Valescott und die Baronin traten mit Dora ins Zimmer. Der Leutnant zog
Arnold sogleich beiseite und fragte ihn, wozu er sich entschlossen habe.
Als Arnold seine Einwilligung gab, zu spielen, drückte er ihm die Hand.
Der Diener kam mit zwei Karten auf einem Bronzeteller. Die Baronin
sagte, sie lasse bitten. Dann forderte sie mit anmutiger Handbewegung
Arnold auf, ihr in das Empfangszimmer zu folgen. Dort begrüßte sie die
beiden Besucher, einen Herrn von Gröden und den alten Baron Drusius. Der
Tisch zum Tee war gedeckt.
Die beiden jungen Mädchen saßen nebeneinander. Drusius knackte wie immer
mit seinen Fingern. Dora starrte wie verzaubert auf seinen riesigen
Kehlkopfapfel, der sich beim Sprechen auf und abbewegte. Herr von
Gröden, der etwas beleibt war, ein dickes, rundes Gesicht und
freundliche, höflich-aufmerksame Augen hatte, wandte sich zuvorkommend
an Arnold. »Herr Ansorge, – wenn ich recht verstanden habe –?« sagte
er. »Haben Sie Verwandte dort oben in Mähren in ... Podolin?«
»Nein, aber ich selbst bin dort zu Hause«, erwiderte Arnold.
Herr von Gröden räusperte sich. »Ich war drei Jahre lang Gerichtsadjunkt
in der Nähe, in Lomnitz, Sie werden das Nest kennen.«
»Ja, es ist ein altes Dorf«, erwiderte Arnold.
»Gott verzeih mir«, fuhr der junge, behagliche Mann mit einem
Aufschlagen seiner Augen fort, »es war eine schreckliche Zeit. Nichts
als Bauern und Juden und langweilige Kommissionen. Sagen Sie, Herr
Ansorge, Sie erinnern sich doch an die Affäre mit dem Juden Elasser –?
Sind Sie es vielleicht selbst, der damals, wie soll ich sagen, so
starken Anteil daran genommen hat? Sind Sie es selbst?«
»Jawohl«, erwiderte Arnold.
»Das ist mir ein Rätsel«, fuhr Herr von Gröden mit aufrichtigem
Erstaunen fort. »Es ist ja schon ziemlich lange her, ich erinnere mich
nicht mehr genau, ein Lehrer dort namens ... namens ...«
»Specht?«
»Ganz recht! Specht! Dieser Specht hatte mir von Ihnen erzählt.«
Alle blickten auf Arnold.
»Warum ist Ihnen das ein Rätsel?« entgegnete Arnold, der sich ein wenig
verfärbt hatte. »Es handelte sich doch um öffentlichen Raub –?« Er
heftete den Blick streng und erwartungsvoll auf den jungen Mann.
»Ja, ja, ja! ganz gewiß, natürlich«, sagte Herr von Gröden bereitwillig,
»aber immerhin, das verrottete jüdische Gesindel muß ein wenig
gepeitscht werden. Sie müssen mir doch zugeben, daß diese Leute nicht
unserer differenzierten Empfindung zugänglich sind. Das Mädchen wird es
im Kloster tausendmal besser haben, als in dem Stall, in dem sie
aufgewachsen ist. Der ganze Lärm, den man deshalb aufgeschlagen hat, war
doch nur eine verabredete Komödie. Sie müssen doch zugeben –«
»Ich gebe nichts zu«, unterbrach ihn Arnold. »Wie können Sie so
sprechen, Sie, ein Jurist, ein Diener der Regierung? Als ich zum
erstenmal davon hörte, ich glaubte zu sterben vor Scham. Ich sollte das
gewiß nicht sagen, denn solche Worte sind eben Worte. Aber wie können
Sie es entschuldigen? Kein Mensch darf das wagen, der selbst darauf
angewiesen ist, daß man gerecht gegen ihn ist. Denken Sie doch nach.
Alles beiseite gelassen, Jude und Kloster, Ihre Verachtung, oder Ihre
Bequemlichkeit zu urteilen, so bleibt doch eine so ungeheure
Versündigung übrig, daß kein Gedanke sich daran gewöhnen kann. Ich
konnte damals nichts davon begreifen, die ganze Welt brach zusammen wie
unter einem furchtbaren Fußtritt. Man raubt ein Kind, man will es
zwingen, die Religion zu verlassen, die mit ihm geboren ist, was für
eine Religion, das ist doch gleichgültig, und nichts geschieht, keine
Gerechtigkeit gibt es, das Recht wird böswillig erstickt. Und Sie reden
von Komödie!«
Arnold hatte den Kopf erhoben, und der Ernst seiner Worte war mit dem
Gefühl der Erleichterung verbunden, welche ihm dieser Ausbruch
verschaffte.
Drusius klopfte ihm auf die Schulter. »Wacker«, sagte er, »ein wackeres
Wort. Ich hab es immer gesagt, der hat Fleisch und Blut. Redet wie der
Teufel!« Er lachte, und dies Lachen wirkte befreiend auf die
unbehagliche Stimmung der Baronin. Sie reichte Arnold die Hand über den
Tisch und sagte mit verbindlichem Lächeln: »Sie haben mir aus dem Herzen
gesprochen.«
Herr von Gröden antwortete nicht; nach einiger Zeit erhob er sich und
nahm ziemlich verstimmt Abschied.
»Wir haben nicht viel Zeit«, sagte die Baronin zu ihren Töchtern, »die
Oper beginnt um halb sieben. Herrn Ansorge macht es vielleicht
Vergnügen, mit in unsere Loge zu kommen –?«
Arnold verbeugte sich dankend, und sagte, es würde zu spät werden, bis
er sich umgekleidet hätte. Aber der Leutnant drängte ihn und erbot sich,
ihn zu begleiten.
Valescott plauderte auf dem Weg durch die Straßen von allem möglichen.
Er war äußerlich von sehr angenehmer Wirkung, hübsch, außerordentlich
gepflegt und besaß eine angeborene Liebenswürdigkeit. Schließlich
erzählte er Weibergeschichten. »Am liebsten hab ich mit verheirateten
Frauen zu tun«, sagte er kühl und wissenschaftlich, »es ist oft
gefährlich, gewiß, aber in den meisten Fällen bequem. Sie werden ja die
Erfahrung selbst gemacht haben. Der Aufwand an Gefühl steht in einem
vollkommen richtigen Verhältnis zu dem, was an Gefühl verlangt wird.«
Arnold berührte die Schamlosigkeit dieses Geständnisses erstaunlich. Er
blieb plötzlich stehen, als ob er etwas erwidern wollte. Er dachte an
das heutige Gespräch mit Specht und den Rücken hinab rieselte etwas wie
ein kalter Wassertropfen. Aber er schwieg. Es war noch nicht lang genug
her, daß er eine entrüstete Rede vom Stapel gelassen hatte. Er hatte
Eindruck damit gemacht. Jemand hatte ihm auf die Schulter geklopft und
hatte gesagt: ein wackeres Wort. Entrüstung, Zorn, Empörung – kleine
Aderlässe für das überströmende Herz. Er schwieg, er schwieg. Man konnte
nicht schon wieder, man konnte nicht zweimal hintereinander den
Moralisten machen. Man wäre lächerlich erschienen, und nur nicht
lächerlich werden, alles nur das nicht.
Aber Arnold war aufrichtig betrübt. Er zog mit großer Eile seinen Frack
an, um keine Zeit zu verlieren, aber er war so betrübt, daß er falsche
Knöpfe in das Hemd steckte und sich trotz des Eilens noch zwei Minuten
lang niedersetzte, um nachzudenken.
Gegen das Ende des ersten Aktes kamen sie in die Oper. Als Arnold seine
Blicke über die Reihe der geschmückten Damen schweifen ließ, die an den
Brüstungen der Logen saßen, empfand er wieder jenes berauschende
Machtgefühl eines Menschen, der zu besitzen erhoffen kann, was immer
sein frechster Traum umspannt.
Er lernte Leute kennen, welche kamen, um die Baronin während der Pausen
zu besuchen. Er bemerkte wohl, daß er Eindruck machte. Er mühte sich,
herauszufinden, welche Eigenschaften es denn eigentlich seien, durch die
er eroberte. Um nicht zu verlieren, was ihm einmal gehörte, beobachtete
er sich und hielt sich fest im Zaum. Daß er sich gegen Felicia hatte
hinreißen lassen, bereute er, denn er fand es unwürdig, mit einer
lebendigen Seele zu spielen. Aber sie, sonderbar, auch sie zog sich
zurück und das ärgerte ihn. Er hatte ihr imponiert durch seine
Heiterkeit und eine gewisse liebenswürdige Vertieftheit, die sie nie
zuvor an irgend einem Mann bemerkt. Aber ihr Herz war ohne Halt.
Arnold trank von seinem Becher. Die Tage erwiesen sich als zu kurz, die
Nächte ebenfalls. Wie reich erschien ihm das Leben! Er geriet in
Bestürzung, wenn er überlegte, wie wenig auch bei der günstigsten Fügung
von diesem Reichtum für ihn abfallen konnte.
Gegen Ende der Woche schrieb ihm Borromeo wegen der schwebenden
Kapitalsangelegenheit. Er bat Arnold in sein Bureau. Arnold verschob es
zwei Tage lang, dann nahm er einen Wagen und fuhr hin. Durch einen
düstern Flur kam er in ein großes, gewölbeartiges Zimmer mit plumpen
Möbeln und hohen Regalen, in denen die Bücherreihen pedantisch geordnet
standen. Unbefangen setzte sich Arnold in einen lederbezogenen Sessel,
Borromeo gegenüber, dessen Bart heute besonders steifgebügelt schien,
während die Lippen fahl wie Sand waren. Arnold fühlte seine Stärke,
seinen Frohsinn, sein Vertrauen in dem finsteren Gewölbe doppelt. Da
geschah das Grausige, daß nach den ersten Worten, die Arnold geredet,
ein heftiger Donnerschlag ertönte. Arnold hatte nichts von einem
Gewitter am Himmel gesehen, in Sekunden mußte sich das Wetter geballt
haben. Er hörte Spechts Worte wie ein Echo des Donners in seinem
Innern: »Eine unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen
werden ...« Auch damals war ein Gewitter, als ich zu Hanka kam, dachte
Arnold.
»Sechs Prozent ist ja eine sehr hohe Verzinsung«, sagte Borromeo,
nachdem er flüchtig gegen das Fenster geschaut und dem Verrollen des
Donners nachgelauscht hatte, »aber bedenke, was du dabei riskierst. Ich
habe mich erkundigt, – man zuckt die Achseln.«
Arnold nahm sich zusammen, fest zusammen, wie selten zuvor. Soll ich
reden? dachte er und wußte doch schon, daß er nicht reden würde. Er
blickte auf den schwarzen Bart Borromeos und erwiderte: »Die Konjunktur
ist aber günstig. Das Unternehmen hat jetzt gute Aussichten. Das übrige
ist Sache des Glücks.«
Damit war der Betrug entschieden. Die Elemente hatten keine Macht mehr
über Arnold.