Achtundvierzigstes Kapitel

Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog

Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.

Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand.

Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin

sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung

Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die

beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der

Tisch zum Tee war gedeckt.

Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer

mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen

Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von

Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und

freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend

an Arnold. »Herr Ansorge, – wenn ich recht verstanden habe –?« sagte

er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren in ... Podolin?«

»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold.

Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt

in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.«

»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.

»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem

Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts

als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr

Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser –?

Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so

starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«

»Jawohl«, erwiderte Arnold.

»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem

Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich

nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...«

»Specht?«

»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.«

Alle blickten auf Arnold.

»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig

verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub –?« Er

heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.

»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig,

»aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig

gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht

unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es

im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie

aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war

doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben –«

»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so

sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum

erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das

gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können

Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf

angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.

Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre

Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure

Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich

konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie

unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es

zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für

eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine

Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden

von Komödie!«

Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem

Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch

verschaffte.

Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres

Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der

Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die

unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den

Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen

gesprochen.«

Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und

nahm ziemlich verstimmt Abschied.

»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die

Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht

Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen –?«

Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis

er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich,

ihn zu begleiten.

Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen.

Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich

gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich

erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten

Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft

gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die

Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem

vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«

Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er

blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an

das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie

ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug

her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte

Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und

hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung – kleine

Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte

nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den

Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht

lächerlich werden, alles nur das nicht.

Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack

an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche

Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten

lang niedersetzte, um nachzudenken.

Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine

Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den

Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende

Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer

sein frechster Traum umspannt.

Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen

zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich,

herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die

er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete

er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte

hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer

lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich

zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine

Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie

zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.

Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die

Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in

Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung

von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte.

Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden

Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es

zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen

düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen

Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet

standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel,

Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien,

während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke,

seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da

geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet,

ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem

Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt

haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem

Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen

werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte

Arnold.

»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, sagte Borromeo,

nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des

Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich

habe mich erkundigt, – man zuckt die Achseln.«

Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich

reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er

blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur

ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige

ist Sache des Glücks.«

Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr

über Arnold.

Der Moloch · 第 59 / 84 题