Vierundfünfzigstes Kapitel

Um fünf Uhr morgens erwachte Friedrich Borromeo nach kaum zweistündigem

Schlaf. Er griff nach den Streichhölzern und machte Licht. Er wußte, daß

es vergeblich war, auf das Wiedereinschlafen zu warten, darum erhob er

sich, als die ersten Morgenlaute von der Straße heraufdrangen. Langsam

wusch er sich und kleidete sich an, und um sechs Uhr war er fertig. Doch

wohin mit all der Zeit, wohin? Neunzehn oder zwanzig Stunden lagen vor

ihm, bis er sich wieder auskleiden konnte, um wieder das Bett

aufzusuchen wie gestern. Jede dieser Stunden forderte ihn zu einer Art

von Zweikampf heraus, und am Abend bemächtigte sich seiner von all dem

Indieluft-Kämpfen eine so grenzenlose Erschöpfung, daß er sich vor dem

Wiederaufwachen nach spärlichem Schlaf fürchtete. Er fürchtete die

Geräusche, durch die sich der Tag ankündigt, und das Licht, das der

Sonne vorauseilt scheute er ebenso, wie ihm die Finsternis Grauen

erregte. Er liebte weder das Leben, noch wollte er den Tod, sondern es

war, als ob er einen Schlupfwinkel zwischen den beiden ausspüren wolle,

fern von Gedanken, Erinnerungen, Erwartungen und Gefühlen der

Verantwortlichkeit, gleichsam in den ruhenden Mittelpunkt des

ewigbeweglichen Kreises verkrochen. Er hätte selbst nicht zu sagen

vermocht, durch welche Einwirkungen allmählich dieser sonderbare Zustand

von Fäulnis in seinem Körper und Gemüt entstanden und angewachsen war.

Lustlosigkeit war es, die das Wesen seiner Worte und seiner Handlungen

gebildet hatte von jeher. Er hatte keine Freude an der Welt und keine

Freude an den Menschen und keine Freude an sich selbst. Nur einen

einzigen Menschen gab es, an dem er mit fatalistischer Zuneigung hing,

und das war Arnold.

Die Straßen lagen schon in goldner Frühsonne, als Borromeo das Haus

verließ. Er ging in ein Kaffeehaus, frühstückte, las die Morgenblätter,

zahlte und machte sich auf den Weg zur Kanzlei. Er war der erste dort;

in seinem Arbeitsraum war der Diener noch mit Kehren beschäftigt, und

der Staub lief in den Sonnenstrahlen wie eine Sammetbrücke durch den

Raum. Unruhig schritt Borromeo umher. Die Schreiber kamen mit

verschlafenen Gesichtern; einer brachte ihm den Gerichtsakt, den er für

die Verhandlung in Preßburg nötig hatte. Er nahm Hut und Mantel und fuhr

zum Bahnhof. Er setzte sich in ein leeres Abteil und gab dem Schaffner

ein Geldstück, damit er ihn allein lasse. Der Zug setzte sich in

Bewegung, und Borromeo schloß die Augen. Plötzlich aber erwachte in ihm

ein tiefer Widerwille gegen das Ziel seiner Fahrt. Er wollte nicht

reden, nicht hören, nicht angestrengt nach Antwort sinnen, nicht

lächeln, fragen, nicken und sich verbeugen, wollte nicht jene

gleichgültigen, altbackenen, gefrorenen, mühseligen Redensarten über die

Zunge wälzen, durch die allein eine Verständigung zwischen den Menschen

möglich ist. Als die nächste Haltestation erreicht war, verließ er den

Wagen, nahm seine Aktenmappe unter den Arm und spazierte in den Wald,

welcher unmittelbar hinter dem kleinen Bahnhof begann. Aber nicht lange

setzte er den Weg fort. Die Einsamkeit und Stille flößten ihm so große

Furcht ein, daß die Haut über seiner Brust sich spannte und in ein

konvulsivisches Zittern geriet. Er wagte auch nicht, sogleich wieder

umzukehren, sondern setzte sich auf einen Baumstamm. Was ist mit mir?

dachte er, mir graut vor dem Getümmel der Straßen und mir graut vor der

Ruhe des Waldes. Er nahm sein Messer und schabte geduldig die dicke

Rinde von dem Stamm, auf dem er saß bis das gelbe feuchte Fleisch zum

Vorschein kam. Dann seufzte er, erhob sich, wanderte zur Station zurück

und schickte ein Entschuldigungs-Telegramm dorthin, wo er vergeblich

erwartet wurde.

Mit dem nächsten Zug, der erst am späten Nachmittag kam, fuhr er wieder

in die Stadt. Er wollte nicht in die Kanzlei, denn auch dort erwarteten

ihn vielleicht Fragen; er wollte nicht nach Hause. So setzte er sich

denn wieder in ein Kaffeelokal, nur daß er jetzt statt der Morgenblätter

die Abendblätter las. Und als er dieser Beschäftigung überdrüssig war,

lehnte er sich zurück und starrte in die Luft. Viertelstunde auf

Viertelstunde verging. Er empfand Hunger und bestellte ein Butterbrot.

Der Raum wurde leer; es war schon halb zehn, als er sich entschloß,

aufzubrechen. Wieder nahm er seine Aktentasche unter den Arm und schritt

durch die verödenden Straßen.

Ohne daß ihn jemand hörte, weil er niemand zu stören wünschte, erreichte

er sein Schlafzimmer. Er wollte die Hände und das Gesicht waschen, doch

waren die Krüge auf dem Waschtisch leer. Man hatte ihn für diese Nacht

nicht zurückerwartet. Er drückte auf den Knopf der Glocke, welche in die

Küche führte, aber niemand kam. Er wartete und lauschte und zündete

endlich eine Kerze an, um selbst nachzusehen, denn da es noch nicht zehn

Uhr war, mußten die Mädchen oder der Diener noch wach sein. In der Küche

war alles finster; hat sie Anna aus dem Haus geschickt? dachte er, und

ist sie selber fort? Er öffnete die Türe des Salons, auch hier war es

finster, aber durch die Spalten der nächsten Tür drang ein

Lichtschimmer. Er hielt die Kerze vor, ging über den Teppich, und als er

die Hand auf die Klinke legte, vernahm er Murmeln und Flüstern. Leise

öffnete er, denn die Anspruchslosigkeit seines Benehmens war so

übertrieben, daß er kaum die Türen weit genug für seinen Körper zu

öffnen wagte. Er sah zuerst nur ein Stück der dunklen Portiere, mit der

in jenem Zimmer die Türe verhängt war, dann erst konnte er einen Teil

des Zimmers selbst überblicken. Kaum war dies geschehen, als sich sein

Mund im größten Entsetzen weit auseinanderzog. Er ließ die Klinke los;

er wagte die Türe nicht wieder zu schließen, sie hatten nichts gehört

drinnen und konnten nicht sehen, daß die Türe hinter der Portiere offen

stand. Im Korridor entfiel die Kerze seiner Hand, und er tastete sich an

der Mauer weiter bis zu seinem Zimmer, wo die Gaslampe brannte. Mit

einem dünnen, wimmernden Geräusch, das sich fortwährend seinen Lippen

entpreßte, warf sich Borromeo auf das Sofa, mit dem Bauch zu unterst.

Der Moloch · 第 67 / 84 题