III.

Die Südvorstadt.

Ein Sonntagsausflug vor fünfzig Jahren.

Wenn man jetzt durch die Straßen der mächtig emporwachsenden

Südvorstadt schreitet und dann, rechts abbiegend, den Rennplatz umgeht

und sich, auf einer Bank des sorgfältig gepflegten Scheibenparkes

Platz nehmend, dann um vierzig Jahre zurückversetzt und an die

damaligen idyllischen Zustände dieser Stadtgegend denkt, schüttelt

man wohl unwillkürlich über die Vergänglichkeit alles Irdischen

und doch wieder über das unermüdliche Schaffen der Menschenhand

das Haupt und ein Lächeln über diese Erinnerung an die -- ach so

schöne -- Jugendzeit, huscht über das alternde Angesicht. Hat sich

doch gerade die Südvorstadt, die ursprünglich von der Natur sehr

stiefmütterlich beanlagt war, zu einem der schönsten und wohl auch

am zahlreich bevölkertsten Stadttheile emporgehoben, sie, die selbst

noch zu Zeiten des unvergeßlichen Turnfestes, also vor kaum 30 Jahren,

noch nicht einmal in den Kinderschuhen ihrer Entwickelung stand.

Außer dem Peterssteinweg mit seinen alten niedrigen Häusern, welche

seitdem zum guten Theil ebenfalls Neubauten gewichen sind, standen,

pflichtgemäß jedem Fremden als hervorragende Sehenswürdigkeiten

Leipzigs bezeichnet, das Römische Haus und diesem gegenüber am Ende

der kleinen Burggasse das wohl zehn Stock hohe Seilerhaus, dessen

Besitzer, ein unter die Originale des alten Leipzigs gehöriger,

ebenso reicher, wie besonders zur Weihnachtszeit sehr mildthätiger

Seilermeister, noch einen anderen nicht auf all zu große Reinlichkeit

schließenden Beinamen führte. Hinter dem Seilerhause befand sich

das Bad des Altmeisters der Fischerinnung Händel und an dasselbe

schlossen sich bis zur Pleißengasse die zahlreichen Fischerhäuschen,

keines höher, als daß nicht ein mäßig großer Mann bequem auf das Dach

hätte langen können, mit kleinen am Pleißenufer gelegenen blühenden

Gärtchen, eine echte und rechte Fischercolonie. Mitten hinein in die

Breite der Kleinen Burggasse, sich mit dem linken Seitenflügel an

das alte Gerichtsamt, damals Bezirksgericht I, lehnend, stand das

einstöckige sogenannte Töpferhaus, über dessen niederer Hausthür

ein in Stein gehauener Töpfer mit Zipfelmütze auf dem Kopfe und der

Pfeife im Munde, bei seiner Arbeit abgebildet war. Dann kam der alte

Petersschießgraben, dessen Hauptfronte, wenn im Saale des ersten

Stockes Tanzmusik war, Complimente machte und neben dem Römischen

Hause die alte »Grüne Linde«, welche mit der »Dürren Henne« -- jetzt

Bamberger Hof, Windmühlenstraße -- und dem noch jetzt existirenden

»Blauen Roß« am Königsplatz, die drei größten Ausspannungsgasthöfe des

Südviertels bildeten. Zum Petersschießgraben gehörten, nach der Zeitzer

Straße zu, noch einige ebenso niedrige Hütten wie die Fischerhäuser,

denen gegenüber an der Ecke der jetzigen Emilienstraße das sogenannte

»Storchnest«, ein uralter, großer, der Stadt gehöriger Oekonomiehof,

auf dessen Dach sich als Wahrzeichen ein alle Jahre besiedeltes

Storchnest befand und dann -- ja dann war es mit den Häusern, da sich

auch das alte Zeitzer Thor hier befand, zu Ende. Halt! Doch nicht,

mitten in den Gärten und Getreidefeldern lag rechts an der Straße,

der Stolz des damaligen vergnügungssüchtigen Leipzigers, das Tivoli;

außer dem Waldschlößchen in Gohlis und dem Helm in Eutritzsch, wohl

damals das am stärksten frequentirte Tanzlocal der soliden Leipziger

Bürgerschaft. Weiter unten, rechts im Thale, stand das Gosenschlößchen

(jetzt Schubert’s Ballhaus), dann die Brandbäckerei und das 1866 auf

so schauerliche Art abgebrannte Feldschlößchen, letzteres mitten im

Felde. Die Ansprüche an das Leben und seine Vergnügungen waren damals

natürlich weit bescheidener als jetzt, und es war nicht gegen den guten

Ton, wie man jetzt in durchaus falscher und überflüssiger Prüderie fast

durchgängig annimmt, wenn Vater Sonntags beim Spaziergang nach einem

Etablissement auch Muttern mal im Tanze schwenkte! Schreiber dieses

weiß noch ganz genau, wie mißbilligend zwar Vater jedesmal die Miene

verzog, wenn er sah, daß Mutter zum Spaziergang nach der Brandbäckerei,

zwei, drei steifgestärkte weiße Röcke anzog, aber -- er protestirte

nicht. Mutter plagte sich die ganze Woche über, gleich ihm, ehrlich

und tummelte sich rechtschaffen, die bescheidene Sonntagsfreude

verkümmerte ihr Vater nie. Und so ging es denn hinaus ins sonnige Freie

durch die Münzgasse und über den kaum ellenbreiten Steg, der über den

Floßgraben auf den Floßplatz führte. Der Floßgraben, welcher die ganze

Länge des Floßplatzes durchströmte und auf welchem das _Rathsfloßholz_

auf dem einfachsten Wege vom Gebirge bis nach der Stadt herabschwamm,

um auf dem Platze selbst in zahlreichen riesigen Stößen zum Trocknen

aufgeschichtet zu werden, ist heute ebenfalls verschwunden. Dann führte

der Weg an der _Schimmelei_ -- Schimmel’s Gut mit der Insel Buen Retiro

-- vorüber, immer zwischen Gärten, bis hinaus auf die Brandbäckerei,

wo bei Kaffee, die Portion mit fünf Tassen, für zwei gute Groschen und

delicatem Kaffee- oder Käsekuchen, das große Stück für einen Sechser,

in einer der prächtigen Lauben Platz genommen wurde. Dies war für uns

Kinder. Nach einer oder zwei Stunden ging es dann zurück, Vater wollte

nun seine Gose trinken. Der prächtige Garten des Tivoli erstreckte

sich damals bis zum Brandweg, der jetzigen Dufourstraße, hinunter

und hatte hier ebenfalls einen Eingang. Durch diesen traten wir nun

ein, und indeß Vater die dickbauchige Gosenflasche mit Kennermiene

balancirte und einschenkte, tummelten wir uns froh in dem geräumigen

Garten. Die Töne der Tanzmusik unter Vater Wenck’s gediegener Leitung

drangen deutlich und lockend heraus durch die geöffneten Thüren.

Vatern wurde es bei denselben allmählich etwas unbehaglich, denn immer

deutlicher wippte Mutter bei jedem neuen Tanze mit dem Fuße und ihr

gutes freundliches Angesicht nahm allmählich bedenkliche Mienen an.

Da -- endlich, als ein schöner ruhiger Walzer begann, erinnerte sich

Vater energisch seiner sonntäglichen Pflicht. Vorsichtig legte er die

Cigarrenspitze auf den Tisch, räusperte sich vernehmlich, bot dann

Muttern voll Grandezza die Hand, und, bewundert von ihrer ehelichen

Nachkommenschaft, drehten sich gleich darauf Beide im Tanze auf dem

spiegelglatt gebohnten Saale. Hei, wie flogen da die aufgebauschten

Röcke unserer Mutter, und die langen Schöße von Vaters Sonntagsrock,

aus dessen hinterer Tasche die Enden eines neuen rothseidenen

Taschentuches zierlich herausschauten, flatterten hinterher. Vaters

Auge blickte zwar etwas stier, denn er konnte das Drehen nicht

vertragen, aber Mutter hielt fest und wankte nicht, bis der Walzer zu

Ende war. Aufatmend stand dann Vater erst einen Augenblick, um sich

über den Ausgang zu orientiren, dann aber zog er das bewußte Rothseidne

hervor und mit Genugthuung und männlicher Würde führte er, von uns

Kindern im Triumph begleitet, seine wieder in Güte strahlende bessere

Hälfte zurück in den Garten. Noch ein oder zweimal und zwar in der

Regel bei dem schönen Schottisch:

»Meine Mutter schickt mich her, ob der Kaffee fertig wär --

Sag Deiner Mutter ein Compliment und der Kaffee wär’ verbrennt! etc.«

oder zum Contre, bei welch’ letzterem alle Zierlichkeit der früheren

Tanzweise entfaltet wurde, mußte Vater ins Geschirr, wie er sich

wohl dann und wann ausdrückte, dann aber hatte Vater Ruhe. Er hatte

dann seine zwei Gosen, Mutter ihre Tänze, wir unsern Kuchen und heim

ging es wieder, denn der Abend nahte heran und mit ihm die Zeit des

Abendbrodes, nach welchem wir Kinder ein für allemal ins Bett mußten.

Erinnerungen eines alten Leipzigers · 第 5 / 71 题