„Auch das noch!“ wiederholte Ange noch einmal und blickte wie eine
Irrsinnige ins Leere. Es schien mit den Prüfungen erst der Anfang
gemacht; immer Neues ballte sich zusammen, um die gequälte Frau zu
ängstigen, zu verwirren und völlig mutlos zu machen.
Als Ange damals Olgas Billet empfangen hatte, saß sie wie erstarrt. Aber
zunächst waren es nicht die dadurch wieder emporsteigenden Geldsorgen,
die sie beunruhigten, sondern es jagten Scham und Enttäuschung und neben
diesen die Gefühle bitterer Reue durch ihre Seele. Sie sah Teut vor
sich, der ernst und vorwurfsvoll den Kopf schüttelte und ihr zurief:
„Sie haben wieder Ihren Verstand spazieren geschickt und sich mit Ihrem
Gemütsdrang auf den Weg gemacht. Warnte ich Sie nicht vor dieser Frau?
Das alles hätte ich Ihnen vorherigen können, und unnötig, ja, zu Ihrem
Schaden haben Sie sich bloß gestellt. Frau von Inks Gutherzigkeit ist
nur Maske, und überall, wenn das Unglück in die Hinterpforte schleicht,
ist die Welt plötzlich von Menschen ausgestorben.“
Als die Gouvernante zurückkehrte, verbarg Ange die Depesche, schützte
Müdigkeit vor und zog sich zurück. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie
in einen Stuhl und weinte sich aus.
„O Carlos, Carlos! Wer sang mir an meiner Wiege von so viel Herzeleid!“
flüsterte Ange. „Bin ich ein so schwacher Mensch, daß die Angst Tag und
Nacht durch mein Inneres jagt, daß ich nicht mehr lachen,
daß--ach--ach--“--hier brachen die Thränen durch die zarten Finger--„daß
der Anblick meiner Kinder mich nicht mehr zu trösten vermag?“
Sie ergriff die Lampe und wandte sich in das Zimmer ihres Mannes.
Der eigentümliche Duft, der stets die Räume durchweht hatte, erfüllte
sie auch heute noch. Carlos saß nicht mehr in dem hohen Stuhl. Ringsum
die Spuren eines lebenden, nun für immer dahingegangenen Menschen.
Geradlinig wie sonst standen die Bücher in den Regalen. Im
unverschobenen Winkel lag die Schreibmappe. Hier hing sein Säbel, die
Militärmütze, dort standen noch seine Reiterstiefel, und drüben lagen
die weißledernen Handschuhe, die er abgestreift hatte, als er des Königs
Rock auszog.
Von einer unheimlichen Angst erfaßt, drehte Ange den Schlüssel zu
Carlos' Schlafgemach ab. Ihr war plötzlich, als ob der Tote in der Thür
erschienen sei und nicht mitleidig, nein, ernst und vorwurfsvoll sie
angeblickt habe. Weilte sein Geist noch in den Räumen, wirkte sein Wesen
noch nach, das fieberhaft und reizbar jeden Eintritt abgewehrt hatte?
Ange suchte sich zu fassen und öffnete die Schubladen des
Schreibtisches.
Ein plötzlicher unerklärlicher Drang hatte sie hierher getrieben. Noch
einmal mußte sie die Aufzeichnungen durchblättern, die er ihr
hinterlassen. Sie wußte, daß sie nichts darin finden werde als neuen
Anreiz für ihren Schmerz; aber ein ruheloses Gefühl durchhastete sie,
seine Schriftzüge zu lesen, an seinem Mitleid Trost zu finden.
Ja das war es! Sie sehnte sich nach Trost, weil sie keinen Menschen auf
der Welt hatte, an dessen Brust sie sich werfen und ausweinen konnte.
Einen gab es doch! Ja, er wog alle übrigen auf: aber er war fern, kam
vielleicht nie zurück.
Ange sann nach, ehe sie zu lesen begann.
Wie abergläubische Menschen ein Buch aufschlagen und nach der Auslegung
eines zufällig gefundenen Wortes ihren Entschluß fassen, so tastete Ange
in Carlos' Nachlaß nach einem erlösenden Ausdruck. Tiefer
zurückgeschoben, fand sie, beim Ausräumen, noch einige Blätter, die sie
bisher nicht beachtet hatte. Sie waren durchstrichen, offenbar
ausgesondert und zum Vernichten beiseite gelegt. Sie griff hastig danach
und begann zu lesen.
Das Schriftstück datierte noch aus der Zeit ihrer ersten Liebe und war
viele Jahre vor ihrer Übersiedelung nach C. geschrieben.
In diesem Augenblick glaubte Ange einen Ruf zu vernehmen. Kam er aus dem
Schlafgemach der Knaben drüben? Ängstlich lauschte sie--ja unheimlich
ward ihr--aber er wiederholte sich nicht. Stumm war die Nacht.
„Für meine teure Ange, wenn ich einmal gestorben sein werde. Ich
schreibe diese Worte unter dem Eindruck, daß mir nur kurz zu leben
bestimmt ist. Ich habe keinen thatsächlichen Anhalt dafür, es beherrscht
mich aber ein ahnendes Gefühl. Heute ist ein Mensch frisch und
thatkräftig, morgen ist er dahin. Auch ein böser Zufall kann uns
plötzlich abrufen.
„Sieh, Ange, da drängt es mich, Dir an dieser Stelle noch einmal mein
Herz zu öffnen und Dir zu sagen, wie unbeschreiblich ich Dich geliebt
habe. Als ich Dich zum erstenmal sah, hielt ich es nicht für möglich,
daß ein so holdes Wesen wie Du, mich vor allen anderen auswählen könne,
und als ich es endlich aus Deinem Munde hörte, schwankte ich zwischen
Furcht und Glückseligkeit. Weshalb? Weil mich ein trauriges Vorgefühl
beherrschte. Ich fühlte, daß ich Dir nie würde etwas abschlagen können,
und doch hatte ich, da Du ein unerfahrenes Kind warst, die Aufgabe,
Dich für das Leben zu erziehen, Dich zu leiten und zu belehren.
„Weißt Du, Ange, daß ich mich mitunter ins Freie geflüchtet habe in
zitternder Angst, wenn Dir das Geringste zugestoßen war. Ich bin im
Schlachtgetümmel gestanden, die Kugeln haben um meinen Kopf gepfiffen,
und ich habe, das Zeichen zum Angriff gebend, empfindungslos mich in den
Kampf gestürzt; ich kenne auch keine Furcht vor greifbaren Dingen, aber
ich bebte bei dem Gedanken, daß Du littest, daß ich Dich durch dieses
Leiden verlieren könne.
„Wenn ich einmal mürrisch gegen Dich gewesen war, folterten mich
Vorwürfe, und ein heißer Drang, Dich zu versöhnen, Dir von neuem
Liebesbeweise zu geben, quoll in mir auf. Freilich unterließ ich sie.
Ich habe diesen Zwiespalt nie begriffen.
„Deine Schönheit, Dein Liebreiz, Deine unbeschreibliche Herzensgüte
ängstigten mich. Ich fühlte, daß Du einst darunter leiden und daß wir
beide dadurch zu Grunde gelten müßten.
„Ich zittere bei dem Gedanken, daß ich früher aus der Welt gehen werde
als Du, aber nur deshalb, Ange, meine teure Ange--glaube mir--, weil ich
weiß, daß Du, so gut auch altes bestellt sein mag, niemals verstehen
wirst, Dich einzurichten und--gänzlich unbekannt mit dem Wert des
Geldes--vermöge Deines unbesonnenen Dranges, aller Welt zu helfen, immer
nur auf das Geben, nie auf eine Beschränkung bedacht sein wirst.
„Ich dachte darüber nach, unser Vermögen so festzusetzen und durch
fremde Hand so für Dich verwalten zu lassen, daß Dir unübersteigbare
Schranken in Deinen Ausgaben auferlegt werden würden. Aber abgesehen
davon, daß die Wirkung dieser Vorsicht dennoch eine zweifelhafte sein
kann, widersteht es mir auch, Dich in solcher Weise zu bevormunden. Ich
beschwöre Dich aber bei der Liebe und bei dem Glück unserer Kinder, sieh
Dich um in der Welt und traue nicht jedermann. Wo Dein Herz am lautesten
spricht, sei am vorsichtigsten.
„Aber noch mehr! Thue Du, was ich unterlasse. Berate Dich mit unserem
Anwalt und gieb ihm zu erkennen, was ich als Wunsch Dir hier
ausgesprochen habe. Hörst Du, Ange? Willst Du diese Bitte ansehen als
meinen letzten Willen, ihn ausführen als einen Akt der Pietät gegen
mich?
„Ich hoffe, unser Vermögen noch so zu vermehren, daß selbst die größten
Ansprüche zu befriedigen sein werden. Vielleicht, wenn Du diese Worte
liest, ist es mir bereits gelungen. Tibet wird Dir alles vorlegen. Ihm
kannst Du ganz vertrauen. Ich habe ihn erprobt und fand ihn bewährt in
allen Verhältnissen, ja selbst unter Versuchungen, denen andere kaum
widerstanden haben würden. Ich bitte Dich, daß Du Dich seines
verständigen Rates, seiner Hilfe bedienst, wenn ich nicht mehr unter
Euch sein werde, und namentlich hoffe ich, daß Du ihn niemals von Deiner
Seite läßt, es sei denn, daß er selbst zu gehen begehren sollte.
Betrachte ihn nicht als einen Diener, als einen Untergeordneten. Sein
Herz ist von Gold, sein Verstand--obgleich in der großen Welt nicht
gestählt--kühl und besonnen. Bedenke ihn auch einst reichlich!
„Du findest in unserem Testament, wie ich wünsche, daß er für alle mir
geleisteten Dienste belohnt werden soll.
„Ange, Ange! Wenn ich mir vorstelle, Du könntest je unglücklich sein aus
Herzenskummer, aus Sorge! Wenn ich daran denke, es könnte Dich eine böse
Krankheit erfassen und Du müßtest mit täglichen Schmerzen kämpfen! Ich
bitte das Schicksal, alles von Dir abzuwenden.“
Anges Augen flossen über; sie beugte sich über die Blätter und stützte
das Haupt.
Aus Liebe hatte er gefehlt; diese Aufzeichnungen erhärteten es nur allzu
überzeugend. Nun war auch das letzte verwischt, was in ihrem Herzen sich
noch in Zweifeln hätte bewegen können. Nichts blieb zurück als sanfte
Trauer und Schmerz des Mitleides.
Mochte die Welt Carlos schmähen, sie wußte ihn frei von Schuld; eine
nicht minder große traf sie selbst, und ihre Kinder wollte sie lehren,
sein Andenken hoch zu halten für alle Zeiten.
Und Tibet? Wohlan! Ange mußte handeln! Am nächsten Tage beschloß sie
abzureisen, um ihn aus seiner peinlichen Lage zu befreien.
* * * * *
Ange erhob sich am nächsten Morgen ihrer Reisevorbereitungen wegen schon
in aller Frühe. Einer der Diener mußte forteilen, sich nach dem Abgang
der Züge zu erkundigen, und die Jungfer ward herbeigerufen, die
Garderobe einzupacken. Während Ange noch den sie umringenden Kindern
Antwort erteilte, sich auch beschwatzen ließ, den Knaben wegen ihrer
Abreise die Schule zu erlassen, ja überlegte, ob sie nicht etwa die
kleine Ange mitnehmen solle, die ihr diese Bitte unter zärtlichen
Schmeichelworten vortrug, fiel ihr plötzlich ein, daß sie vielleicht
nicht einmal genügend Geld für die Eisenbahnfahrt habe. Sie eilte in ihr
Kabinet, öffnete den Schreibtisch und zählte mit fiebernder Hast, was
noch vorhanden sei. Bis zum letzten Augenblick war sie gewohnt gewesen,
daß Tibet alle Geldangelegenheiten besorgte. Es fiel ihr jetzt sogar ein
und es bedrückte sie, daß sie diesem nicht einmal das Reisegeld
eingehändigt habe. Sie würde in der Folge fast nichts ihr eigen nennen!
Nur diese Thatsache in ihrer Allgemeinheit und in ihrem nüchternen
Schrecken waren in ihr hasten geblieben. Was augenblicklich nötig war,
was sie noch in ihrem Besitz fand, darüber hatte sie nicht nachgedacht.
Als nun Ange ihren Schreibtisch durchsuchte, fand sie nur noch drei
kleine Goldstücke. Völlig enttäuscht, ließ sie die Arme sinken und
beugte mutlos das Haupt.
„Darf ich denn mitreisen, Mama?“ schmeichelte in diesem Augenblick eine
Stimme. Es war die kleine Ange, welche ihr leise nachgeeilt war und sich
nun bittend an sie drängte.
„Ach, nein, nein, mein Liebling!“ rief Ange, aus ihrer Ratlosigkeit
aufgeweckt. „Ich weiß selbst noch nicht einmal, ob ich heute fortkomme.
Laß mich jetzt, süße Ange. Geh hinüber; ich bin gleich bei Euch.“
Die Kleine schlich verdrießlich und weinend von dannen und nur zu
fühlbar ward Ange durch die Frage des Kindes erinnert, wie heute alles
anders sei, denn ehedem!
Was sollte nun geschehen?
Tibet war in einer Lage, aus welcher die Pflicht gebot, ihn so rasch wie
möglich zu befreien. Ange durfte keinen Augenblick zögern, und nun ward
sie doch aus solchen Gründen vielleicht am Reisen verhindert!
Und was sollte sie ihrer Umgebung sagen, wenn sie etwa alle Vorkehrungen
wieder aufhob?
Nach der abschlägigen Antwort von Olga, bei der Befürchtung, alle Welt
vermute, wisse bereits um ihre Lage, vermeinte sie, sich durch das
Nebensächlichste bloßzustellen und unliebsamen Vermutungen Nahrung zu
geben.
War es denn Wirklichkeit? Sie besaß nicht einmal mehr die genügenden
Mittel, eine kleine Reise anzutreten, und doch war sie rings umgeben von
Luxus und erhob noch immer den Anspruch auf einen großen Haushalt?
Dieser Schein, diese Widersinnigkeit erhöhten Anges bedrückte Stimmung;
dazu trat ihre Unkenntnis menschlicher Verhältnisse. Brauchte sie für
die Reise nach Frankfurt das Dreifache oder Fünffache, was sie besaß?
Sie wußte es nicht. Sie war schon so scheu und unsicher geworden, daß
sie nicht nach den Kosten der Fahrt zu fragen wagte, weil sie fürchtete,
dies werde auffallen.
Auch die Mittel und Zwecke nach ihrer Bedeutung verwechselte sie
bereits. So überlegte sie, ob sie noch das Recht habe, in einem Coupé
erster oder zweiter Klasse zu fahren. Nein! Wer nichts besaß, hatte die
Pflicht sich einzuschränken. Sie durfte nur das billigste Billet kaufen.
Aber sie sollte an den Bahnhof eilen in ihrem eigenen Wagen, gefolgt von
einem Diener, zurücklassend einen solchen Haushalt, und einen Sitz neben
rauchenden, vielleicht trunkenen Männern einnehmen in einem ungeheizten
Coupé? Sie, die vornehme Dame, in dem kostbaren Reisemantel, der ein
kleines Vermögen gekostet halte?
Ah! der Pelz kostete Hunderte, und sie sorgte um einen Bruchteil, wollte
um diesen fast verzweifeln? Hatte er einen so großen Wert, weshalb ihn
nicht veräußern?
Das war es ja eben! Sie war machtlos zum Handeln, jetzt wenigstens in
diesen ersten Tagen. Immer wieder diese Gegensätze von Wahrheit und
Schein!
„Carlos, Carlos!“ schrie Ange auf. Noch einmal stieg das Gefühl der
Bitterkeit empor, freilich um in dieser sanften Seele ebenso schnell
wieder zu verlöschen.
Zuletzt ward Ange noch von einem anderen unruhigen Gedanken beherrscht.
Wenn sie nicht zurückkehrte! Wenn jemand ihres Gatten Papiere fand, sie
las und der Welt offenbar ward, er habe Hand an sich selbst gelegt--?
Höher als alles stand doch die Pflicht, seinen Namen über das Grab hoch
zu halten. Sie beschloß, seine Aufzeichnungen zu vernichten, und ihre
Pietät ließ sie doch wieder mit der Ausführung zaudern.
So stand das arme Weib, in der Hand die wenigen Goldstücke und das Herz
voller Zweifel, Sorgen und Ängsten. Sie befand sich in einem Zustande
des grausamsten Kampfes. Ihre gute Natur lehnte sich auf gegen die
geheimen Flüsterstimmen ihres inneren, welche ihr zuriefen: Sprich
irgend eine Lüge und Du wirst Dich aus Deiner Sorge befreien!
Immer wieder durchkreuzten ihre Gedanken die Frage: Wo schaffst Du Dir
Geld? Und immer wieder antwortete das geschäftige Teufelchen: Meide die
Wahrheit, umgehe, verschweige sie und verbirg Deine Not unter einer
sorglosen Miene.
Und diese flüsternde Stimme hatte nicht ganz unrecht. Olgas Brief gab
den Beweis. Einmal beschloß Ange, sich der Gouvernante anzuvertrauen,
aber sie verwarf diesen Plan wie alle anderen. Lügen, verheimlichen
konnte sie nicht: offen alles darzulegen, verbot ihr nach den
gewonnenen Erfahrungen die Klugheit.
Inzwischen kehrte der Diener zurück und meldete, daß der Zug um die
Mittagszeit abginge. Es fehlten noch einige Stunden. Schon wollte er
sich nach Erledigung seines Auftrages entfernen, als Ange gleichgültig
hinwarf:
„Wissen Sie zufällig den Preis des Billets, Philipp?“
Der Diener bejahte, indem er in einem Kursbuch nachschlug, das er
gekauft hatte und Ange einhändigte.
Wie bezeichnend war es!
Während er suchte, beunruhigte Ange der Gedanke, daß dieses Büchlein
noch bezahlt werden müsse, daß der Diener den Betrag verauslagt habe.
Nun nannte dieser den Fahrpreis für die erste Klasse.
„Und die zweite?“ fragte Ange obenhin, indem sie in ihren Gedanken die
genannte Summe hastig mit ihrem kleinen Besitz verglich. „Gut, ich danke
Ihnen.“
Der Diener verbeugte sich und ging. Es war Ange beinah ein Trost, daß
jener als selbstverständlich vorausgesetzt hatte, daß sie die erste
Klasse wählen werde. Noch schien ihre Umgebung von den gänzlich
veränderten Verhältnissen nichts zu wissen.
Und das Geld, das Ange besaß, reichte. Freilich, es blieb nichts im
Hause zurück, aber in zwei Tagen war ja auch sicher alles geschehen! So
beruhigte sie sich und beschloß zu reisen. Sie gab die letzten
Anordnungen, redete der kleinen Ange so lange begütigend zu, bis diese
sich zufrieden gab, und fuhr endlich zur festgesetzten Stunde an den
Bahnhof. Die Kinder bestiegen mit ihr den Wagen und wurden wie stets,
wenn sie erschienen, von den Menschen neugierig beobachtet.
Da stand die Gouvernante; in ehrerbietiger Entfernung auch ein Teil der
Dienerschaft; vor dem Portal hielt die offene Kalesche, geschmückt mit
dem gräflichen Wappen; auf dem Bock saß der Kutscher in der prächtigen
Livree, das Coupé bestieg die schöne, vornehme Frau in dem wundervollen
Pelz. Kein Wunder, daß der einzelne den Abstand zwischen sich und jener
abwog. Gewiß, sie war doch eine beneidenswerte Frau! Wenn sie auch
Herzeleid gehabt hatte, sie kämpfte doch nicht mit den täglichen
Nadelstichen des Lebens. Sie saß wenigstens in ihren prachtvollen Räumen
in Fülle und Wohlleben, war in ganz anderen Verhältnissen als jene, die
umherstanden!
Und nun Umarmungen und Lebewohl! Ein heißes Thränlein funkelte in Anges
Auge. Und noch ein Abschiedskuß, und noch einer. Jetzt pfiff die
Lokomotive. „Adieu, adieu! Seid folgsam und artig, süßen Kinder!“ Ein
weißes Tüchlein flatterte noch eine Weile aus dem Coupé. Nun war Mama
Ange abgereist.
* * * * *
Ange blieb allein, und die Fahrt verlief rasch. Ihre Gedanken waren so
lebendig, daß sie kaum bemerkte, was um sie her vorging. Vornehmlich
beschäftigte sie sich mit Teut. Sie hatte ihm in kurzen Worten
geschrieben und ihn gebeten, daß er ihr gleich antworten möge. Wenn sie
doch erst einen Brief von ihm in Händen halten, wenn seine Trostworte.
wenn sein Mitgefühl sie berühren würden!
Es beängstigte sie, daß er so lange nichts hatte von sich hören lassen.
Freilich, die Truppen zogen von Ort zu Ort, Kämpfe wurden ausgekämpft,
Schlachten wurden geschlagen; wo blieb Zeit und Ruhe selbst für die
wichtigsten Dinge!
Wie oft überfiel Ange ein heftiges Verlangen nach ihm! Sie sehnte sich
nach seinem Blick, nach seinem Wort. Wo er wirkte, fügten sich die Dinge
von selbst. Ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit hatte sie stets
durchdrungen, wenn Teut in ihrer Nähe war und ihr ratend zur Seite
stand.
Und dann richteten sich abwechselnd ihre Gedanken auf Tibet und die
Kinder. Die Dinge, die jenen betrafen, so peinlicher Natur sie waren,
beunruhigten sie weniger, aber es beschäftigte ihre Gedanken, ob ihnen
nichts zustoßen werde. Ben sollte den Magen schonen, Erna hatte Medizin
zu nehmen, fand sie abschreckend bitter, und nur ihre Mama vermochte sie
bisher zu überzeugen, daß diese ihr notwendig sei. Und die Schularbeiten
der Knaben, und der Kummer der kleinen Ange! Ob sie sich wohl beruhigt
haben würde? Wie bitterlich hatte sie am Bahnhof geweint.
Einigemal warf Ange den Blick aus dem Fenster und ließ die schon halb
unter dem Dämmerlicht verblassenden Dinge an sich vorüberziehen. Ein
unruhiges, stürmisches Wetter mit Schneetreiben war aufgekommen und
legte seine Himmelsflocken dicht und erbarmungslos auf die Landschaft
ringsum. Hier tauchten im raschen Fluge Dörfer, Städte, ein einzelnes
Haus, dort ein Feuerfunken in die Luft sendender Fabrikschornstein
empor; dann kleine, wie verlorene Posten in der Schnee-Einöde
erscheinende Wärterhäuschen, scharf begrenzte Telegraphendrähte, bald
sich neigend, bald emporstrebend zu den glockengezierten Stützen,
blitzartig wie dunkle Erdfäden sichtbar werdend und verschwindend. Und
jetzt wieder flaches, endloses, schneebedecktes Land, aus dem ein
einzelner entblätterter Baum wie ein roh entkleidetes Wahrzeichen der
Jahreszeit melancholisch sich abzeichnete. Und fort, immer fort in
rasender Eile, stundenlang, bis dem schrillen Pfiff der Lokomotive das
Stöhnen der Bremse folgte, und sowohl die Szenerie draußen, wie auch das
tobende Geräusch des dahinstürmenden Zuges seinen Charakter veränderte:
Jetzt hohle, wie unterirdisch klingende Schläge, hervorgerufen durch
einige düster aufstrebende, auf den Nebengeleisen flehende
Eisenbahnwagen; kleine rote und grüne Lichter, wie unheimliche
Erdgeister, allmählich hellere Luft, als Reflex des auftauchenden Lebens
in Häusern und Hütten, und dann ein letzter kurzer Schrei der
Lokomotive, nochmals kreischendes Bremsen und endlich Stillstand und
Ruhe.
Und jetzt Rufe, eilende Schritte, lautes Sprechen, das Rasseln der
Postpacketwagen, Auf- und Zuschlagen von Thüren, und um die Coupéfenster
zugleich ein pfeifendes Sausen aus der sturmdurchwehten Bahnhofshalle.
Dann ging's abermals wie auf einem von Furien gepeitschten, lebenden
Ungetüm hinaus in den Sturm, in den Schnee und in die Nacht. Und wieder
dieselben oder ähnliche Bilder: Reihen von ungleichen Häusern,
weißglitzernde Dächer, Hunderte von Lichtern, lange, von spärlicher
Helle beschienene, verlassene Gassen, aus der umnebelten Luft wie
erstarrt emporragende Kirchtürme, wieder Güterwagen, eine einzelne wie
ein Dämon mit roten Feueraugen vorbeisausende Lokomotive--ein Ruck, noch
ein rücksichtsloser Ruck an den Weichen, und nun endlich ein
gleichmäßiges, jagendes, keuchendes, stoßendes Stampfen des
dahinfliegenden Kurierzuges.
Nach einstündiger Fahrt hielt der Zug wiederum eine Minute. Die Thür in
Anges Coupé ward aufgerissen. Es schien eine der letzten Stationen vor
Frankfurt zu sein. Rasche Worte erfolgten zwischen einem in hastigem
Laufe herbeieilenden Passagier und dem Schaffner. „Schnell hier! Es ist
höchste Zeit--“
Ein Pfiff des Zugführers--ein Schlag;--ein Herr stieg ein, noch ein
Pfiff der Lokomotive, und nun brauste der Zug von neuem davon.
Der Fremde, scheinbar den besseren Ständen angehörend, grüßte Ange
flüchtig und schien anfangs, trotz der schwachen Beleuchtung, ganz in
die Lektüre einer Zeitung vertieft. Allmählich aber begann er seine
Blicke auf Ange zu richten und sie endlich in einer so zudringlichen
Weise zu betrachten, daß sie dies lebhaft beunruhigte. Der Mann sah
unheimlich aus. Er trug einen dunklen Knebelbart, hatte suchende Augen,
jene Augen, die eine furchtbare, stumme Sprache reden, und neben
gewählter Kleidung eine bis an den Hals zugeknöpfte scharfrote
Sammetweste mit weißen Knöpfen. Ange vermochte sich nicht zu erklären,
weshalb ihr gerade diese Weste ein so unheimliches Gefühl einjagte.
Endlich brach der Mann das Schweigen und fragte in französischer
Sprache, ob ihr wohl--sie möge verzeihen--ein Hôtel in Frankfurt bekannt
wäre. Er sei fremd und habe versäumt, sich zu erkundigen. Ange verneinte
und gab, wenn auch höflich, durch ihre Miene zu verstehen, daß sie
keinerlei Gespräch anzuknüpfen wünsche.
„Werden Sie auch in Frankfurt übernachten, gnädiges Fräulein?“ begann
der Fremde trotzdem von neuem.
„Vielleicht--mein Herr!“ und Ange wandte zur größeren Erhärtung ihrer
entschiedenen Abwehr den Blick gegen das Fenster und schaute hinaus.
Der Fremde verharrte eine Zeitlang unschlüssig, nahm aber dann noch
einmal das Wort und machte eine mit feinem Spott vermischte
Entschuldigung. Zugleich veränderte er den Platz und suchte in
verletzender Zudringlichkeit Anges Aufmerksamkeit zu erregen.
Ange erbebte, aber sie beschränkte sich diesmal auf einen einzigen
Blick, durch welchen sie den Fremden an seinen Platz zurückzuweisen
suchte.
In der That schien der Mann endlich belehrt zu sein; er schwieg.
Nun drückte sich Ange mit geschlossenen Augen in die Ecke des Sitzes.
Aber noch durch die Lider sah sie in ihrer aufzeigenden Angst die rote
Weste und die funkelnden Augen des Fremden vor sich. Von draußen ertönte
das hastende Geräusch der dahinfliegenden Wagen; einmal ein kurzer Pfiff
der Lokomotive; nun jagte ein anderer Zug, von Frankfurt kommend, über
die Schienen. Wie die wilde Jagd raste und stob er mit kurzem, sausendem
Gezisch, den Sturmwind im Rücken, an ihnen vorüber. Dann trat das
frühere regelmäßige Geräusch wieder ein.
„Mein gnädiges Fräulein! Ich bitte, mein gnädiges Fräulein!“ drang nun
die Stimme des Fremden in halb bittendem, halb zudringlichem Tone an
Anges Ohr.
„Mein Herr, ich muß dringend ersuchen, daß Sie mich nicht ferner
belästigen! Sie haben eine Dame vor sich! Noch einmal, zum letztenmal;
ich habe bereits deutlich gezeigt, daß ich keine Konversation wünsche.“
Aber der Fremde rührte sich nicht von der Stelle. Ange schien ihm in
ihrem Zorn nur noch reizvoller.
„Wie kann man sich so erregen, so ungehalten sein!“ begann er abermals
kopfschüttelnd, suchte Anges Augen, rückte näher und tastete unter
weiteren besänftigenden Worten sogar nach ihrer Hand. Eine heiße
leidenschaftliche Hand streifte in der That während einer Sekunde Anges
Rechte.
„Mein Herr, mir fehlen die Worte für Ihr Benehmen! Ich befehle Ihnen,
sich sofort zurückzuziehen!“ rief Ange, flog empor und richtete ihre
schlanke, in die dunklen Trauerkleider gehüllte Gestalt so gebietend vor
dem Manne auf, daß er zurückprallte. „Wenn Ihr besseres Gefühl nicht von
selbst erwacht, wenn Sie Ihre empörenden Zudringlichkeiten nicht
einstellen, werde ich die Zugleine ziehen! Ich thue es bei Gott jetzt,
sogleich--“
Als der Fremde trotz der Entwaffnung, die sich in seinen Mienen
widerspiegelte, dieser Aufforderung dennoch nicht folgte, faßte Ange den
Riemen, riß das Fenster auf und rief, während sie nach der Leine
tastete, in das Dunkel hinaus nach Hilfe.
Die schwarze Nacht schielte mit ihrem mitleidlosen Gesicht in den
schwach erleuchteten Raum, Flocken ihres weißen Totenbettes wirbelten in
das Coupé, kalte, eisige Zugluft drängte sich hinein.
Jetzt pfiff die Lokomotive; der schwarze, mit tausend unsichtbaren
Atomen geschwängerte Rauch warf seinen stinkenden Atem ins Coupé, drang
mit der eisigen Luft in Anges Kehle und tötete jeden Laut. Vorwärts!
vorwärts! Der Zug raste dahin! Was scheren den stummen Zeiger an der
großen Zeituhr menschliche Vorgänge, gar der Schrei eines geängstigten
Menschenkindes, was die Laune eines Zudringlichen?
Zum Glück für Ange hatte der Zug nun bereits das Frankfurter Weichbild
erreicht. Der Fremde machte sich hastig mit seinen Sachen zu schaffen,
und Ange wandte sich, noch atemlos vor Aufregung, ins Coupé zurück.
Wenige Augenblicke und der letzte Pfiff ertönte. Die Wagen hielten, die
Thüren wurden aufgemacht, der Fremde sprang mit kurzem, scheuem Gruß
eilend hinaus, so eilend, daß Ange ihn in der nächsten Sekunde aus den
Augen verlor, und sie selbst verließ, noch unter den Nachwirkungen der
Schrecken, die über ihr geschwebt, den unheimlichen Raum und fuhr in die
Stadt.
* * * * *
Als Ange nach einer Nacht voll aufregender Träume und Beunruhigungen zu
einer Überlegung der Aufgaben des Tages gelangte und zunächst sich
erinnerte, daß sie sich einige Geldmittel verschaffen müsse, saß sie
lange grübelnd da und vermochte sich nicht zu einem Entschlusse
aufzuraffen. Nur wer sich in einer Lebenslage jemals befunden hat, in
der das Notwendigste nicht allein fehlt, sondern auch der Blick in die
Zukunft das Traurigste vor Augen stellt, wird den Zustand von
Mutlosigkeit und Unsicherheit begreifen, in welchem sie sich befand.
Die Rückwirkung der Aufregung des verflogenen Abends, die Geldsorge, die
dadurch hervorgerufenen Eindrücke, namentlich das Gefühl, etwas anderes
zu scheinen, als die Umgebung voraussetzte, die fremde Stadt, die
bevorstehende polizeiliche Vernehmung--dies alles übte eine solche
Wirkung auf Ange aus, daß sie, zum Fortgang schon gerüstet, auf der
Treppe noch einmal umkehrte, sich in ihr Zimmer zurückbegab, und weinend
nach Fassung rang.
Und diese ward ihr endlich! Ja, noch mehr. Was bisher zu keinem Ausdruck
gelangt war, weil der richtige Prüfstein fehlte, gestaltete sich
allmählich klar und kräftig in ihrem Inneren. Sie gedachte ihrer Kinder,
und bei der Erinnerung an diese stärkte sich ihr Pflichtgefühl. Der
Adel ihrer Seele half ihr zu einem unabänderlichen Entschluß und zu
einem festen Willen. Nun zeigte sich, daß sie aus einem besseren Holz
geschnitten war als der Durchschnitt derer, die in der Welt
umherwandeln.
Kein Rückblick mehr auf frühere sorglose Zeiten, keine Vergleiche!
Geradeaus wollte sie ihr Auge richten! Ein heiliger Ernst durchdrang
sie: jener sittliche Ernst bemächtigte sich ihrer, ohne den niemand
wagen darf, auf den Kampfplatz des Lebens zu treten, mit dem aber jeder
ein Feld sich eröffnet, dessen Enden ohne Grenzen zu sein scheinen.
Ange beschloß, zunächst einen Wagen zu nehmen und nach einem
Pelzgeschäft zu fahren; von dort wollte sie sich ins Polizeigebäude
begeben. Nachdem sie Erkundigungen bei dem Portier eingezogen--sie wurde
rot bei ihrer Frage--, fuhr sie ab.
Kaum zehn Minuten später betrat sie das Magazin und legte den Mantel,
den sie im Wagen abgezogen hatte, dem Käufer, einem jungen Menschen mit
einer verdrießlichen Geschäftsmiene, vor.
„Ich bin auf der Reise. Dieser Pelz ist mir überflüssig, ich wünsche ihn
zu veräußern. Wollen Sie die Güte haben, ihn zu prüfen und einen Preis
zu nennen?“
Der Angeredete schob das kostbare Stück hin und her, nickte und sagte
endlich: „Ich glaube, daß wir den Mantel erwerben würden. Aber der Chef
ist augenblicklich verreist. Wollen Sie ihn nicht bis übermorgen zur
Verfügung halten? Ich kann den Handel allein nicht abschließen!“
Ange erwiderte, daß dies nicht möglich sei, und bat um eine andere
Adresse. Nachdem eine mürrische Antwort erfolgt war, entfernte sie sich.
Ange fuhr durch eine Reihe weitläufiger Straßen und Gassen, bevor sie
ihr Ziel erreichte. Die großen Geschäftshäuser mit ihren geschmückten
Läden türmten sich vor ihr auf. Sie sah die eilenden Fuhrwerke und
Menschen, blickte in den Dunst und Wirrwarr des Verkehrs und ward hier
angezogen, dort abgestoßen von den Bildern des geräuschvollen Lebens.
Aber diese Eindrücke gingen gleichsam nur wie ein Schatten neben den
Gedanken einher, die sie beschäftigten.
Und da plötzlich tauchte beim Hinausschauen eine Gestalt vor ihr auf,
die sie kannte. Im Fluge des Vorüberfahrens sah Ange ihren
Reisegefährten; sie bemerkte auch während weniger Sekunden die
Dreieckzipfelchen seiner roten Weste unter dem zugeknöpften Rock. Der
Mensch hatte Frankfurt also nicht verlassen! Doch gleichviel; wirkte
auch die Erinnerung auf sie und ließ diese ein angstvolles Unbehagen in
ihr emporsteigen--das war glücklich überwunden. Jetzt, in der belebten
Stadt empfand sie keinerlei Furcht.
Endlich hielt der Wagen. Aber hier war nicht, was Ange suchte. Sie
befand sich in einer kleinen Gasse und begriff nur zu bald, daß der
Kutscher sie falsch verstanden habe. Ange sah auf die Uhr; es war schon
spät. Unter raschem Entschluß befahl sie, nach dem Polizeigebäude zu
fahren. Sie wollte den Wagen warten lassen, auf ihrer Rückkehr den
Mantel veräußern, und dann den Mann ablohnen.
„Warten Sie!“ sagte Ange, nachdem das Polizeigebäude erreicht war. Und
in einer unzeitigen Ehrlichkeit fügte sie hinzu: „Es kann etwas lange
dauern.“
„Dann lohnen Sie mich ab!“ rief der Kutscher. „Mein Pferd geht schon
seit gestern abend; ich möchte ausspannen.“