Draußen überfiel ihn eine betäubende Schlafsucht. Er taumelte in das
Zimmer, das Ursula inzwischen notdürftig für ihn hergerichtet hatte,
warf sich auf die nackte Matratze und schlief ein.
Nach Mitternacht erwachte er, erhob sich, suchte Licht zu machen, fand
aber weder Streichhölzer, noch Kerze. Er tastete sich, nachdem er den
Mantel umgeworfen hatte, in den Flur, fand aber die Haustüre versperrt.
Er überlegte, ob er Ursula wecken solle; er lehnte die Stirn an die
kalte Mauer, und feurige Gebilde erschienen vor seinen ungewissen Augen.
In seinem Innern war eine ahnungsvolle Stille eingetreten. Wenige
Minuten, und er kehrte zurück und stieg durch das Fenster in den Hof,
zog vor dem frostigen Anhauch der Nacht den Mantel fest über der Brust
zusammen, und bald hatte er das Haus weit im Rücken.
Das Land lag dumpf und schwarz. Wie er so ging, schien es, als suche er
auf dem Boden etwas, das ihm gehörte. Mit feuchten Augen blickte er in
das Dunkel und rief plötzlich aus: »Bezahlen! das ist das große Wort,
bezahlen!«
Auf einer hügeligen Erhebung des Bodens blieb er stehen. Fern, hinter
dem fernsten Waldrand glühte der schwarze Himmel rot. Ein Brand schien
dort zu wüten, aber der runde, abgegrenzte Feuerfleck sah mehr wie das
geöffnete Tor zu einer unbekannten Welt aus. Arnold spürte, wie eine
geistergleiche Hand Trübes und Ungleiches aus seinem Innern entfernte
und wie das ungeduldig pochende Herz sich ausdehnte und freier zu
schlagen begann. Bezahlen, dachte er, das ist es. Nicht darum handelt es
sich, von neuem hinauszugehen und zu probieren, ob das Schlechte nicht
wiederkommt. Nicht darf man sich betrügen und glauben, ein neues Leben
ist da, wenn man nur das alte vergessen kann. Und wie sehr ich vergessen
kann, das hat sich gezeigt. Wenn ich das Gute und Große vergessen
konnte, um wie viel eher werde ich das Schlechte und Gemeine vergessen.
Leicht ist es, sich selber zu betrügen und zu glauben, du bist besser
geworden, nur weil du gesehen hast, wie schlecht das Schlechte ist. Habe
ich nicht erfüllt, wozu ich mich ausersehen hatte, so ist auf ewig
verloren, was mir bestimmt war. Es ist unrechtmäßig, glücklich werden zu
wollen, wenn man schlecht gelebt hat. Ich darf mich nicht schleppen mit
dem Vergangenen und ich darf es nicht hinter mich werfen, – was muß ich
also tun, damit Gerechtigkeit entsteht?
Mechanisch streckte er die Arme aus, und es war ihm, als könne ihn die
Erde nicht länger tragen. Schauer auf Schauer überflutete ihn.
Undeutlich und fieberhaft zuerst, dann, indem die Wölbung seiner Brust
und seiner Stirne sich furchtbar spannten, erst Gedanke, dann Gefühl,
dann zusammenrauschend und -stürzend, erhob sich eine Stimme wie der
Flügelschlag eines heranschwebenden Vogels: Nur wenn du nicht mehr bist,
wird auch dein Übel nicht mehr sein; erst aus der sühnenden Tat erwacht
das Bessere wieder!
Er sank zu Boden. Seine Finger bohrten sich in den Sand, Wange und Kinn
wurden von einem Strauch geritzt, Krämpfe durchzuckten seinen Körper.
Wann hat es begonnen? grübelte er; an welchem Tag, zu welcher Stunde?
Langsam hat mich ein Ungeheuer umschlungen, und seine Kunst war es, mich
müde und faul zu machen. Eingeschläfert hat es mein Herz und dann
entzwei gerissen. Bezahlen mußt du, Arnold, bezahlen!
Als er sich erhob, wuchs wie neugeboren auch sein ganzes Wesen empor,
gesammelt, friedlich und fest. Er war sich selber dankbar, und als ob er
in einer dazwischenliegenden, dunklen Zeitspanne nur mit einem kleinen
Teil seiner Sinne gelebt hätte, _fühlte_ er sich jetzt, fühlte er klar
und leicht den menschlichen Sieg über die ungefähren, blind
niederreißenden Schicksalsmächte.
Der östliche Himmel kam ins Glühen. Mit einem seltsam kühlen und
heiteren Lächeln setzte Arnold seinen Weg fort. Er verfolgte gespannt
das Auseinanderfließen der flammenden Cirruswölkchen und wie der Himmel
mit jeder Minute klarer und strahlender wurde, als hätte ihn eine
verborgene Quelle mit Bläue übergossen. Die Luft war frisch und
dünstelos. Als Arnold nach Podolin kam, war es schon ziemlich weit im
Vormittag, aber die Häuser sahen aus, als lägen sie noch im Schlaf.
Bei der Werkstatt eines Mechanikers blieb Arnold stehen und betrachtete
die ausgehängten Flinten und Hirschfänger. Die Werkstatt lag einige
Treppen tiefer als die Straße. Arnold ging hinunter und verlangte einen
Revolver. Er wählte eine billige und gewöhnliche Waffe, bezahlte den
geringen Preis und empfahl sich freundlich. Er schritt den Hügel hinan,
kam wieder in die freie Landschaft und sah plötzlich hinter dem Zaun
ihres Gärtchens Agnes Hanka. Sie schüttelte Zwetschgen von den Bäumen
und sah gesund aus. Kaum hatte sie Arnold erkannt, als sie freudig
winkend zum Pförtchen schritt und ihm schüchtern lächelnd die Hand
reichte. »Ich weiß, daß Sie mit Alexander befreundet sind,« sagte sie,
»da sind Sie also auch mein Freund.«
Arnold errötete. Er begriff in diesem Augenblick, was ihn und Hanka
auseinandergerissen hatte. Kopfschüttelnd antwortete er: »Hanka und ich
sind Freunde gewesen; wir sind es nicht mehr durch meine Schuld.« Agnes
lächelte, wie Frauen über Männerumtriebe zu lächeln pflegen. Sie nahm es
nicht recht ernst. Indem sie offen in Arnolds frisches und von innen
strahlendes Gesicht blickte, welches keine Übernächtigkeit zeigte, lud
sie ihn zu einem Butterbrot und einem Glas Wein ins Haus. Sie wünschte
stets zu geben; da dies für sie am leichtesten und unverfänglichsten
war, machte sie ihre Speisekammer zu einem Vorzimmer ihres Herzens.
Arnold hatte Hunger und nahm die Einladung an. Alsbald setzte Agnes
Brot, Schinken, Butter, Honig und eingemachte Früchte vor ihn hin,
rückte einen Stuhl an die andere Seite des Tisches und sah gerührt und
dankbar dem eifrig Essenden zu, denn sie hatte seit langer Zeit keinen
Gast mehr in ihrem Hause gehabt. Arnold erzählte mit Vorsicht von Hanka,
denn er erinnerte sich, daß er gewisse Geheimnisse vor Agnes nicht
preisgeben dürfe. Als er genug gegessen, getrunken und erzählt hatte,
erhob er sich, reichte der lieben Wirtin die Hand und ging.
In ziemlich weitem Bogen führte sein Weg gegen den Ansorge-Hof. Als er
das Haus betrat, erfuhr er von Ursula, daß um sieben Uhr morgens ein
Arzt und ein Wärter angekommen seien und schon zwei Stunden später seien
Borromeo und Christian mit jenen beiden wieder abgereist. Arnold zuckte
zusammen, als er dies vernahm, wie wenn sich längstvergessenes Unheil
wieder vor seinem inneren Blick entfalte; aber dies war nur ein letztes
Gedenken. Ruhig wanderte er eine Zeit über im Hof auf und ab. Dann trat
er von neuem ins Haus, suchte einen Bogen reinen Papiers aus der Lade,
wo dergleichen verwahrt wurde, setzte sich nicht ohne Umständlichkeit an
einen Tisch und schrieb: »Der Ansorge-Hof fällt nach meinem Tode mit
allem beweglichen und unbeweglichen Gut an unsere alte Dienerin Ursula
Kämmerer. Mein in ungarischen Staatspapieren auf der Depositenbank
liegendes Barvermögen im Betrage von achtmalhundertvierzigtausend Gulden
laut Kontokorrent vom 1. Juli #a. c.# vermache ich meinem Freunde, dem
Statthaltereibeamten Ludwig Wolmut, zurzeit in Graz. Er soll es auf eine
solche Weise verwenden, die dem in unsern gemeinschaftlichen Gesprächen
oft aufgestellten Ideal angemessen ist. Ich vertraue ihm. Bei klarem
Bewußtsein meiner selbst und in gerechter Selbstbestimmung habe ich dies
niedergeschrieben zu Podolin in Mähren, am 27. Oktober. Arnold Ansorge.«