Sechzigstes Kapitel

Es war zwei Uhr nachmittags, als Arnold das Haus verließ.

Er ging ein Stück am Fluß entlang, bis er zu einem verwahrlosten

Hüttchen kam. Am Ufer hockten ein Mann und ein Weib und flickten Netze.

Im Wasser lag ein kleines Boot. Arnold bat die Leute um das Fahrzeug; er

wolle nur bis zum Wald hinunter rudern. Zugleich gab er dem Mann ein

Guldenstück und stieg ein. Stehend, mit der Stange stieß er das Boot

flußabwärts, wobei er lange Ruhepausen machte, um den strahlenden Himmel

oder sein dunkleres Abbild im dunklen Wasser zu betrachten. Es schien

ihm, als gleite er zwischen zwei Himmeln dahin.

An einer ziemlich einsamen Stelle, wo der Wald an beiden Ufern dicht zum

Wasser trat, legte Arnold an und kettete das Boot an einen Stamm. Seine

Blicke fielen auf das hellgrüne Moos, den Blätterteppich, die

glitzernden Gräserspitzen, das Mückengewimmel in der weißlichen Luft,

durch gelbe und goldene Sonnenstrahlen schießend. Er horchte auf das

feine Sausen des Windes hoch in den Kronen, auf vielfältige, schläfrige,

halberstorbene Laute, Zweigeknacken, Blätterrascheln, das Flattern

kleiner Vögel. Die meisten Sträucher waren schon kahl; auf einem kleinen

Wiesenstück standen Hunderte violetter Herbstzeitlosen. In der Tiefe des

Forstes ertönte Hundegekläff, dann ebenso fern das Knallen einer

Peitsche. Bisweilen stieg ein Hauch wie Nebel zwischen den Stämmen

empor.

Die Sonne war am Sinken. Rötlich zitterten die Tannennadeln in der Luft.

Der Himmelsausschnitt, den eine Lichtung wahrnehmen ließ, veränderte

sein sattes Tiefblau ins Grünlich-Violette. Arnold legte sich auf eine

Schicht von braunem Nadelwerk. Mit der Hand haschte er nach den Fäden

des Altweibersommers, die ihn umschwebten. Vertieft blickte er dann auf

einen Ameisenzug neben seiner Schulter, und er fühlte sich klein wie

eine Grille und betrachtete liebend diese Welt der Ameisen und den Wald

der Gräser von unten und innen. Seine Züge wurden noch ruhiger als

bisher, aber auch ernster. Er rückte ein wenig hinauf, um sich bequem an

den dicken Stamm der Föhre lehnen zu können, die von allen ringsum am

höchsten ragte, als erste das Abendrot an ihrer Spitze auffing und im

Osten zugleich den Mond begrüßte. Arnold pflückte einen Grashalm und zog

ihn lächelnd durch den Mund, so daß die tauige Feuchtigkeit seine Lippen

erfrischte. Dann öffnete er den Rock und das Hemd, zog den Revolver aus

der Tasche und drückte die Laufmündung fest gegen die linke Brust.

_Ende_

Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlag erschienen:

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. 9. Auflage.

Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe.

Der niegeküßte Mund. Hilperich. Novellistische Studien.

Alexander in Babylon. Roman. Dritte Auflage.

Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.

Bei der Deutschen Verlags-Anstalt in Stuttgart:

Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens. Roman. 6. Aufl.

Von _Jakob Wassermann_ ist im gleichen Verlage erschienen:

Der Moloch · 第 73 / 84 题