Er kam auf die Straße und sah nichts; er sah nicht einmal die Straße,
viel weniger die Menschen. Er taumelte mehr, als daß er ging; er
flüsterte, seufzte und machte mit den Armen trunkene Bewegungen. »Ja
ja,« rief er stehen bleibend und den Arm in die Höhe streckend, einem
alten Mann nach, der stillzufrieden an ihm vorbeigegangen war, »ja ja.«
Der Alte drehte sich um, stutzte und lachte.
Zu Hause machte er in allen Zimmern Licht. An den elektrischen Flammen
war ihm nicht genug, er zündete auch noch Kerzen an. Es war ihm kalt,
wie wenn er aus der Ofenwärme eines Zimmers auf ein Eisfeld getreten
wäre. Kein Gegenstand vermochte den Blick seiner Augen zu fesseln; eine
gerechte und furchtbare Macht rollte plötzlich den Faden seines Lebens
nach rückwärts ab und zwang Arnold, sich umzuwenden und der Gewalt zu
folgen. Die ersten Stunden der Nacht vergingen in einer vollkommenen
Besinnungslosigkeit. Er eilte unaufhörlich durch die Flucht der Zimmer.
Völlig erschöpft warf er sich endlich auf ein Sofa. Dennoch nahte Bild
auf Bild, quälend wie die Träume an der Grenze des Erwachens. Er legte
den Kopf zwischen die Hände und schlief ein, gerade als der erste
Tagesstrahl die Finsternis draußen durchbohrte. Er träumte, er säße auf
einem armseligen Leiterwagen, welcher durch Schnee und Regen nach
Podolin fuhr. Ein fürchterlicher Blitz erleuchtete das Dunkel und Arnold
sah, daß er gegen Borromeo die Peitsche schwang. Denn kein Pferd war
vorgespannt, sondern Borromeo zog das knirschende Gefährt durch den
tiefen Schlamm und Morast, und beim Aufflammen des Blitzes gewahrte
Arnold die angespannte Nackenhaut und den müde gesenkten Kopf. Plötzlich
aber wandte sich Borromeo, schritt auf Arnold zu und wollte reden, da
erwachte Arnold von der Berührung des Dieners, der seinem Herrn gefällig
zu sein glaubte, wenn er ihn aus so unbequemer Schlafgelegenheit half.
Er ging ins Badezimmer, ließ einen kalten Wasserstrahl über den Kopf
laufen, trocknete und kämmte sich und verließ das Haus. Langsam schritt
er durch den unbeweglichen Morgennebel. Nach einer halben Stunde stand
er vor dem Haus, wo einst Verena gewohnt hatte. Eine Stimme erhob sich
aus der Ferne, rief, rief ... Arnold konnte nicht verstehen. War es
Verenas Stimme? Fremd war ihm Verena. Wie dunkel lagen die Wege!
Valescott begegnete ihm. »Wie sehen Sie aus, lieber Freund!« rief der
Leutnant. »Ihnen ist nicht wohl, wie? Soll ich einen Wagen besorgen? den
Arzt benachrichtigen?« Nichts von alledem. Arnold entzog sich dem
Besorgten. Jedes menschliche Gesicht flößte ihm Furcht ein, denn in
jedem sah er verwandelt sein eigenes, aller guten Triebe beraubt, leer,
dünkelhaft und lügnerisch.
Ohne daß ein Vorsatz seine Schritte gelenkt hätte, befand er sich
plötzlich vor dem Nordbahnhof. In der Halle studierte er den Zugsplan
und sah, daß er in einer Stunde nach Podolin fahren konnte. Er kaufte
ein Billett, setzte sich im Wartesaal in einen dunkeln Winkel, und so,
ohne Reisegepäck, in wüster, geschlagener Dumpfheit, bestieg er auch den
Zug.