Fünfundfünfzigstes Kapitel

Als Anna am Morgen erfuhr, daß ihr Mann schon den vorherigen Abend

zurückgekehrt sei, ging sie hinüber und klopfte an seine Türe. Es wurde

nicht geantwortet. Im Glauben, er schlafe noch, entfernte sie sich

leise, vollendete ihren Anzug und ging aus. Gegen Mittag kam sie nach

Hause und das Stubenmädchen sagte ihr, der gnädige Herr habe noch nicht

das Zimmer verlassen und gehe beständig auf und ab; sie habe nicht

gewagt, das Zimmer in Ordnung zu bringen. Ohne Hut und Umhang abzunehmen

und ohne etwas zu erwidern, schritt Anna den Korridor entlang und trat

in das Zimmer Borromeos. Sie erblickte mit Erstaunen das unberührte

Bett. Borromeo stand, ihr den Rücken zuwendend, am Fenster und drehte

sich, als er ihre Schritte hörte, mit bleierner Langsamkeit um. Sie

erschrak so vor seinem Aussehen, daß sie einen Schrei ausstieß. »Bist du

nicht wohl, Friedrich?« fragte sie mit schwerer Zunge.

Borromeo antwortete nicht. Er schaute an ihr vorüber und seine Lider

fielen ein paarmal zu und hoben sich wieder wie bei den künstlichen

Augen einer Wachsfigur.

»Friedrich!« rief jetzt Anna Borromeo laut und in Angst.

»Es ist nichts, Anna,« sagte er nun mit leiser, schleppender Stimme; »es

ist nichts, beruhige dich nur.«

»Hast du denn nicht geschlafen?«

Er zuckte die Achseln und packte plötzlich den Bart mit beiden vollen

Händen. Anna wich mechanisch zurück, als er auf sie zukam. Aber er

schritt an ihr vorbei, kehrte um und ging wieder zum Fenster. Scheu und

besinnend blickte Anna zu Boden, dann eilte sie hinaus, klingelte und

schickte zum Hausarzt, der schon nach einer halben Stunde kam. Anna

wartete auf seinen Bescheid. »Gnädige Frau«, sagte der Arzt, als er

Borromeos Zimmer verlassen hatte, »unser Freund scheint sehr verändert;

um das zu konstatieren haben Sie mich aber wahrscheinlich nicht

gebraucht. Die Sache ist die, daß er mich nicht einmal seine Hand

ergreifen ließ. Er hat mich weggeschickt.«

»Ich danke Ihnen, Doktor«, erwiderte Anna Borromeo freundlich. »Ich

selbst begreife nichts davon. Noch gestern war er in der besten

Verfassung ...«

Der Arzt zuckte die Achseln. »Vielleicht eine geschäftliche

Katastrophe –, obwohl er für solche Dinge doch immer ziemlich

unempfindlich war. Sein Aussehen macht mich bedenklich. Es sieht

verteufelt einer Gemütsstörung ähnlich. Warten wir jedenfalls noch die

nächsten vierundzwanzig Stunden ab.«

Das Gespräch mit einem Fremden hatte Anna ein wenig beruhigt. Sie setzte

sich zu Tisch, nahm einige Bissen und verließ bald darauf das Haus, um

zu Arnold zu fahren. Er war ausgegangen; sie wartete. Eine Stunde

verfloß. Sie läutete dem Diener und bat um ein Glas Wasser. Noch eine

halbe Stunde schlich hin, dann kam Arnold. Er trat ein, noch im Mantel,

den Hut im schlaff herabhängenden Arm haltend. Sein Gesicht, das nun

das vollkommene Oval des geistig leidenden Menschen zeigte, sah gequält

aus.

»Ich habe dich warten lassen? Wie lang bist du schon hier?« fragte er

hastig. Er setzte sich neben sie und ergriff mit gütiger und

liebenswürdiger Bewegung ihre beiden Hände.

»Laß nur, Arnold,« antwortete sie, entzog ihm die eine Hand, packte ihn

beim Kinn und hob den Kopf ein wenig empor. Er lächelte, wobei er auf

ihren Hals sah. »Da fällt mir etwas ein«, sagte er »ich will dir etwas

geben.« Er eilte aus dem Zimmer. Während ihres kurzen Alleinseins hatte

Anna Borromeo einen erschreckenden Gedanken. Sie legte beide Hände an

die Stirn und dachte nach. Ungewißheit war ihr das verhaßteste aller

Gefühle, deshalb beschloß sie, noch heute ihrem Zweifel ein Ende zu

machen. Aber in ihrem sonst undurchdringlichen Gesicht hatte sich

während der kleinen Weile so viel begeben, daß Arnold, als er zurückkam,

sie stumm fragend anblickte.

Er brachte eine kleine Schachtel, in welcher ein altertümlicher Schmuck

auf schwarzem Sammet lag. Es war ein Blumensträußchen; die Stengel, frei

gebunden, bestanden aus Gold, die Blütenkelche wurden durch fein

gearbeitete farbige Edelsteine dargestellt. »Dies ist noch von meiner

Mutter«, sagte Arnold, »und du sollst es haben.«

Anna betrachtete es, ohne daß sie sich eines wunderlichen Schauers

erwehren konnte, der langsam ihren Rücken hinabrieselte. »Und du

glaubst, ich soll es tragen?« fragte sie. »Das geht auf keinen Fall.«

Sie heftete die stahlblauen Augen ohne Leidenschaft auf Arnold, dessen

Stirn sich verfinsterte. »Was sollen wir also tun«, sagte er wie zu sich

selbst und warf einen schüchternen Blick zum Himmel.

»O, ich könnte es ausdenken, Arnold, daß du ihm die ganze Wahrheit sagen

würdest. So tief dürfen wir doch nicht sinken, daß uns Mitleid oder

Angst oder Furcht daran verhindert. Oder haben wir uns nur ein kleines

Vergnügen außerhalb des Erlaubten verschafft? Besinne dich nur, Arnold,

und versuche, etwas anderes zu tun, als das was ich von dir erwarte und

was du dir schuldig bist. Und ob nach dem ersten Satz, den du ihm gesagt

hast, ich nicht ruhig diese hübsche Brosche werde tragen können.« Sie

nahm das Schmuckstück zwischen die Fingerspitzen und drückte die Lippen

darauf.

Und diese Worte sagte Anna Borromeo, um zu probieren, das war es. Nicht

glaubte sie daran, daß Arnold vor Borromeo mit einem Bekenntnis

hintreten würde, aber sie wollte sehen, was daraus werden würde, wenn

die Stunde gekommen war. Für jetzt hatte sie nur eines im Sinn: zu

erfahren, ob Friedrich Borromeo etwas ahnte oder wußte und ob das

unberührte Bett der heutigen Nacht auf dies Wissen Bezug habe.

Arnold schämte sich und gab ihr recht. Aber er erbleichte, wenn er das

Bevorstehende im Bild zu sehen versuchte, und hatte das Gefühl, als

verbreitete sich Blässe über Zunge und Gaumen ins Innere des Körpers.

»Ich denke daran,« sagte er umhergehend, »ob Borromeo nicht in Podolin

leben will. Ihn wird es locken, allein zu sein und Ruhe zu haben.«

Sie gingen zusammen fort. Indem Arnold an Annas Seite durch die Straßen

ging, schnitt er sich mit wilder Entschlossenheit von allem Vergangenen

ab und nahm sich vor, nur die Gegenwart zu leben, den Augenblick zu

nutzen, und was feindlich dagegen aufstand zu vernichten. Daran

klammerte er sich, um sein Herz mit einem Anschein von Recht verhärten

zu können.

»Ist der Herr zu Hause?« fragte Anna Borromeo sogleich, als ihnen das

Mädchen geöffnet hatte, und die Antwort lautete bejahend. »Gut,« fuhr

Anna fort, indem sie Schleier, Hut und Jacke abnahm, »wir wollen in

einer Viertelstunde zu Abend essen. Benachrichtigen Sie den Herrn, daß

ich auf ihn warte, ich allein, verstehen Sie? Niemand ist sonst

zugegen.«

Sie traten in das Speisezimmer. »Was heißt das?« fragte Arnold. »Warum

soll er nicht wissen, daß ich da bin?«

Anna Borromeo ging nahe zu Arnold heran und erwiderte, indem sie

aufmerksam die Nägel ihrer Hand betrachtete: »Er ist gestern abend

gekommen, ohne daß wir ihn gehört haben, und ich fürchte –«

Arnold machte einen Ruck mit dem ganzen Körper. Dann schlug er plötzlich

die Hände zusammen und wandte sich ab. Anna blickte ihn strenge an. Das

Mädchen trat ein und berichtete: »Der gnädige Herr hat mir nicht

geantwortet.«

»Nehmen wir also einstweilen Platz, Arnold,« sagte Anna in

gesellschaftlichem Ton.

Kaum saßen sie, so öffnete sich die Türe und Borromeo erschien auf der

Schwelle. Und kaum hatte er Arnold am Tisch erblickt, als sein Gesicht

die weiße Farbe verlor und sich rötete. Niemand hatte das je zuvor an

ihm beobachtet. Mit schlaffem, blinzelndem Blick sah er Arnold an, dann

trat er wieder zurück, schloß geräuschlos die Türe und Anna und Arnold

waren wieder allein. Sie schwiegen lange.

»Deine Idee mit Podolin ist sehr gut,« sagte endlich Anna Borromeo mit

eigentümlichem Lächeln, »so könnte es doch nicht weitergehen. Er hat

ohnehin schon lange aufgehört unter Menschen zu leben. Für ihn ist es

das beste und für uns ist es das ruhigste und einfachste.«

Arnold antwortete nicht.

»Ich will nicht damit zögern, ich werde sogleich mit ihm sprechen.«

»Ja, tu es nur,« sagte Arnold dumpf, und seine Augen loderten in jener

lügnerischen Entschlossenheit, die ihn überfallen hatte.

Anna erhob sich und ging. Als sie auf den Korridor trat, hörte sie

sonderbare Laute. Der vordere Teil des Flurs war erleuchtet; um zu

Borromeos Zimmer zu gelangen, mußte sie, schon im Halbdunkel, um eine

Ecke biegen. Aber hier sah sie auf einmal Borromeo. Er stand regungslos

und murmelte vor sich hin. »Friedrich! Friedrich!« rief Anna

erschrocken. Er setzte zur Antwort sein Gemurmel fort, aus dem sich

schließlich die hörbaren Worte rangen: »Ich kann nicht weiter, es ist

finster.« Anna schluckte ihren Schrecken hinab, ging zurück, zündete

eine Kerze an, wobei sie es vermied, einen der Dienstleute aufmerksam

zu machen, und leuchtete dann ihrem Mann voraus.

Es war kalt in Borromeos Zimmer. Er nahm einen rotkarrierten Schal und

hüllte ihn um seine Schultern. Anna stellte die Kerze auf den Tisch

nieder und blickte eine Weile sinnend in die Flamme. »Es ist nun

geschehen, Friedrich,« sagte sie dann. »Es hat auch geschehen müssen, –

aus vielen Gründen. Doch du mußt dir selbst und uns das Überflüssige und

Quälende ersparen. Ich schlage dir vor, die nächsten Jahre still auf dem

Land zu verbringen. Deine Nerven sind zerstört, und so wird es in jeder

Beziehung gut für dich sein.«

Borromeo stand, an die Tür gelehnt, fröstelnd, regungslos. »Ich kann

nicht auf dem Land leben,« sagte er.

»Und in der Stadt fühlst du dich keineswegs wohl,« sagte Anna

liebenswürdig tadelnd. »Also wo willst du denn leben? Im Nichts?«

»Im Nichts. Ganz recht. Im Nichts,« flüsterte Borromeo.

»Willst du den Skandal?« fuhr die Frau ernster fort. »Willst du, daß ich

gehe?«

»Ich will nicht einsam draußen leben in der Natur, Anna. Das macht mich

kaput,« sagte Borromeo auf einmal erregt, völlig gegen seine sonstige

Art. Er zitterte am ganzen Körper.

»Also willst du reisen, Friedrich?« fragte Anna liebevoll.

Er schüttelte müde den Kopf.

»Höre mich,« begann Anna wieder. »Wie wäre es, wenn du nach Podolin

gingest und dort –. Man würde dir die beste Pflege verschaffen ...« Sie

verstummte. Borromeo schaute seine Frau groß und kalt an und erwiderte

langsam: »Podolin? Ich?« Er trat zum Tisch und stützte beide Arme auf

die Platte. »Eher gleich verdorren,« murmelte er vor sich hin.

Anna Borromeo war verwundert. »Arnold will es,« sagte sie, »er selbst

macht dir das Anerbieten und hält es für gut.«

Da fingen Borromeos Augen zu glühen an und sein Gesicht überzog sich

abermals mit Röte. »Arnold?« fragte er und nickte dazu krampfhaft mit

dem Kopf. »Will –? Das ist nicht wahr! Das will Arnold nicht! Das ist

eine Lüge ... eine Lüge ist es.« Er hatte den Arm ausgestreckt und

deutete mit dem sich bewegenden Zeigefinger ins Leere, als ob er die

Lüge mit Augen sehe. Sein ganzes Wesen war unheimlich verwandelt.

Ängstlich haschte Anna nach seiner Hand. Borromeo schloß einige Sekunden

die Augen, atmete tief und sein Gesicht erhielt wieder die frühere fahle

Färbung.

»Es ist nicht Lüge,« sagte Anna fast schüchtern. Sie ahnte nicht, was in

diesem Augenblick in dem Manne vorging.

»Nun gut,« sagte Borromeo mit grüblerischem und traurigem Ausdruck.

»Podolin, – das ist schlimm, schlimm für mich. Aus vielen Gründen, wie

du dich ausgedrückt hast. Aber,« er erhob nun wieder seine Stimme, die

dann nicht laut klang, aber unendlichen Zorn und Kummer in sich zu

verhalten schien, »aber wenn Arnold vor mich hertritt und mir sagt:

dies, Onkel Borromeo, will ich, dies halte ich für gut, nun, dann ...

dann will ich nach Podolin.«

Anna senkte den Kopf, dachte noch eine Weile nach und verließ stumm das

Zimmer.

Der Moloch · 第 68 / 84 题