind, standen,
pflichtgemäß jedem Fremden als hervorragende Sehenswürdigkeiten
Leipzigs bezeichnet, das Römische Haus und diesem gegenüber am Ende
der kleinen Burggasse das wohl zehn Stock hohe Seilerhaus, dessen
Besitzer, ein unter die Originale des alten Leipzigs gehöriger,
ebenso reicher, wie besonders zur Weihnachtszeit sehr mildthätiger
Seilermeister, noch einen anderen nicht auf all zu große Reinlichkeit
schließenden Beinamen führte. Hinter dem Seilerhause befand sich
das Bad des Altmeisters der Fischerinnung Händel und an dasselbe
schlossen sich bis zur Pleißengasse die zahlreichen Fischerhäuschen,
keines höher, als daß nicht ein mäßig großer Mann bequem auf das Dach
hätte langen können, mit kleinen am Pleißenufer gelegenen blühenden
Gärtchen, eine echte und rechte Fischercolonie. Mitten hinein in die
Breite der Kleinen Burggasse, sich mit dem linken Seitenflügel an
das alte Gerichtsamt, damals Bezirksgericht I, lehnend, stand das
einstöckige sogenannte Töpferhaus, über dessen niederer Hausthür
ein in Stein gehauener Töpfer mit Zipfelmütze auf dem Kopfe und der
Pfeife im Munde, bei seiner Arbeit abgebildet war. Dann kam der alte
Petersschießgraben, dessen Hauptfronte, wenn im Saale des ersten
Stockes Tanzmusik war, Complimente machte und neben dem Römischen
Hause die alte »Grüne Linde«, welche mit der »Dürren Henne« -- jetzt
Bamberger Hof, Windmühlenstraße -- und dem noch jetzt existirenden
»Blauen Roß« am Königsplatz, die drei größten Ausspannungsgasthöfe des
Südviertels bildeten. Zum Petersschießgraben gehörten, nach der Zeitzer
Straße zu, noch einige ebenso niedrige Hütten wie die Fischerhäuser,
denen gegenüber an der Ecke der jetzigen Emilienstraße das sogenannte
»Storchnest«, ein uralter, großer, der Stadt gehöriger Oekonomiehof,
auf dessen Dach sich als Wahrzeichen ein alle Jahre besiedeltes
Storchnest befand und dann -- ja dann war es mit den Häusern, da sich
auch das alte Zeitzer Thor hier befand, zu Ende. Halt! Doch nicht,
mitten in den Gärten und Getreidefeldern lag rechts an der Straße,
der Stolz des damaligen vergnügungssüchtigen Leipzigers, das Tivoli;
außer dem Waldschlößchen in Gohlis und dem Helm in Eutritzsch, wohl
damals das am stärksten frequentirte Tanzlocal der soliden Leipziger
Bürgerschaft. Weiter unten, rechts im Thale, stand das Gosenschlößchen
(jetzt Schubert’s Ballhaus), dann die Brandbäckerei und das 1866 auf
so schauerliche Art abgebrannte Feldschlößchen, letzteres mitten im
Felde. Die Ansprüche an das Leben und seine Vergnügungen waren damals
natürlich weit bescheidener als jetzt, und es war nicht gegen den guten
Ton, wie man jetzt in durchaus falscher und überflüssiger Prüderie fast
durchgängig annimmt, wenn Vater Sonntags beim Spaziergang nach einem
Etablissement auch Muttern mal im Tanze schwenkte! Schreiber dieses
weiß noch ganz genau, wie mißbilligend zwar Vater jedesmal die Miene
verzog, wenn er sah, daß Mutter zum Spaziergang nach der Brandbäckerei,
zwei, drei steifgestärkte weiße Röcke anzog, aber -- er protestirte
nicht. Mutter plagte sich die ganze Woche über, gleich ihm, ehrlich
und tummelte sich rechtschaffen, die bescheidene Sonntagsfreude
verkümmerte ihr Vater nie. Und so ging es denn hinaus ins sonnige Freie
durch die Münzgasse und über den kaum ellenbreiten Steg, der über den
Floßgraben auf den Floßplatz führte. Der Floßgraben, welcher die ganze
Länge des Floßplatzes durchströmte und auf welchem das _Rathsfloßholz_
auf dem einfachsten Wege vom Gebirge bis nach der Stadt herabschwamm,
um auf dem Platze selbst in zahlreichen riesigen Stößen zum Trocknen
aufgeschichtet zu werden, ist heute ebenfalls verschwunden. Dann führte
der Weg an der _Schimmelei_ -- Schimmel’s Gut mit der Insel Buen Retiro
-- vorüber, immer zwischen Gärten, bis hinaus auf die Brandbäckerei,
wo bei Kaffee, die Portion mit fünf Tassen, für zwei gute Groschen und
delicatem Kaffee- oder Käsekuchen, das große Stück für einen Sechser,
in einer der prächtigen Lauben Platz genommen wurde. Dies war für uns
Kinder. Nach einer oder zwei Stunden ging es dann zurück, Vater wollte
nun seine Gose trinken. Der prächtige Garten des Tivoli erstreckte
sich damals bis zum Brandweg, der jetzigen Dufourstraße, hinunter
und hatte hier ebenfalls einen Eingang. Durch diesen traten wir nun
ein, und indeß Vater die dickbauchige Gosenflasche mit Kennermiene
balancirte und einschenkte, tummelten wir uns froh in dem geräumigen
Garten. Die Töne der Tanzmusik unter Vater Wenck’s gediegener Leitung
drangen deutlich und lockend heraus durch die geöffneten Thüren.
Vatern wurde es bei denselben allmählich etwas unbehaglich, denn immer
deutlicher wippte Mutter bei jedem neuen Tanze mit dem Fuße und ihr
gutes freundliches Angesicht nahm allmählich bedenkliche Mienen an.
Da -- endlich, als ein schöner ruhiger Walzer begann, erinnerte sich
Vater energisch seiner sonntäglichen Pflicht. Vorsichtig legte er die
Cigarrenspitze auf den Tisch, räusperte sich vernehmlich, bot dann
Muttern voll Grandezza die Hand, und, bewundert von ihrer ehelichen
Nachkommenschaft, drehten sich gleich darauf Beide im Tanze auf dem
spiegelglatt gebohnten Saale. Hei, wie flogen da die aufgebauschten
Röcke unserer Mutter, und die langen Schöße von Vaters Sonntagsrock,
aus dessen hinterer Tasche die Enden eines neuen rothseidenen
Taschentuches zierlich herausschauten, flatterten hinterher. Vaters
Auge blickte zwar etwas stier, denn er konnte das Drehen nicht
vertragen, aber Mutter hielt fest und wankte nicht, bis der Walzer zu
Ende war. Aufatmend stand dann Vater erst einen Augenblick, um sich
über den Ausgang zu orientiren, dann aber zog er das bewußte Rothseidne
hervor und mit Genugthuung und männlicher Würde führte er, von uns
Kindern im Triumph begleitet, seine wieder in Güte strahlende bessere
Hälfte zurück in den Garten. Noch ein oder zweimal und zwar in der
Regel bei dem schönen Schottisch:
»Meine Mutter schickt mich her, ob der Kaffee fertig wär --
Sag Deiner Mutter ein Compliment und der Kaffee wär’ verbrennt! etc.«
oder zum Contre, bei welch’ letzterem alle Zierlichkeit der früheren
Tanzweise entfaltet wurde, mußte Vater ins Geschirr, wie er sich
wohl dann und wann ausdrückte, dann aber hatte Vater Ruhe. Er hatte
dann seine zwei Gosen, Mutter ihre Tänze, wir unsern Kuchen und heim
ging es wieder, denn der Abend nahte heran und mit ihm die Zeit des
Abendbrodes, nach welchem wir Kinder ein für allemal ins Bett mußten.