Sechsundfünfzigstes Kapitel

»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,«

sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so

erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach

Podolin zu gehen.«

Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er.

»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich

gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das

Sofa.

Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn

mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst.

Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe,

sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er

irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich

zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm

zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse

hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen

war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche

empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem

einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe

des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn

selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb

sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt

Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er

zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße

ging.

Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick

Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes

Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus

zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide

unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu

stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und

vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in

seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er

selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt.

Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er

hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an

jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja

nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst

abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob

gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna

ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet

aber auch nicht ab; sie schwieg.

So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging

hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der

Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang

zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau

trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten

Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort

einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja

gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur

Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von

deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das

Gemüt.«

Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen

Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht

vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche

Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber

das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus

Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter!

Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut,

ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.«

Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans

Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der

Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde

verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis

Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den

Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu

träumen.

Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer

ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte

er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind

vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus

Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu

beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was

bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das

Leben knüpfte.

Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im

Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte

Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum

Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein

Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu

können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge,

forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo,

der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den

Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts,

nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna

zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte

Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.

Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern

telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den

dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die

Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl

auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm

angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu

sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen

Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders

aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich

Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie

konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und

Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank

in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre

Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein

und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch

hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu

wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben.

In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur

Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen

gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die

auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die

nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen,

erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet

wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,

waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und

Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit

sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit

eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell

werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor

Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn

bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber

bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,

schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er

achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er

sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung

eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm

abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne

Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn

an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen,

was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte

Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden

Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in

Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende

Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu

schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs

Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert,

selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält.

Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst

hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte

Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu

verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des

treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht

jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn

totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er

glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der

Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt

auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu

erhalten.«

Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie

gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz

entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans

Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie

Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen

in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der

Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben

und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich

stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll

aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu

blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein

Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite

der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches

Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die

Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete

hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer,

stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.

Der Moloch · 第 69 / 84 题