Neunundfünfzigstes Kapitel

Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das

Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte,

warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.

Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand

aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den

Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt.

Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die

kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen.

In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige

Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof,

zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust

zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken.

Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er

auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in

das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort,

bezahlen!«

Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter

dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien

dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das

geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine

geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte

und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu

schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es

sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht

wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben

ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen

kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen

konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.

Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser

geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe

ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig

verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu

wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit

dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, – was muß ich

also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?

Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die

Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn.

Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust

und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl,

dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der

Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist,

wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht

das Bessere wieder!

Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn

wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper.

Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde?

Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich

müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann

entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen!

Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor,

gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er

in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen

Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar

und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind

niederreißenden Schicksalsmächte.

Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und

heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt

das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel

mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine

verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und

dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im

Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf.

Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete

die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige

Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen

Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den

geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan,

kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun

ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen

und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig

winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand

reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie,

»da sind Sie also auch mein Freund.«

Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka

auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich

sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes

lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es

nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen

strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud

sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte

stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten

war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.

Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes

Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin,

rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und

dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen

Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka,

denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht

preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte,

erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.

In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er

das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein

Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien

Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte

zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil

wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes

Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat

er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade,

wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an

einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit

allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula

Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank

liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden

laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem

Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine

solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen

oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem

Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies

niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.«

Der Moloch · 第 72 / 84 题