Achtundfünfzigstes Kapitel

Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der

Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde

ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten,

und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und

ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam

eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die

Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres

erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge

zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.

Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in

seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und

mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte

Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so

rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander

gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der

Zeit ins Ewige hinaus.

Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein

Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn

auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen,

worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines

Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still

dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück,

bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien

ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie

eine fabelhafte Bergkette.

Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts

den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;

auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und

schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus

drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm

Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein

Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache

Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines

Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm

doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme

zeigte.

Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen

Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht

zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre

eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem

schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und

etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er

antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie

betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian

inne.

Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine

Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte.

Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst

verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht

fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon

begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der

Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen,

um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser

Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der

Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr

Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt

nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch

eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor

dem guten Herrn wie vor dem Teufel.«

Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos

Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,

ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom

Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer.

Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre.

Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und

Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern

öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.

Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine

steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen

die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der

ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn

hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und

schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das

Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als

brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er

blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur

tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei

Geifer in den Bart rann.

Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst

du mich nicht?« fragte er endlich.

»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer

Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide

Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man

muß vo–orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«

Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte,

wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen

und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den

Raum.

Der Moloch · 第 71 / 84 题