Heiterer Rückblick auf die Steuerbeitreibung in früherer Zeit.
Wenn man als älterer Bürger unserer guten Zukunfts-Millionen-Stadt
um vierzig Jahre zurückblickt auf die Steuerverhältnisse der guten
alten Zeit und sie mit der Jetztzeit vergleicht, so überläuft
Einem einerseits ein gelindes Grausen über die jetzt nie endende
Steuerschraube und andererseits ein Lächeln darüber, daß man schon
damals über hohe Steuern raisonnirte. Bedenkt man, daß zu jener Zeit
der Inhaber des kaufmännischen Geschäftes, in welchem Schreiber
Dieses seine Lehrzeit vollbrachte, trotzdem das Geschäft mit einem
Commis und mehreren Verkäuferinnen betrieben wurde und also kein
unbedeutendes war, Alles in Allem noch nicht 10 Thaler, also 30 Mk.,
Steuern im Jahre bezahlte, ein Betrag, den jetzt schon ein Arbeiter
mit etwa 900 Mk. Einkommen zu erlegen hat, so bekommt man ungefähr
einen Begriff von dem Unterschied zwischen jetzt und damals. Und dabei
war die Eintreibungsmethode damals eine so gelinde, daß dieselbe für
die Jetztzeit eine wahre Freude wäre, und bei dieser Methode kam es
fast niemals zu tragischen Episoden, wie jetzt leider oft genug, wohl
aber häufig zu den heitersten Vorkommnissen. Es existirte damals
nämlich, als es noch nicht so genau darauf ankam, ob einige Tausende
ihre Steuern bezahlten oder nicht, denn das Land war ja reich genug,
noch das Mahnen durch dazu von der Steuerbehörde vom Garnisoncommando
erbetene Soldaten. Zu diesem nicht unlucrativen Geschäft commandirten
nun in der Regel die Hauptleute sogenannte, meist verheirathete,
Stellvertreter, d. h. solche Soldaten, welche für dreihundert Thaler,
außer ihren eignen sechs Jahren, noch weitere sechs Jahre freiwillig
dienten. Diese alten Soldaten nun wurden dazu auserlesen, die säumigen
Steuerzahler zu ihrer Pflicht zu bringen, und wenn es in Leipzig hieß
»_Der Schütze kommt_«, so wußte jedes Kind, was dies zu sagen hatte.
Wenn also irgend Jemand mehr als billig mit den Steuern im Rückstand
war und die erste Mahnung eines Rathsdieners, an welchen die
Mahngebühr im Betrage eines Sechsers (sechs Pfennige) zu entrichten
war, unberücksichtigt ließ, so erhielt er nach einigen Wochen den mit
Schwert und Patronentasche umgürteten »Schützen« (in Leipzig standen
Schützen und Jäger) zum Besuch. Derselbe mahnte wieder und hatte einen
Betrag von 25 Pfennigen oder zwei gute Groschen zu erhalten. Blieb auch
diese Mahnung ohne Erfolg, so erschien der Krieger wieder, diesmal aber
mit dem Gewehr, und mußte nunmehr 75 Pfennige Mahngebühr erhalten,
vorausgesetzt natürlich, daß sie der Säumige hatte oder bezahlte. Lud
aber auch auf diese Mahnung der Schuldige nicht schleunigst ab, so
erschien -- der kriegerische Mahner mit Ober- und Untergewehr, den
Tornister feldmäßig gepackt, den Kriegshut (Tschacko) auf dem Haupte,
zum letzten Mal und forderte den Tribut der Landesverwaltung sofort! --
Erhielt er aber denselben wiederum nicht, so -- -- -- quartirte sich
der edle Krieger ganz einfach bei dem Schuldner ein, verlangte Bett und
reichliche Atzung und -- blieb so lange, bis -- eben gezahlt wurde. Daß
bei dieser Methode mancherlei sehr komische Intermezzi mit unterliefen,
ist selbstverständlich, und da mir aus meiner Jugendzeit eines
derselben, weil es in unserem eigenen Haushalte passirte, besonders
erinnerlich ist, so sei es den Lesern dieses Heftes mitgetheilt.
Meine Eltern bewohnten damals für den Miethzins von 80 Thaler die
ziemlich geräumige erste Etage (Was würde dieselbe wohl jetzt Miethe
kosten?) eines Hauses in der Petersstraße und bei uns hatte ein Zimmer
mit Alkoven der akademische Maler O. M. als Chambergarnist inne. Das
persönliche Besitzthum dieses ebenso talentvollen wie leichtlebigen
jungen Mannes bestand aus einem sogenannten guten Anzug, der aber
auch eigentlich sein einziger war; denn einige sonst noch vorhandene
Unaussprechliche besaßen derartige Defecte, daß er, wenn er dieselben
für den häuslichen Gebrauch anlegen wollte, oft ernstlich im Zweifel
darüber war, zu welchem Loch er hinein schlüpfen sollte. Außer
diesem Anzug besaß der Edle noch einen alten menschenfreundlichen
Schlafrock -- menschenfreundlich in der Beziehung, als er dem Besucher
die vorerwähnten Defecte wenigstens einigermaßen verhüllte, obwohl
dieselben den glücklichen Besitzer durchaus nicht genirten. Nennen
wir nun noch einige, nicht zweifellose Hemden, Strümpfe, ein halbes
Dutzend Vatermörder, ein Paar niedergetretene ehemalige Hausschuhe,
~vulgo~ Laatschen, einen türkischen Fez, eine lange Tabakspfeife und
einen Stiefelknecht, sowie ein Paar roh zusammengeschlagene Latten
(stolz von ihrem Besitzer Staffelei genannt), Pinsel und eine Anzahl
meist zerbrochener Farbentöpfe, so glauben wir von seinem Reichthum
nichts vergessen zu haben. Halt! Etwas haben wir doch vergessen! Seinen
unverwüstlichen Humor, welcher ihn befähigte, das Leben stets nur von
seiner Lichtseite zu betrachten, sowie eine Beredsamkeit, die jede
andere absolut zum Schweigen brachte und ihn oft genug siegreich aus
Situationen zog, welche peinlich zu werden drohten. Brachte er es
doch fertig, einst seinem als sehr grob bekannten Schneider, nachdem
derselbe Jahr und Tag auf die Bezahlung seiner Rechnung gewartet
hatte und mit seiner massivsten Grobheit anrückte, durch seinen bald
schmeichelnden, bald herzbrechend klingenden Zungenschlag nicht blos
zu noch längerem Warten zu vermögen, sondern ihm -- ach derselbe wußte
nicht, was er that -- -- noch um zwei Thaler anzupumpen. Niemand
vermochte eben dem lustigen und luftigen Gesell ernstlich oder
gar dauernd Gram sein. Selbst mein Vater, der in Geldsachen etwas
skeptischer Natur war, unterlag seinem Zauber, von meiner Mutter mit
ihrem guten mitleidigen Herzen gar nicht zu reden. Hatte er Geld, so
kamen allerdings seine Wirthsleute zuerst daran, dann aber flog es
in alle Winde -- und Steuern? -- Lieber Gott! Steuern betrachtete er
als ihm widerrechtlich auferlegten Tribut, gegen welchen sich, wie
er sagte, seine innerste Natur empörte -- deshalb bezahlte er solche
schon aus Prinzip nicht. -- -- Diese letztere löbliche Eigenschaft
war denn auch sowohl der Steuerbehörde wie den mahnenden Soldaten
hinreichend bekannt, und wenn daher auch der Name O. M. bei jeder
neuen Steuerrate mit größter Pünktlichkeit stets wieder auf der
Restantenliste figurirte, so strichen erfahrene Mahner eben denselben
einfach an und ersparten sich ein für allemal den für sie und den Staat
vollkommen unnützen Weg. Nur wenn einmal unter den militairischen
Plagegeistern neue, mit ihrer Kundschaft nicht Vertraute eingestellt
worden waren, passirte es wohl, daß ein solcher, getrieben von
löblichem Pflichteifer, eine neue Attaque auf den leider stets leeren
Geldbeutel des Malers machte, mit welchem Erfolg, wird der Leser gleich
erfahren. -- -- --
Es war in der Dämmerstunde eines regnerischen Herbsttages, als wir
Zwei -- ich war nämlich ein Specialfreund von O. M. -- in dessen
Stube zusammen waren. Er lag, in den Schlafrock gehüllt, den Fez auf
dem lockigen Haupte, in keineswegs malerischer Pose auf dem Sopha, ich
saß auf dem hölzernen Tritt an den Fenstern. Zwischen uns herrschte
momentanes Schweigen und zwar aus gutem Grunde, denn wir waren Beide
mit der Vertilgung je einer riesigen Fettbemme eifrig beschäftigt,
wie dieselben in solcher Größe und Dicke nur meine sparsame Mutter
uns Kindern servirte. Diesmal aber war, wie schon oft, unter »uns
Kindern« auch wiederum unser Chambergarnist gewesen, denn Mutter hatte
seine beredten Blicke bei Austheilung der Bemmen an uns sehr richtig
verstanden und ihm ebenfalls eine geschmiert, die er nun mit dem
Appetit eines gesunden sechsundwanzigjährigen Mannes verzehrte. Sein
Geldbeutel befand sich eben wieder einmal im Zustande vollständiger
trostloser Leere, was Wunder, daß ihn das knusprige Bauernbrod von der
Größe eines mäßigen Wagenrades, sowie das delicate Schinkenfett auf das
Verführerischste in die Augen lachten?
[Illustration]
Eben war der letzte Bissen unter dem vollen, blonden Schnurrbart
meines Freundes verschwunden, und er angelte mit der Rechten nach der
herabgerutschten langen Pfeife, da erklangen auf dem Flur draußen harte
Tritte, eine derbe Hand pochte an die Thür, und ehe noch M. »herein«
rufen konnte, öffnete sich dieselbe. Herein trat in oben beschriebener
vollständiger Ausrüstung ein Schütze. Derselbe schloß die Thür hinter
sich und begann seinen Vers herzusagen:
»Im Auftrage der etc. Steuerbehörde komme ich, um Sie zum letzten Mal
zur Bezahlung der restirenden Steuern aufzufordern!«
Augenblicklich war mein Freund auf den Beinen und schritt
freudestrahlend mit Grandezza auf den bärtigen Krieger zu.
»Sei mir willkommen, gewappneter Vertheidiger meiner heimathlichen
Gefilde, Gruß und Kuß entbiete ich Dir -- o in Waffen strotzender
Jüngling!«
Der biedre Schütze wich vor der ihm angedrohten Umarmung einige
Schritte zurück.
»Ach«, sagte er gemüthlich, »machen Se doch keen Unsinn! Hier is de
Quittung, wo ham Se d’n s’Geld?«
»Geld?« declamirte M. pathetisch mit der Pfeife in der Luft herum
vagirend, so daß der Soldat wieder etwas zurückweichen mußte, »Geld?
-- Bedarf es des elenden Mammons, um zwei deutsche Männer, sich in
gemeinsamer Liebe zu dem theuern Vaterlande begegnend, an die Brust
sinken zu lassen? O -- komm Bruder in meine Arme -- --«. Jetzt wurde
die Sache aber doch, wie es schien, dem Schützen etwas zu bunt.
»Ach, machen Se doch keene solchen Ginkerlitzchen!« rief er, »wenn Se
eben nich bezahlen, denn bleibe ich hier bei Sie im Quartier un habe zu
verlangen -- --«
»Wie?« antwortete freudestrahlend der Gemahnte, »Du bist gekommen,
um in diesen der Kunst geweihten Hallen mein Gast zu sein? O --
nochmals -- sei tausendmal willkommen! Doch jetzt hinweg mit dem
Völker mordenden Gewehr, herunter mit Deiner schweren Behauptung und
dem belastenden Tornister! -- Entgürte Deine Hüften« -- -- -- hierbei
nahm er dem theils verdutzten, theils in der Aussicht auf ein längeres
gutes Quartier schmunzelnden Soldaten Gewehr, Tzschacko und Tornister
ab und schnallte ihm die Leibkoppel los, »-- so und nun -- herab mit
den Stiefeln und bequem gemacht; den schweren Rock aus -- was wäre
das für ein Gastfreund, der dem geliebten Gast nicht sein Alles gäbe!
-- Hier -- meine Laatschen an Deine bisher von rauhem Leder bedeckten
Füße -- hier mein Schlafrock zur weicheren, wärmenden Hülle und -- --
hier meinen von einem tunesischen Seeräuber mit eigner Hand erbeuteten
Fez -- -- -- so -- -- -- und nun -- o Liebling des Mars, mach’ Dir es
bequem auf dem schwellenden Sopha -- --!«
Und richtig saß binnen fünf Minuten der edle Vaterlandsvertheidiger,
angethan mit Schlafrock, Laatschen und Fez, ein nicht sehr geistreiches
Lächeln auf den Lippen, auf dem Sopha, indeß M. in seine Stiefeln fuhr,
seinen Anzug herbeischleppte und -- ohne wegen seiner verschiedentlich
erscheinenden Blößen in Verlegenheit zu gerathen, in kaum glaublicher
Schnelle vollständig Toilette zum Ausgehen machte.
»Sie sein zu gitig!« sagte schmunzelnd der »Liebling des Mars«, im
Sopha lehnend. »Nee so freindschaftlich -- na -- mir wer’n uns schon
vertragen! -- Aber -- wo woll’n Se denn hin?« frug er, als jetzt M.
seinen etwas schäbigen Calabreser eifrig abbürstete.
»Ich? Du fragst noch -- Freund meiner Seele? -- Ich gehe, um den nun
einmal zum Leben unentbehrlichen schnöden Mammon aufzutreiben -- denn
-- siehe -- o Bruder -- kein Stümpfchen Licht zur Beleuchtung dieser
traulichen Hallen, keinen Spahn Holz und kein Stücklein Kohle zur
Speisung des stattlichen Ofens, kein Stücklein Brod und -- -- keinen
Pfennig Geld nenne ich mein! -- Aber -- verzage nicht -- ich habe
da unten -- wo die Schlösser der Hauptstadt stehen -- in Dresdens
lachenden Gefilden -- einen Oheim -- zu dem eile ich auf dem Rappen des
Schusters, und habe ich von ihm des Mammons Fülle erbettelt, so nah ich
auf des neu errichteten Dampfrosses beflügeltem Rücken, und bringe dem
harrenden Gaste der köstlichsten Speisen in Menge!«
Immer länger war das Gesicht des guten »Schützen« während dieses
Sermons geworden, jetzt sprang er aber vom Sopha auf und sagte
entrüstet:
»I -- nu -- das geht doch nich, mei Gutster! Wie lange soll denn das
dauern?«
»Erzürne Dich nicht -- o -- Freund! Ich eile; binnen vier, höchstens
fünf Tagen schon trägt mich auf’s Neue das Dampfroß in Deine Arme!«
»Was?! -- Schwafeln Se doch nich so dumm! -- I! Zum Donnerwetter! Da
könnte ich derweile verhungern! Ich sehe’s schon ein -- Sie wär’s egal.
Nee -- so dumm sin mer nich, da geh’ ich lieber in de Caserne -- das
wäre noch scheener -- -- --«
Und weiter raisonnirend warf sich der undankbare Gast, trotz
der schmerzlichen Miene seines Gastfreundes, schleunigst die
Kleidungsstücke desselben wieder von sich, zog seine Stiefeln fluchend
an, umgürtete sich, sackte den Tornister und stülpte den Kriegshut
auf, nahm sein Gewehr und -- -- -- ward nicht mehr gesehen! O. M. aber
kleidete sich nach dem Entfliehen seines Gastes ruhig wieder aus, legte
die von Letzterem verschmähten Gewänder wieder an, stopfte sich eine
neue Pfeife, legte sich aufs Sopha und -- erzählte mir mit stoischer
Ruhe, nachdem sich meine Lachlust endlich wieder gelegt hatte, die
Räubergeschichte von: »Sixtiniano, dem furchtbaren Banditen«.