»Er will es nicht, Arnold. Er sträubt sich dagegen wie gegen Feuer,«
sagte Anna Borromeo, als sie in das Speisezimmer zurückkam. »Er war so
erregt, wie ich ihn nie sah. Ich glaube, es wäre schlecht für ihn, nach
Podolin zu gehen.«
Arnold war verwundert. »Es muß ja nicht sein,« antwortete er.
»Wenn Arnold vor mich hintritt und sagt, ich will es, gut dann will ich
gehn, sagt er. Das sind seine Worte.« Anna legte sich ermüdet auf das
Sofa.
Arnold verstummte. Die Vorstellung, daß Borromeo wissen könnte, was ihn
mit Anna verband, versetzte ihn plötzlich in die größte Angst.
Am nächsten Tag erzählte Anna, daß Borromeo dem Diener befohlen habe,
sein Bett in dem Zimmer aufzustellen, welches an sein eigenes stieß. Er
irrte durch die Räume im Haus, ging in das obere Stockwerk, stellte sich
zu den Dienstboten, ohne etwas zu reden. Die Leute begannen sich vor ihm
zu fürchten. Bei Nacht öffnete er das Fenster und spähte die Gasse
hinauf und hinunter. So ging es bis zum Ende der Woche. Sein Benehmen
war stets sanft und still. Und als am Montag Anna in ihrem Salon Besuche
empfing, stellte sich plötzlich auch Borromeo ein, blickte jedem
einzelnen mit besinnendem Ausdruck ins Gesicht, setzte sich in die Nähe
des Ofens und schien aufmerksam den Gesprächen zu folgen. Wenn ihn
selber jemand ansprach, nickte er oder schüttelte den Kopf. Er blieb
sitzen, bis der letzte gegangen war und bis Arnold kam. Nun schritt
Borromeo ruhig hinaus, wanderte eine Weile im Flur auf und ab, bis er
zusammenschreckte, sich umsah, Hut und Mantel nahm und auf die Straße
ging.
Annas Gemüt verdunkelte sich langsam unter dem ihr unerklärlichen Blick
Borromeos. Seine Nähe ließ sie erstarren, sein nicht zu brechendes
Schweigen erfüllte sie mit Grauen. Sie getraute sich kaum mehr, das Haus
zu verlassen, und wenn sie mit Arnold allein war, gerieten beide
unwillkürlich in den Flüsterton. Das ertrug Arnold nicht. So geduckt zu
stehen und auf das Ungefähre zu warten, folterte seinen Stolz und
vernichtete seine sanfteren Empfindungen. Gelüst auf Gelüst siedete in
seinem Herzen empor, und er suchte Anna dorthin zu ziehen, von wo er
selbst sie vorher zurückgehalten hatte. Aber sie schien wie gelähmt.
Finde einen Rat! sprachen ihre Augen. Er wollte nicht erkennen, was er
hätte tun sollen, und er vermochte es nicht mehr. Da dachte er wieder an
jenen ersten Ausweg: Podolin! Und er gelangte zu dem Schluß, daß es ja
nur auf ihn selbst ankam, daß Borromeo die Entscheidung von ihm selbst
abhängig gemacht hatte. Er brauchte nur zu reden. Als ob
gemeinschaftliche Qual sie beide in diesem Punkt erfülle, teilte er Anna
ruhig mit, was er für das beste halte. Sie stimmte ihm nicht zu, riet
aber auch nicht ab; sie schwieg.
So kam der Abend. Borromeo, hieß es, sei soeben heimgekehrt. Arnold ging
hinüber, pochte an die Türe und trat ein. Borromeo saß am Tisch vor der
Lampe. Er erblickte Arnold, und es war, als ob eine lang
zurückgehaltene, gewaltige Angst in seinem Gesicht nun offen zur Schau
trete. Arnold suchte sich durch den Anblick der im Zimmer verstreuten
Gegenstände zu sammeln. Dann begann er. »Es ist besser für dich, dort
einsam zu sein, als hier,« sagte er unter anderm. »Podolin ist ja
gewissermaßen ein Familiensitz für uns geworden. Nichts wird dir zur
Behaglichkeit fehlen, und es wird nicht lange dauern, bis du dich von
deinem unerklärlichen Leiden erholt hast. Podolin ist gesund für das
Gemüt.«
Arnold konnte nicht anders, er mußte seinen Blick in denjenigen
Borromeos tauchen; er versuchte nicht einmal, ihn abzuwenden. Und nicht
vergaß er diesen Blick, der durch Traum, Schlaf und Wachen seine gleiche
Gewalt behielt. Jetzt erst nahm er wahr, daß Borromeo alles wußte. Aber
das ließ ihn fast gleichgültig gegenüber dem einen Wort, das aus
Borromeos Augen unsichtbar auf ihn zuströmte: Ungerechter!
Borromeo stand etwas schwerfällig auf und sagte kurzangebunden: »Gut,
ich gehe. Verlaß das Zimmer, Arnold.«
Als Arnold draußen war, stellte sich Borromeo aufrechter Haltung ans
Fenster und weinte. Aber er schämte sich seiner Tränen selbst vor der
Nacht und hätte gern seinen Kopf in die Erde gebohrt. Eine Stunde
verging. Der Diener brachte das Essen. Borromeo gewahrte es nicht. Bis
Mitternacht stand er fast unbeweglich. Dann setzte er sich vor den
Schreibtisch, und sein Kopf sank auf die Brust. Bald begann er zu
träumen.
Er sah sich auf einer kleinen kahlen Insel vollkommen allein; das Meer
ringsum bewegte sich nicht, sondern war still wie Blei. Darüber erwachte
er, aber das Entsetzen blieb. Er fürchtete sich vor Podolin wie ein Kind
vor dem Gang in die Finsternis. Aber Arnold wollte es, und nicht aus
Unterordnung oder Einsicht fügte sich Borromeo, sondern um Arnold zu
beweisen, wie sehr er im Unrecht handle, denn Borromeo fühlte, was
bevorstand. Damit hatte er auch abgeschlossen mit allem, was ihn an das
Leben knüpfte.
Der Diener Christian, ein anhänglicher Mensch, der schon elf Jahre im
Hause war, sollte Borromeo begleiten und bei ihm bleiben. Er packte
Wäsche und Kleider in den Koffer und mittags um zwei Uhr sollten sie zum
Bahnhof fahren. Borromeo lag auf dem Bett und stierte in die Luft. Sein
Blick schien sich nicht vom nächsten Umkreis seines Körpers entfernen zu
können. Oft seufzte er tief und lang. Anna kam, gab dem Diener Aufträge,
forderte von ihm täglichen Bericht, dann stand sie stumm vor Borromeo,
der sich langsam erhob und an ihr vorbeiging. Der Diener nahm den
Koffer, Borromeo folgte in gebeugter Haltung, blickte nicht vorwärts,
nicht seitwärts, sondern nur einwärts wie ein fast Erblindeter. Anna
zitterte über die ganze Haut, als sie ihm nachblickte. Sie sperrte
Borromeos Zimmer zu und steckte den Schlüssel in ihre Tasche.
Eine halbe Stunde später kam Arnold. Er hatte noch gestern
telegraphische Anweisung für die Aufnahme in Podolin getroffen und den
dortigen jungen Arzt, der alte war verstorben, mit einem Wagen auf die
Station bestellt. Das teilte er Anna Borromeo mit, aber sie nahm es kühl
auf. Schweigend saß er bei ihr, bis sich ein trüber Zorn in ihm
angesammelt hatte. Er packte mit beiden Händen ihren Kopf, bog ihn zu
sich heran und fragte durch die Zähne, indem er seine aufgerissenen
Augen vor ihre halbgeschlossenen hielt: »Sieht denn die Erfüllung anders
aus als der Wunsch?« Und Anna entgegnete flüsternd: »Ja.« Da erhob sich
Arnold, lachte und ging. Gern hätte ihn Anna zurückgerufen, aber sie
konnte nicht. Ihre Neugierde hatte nichts mehr zu erwarten. Freiheit und
Geheimnislosigkeit war das, was sie am wenigsten ersehnte. Sie versank
in eine öde Trauer. Sie trauerte darüber, daß sie sich von Arnold ihre
Schulden hatte bezahlen lassen, und vieles erschien ihr nur noch gemein
und häßlich, was vor der Erfüllung abenteuerlich gewesen war. Zu rasch
hatte sich alles erfüllt, zu viel hatte er gegeben; zu viel und zu
wenig, denn von ihm selbst besaß sie nichts. Sie verwünschte ihr Leben.
In der Kanzlei und unter den Bekannten wurde erzählt, Borromeo sei zur
Erholung für einige Wochen nach dem mährischen Landgut seines Neffen
gereist. Aber auch andere Gerüchte tauchten auf und züngelten umher, die
auf Anna Borromeo Bezug hatten. Sie spürte es, denn Leute wie sie, die
nur durch die Luft dieser besonderen Welt ihr besonderes Leben führen,
erleiden eine Art Tod, wenn sie sich nicht mehr ebenbürtig geachtet
wissen. Seltsam, von der Stunde an, wo Borromeo aus dem Hause gegangen,
waren Anna und Arnold wie voneinander abgeschnitten. Ruhelosigkeit und
Zerfahrenheit herrschten in Arnolds Verrichtungen. Er war so sehr mit
sich selbst beschäftigt, daß alles außerhalb Liegende seine Wichtigkeit
eingebüßt hatte. Und doch, wenn er zu dem Punkte kam, wo es hätte hell
werden können, so blieb er stehen und begann zu träumen. Er verlor
Appetit und Schlaf, er verlor die Teilnahme an den Menschen, die ihn
bewundert und geliebt hatten. Er verlangte Rechenschaft von sich, aber
bei der ersten Erwiderung, die seine Vernunft oder sein Herz gab,
schauderte er zurück. Er hatte kein Maß für den Lauf der Tage, er
achtete die Zeit nicht mehr. Eingefangen und verstrickt erschien er
sich, verschlungen von etwas Ungeheurem. Er spürte die Erschütterung
eines Sturmes, aber nicht er selbst litt darunter, sondern ein von ihm
abgelöstes Wesen, das im leeren Raume umhertrieb wie ein Fahrzeug ohne
Ruder und Mast. Kaffeehaus, Theater, Spiel, Gesellschaft, alles zog ihn
an und stieß ihn, kaum genossen, wieder ab. Er konnte nicht begreifen,
was denn eigentlich mit ihm geschehen sei, und er hegte fieberhafte
Wünsche, wünschte eine neue Erde zu finden, einen andern schweifenden
Stern, um dort von neuem zu beginnen, was hier so widernatürlich sich in
Unheil und Mißgeschick gebohrt hatte. Beständig glaubte er, glühende
Luft zu atmen und eine wunderliche Scheu erfüllte ihn, zu denken und zu
schauen. Oft saß er allein und starrte, wie ein Schiffbrüchiger aufs
Wasser starrt, das immer ruhiger zu werden droht und sich weigert,
selbst den Balken weiterzutreiben, an den er sich hält.
Eines Abends gegen die Dämmerstunde, es ging schon tief in den Herbst
hinein, suchte er Anna Borromeo auf. Sie zeigte ihm die Berichte
Christians und des Arztes aus Podolin. Beide hatten sich einander zu
verhehlen gesucht, was dort vorging, aber das letzte Schreiben des
treuen Dieners lautete wie folgt: »Gnädige Frau, der gnädige Herr sieht
jetzt immer Gesichter in der Luft. Er glaubt, jemand will ihn
totschlagen. Er will auch keine Speise nehmen, der gnädige Herr, weil er
glaubt, jemand will ihn vergiften. Er sagt, er hört Stimmen, und der
Doktor von Podolin sagt, der gnädige Herr verliert den Verstand. Er sagt
auch, der gnädige Herr, er will ans Gericht gehen, um sein Recht zu
erhalten.«
Anna Borromeo las vor. Arnold hatte die Lehne eines Stuhles gepackt, sie
gegen die Knie gedrückt, so fest, daß die Lehne plötzlich am Sitz
entzweibrach. Mit einem sonderbaren Laut sprang er auf, trat ans
Fenster, erblickte aber nichts als den Nebel, der sich bläulich-weiß wie
Milch an die Scheiben drückte. Dann murmelte er einen Gruß, warf draußen
in aller Hast den Mantel um und ging. Ihm brannte das Gesicht, der
Hals, die Brust und die Füße. Er lief durch die Straßen, als ob Leben
und Tod von der Schnelligkeit seines Schrittes abhänge, um plötzlich
stehen zu bleiben und mit zusammengeballten Händen und verzweiflungsvoll
aufgerissenen Augen wie ein dem Fieberbett Entlaufener um sich zu
blicken, an eine Hauswand gelehnt, in den Nebel tastend, als ob er ein
Gebilde seiner Phantasie wäre. Da sah er gegenüber auf der andern Seite
der Straße die geöffneten Türen einer Kirche. Ein feierliches rötliches
Dunkel dehnte sich in dem leeren Raum. Er ging hinüber, betrat die
Kirche, sank in einer finstern Ecke auf die Knie und betete, betete
hastig, aufblicklos, glaubenslos, mit verschlossener, stürmischer,
stürmisch einen Abgrund hinunterrollender Seele.