Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ.
Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten
Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze.
Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er
wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein
Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot
flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel
oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien
ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.
An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum
Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine
Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die
glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft,
durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das
feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige,
halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern
kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen
Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des
Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer
Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen
empor.
Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft.
Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte
sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine
Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden
des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf
einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie
eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald
der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als
bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an
den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am
höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im
Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog
ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen
erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus
der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust.
_Ende_
Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:
Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage.
Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.
Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.
Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.
Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.
Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:
Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.
Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen: