Olga von Ink.“

Ange fand in der Aufregung, Unruhe und Sorge der ersten Tage keine Zeit,

diesen Brief zu beantworten. Sie ward aber an das Schreiben erinnert,

als bald nach dem Begräbnis--es war der Erste des neuen Monats--Tibet

sich ihr mit unschlüssiger Miene näherte und erklärte, daß das Bankhaus

weitere Zahlungen verweigere. Es habe, berichtete dieser, den bestimmten

Auftrag, nur gegen die eigenhändige Quittung des Grafen zu zahlen.

Er--der Banquier--wisse ja selbst nicht, aus welcher Quelle jene Summen

flössen, und müsse deshalb jedenfalls erst nähere Weisungen

rücksichtlich der weiteren Ordnung der Angelegenheit abwarten. Daraus

ergebe sich alles übrige.

Ange verlor auf Augenblicke gänzlich die Fassung. Schon der zustimmende

Entschluß, Tibet wie bisher den Monatsbetrag erheben zu lassen, war ihr

namenlos schwer geworden. Zweimal rief sie ihn, als er sich schon die

Treppe hinabwandte, schamerfüllt zurück. Erst des umsichtigen Beraters

Auseinandersetzungen über die unbedingte Notwendigkeit: die Bestreitung

der durch den Todesfall hervorgerufenen Ausgaben, die täglichen

Bedürfnisse des Haushaltes, die fällige Miete, die Kinder, die

Dienstboten, endlich dessen beschwichtigender Hinweis, daß dieser Betrag

aus irgend welchem Erlös ihres Eigentums zurückerstattet werden könne,

schlugen Anges zitternde Bedenken nieder, und stumm nickend, hatte sie

ihn endlich gehen lassen.

Und nun wurden alle diese ihrer feinen Seele entsprungenen Qualen doch

noch weit mehr vergrößert durch--das Nichts.

Tibet kam mit leeren Händen!

Teut schreiben, ihn bitten, Geld anzuweisen, das vermochte Ange nicht.

Sie wies diesen Gedanken als völlig ausgeschlossen zurück.

Jetzt erinnerte sie sich wieder ihres Schmuckes. Bei dieser Überlegung

ängstigte sie es aber, daß Tibet ihn ausbieten, in C. ausbieten, wenige

Tage nach Carlos' Begräbnis denselben veräußern solle. Nein, auch das

gewann Ange nicht über sich.

Endlich erhob sie den Blick zu dem Manne, der mit der ernsten und

bekümmerten Miene vor ihr stand, und sagte: „Was raten Sie, jetzt zu

thun, Tibet?“

„Frau Gräfin,“ stieß dieser heraus, „wollen Sie mir nicht zürnen? Ich

wüßte wenigstens vorläufig für das Drängendste Hilfe, wenn Sie diese

annehmen wollten. Verzeihen Sie, wenn ich mich unbescheiden

aufdränge--ich habe ein kleines Kapital gespart, darf ich dieses--“

„O braver Mensch!“ rief Ange gerührt; aber sogleich verbesserte sie

sich: „Nein, Tibet, nein! Auch Sie noch der Ungewißheit preisgeben?

Niemals! Ich darf Ihr Anerbieten nicht annehmen!“

„Sie können mir ja den Vorschuß später zurückgeben, Frau Gräfin,“

beharrte Tibet stockend. „Es ist ja Ihr eigen Geld--ich empfing es von

Ihnen--ich verdanke es Ihrer Güte.“

Ange, zwar ergriffen von Tibets selbstlosem Zureden, aber, ihrer

Veranlagung entsprechend, gerade deshalb von ihrem Gefühl lediglich

beherrscht, hörte nicht auf seine Worte. Sie schüttelte den Kopf und

zeigte in ihren Mienen ein deutliches Nein.

In diesem Augenblick meldete einer der Diener, daß Frau von Ink

vorgefahren sei und um die Erlaubnis bitte, der Frau Gräfin aufwarten zu

dürfen.

War dies nicht ein Fingerzeig des Himmels? Ange schwankte unschlüssig;

endlich neigte sie den Kopf und der Diener eilte fort.

Gleich darauf hörte sie auch schon, wie Olga in ihrer ungestümen, etwas

plumpen Weise den Wagenschlag hinter sich zuwarf und die Treppen der

Villa hinaufeilte. Und nun trat sie, von Tibet gemeldet, ins Zimmer,

umarmte Ange mit allen Zeichen der Betrübnis und setzte sich ihr mit dem

Ausdruck aufrichtigster Teilnahme gegenüber. Dabei streifte ihr Blick

das Gemach, und die kleinen Unordnungen blieben ihr nicht verborgen.

Nach einem längeren Austausch über den Verlauf der Krankheit und die

letzten kummervollen Tage nahm Olga das Wort und sagte:

„Und nun noch eins, Frau Gräfin. Sollte ich Ihnen in etwas dienen

können, bitte, verfügen Sie ganz über mich. Ich versichere Sie, daß ich

außerordentlich glücklich sein würde, wenn ich Ihnen in irgend einer

Weise meine Freundschaft und Teilnahme an den Tag legen könnte!“

Ange, der es in ihrer angstvollen Lage und angesichts von so viel

Herzlichkeit schon auf den Lippen gezuckt hatte, vorzutragen, was sie

beschäftigte, atmete erleichtert auf und nahm sogleich das Wort:

„Sie kommen mir in Ihrer Güte zuvor, gnädige Frau: ich danke Ihnen von

ganzem Herzen. Ich hätte allerdings wohl eine große Bitte--“ Sie

stockte.

Olga horchte auf. Diese Gesprächswendung berührte sie aufs angenehmste.

Was konnte Ange Großes wünschen, und wie hoch würde eine Frau wie diese

ihr den geringsten Dienst anrechnen!

Auch die Rückwirkungen auf Teut überlegte sie rasch. Noch immer hoffte

Olga auf einen Ausgleich mit dem Rittmeister, und in dem geheimsten

Schubfach ihres Innern nicht nur auf diesen, sondern, zuguterletzt auch

auf eine bedeutungsvolle Anknüpfung zwischen ihm und einer ihrer

Töchter.

„Sprechen Sie, sprechen Sie, gnädige Frau--Ich bitte!“ rief Olga lebhaft

nach Anges Worten.

Und nun setzte Ange dieser kaltherzigen, nur von ihren eigenen

Interessen beherrschten Frau in ziemlich unzusammenhängender und

unklarer Weise auseinander, daß sie durch den plötzlichen Tod ihres

Gatten in peinlichste Verlegenheit geraten und vorübergehend einer

größeren Summe Geldes benötigt sei.

„Arme Gräfin! Auch das noch! Die kleinlichen Nebensorgen bei so großem

Schmerz und Kummer!“ rief Olga mit vortrefflich gespieltem Ausdruck der

Teilnahme in den Mienen, in Wirklichkeit erfaßt von einer mit

Schadenfreude vermochten äußerten Befremdung. „Ja wie ist da zu helfen?

Offenheit gegen Offenheit, liebe Frau Gräfin! Wir haben allerdings ein

aus unserem Gutsverkauf hervorgegangenes, recht ansehnliches Vermögen,

aber alles, das weiß ich, ist unkündbar festgelegt für eine lange Reihe

von Jahren, und die Summe, deren Sie bedürfen--Sie nannten fünftausend

Mark, wenn ich recht verstand? Nicht wahr, Frau Gräfin? Ja, ja, ganz

richtig!--ist etwa der fünfte Teil unserer ganzen Zinseneinnahme im

Jahre.“ Diese Redewendung--ein feiner Dolchstoß--war absichtlich. „Zudem

habe ich persönlich gar keine Verfügung; meinen Mann müßte ich schon ins

Vertrauen ziehen.“

Ange hatte in ihrer Unerfahrenheit nur von ihren Verlegenheiten und von

deren Abhilfe gesprochen. Über die Rückzahlung ließ sie nichts fallen,

diese war ja in ihren Augen selbstverständlich, aber so unterblieb

dasjenige, was für Olga natürlich die Hauptsache war. Die letztere war

sogar überzeugt, daß Ange diesen Punkt nur in ihrer Erregung und in

ihrer Naivetät nicht berührt hatte, aber sie hütete sich, selbst eine

Brücke zu schlagen, die ihr eine Ablehnung erschwerte. Obgleich sie

deshalb entschlossen war, nicht einmal mit ihrem Manne die Möglichkeit

einer Hilfe in Überlegung zu ziehen, fügte sie doch hinzu:

„Wenn Sie gestatten, werde ich also mit Ink sprechen und alles thun, was

in meinen Kräften steht--natürlich--selbstverständlich, liebe Frau

Gräfin! Aus diesem Grunde aber will ich mich auch gleich wieder

empfehlen. Ich möchte bald etwas Gutes melden, da ich den

unerträglichen Zustand begreife, in welchem Sie sich befinden. Würde es

möglicherweise in einigen Tagen früh genug sein?“ fuhr sie heuchlerisch

fort. „Ja? Nun gut. Ich denke sicher, es wird sich machen! Mein Mann ist

ja so teilnehmend und gut, daß ich ihn zu überreden hoffe, wenn es

irgend möglich ist.“

Ange, die schon alles gewonnen glaubte, dankte mit gerührten Worten.

Besonders beglückt aber war sie, als ihr Olga beim Abschied die Hand

drückte und die Worte zuflüsterte: „In jedem Fall, wie sich auch die

Dinge gestalten“ (hier deckte sich Olga nicht nur den Rückzug, sondern

vergoldete diesen auch noch durch eine Äußerung, deren Wirkung auf Ange

sie richtig berechnete) „seien Sie versichert, daß niemand von dieser

Angelegenheit etwas erfahren wird, daß sie bei mir unter einem stummen

Munde ruhen bleibt.“

Nach diesen Worten und nach einer abermaligen zärtlichen Umarmung ging

sie.

An demselben Abend hatte Ange bereits eine von vielen schönen Worten

umrankte Ablehnung, und um dieselbe Stunde fand eine Unterredung

zwischen ihr und Tibet statt. Sie verhehlte ihm weder den Inhalt von

Olgas Brief, noch die jetzt in ihr emporsteigende Befürchtung, daß jene

nicht verschwiegen sein werde. Sie bewegte sich in leisen Hoffnungen,

daß ihr Tibet in diesem Punkt nicht recht geben werde, aber er nickte

zustimmend und sagte:

„Frau Gräfin, wenn Sie nur das nicht gethan hätten! Morgen wird's die

ganze Stadt wissen!“

Ange erschrak. Was sie beängstigte, bestätigte Tibet mit kalter

Einsicht. Ihr Stolz bäumte sich auf, und eine angstvolle Scheu vor den

Menschen bemächtigte sich ihrer. Nun würde auch ihre Umgebung, ihre

Dienerschaft bald darum wissen, daß sie in ihrem fürstlich

eingerichteten Hause eine Bettlerin sei. Sie sah schon die Mienen derer,

die bald geschmeidige Katzen, bald fletschende Wölfe sind, je nachdem

sie glauben oder fürchten, es könne ihnen des Teufels bestlockender

Köder werden oder entgehen.

Und nun kam Ange in ihrer Ratlosigkeit auf die Verwertung der Diamanten

zu sprechen, und Tibet widerriet lebhaft.

Es ist eine eigentümliche, sich stets wiederholende Erscheinung, daß

einfache Leute den Verlust geringfügiger Dinge in solchen Lebenslagen

schwerer empfinden als irgend etwas anderes. Das Unglück selbst

entlockt ihnen nicht so viele Thränen als die Aussicht, sich von

gewissem Tand trennen zu müssen. Die Pfändung einer Uhr, einer Kette,

eines Medaillons, ja oft eines blitzenden Küchengeräts raubt ihnen den

letzten Trost und versetzt sie in einen Zustand heftiger Gemütserregung.

Ebenso erging es Tibet, bei dem überdies noch die gleichsam ins Blut

übergegangene Ehrfurcht vor den Personen und Dingen, unter denen er

gleichsam aufgewachsen, mitwirkte.

Er war außer sich, als Ange ihre Absicht zu erkennen gab, und bot in

fast demütiger Weise von neuem seine Ersparnisse an.

Aber in Ange kämpfte edle Vorsicht mit der Scheu, sich ihrem Diener zu

verpflichten. Sie wies Tibets Anerbieten abermals aufs entschiedenste

zurück.

Tibet schlug nun vor, wenigstens den Verkauf nicht in C., sondern in

einer anderen Stadt zu bewirken. Es sei kaum einmal wahrscheinlich, daß

am Orte jemand eine so große Summe dafür hergeben oder darauf anleihen

werde. Den Schmuck lediglich zu verpfänden, empfahl Tibet zudem

dringend, immer in der Hoffnung, dieser könne Ange doch noch gerettet

werden.

Ange nahm seinen endlichen Vorschlag, nach Frankfurt zu reisen, lebhaft

auf. Sie eilte fort, kam zurück und öffnete ihr Schmuckkästchen.

Als es aus Auswählen ging, ward's ihr schwer. Nicht der Verlust der

Juwelen ließ sie zaudern, aber es schien ihr wie eine Entheiligung,

fortzugeben, woran sich so viele teure Erinnerungen knüpften.

„Hier, hier!“ rief sie indessen schnell wieder gefaßt. „Ich weiß, daß

diese Perlen Tausende wert sind. Wie kann ich fragen? Ich muß an meine

Kinder denken, an die Pflichten, die ich gegen meine Umgebung habe,

solange sie zu fordern hat. Alles andere ist nebensächlich.“

Nun machten sie sich daran, den Wert des Schmuckes abzuschätzen.

„Und wenn das dahin ist?“ zuckte es in Ange auf. „Wenn das dahin, was

dann?“

Immer wieder packte sie ein angstvolles Grauen vor der Zukunft, immer

wieder mußte sie sich zurückrufen, daß das alles Wahrheit, keine

Vorstellung, kein Roman sei, den eine lebhafte Phantasie sich ausgedacht

hatte. Nein! nein! Carlos war tot; sie blieb zurück mit fünf lebendigen

Geschöpfen und besaß außer diesen Kleinodien und ihrer Einrichtung

nichts!

* * * * *

Einige Tage nach diesem Zwischenfall--es war am Spätabend und die

Kinder ruhten bereits--überreichte der Diener Ange ein Telegramm. Die

Gouvernante, die noch eben an ihrer Seite gesessen, hatte das Zimmer

verlassen, und da Ange allein war, gab sie sich ganz ihren Gedanken hin.

Im Kamin brannte ein lebhaftes Feuer, das einen hellen Schein und

zugleich wohlthuende Wärme in dem Gemach verbreitete. Draußen aber fuhr

ein rücksichtsloser Sturm durch die Bäume und rüttelte den hohen Schnee,

der die Erde bedeckte, aus seiner Ruhe auf.

Ange öffnete hastig die Depesche, und mit einem leisen Schrei sank sie

zurück.

„Auch das noch!“ glitt es von ihren Lippen.

„Bin wegen Diebstahlsverdacht verhaftet. Wertsachen sind mit Beschlag

belegt. Frau Gräfin persönliches Erscheinen hier auf dem

Kriminal-Kommissariat möglichst bald erforderlich. Bedaure unendlich

hervorgerufene Unruhe.

Eine vornehme Frau · 第 12 / 18 题