Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend
zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde
nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich
leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach
Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht
das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht
gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen
und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat
in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte
Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte
sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie
erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du
nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge.
Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider
fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen
Augen einer Wachsfigur.
»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.
»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es
ist nichts, beruhige dich nur.«
»Hast du denn nicht geschlafen?«
Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen
Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er
schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und
besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und
schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna
wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er
Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert;
um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht
gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand
ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«
»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich
selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten
Verfassung ...«
Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche
Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich
unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht
verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die
nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«
Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte
sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um
zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde
verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine
halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel,
den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun
das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält
aus.
»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er
hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und
liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.
»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn
beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf
ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas
geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte
Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an
die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller
Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu
machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich
während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam,
sie stumm fragend anblickte.
Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck
auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei
gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein
gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner
Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.«
Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers
erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du
glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.«
Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen
Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich
selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.
»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen
würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder
Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines
Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold,
und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und
was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt
hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie
nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen
darauf.
Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht
glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis
hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn
die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu
erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das
unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.
Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das
Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als
verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers.
»Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin
leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«
Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen
ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen
ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu
nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran
klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten
zu können.
»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das
Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr
Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in
einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß
ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst
zugegen.«
Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum
soll er nicht wissen, daß ich da bin?«
Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie
aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend
gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –«
Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich
die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das
Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht
geantwortet.«
»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in
gesellschaftlichem Ton.
Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der
Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht
die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an
ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann
trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold
waren wieder allein. Sie schwiegen lange.
»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit
eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat
ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es
das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.«
Arnold antwortete nicht.
»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.«
»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener
lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte.
Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie
sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu
Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine
Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos
und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna
erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich
schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist
finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete
eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam
zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.
Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und
hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch
nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun
geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, –
aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und
Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem
Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder
Beziehung gut für dich sein.«
Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann
nicht auf dem Land leben,« sagte er.
»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna
liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?«
»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo.
»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich
gehe?«
»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich
kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige
Art. Er zitterte am ganzen Körper.
»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll.
Er schüttelte müde den Kopf.
»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin
gingest und dort –. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie
verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte
langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf
die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin.
Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst
macht dir das Anerbieten und hält es für gut.«
Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich
abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit
dem Kopf. »Will –? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist
eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und
deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die
Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.
Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden
die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle
Färbung.
»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in
diesem Augenblick in dem Manne vorging.
»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck.
»Podolin, – das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie
du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die
dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu
verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt:
dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ...
dann will ich nach Podolin.«
Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das
Zimmer.