Der Nebel bedeckte das Land und schien die Bewegung und das Klappern der
Räder zu dämpfen. Schwarze Bäume streckten mit verzweifelter Gebärde
ihre Äste in den Qualm. Mitten auf freier Strecke mußte der Zug halten,
und die Bediensteten liefen rufend hin und wieder. Arnold stieg aus und
ging langsam neben einem Acker zur Maschine, vor welcher der Leichnam
eines Pferdes hingestreckt lag. Geschäftig, aber untätig standen die
Leute beisammen. Arnold wandte sich ab; der Kopf des toten Tieres
erinnerte ihn an sein Traumpferd. Angst und Ahnung ließen seine Züge
zusammenschrumpfen wie den Schwamm eine Faust.
Das Zeichen zur Weiterfahrt wurde gegeben. Arnold setzte sich wieder in
seine Ecke, Minute auf Minute rollte hörbar an seinem Ohr vorbei und
mischte sich mit den Millionen der schon verflossenen. Leicht glaubte
Arnold diejenige herausklauben zu können, während welcher er auf so
rätselhafte Weise sich selbst verloren hatte. Aber alle sahen einander
gleich; stumm wie Holzscheite schwammen sie auf dem glatten Strom der
Zeit ins Ewige hinaus.
Die Station kam, in der Arnold den Zug verließ. Weit und breit war kein
Wagen zu haben. Er mußte zu Fuß nach Podolin. Der Boden war hart, wenn
auch nicht gefroren. Von oben schien Gott gegen die Erde zu blasen,
worauf das Nebelwerk widerwillig verflog. Wie in die Tiefe eines
Trichters blickte ein Stück hellblauen Himmels herab. Leer und still
dehnte sich das Land. Auch vor Arnolds Schritten wich der Nebel zurück,
bis er sich allmählich gegen den Horizont drängte. Die Sonne beschien
ihn bräunlich golden und nur den Fluß entlang türmte er sich noch wie
eine fabelhafte Bergkette.
Es war drei Uhr nachmittags, als er durch eine Biegung des Wegs rechts
den Hügel von Podolin gewahrte. Er ging links gegen den Ansorge-Hof;
auf dem hölzernen Steg, der über den Fluß führte, blieb er stehen und
schaute ins Wasser. Jetzt erst dachte er daran, wen das heimatliche Haus
drüben beherbergte, und eine finstere Verzagtheit ergriff von ihm
Besitz. Morastig und faul wie das Wasser unten erschien ihm sein
Inneres, und er lehnte sich mit einer Inbrunst an das schwache
Holzgeländer des Stegs, als fürchte er, selbst das dunkle Abbild seines
Ichs zu verlieren, welches der Wasserspiegel zurückgab und welches ihm
doch wenigstens seine eigenen Züge, seine Augen, seinen Mund, seine Arme
zeigte.
Er ging weiter und trat ins Haus, als Ursula gerade mit mehlweißen
Händen aus der Küche kam. Freude schien die Alte über sein Kommen nicht
zu empfinden. Die Luft im Hause war verändert. Ursula, die hier ihre
eigentliche Heimat gefunden hatte, fühlte sich nun unbehaglich. In dem
schmalen Flur ging Arnold auf und ab; Ursula beobachtete ihn traurig und
etwas erstaunt. Sie fragte, wo er sein Reisegepäck habe, doch er
antwortete nicht. Er könne nur in der Hinterstube wohnen, fuhr sie
betrübt fort, die drei andern Zimmer hätten der Herr Onkel und Christian
inne.
Arnold stellte sich auf die Schwelle zur Küchentüre und lehnte die eine
Schläfe gegen den Pfosten, während Ursula hantierte und dabei erzählte.
Sie buk einen Obstkuchen für Borromeo; nur dies esse er bisweilen, sonst
verweigere er fast alle Nahrung. Er sei sehr ruhig, nur in der Nacht
fange er oft an zu phantasieren, aber niemand könne etwas davon
begreifen. Es dürfe nie finster sein, er fürchte sich vor der
Finsternis. Bevor er sich niederlege, schliche er zehnmal zu den Türen,
um zu sehen, ob sie fest verschlossen seien. Oft lasse ihm dieser
Gedanke auch im Schlaf keine Ruhe, und Christian müsse dann mit der
Kerze in alle Winkel leuchten. »Der hiesige Doktor behauptet,« fuhr
Ursula fort, »daß die Einsamkeit an allem schuld ist und daß jetzt
nichts mehr zu machen ist. Er ist unheilbar. Jede Woche läuft uns auch
eins vom Gesinde davon. Sie sind abergläubisch und ängstigen sich vor
dem guten Herrn wie vor dem Teufel.«
Arnold ging wieder in den Flur zurück. Er trat an die Türe von Borromeos
Zimmer und legte die Hand auf die Klinke. Er wagte nicht einzutreten,
ihm schwindelte. Unsicheren Schrittes ging er auf den Hof und sah vom
Zaun aus gegen die Fenster. Dann eilte er in den Park. Er atmete schwer.
Plötzlich aber stand er still und klammerte den einen Arm um eine Föhre.
Mit aller Gewalt sammelte er sich zu einem Entschluß. Seine Stirn und
Blicke waren gesenkt, als er zum Haus zurückging. Ohne weiteres Zaudern
öffnete er die Tür zum Zimmer des Oheims.
Borromeo saß einige Schritte vom Fenster entfernt und schaute, eine
steinerne Unbeweglichkeit in allen Gliedern und selbst im Gesicht, gegen
die Landschaft hinaus. Sein Bart war vollständig grau geworden. Der
ziemlich kahle und seltsam abgeplattete Kopf mit der niedrigen Stirn
hatte etwas von einem aufgesetzten Wachsmodell. Die Hände waren gelb und
schmutzig. Sehr langsam wandte Borromeo den Kopf gegen die Türe. Das
Geräusch des Eintretenden war längst verklungen, aber es schien, als
brauchten die Laute zehnfache Zeit, um zu seinem Ohr zu gelangen. Er
blickte Arnold ins Gesicht. Sein Blick schien nicht sehen, sondern nur
tasten zu können. Er fletschte die Lippen und lächelte endlich, wobei
Geifer in den Bart rann.
Schrecklich hob und spannte sich Arnolds Brust. »Onkel Borromeo, kennst
du mich nicht?« fragte er endlich.
»Hä –?« machte Borromeo. Es war ein empfindungsloser Laut, von einer
Bewegung des Mißtrauens begleitet. Auf einmal sagte er, indem er beide
Hände zur Höhe des Halses erhob: »Zurückgesetzt ... sie lauern ... man
muß vo–orsichtig sein ... Sie sperren einen sonst ins Kloster ...«
Arnold, als ob er einen Faustschlag auf den Hinterkopf erhalten hätte,
wankte und streckte den Arm aus. Borromeo verdrehte ängstlich die Augen
und wollte sich erheben. Da nahm sich Arnold zusammen und verließ den
Raum.