Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem
Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß
es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er
sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam
wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch
wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor
ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett
aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art
von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem
Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem
Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die
Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der
Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen
erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es
war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle,
fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der
Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des
ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen
vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand
von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war.
Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen
gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine
Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen
einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing,
und das war Arnold.
Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus
verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter,
zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort;
in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und
der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den
Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit
verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für
die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr
zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner
ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in
Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm
ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht
reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht
lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene
gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die
Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen
möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den
Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald,
welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange
setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große
Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein
konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder
umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir?
dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der
Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke
Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum
Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück
und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich
erwartet wurde.
Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder
in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten
ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich
denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter
die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war,
lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf
Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot.
Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß,
aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt
durch die verödenden Straßen.
Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte
er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch
waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht
nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die
Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete
endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn
Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche
war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und
ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es
finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein
Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er
die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise
öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so
übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu
öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der
in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil
des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein
Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los;
er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört
drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen
stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an
der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit
einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen
entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.