Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold machte viele Besuche,
aber selten vermochte ihn ein Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er
Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden
suchte, aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen.
Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und
sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte
sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder
Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut.
Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die
witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das
Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für
eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge
schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere
Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten
vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.
Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn
auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig,
unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer;
er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung,
Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß;
offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien
wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag,
ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch
die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in
einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in
diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den
er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte
er seinen Vorsatz aus.
Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne,
sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen
und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken
Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein
Freund sei da.«
Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein
Teurer, was führt Sie zu mir?«
»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete
Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich
unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«
Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm.
»Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie
gerade mich suchen«, sagte er.
»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.«
Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht
seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben
Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen
Lebensappetit?«