Kaum hatte Natalie Osterburg von der Veranstaltung des großen
Blumenfestes gehört, als sie, von einer schwindelnden Aufregung
ergriffen, alles Denkbare unternahm, um eine Rolle dabei spielen zu
dürfen. Es gelang ihr, der Fürstin-Protektorin vorgestellt zu werden,
ein paar leutselige Worte zu erwischen und beglückt eilte sie nach
Hause. Sie sollte zusammen mit zwei adligen Damen ein Verkaufszelt für
Zuckerwaren erhalten.
Noch die Türe in der Hand, rief sie atemlos: »Petra, denk dir –!« Und
sie erzählte. Aber Petra zeigte sich nicht besonders gerührt von den
Erfolgen der Schwester. Sie hielt Natalie vor, daß es unrecht sei, bei
der täglich schlimmer werdenden Krankheit der Mutter an Vergnügungen zu
denken. Petra hatte Pflichtgefühl.
Natalie hatte kein Pflichtgefühl. Sie war von allen Wärmegraden
abhängig, welche die Luft der Gesellschaft erzeugt. Ihre Ehe, ihre
Kinder, ihr Haushalt, alles war für sie eine niedliche, bald
unterhaltende, bald langweilige Spielerei.
Ihre Sinne waren jetzt nur auf das Blumenfest gerichtet. Für nichts
anderes hatte sie Teilnahme. Sie war nur besorgt, ob das Wetter schön
bleiben werde, und jeden, bis zum Bäckerjungen und zur Milchfrau
ersuchte sie um ausführliche Meinung darüber. Sie bezog das ganze
Weltall auf das Gelingen ihrer Wünsche.
So rückte der Tag heran. Die Schneiderin kam um elf Uhr morgens und
sofort begann Natalie sich anzukleiden. Es war ein Empirekleid aus
blauer Seide, kunstvoll mit Veilchen bestickt. Es floß wie
Paradieseshauch um die zarten Glieder Natalies. Um zwölf Uhr kam die
Friseurin. Sorgsam zusammengesteckte Veilchen wurden in das dunkle Haar
verwoben. Um den Hals legte Natalie eine goldene Kette, an welcher über
der Brust ein rundes Medaillon mit einem schönen Edelstein befestigt
war. Dann die langen Handschuhe, deren Zuknöpfen eine Viertelstunde
dauerte, und so, blauseidene Schuhe und blauseidene Strümpfe an den
Füßen, trat Natalie in das Krankenzimmer der Mutter, wo ihr Mann und
Petra mit Kartenspielen beschäftigt waren.
Frau König lag im Bette und trank Sauerstoff aus einem großen Ballon,
welchen die Wärterin hielt. Sie ließ beim Eintritt Natalies das Saugrohr
sinken und ihr Gesicht wurde durch ein zärtliches Lächeln nicht
verschönt, sondern entstellt. »Natalie, mein Kind, du gehst zum
Vergnügen. Recht hast du«, sagte sie, und ihre Stimme glich einem rauhen
Krächzen. »Auch ich war vergnügt in deinem Alter. Und du, Petra, mein
Kind, wirst zu Hause bleiben bei deiner armen Mutter? Recht so. Sie ist
ein philosophisches Kind, meine Petra. Sie war immer überlegt und
taktvoll.«
»Sprich nicht so viel, Mama«, sagte Petra stirnrunzelnd.
Natalie stand beschämt und ärgerlich da wie ein Sänger, der bemerkt, daß
er vor tauben Ohren singt. »Glaubst du, daß das Kleid zu tief
ausgeschnitten ist?« fragte sie ihren Mann.
»Meine liebe Natalie«, erwiderte Osterburg rauflustig, »ich habe andere
Sorgen, das kannst du mir glauben. Ich weiß nicht, ob irgend ein Mensch
in der Welt je solche Schmerzen gelitten hat wie ich –« Er rieb sein
Knie. »Du bist eine leichtsinnige Frau«, fuhr er wütend fort, »ich traue
mich nicht eine Zigarre zu kaufen und du –« Alle starrten ihn entsetzt
an. Er schwieg zerknirscht, beobachtete einen Augenblick die Wärterin
und begann plötzlich französisch zu reden, wobei jedoch das Wort #alors#
die Hauptrolle spielte; mehr war kaum zu verstehen.
Frau König verfolgte mit stillem Haß dies Gespräch. Sie glaubte weder
an ihre Krankheit noch glaubte sie, daß sie je würde sterben müssen. Daß
sie so liegen mußte und Sauerstoff atmen, schrieb sie einem
Zusammenwirken boshafter Umstände zu, und sie haßte die eigenen Kinder,
wenn sie ihr allzudeutlich zeigten, was es heißt, mitzuleben. Es gab nur
einen Menschen, dem sie Vertrauen entgegenbrachte, das war der Arzt.
Wenn sie sich in seiner Gunst festsetzte, so glaubte sie den Tod
machtlos. Krampfhaft klammerte sie sich an das Leben wie sie es
verstand: daß man in der Frühe gemütlich Kaffee trank, dann die
Klatschereien hörte, mit Behagen beim Mittagstisch saß, nachmittags in
die Geschäfte oder in den Prater fuhr, abends wohlgelaunt im Kreis der
Familie sich unterhielt, um dann zehn Stunden fest und tief zu schlafen,
zwei Gläser mit Wasser auf dem Nachttisch. So hätte sie es gern ein paar
tausend Jahre lang getrieben.
Mit klopfendem Herzen setzte sich Natalie in den Wagen und gelangte noch
zu früher Stunde in den festlich geschmückten Park des Belvedere-Schlosses.
Befangen blickte sie umher. Sie sah nicht den blauen Himmel, nicht das
grüne Laub, nicht die Blumenkränze, die sich von Baum zu Baum spannten,
nicht die Wasserkünste, die langen Reihen der Verkaufszelte, die
neugierigen Menschen; ihr war alles ein unbefriedigender Spiegel für
ihre eigene geschmückte Person, und sie lächelte, lächelte wie im
Schlaf, wußte kaum, daß sie ging, wo sie stand, was sie sprach und was
zu ihr gesprochen wurde. Ihr kleines Herz war leicht und lustig, und
nicht mehr sah daraus das gefesselte Seelchen wie durch Gitterfenster in
die Welt. So hätte es auch Natalie gern tausend Jahre lang gehabt.
Sie trank braunen, eisgekühlten, süßen Kaffee und weißschaumige Torte,
beantwortete mit demselben inhaltlosen, seligen Lächeln die Fragen eines
jungen Adeligen, der wie ein Backfisch aussah und eigentlich auch nichts
anderes war. Sie verkaufte eine Nichtigkeit und erhielt eine Banknote
dafür. Anna Borromeo kam, um Natalie zu begrüßen. Sie hatte eine
Glückslotterie zusammen mit zwei Hofschauspielerinnen. Sie trug ein
Kleid, weiß wie Jasmin, mit schweren, griechischen Falten, über den
Hüften durch einen kostbaren mit fünf Smaragden besteckten Gürtel
zusammengehalten. Das rotgoldne, kronengleiche Haar gab der Gestalt
etwas Königliches, das durch das bleiche Gesicht und den bleichen, unter
bläulichen Blutgefäßen vibrierenden Hals verstärkt wurde.
»Wo ist Herr Ansorge?« fragte Natalie und ihr neugieriges Kindergesicht
drehte sich mit einem Ausdruck der Verzagtheit und des Neides der
schöneren Frau zu. Anna Borromeo deutete auf einen Seitenweg, wo Arnold
im Gespräch mit den Valescotts stand. Er verbeugte sich aus der Ferne
vor Natalie. Gequält musterte Natalie die beiden Valescottschen Damen,
deren einfache Kleidung sie mit Besorgnis erfüllte. Arnold kam herüber
und sagte: »Sie sind schön, Frau Natalie«, und diese Worte genügten, sie
zur Zufriedenheit und Menschenliebe zu stimmen. Sie versuchte auch
nicht, etwas dagegen einzuwenden, sondern wurde rot bis zu den
Schultern herab.
Bald war ihr rosenbekränztes Verkaufszelt dicht umdrängt. Gräfinnen,
Fürstinnen kamen, mit Natalie ein freundliches Wort, einen Gruß zu
tauschen, ein Erzherzog blieb stehen und ließ sich die anmutige Dame
vorstellen, junge Kavaliere näherten sich dienstbeflissen. Sie sprühte
von Geist; die Triumphe betäubten ihr Herz. Sie kam sich vor wie eine
fremde Prinzessin, die, lange verkannt, endlich die ihr gebührenden
Ehren empfängt.
Drei Musikkapellen spielten, auf drei Plätze des Gartens verteilt. Sich
auf den Zehen wiegend, lauschte Natalie entzückt einem Walzer, als sie
unter dem Menschenstrom, der sich heranwälzte, ihren Mann bemerkte,
dessen Augen hastig unter den Zeltdächern umherblickten. Dieser düstere,
unheilvolle Blick ihres Gatten berührte wie ein eisiger Anhauch Natalies
Stirn und Wangen. Sie hatte vollständig vergessen, daß sie mit diesem
Menschen verheiratet war, und ihn gerade jetzt zu sehen, war ihr wie ein
Peitschenschlag.
Als Osterburg sie gewahrt und sich zu ihr durchgedrängt hatte, sagte er:
»Natalie, komm nach Hause, deine Mutter ...«
Natalie seufzte leise und schwer. Ihr war, als würde sie plötzlich blind
vor Schrecken. Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie rührte sich nicht
von der Stelle.
»Du mußt kommen«, drängte Osterburg, während er zu gleicher Zeit
neugierig und begehrlich um sich blickte. »Die Mutter hat einen
furchtbaren Anfall ...«
»Es ist sicher nicht ärger als sonst«, erwiderte Natalie vorwurfsvoll.
»Nur noch bis der Kaiser kommt, laß mich hier.«
Osterburg hätte sehr gern eingewilligt, denn er fing an, mit dem
festlichen Treiben sich zu befreunden und zu vergessen, was ihn
hergeführt. Aber Natalies erwachtes Gewissen rief. Mit zitternden Händen
warf sie ihren Umhang um die Schultern. In ihrem verwirrten Herzen
zürnte sie der Mutter.
Eifrig begegnete ihnen Arnold auf einem der Wiesenwege, die schneller
zum Ausgang führten. »Wohin? wohin?« rief er.
Natalie schluchzte wie ein Kind.
Arnold schaute Natalie bestürzt nach. Dann bahnte er sich durch die
immer dichter werdende Volksmenge einen Weg zum Zelt der Valescottschen
Damen, welche Lose feilboten, und zwar kam auf alle Lose nur ein
einziger Treffer, eine goldene Chrysantheme.
»Was zahlt man für ein Los?« fragte Arnold, vor das Zelt tretend.
»Das steht bei Ihnen«, erwiderte Dora.
Er warf fünf Gulden auf das Brett und zog lachend. Es war nichts. Zum
zweiten und dritten Mal, ohne Erfolg. Er entnahm einen Hundertguldenschein
der Brieftasche und wählte dafür zwanzig Lose. Von allen Seiten kamen
Neugierige und stellten sich hastig drängend in engem Halbkreis auf.
Hinter den Zelten wurden die Damen des Festes und mehrere Herren
sichtbar. Anna Borromeo verlor keine Bewegung Arnolds aus den Augen.
»Ich habe kein Geld mehr«, sagte Arnold und blickte sich um. »Aber
Kredit, so viel Sie wollen!« rief Dora. Er nahm lachend zwei Hände voll
Lose und schrieb einen Schuldzettel über fünfhundert Gulden. »Bravo
Narziß!« rief Valescott, der ebenfalls zwischen die Zelte getreten war;
die Damen klatschten in die Hände, und einige waren ihm behülflich, die
Röllchen zu öffnen. Die Leute drängten sich näher. Arnold griff nach
beiden noch gefüllten Schalen, schwenkte sie in den Armen und warf den
leicht fliegenden Inhalt über die Köpfe der Leute hinweg. Unzählige
Hände streckten sich aus, und in beängstigender Kreiselbewegung drehte
sich die ganze Masse um sich selbst. Mitten in das tolle Wesen
erschallte der Ruf: »Der Kaiser! Der Kaiser!«
Die Musikkapellen traten zusammen und spielten die Hymne, Soldaten
schoben die Menge auseinander, und es bildete sich eine Gasse, durch
welche von fern der Kaiser herangeschritten kam. Ein Schauer fuhr Arnold
durch den Körper. Wie in einem früheren Dasein sah er sich selbst, mit
törichten Erwartungen auf die damals so ferne Gestalt des Monarchen
blickend. Nun stand der Fürst kaum fünf Schritte weit, nickte lächelnd
und ging vorüber, durch das schweigende Volk.
Es wurde Abend. Auf der Balustrade am oberen Ende des Gartens war
Feuerwerk.
Die Buden wurden geschlossen, und die vornehme Welt versammelte sich im
Schloß, um die Tänze und lebenden Bilder zu sehen. Arnold stand unter
den Bäumen und blickte still in den Lichterglanz des Gartens.
Hier war es dunkel, und er wollte ein wenig zu sich selbst kommen. Aus
der Ferne kam das alberne Klappern der Musik und das Geschrei der
Menschen, des »Volkes«, wie Baronin Valescott bedeutsam sagte. Arnold
zuckte zusammen. Zwei Arme hatten ihn von rückwärts umfaßt, und eine
Stimme flüsterte: »Schon lange, schon lange lieb ich dich.«
Als er sich umwandte, ließen ihn die Arme los, ein weißes Kleid rauschte
durch das Laub, die Gestalt wandte sich noch einmal um und an einem
goldenen Gürtel blitzten Smaragde im Schein einiger verirrter
Lichtstrahlen.
Arnold senkte den Kopf und blieb gedankenlos lächelnd stehen. Wohl ahnte
er, wer ihn umfangen hatte, doch er erstickte das Nachdenken. Denn sonst
hätte er niederstürzen müssen ins Gras, um Gott zu bitten, daß er ihn
flüchten lasse oder die Seele in einen stärkeren Körper presse. Er hob
seine Augen eine Sekunde lang demütig zum Himmel.