Die alte innere Stadt anno 1840.
Im Jahre 1840, also vor nunmehr länger als einem halben Jahrhundert,
sah es in unserm deutschen Vaterland und mit ihm in den einzelnen
Staaten noch gewaltig anders aus als jetzt, wo das weltgeschichtlich
so bedeutende 19. Jahrhundert in wenig Jahren in das Reich der
Vergangenheit hinabsinkt. Damals Reaktion, noch halbe Hörigkeit,
Frohndienste, Zehntenabgaben, Abhängigkeit der Schule von der Kirche,
Zunftwesen, das Eisenbahn- und Maschinenwesen in seinen Windeln
liegend, gegenseitige Eifersüchteleien unter den einzelnen Staaten,
Deutschland mißachtet von allen anderen Staaten -- aber anderseits
blühender Gewerbe- und Handwerkerstand, gegenseitige Treue und Glauben,
geringe Steuern und Militärlasten u. s. w. u. s. w.
Und jetzt? Ein geeintes Deutschland, feste Gliederung der einzelnen
Staaten an einander, würdige Vertretung nach Außen, gediegenes
unabhängiges Schulwesen, Gewerbefreiheit, ein dichtes Netz von
Eisenbahnen, massenhafte neue Erfindungen, die Nähmaschinen, Gas,
elektrisches Licht, Telegraph und Telephon -- aber anderseits
Rückgang des früher so blühenden Mittel- und Handwerkerstandes,
Socialdemokratie, riesige Militärlasten und schwere Steuern; Gegensätze
wie sie wohl kein einziges der vergangnen Jahrhunderte im gleichen
Maaße aufweist.
Nicht zum Wenigsten aber sind es die Städte des Landes, welche sich
riesig verändert haben und unter ihnen wieder die größeren Städte,
welche in den wenigen Jahrzehnten ihren Umfang nach allen Richtungen
mächtig ausdehnten und deren Bevölkerungszahl im gleichen Maaße stieg.
Daß auch unser Leipzig, schon vermöge seiner günstigen politischen und
geschäftlichen Lage, im Centrum von Deutschland und vermöge seiner
besonderen Vorzüge als alte weltberühmte Handels- und Universitätsstadt
hierin nicht zurückblieb, ist selbstredend, ja es ging mit wenig
Ausnahmen allen anderen Städten Deutschlands voran, indem es sowohl
seinen Umfang wie seine Bevölkerungszahl in den letzten 50 Jahren
versechsfachte.
Ein großstädtisches Treiben hat sich entwickelt und mit ihm sind nicht
nur die früheren um Vieles bescheideneren Ansprüche an das Leben,
sondern auch ein gut Theil der alten Gemüthlichkeit verloren gegangen
und nur in der Erinnerung des alten Leipziger Bürgers leben dieselben
fort, bis auch der Letzte derselben dahinstirbt und die alten lieben
Erinnerungen mit ins Grab nimmt. -- -- --
Anno 1840 waren Leipzigs Vorstädte, auf deren allmälige Entwicklung
wir später eingehender zurückkommen, noch im Entstehen begriffen und
zwar verstehen wir unter diesen Vorstädten keineswegs das jetzige
aus der Anektirung der dicht bei Leipzig gelegenen Dörfer gebildete
Neu-Leipzig, sondern die jetzigen, sogenannten inneren Vorstädte,
welche sich rings um die früheren Wallgräben und jetzigen Promenaden
ziehen. Der Wallgraben, dessen bedeutende Tiefe man noch an den Resten
desselben bei der nun auch dem Untergang geweihten Pleißenburg erkennen
kann -- und von dem der Töpfer- und östliche Fleischerplatz sowie der
Schwanenteich noch Ueberbleibsel sind, zog sich in den vierziger Jahren
noch vom südlichen Ausgang der Petersstraße bis zum Georgenhause,
der jetzigen Creditanstalt an der Ecke des Brühls und der jetzigen
Goethestraße. Nur der Augustusplatz unterbrach denselben. Das alte
architektonisch prächtig ausgeführte Petersthor, welches erst 1860
abgetragen wurde, bildete eine geräumige, mit Fahr- und Fußwegen,
welche durch Säulen und Wandöffnungen von einander getrennt waren,
versehene Halle und eine breite Brücke führte über den, rechts und
links tief unten liegenden Wallgraben nach dem Roß- und Königsplatz
und dem Obstmarkte, auf welch letzterem an Markttagen die von auswärts
mit Stroh und Heu nach der Stadt kommenden Händler feil hielten. In
der Mitte des Petersthores, links von der Petersstraße, befand sich
an dem Durchgang für Fußgänger eine Spitzbogenthür, welche auf die
sogenannte Terrasse oder Bastei führte. In der linken Seite dieser
schmalen nach der ersten Bürgerschule führenden Gasse standen bis
zur Universitätsstraße ganz gleichmäßige, wunderhübsche, idyllisch
gelegene, nur einstöckige Häuschen, welche sich mit dem Rücken an die
Peterskirche und deren Nebenhäuser lehnten, kleine sorgfältig gepflegte
Vorgärten hatten und bis zum Dach mit wildem Wein überzogen waren.
Der Neumarkt hatte damals also noch keinen Ausgang auf die jetzige
Promenade. Auf der rechten Seite der Terrasse befand sich die etwa
brusthohe oben mit Granitsteinen belegte Mauer, welche die kleine Gasse
von dem tiefen Wallgraben schied. Rechts und links von der Petersbrücke
aus, welche schon damals unten mit Erde ausgefüllt war, führten dichte
Tannengebüsche bis hinunter in den Wallgraben, oder wie er damals
genannt wurde, den Stadtgraben. Zwei mehr als sechszig Fuß hohe riesige
Pappeln, deren letzte erst bei einem Umbau des Polichschen Geschäftes
weggeschlagen wurde, standen wie zwei kolossale Wächter rechts und
links des Petersthores und ragten vom Grunde des Stadtgrabens noch
weit über das sehr hohe, oben mit dem steinernen Stadtwappen gekrönte
Petersthor hinaus.
Unten im Wallgraben, dessen Abhänge auch auf der Promenadenseite und
an der Universitätsbrücke mit dichtem Tannengehölz bewachsen waren,
standen wilde Obstbäume, Vogelkirschen und Eibenbäume in ziemlich
wirrem Durcheinander und nur beim Ausgang der Universitätsbrücke am
Roßplatz führte ein schmaler Fußpfad hinab in die für uns Jungen zu
Räuber- und Indianerspielen besonders verlockenden geheimnißvollen
Gestrüppe des »alten Stadtgrabens«. War aber »Blech« -- diesen
Spitznamen führte bei uns Jungen der damalige _einzige_ Wächter der
Promenadenanlagen und der Stadtgräben -- in der Nähe, so bahnten wir
uns auch oft genug, nicht gerade zum Vortheil unserer Hosen und Kutten,
einen Weg durch das düstere Gestrüppe der Tannen und mit Vorliebe
saßen wir in demselben versteckt und erzählten uns Räubergeschichten
aller Art, je schauerlicher desto willkommener, bis uns »Blech«, der
»Schippendittrich« -- so nannten wir ihn auch wegen seiner stets
mitgeführten Schippe -- auch hier aufstöberte und aus unserm Tuskulum
hinausjagte.
An der Universitätsstraße führte ebenfalls eine Brücke, die
Universitätsbrücke, über den Graben, der auf der jenseitigen Seite,
also hinter der ersten Bürgerschule nach dem Roßplatze zu mit hölzernen
Barrieren versehen war, auf denen wir »Kolter und Waitzmann« spielten
und unsre ersten kühnen Versuche auf dem Gebiete des Turnens und
Seiltanzes machten. Der Roßplatz, damals noch nicht planirt und mit
vielen Bodensenkungen versehen, bot uns zur Winterszeit, wenn es
glatteiste, eine treffliche Schlittschuhbahn.
Die Grimmaische Straße schloß nach dem Augustusplatz das schon in
den vierziger Jahren gefallene Grimmaische Thor ab und von ihm bis
zum Georgenhaus standen hohe düstere Universitätsgebäude, das noch
vorhandene, aber umgebaute »schwarze Bret«, das »rothe Colleg« u. s. w.
An der rechten Seite dieser Gasse -- der jetzigen Goethestraße, stand
ebenfalls eine Mauer, welche dieselbe vom früheren Stadtgraben,
jetzigen Schwanenteiche schied. Der Eselsplatz, jetzige Ritterplatz
beim Königl. Palais, hatte hier keinen Ausgang und auch vom Brühl
führte nur das sogenannte »Zuchthauspförtchen« auf die schmale Passage.
Die ersten wirklichen Promenadenanlagen erstreckten sich von hier bis
an das jetzige »alte Theater«. Uralte Häuser, darunter die »weiße
Taube« bildeten von hier einen kleinen Halbkreis bis zum westlichen
Brühlausgange gegenüber der Hainstraße. Wo jetzt das Hotel Müller am
Neukirchhof steht, standen damals uralte, frühere Klostergebäude,
welche sich nach dem alten Theater zu fortsetzten und an der
Promenadenseite des jetzigen Hotels »Stadt Gotha« mit dem sogenannten
»Neupförtchen« ihren Abschluß fanden. Von hier aus bis zum Schloß
Pleißenburg ist die Scenerie seit 1840 nur wenig verändert worden, mit
Ausnahme der Freilegung der Thomaskirche. Am Thomaskirchhof zwischen
der alten Thomasschule und dem früheren »Schneiderhaus« (damals
Eigenthum der reichen Schneiderinnung) lag das »Thomaspförtchen«. Das
Schloß Pleißenburg, dessen wahrhaft malerische Schönheit, mit seinen
fliegenden Gärten und Bastionen, seinen Säulen und mittelalterlichen
Thorgängen, schon durch die Ende der sechsziger und in den siebenziger
Jahren unsres Jahrhunderts stattgefundenen Vor- und Einbauten stark
entstellt worden ist, schließt unsern Rundgang um Altstadt Leipzig.
Die Petersstraße, damals noch ziemlich still, da sich die
Hauptgeschäfte Leipzigs mit Ausnahme des von Gustav Steckner, in der
Grimmaischen Straße befanden, zeigte eine Menge ebenfalls sehr alter
und großer Gebäude auf. Da war zunächst der »Hirsch« an der Ecke der
Magazingasse, dann »Stadt Wien«, halb Hotel, halb Oekonomiehof, bei
dessen im Zickzack angelegten Durchgange nach der Schloßgasse man über
Pfützen, Löcher und Dunghaufen steigen mußte, dann das finstere alte
»Juridicum« mit seiner Halle und der im Hofe befindlichen altberühmten
Kitzing und Helbigschen Restauration, dann die »drei Könige« und der
»goldene Arm«, alles seitdem umgebaute Häuser. In der Magazingasse
stand rechts am Petersthore die thurmlose alte Peterskirche und an
der Ecke des Neumarktes der alte Rathsmarstall, ebenfalls ein uralter
baufälliger Oekonomiehof, dessen Hauptsehenswürdigkeit ein riesiger
Dunghaufen in der Mitte des durch zwei große Scheunenthore nach dem
Neumarkt und der Magazingasse zu abgeschlossenen Hofes bildete. In der
Universitätsstraße stand rechts neben dem »Bär« das alte rußgeschwärzte
»Lutherhaus«. Vom Café Francais resp. Grimmaischen Thor bis zum Eckhaus
der Universitätsstraße erstreckten sich die erst 1846 weggerissenen
sogenannten Colonaden, die übrigen Straßen und Gäßchen der inneren
Stadt haben sich bis auf verschiedene Um- und Neubauten von Häusern
nur wenig verändert. Als im Jahre 1845 der Markt neu gepflastert
wurde, pflasterte man auch das noch jetzt zu sehende Wappen der Stadt
mit farbigen Steinen in die vor dem Rathhausdurchgang befindliche
Marktfläche. Am Ende des Brühls nach Osten lag das alte »Georgenhaus«,
ein altes finstres burgähnliches Gebäude, welches die Wohnstätte der
»Versorgten«, aber auch ein Krankenhaus für Sieche und besonders
Irrsinnige, sowie das Waisenhaus enthielt. Ueber seinem Eingangsthore
befand sich die Legende des mit dem Drachen kämpfenden Ritters St.
Georg in Stein gehauen. Dem Georgenhaus gegenüber, an der Ecke der
Ritterstraße lag die »alte Heuwaage«, gewissermaßen eine Copie
der damals noch mit einem Treppenthurm versehenen »alten Waage« am
Marktplatz.
Die alte »Wasserkunst«, welche am jetzigen Eingange der Mozartstraße,
an der Nonnenmühle lag, versorgte die Stadt mit Röhrwasser (Flußwasser)
und deshalb befand sich im Hofe fast jeden Hauses ein gewöhnlich
hölzerner Wasserbehälter, Röhrtrog genannt. Das Trinkwasser lieferten
zahlreiche in den Straßen und auf den Plätzen der Stadt befindliche
Brunnen, von denen einige besonderes Renommée und Zulauf seitens
der Bevölkerung hatten. Da war zunächst der noch jetzt stehende
»Löwenbrunnen« am Naschmarkt, dann der »goldne Brunnen« am Markte,
gegenüber dem Salzgäßchen, dann der »Neumarktsbrunnen« an der »Marie«,
Ecke des Neumarktes und Grimmaische Straße; der berühmteste aber war
der »Bettelbrunnen« auf dem Augustusplatz, gegenüber der Johannisgasse.
Letzterer war von Bänken umgeben und einige Frauen kredenzten dem
Durstigen aus bereit gehaltenen Gläsern für einen »Dreier« gern das
kühlende Naß.
Die Polizeiverhältnisse waren überaus gemüthliche. Die Bewohnerschaft
war den meist lange Jahre im Dienst befindlichen, mit derbem Stock
bewaffneten Polizeidienern, nach ihren Revieren, meist genau
bekannt und das ehrwürdige Institut der Nachtwächter war auch von
Leuten besetzt, die vorzüglich bei dem damals noch völlig unter der
Gerichtsbarkeit der Universität stehenden Bruder Studio Spaß verstanden
und ihre Kundschaft kannten. Die Handwerksgesellen und Lehrlinge,
wie auch viele Handlungsgehilfen wohnten im Hause des Meisters oder
Brodherrn; die Bedürfnisse waren geringer wie jetzt, Nahrungsmittel
und Wohnungen billiger und die Steuern gegen jetzt kaum nennenswerthe,
ihre Eintreibung aber eine so der allgemeinen Gemüthlichkeit Rechnung
tragende, daß wir uns nicht versagen können, der Erinnerung an eine
solche Episode ein besonderes Capitel zu widmen.