Fünfzigstes Kapitel

Die Tage schlichen gleichmäßig vorüber. Arnold machte viele Besuche,

aber selten vermochte ihn ein Gespräch zu fesseln. Ein paarmal suchte er

Hyrtl auf, der ihn liebte und ihn auf jede Weise an sich zu binden

suchte, aber der kränkliche Mann erregte seinen Widerwillen.

Er nahm an den Zusammenkünften einer Anzahl von Schauspielern und

sonstigen Theaterleuten teil, trieb sich nächtelang umher und machte

sich die unwahre Lustigkeit dieser Menschen zu eigen. Er übte wie jeder

Kritik an jedem und urteilte schlecht über den, dem er soeben vertraut.

Seine tieferen menschlichen Eigenschaften, seine Entschiedenheit, die

witzige und lebhafte Art, durch die er im Sprechen selbst das

Gewöhnliche zu adeln schien, verschafften ihm Ansehen und er wurde für

eine ursprüngliche Natur erklärt. Aber auf dem Gipfel seiner Erfolge

schüttelte er diese Anhänger von sich ab und kehrte auf die reinlichere

Schwelle der guten Gesellschaft zurück. Er wollte unterbrochene Arbeiten

vollenden, aber sein Herz war unruhig wie eine Maus in der Falle.

Wünsche traten an die Stelle der Pläne. Leere Verabredungen trieben ihn

auf, er folgte ihnen gehorsam, ging hin, war gesprächig,

unternehmungslustig, teilnehmend und sorglos. Aber die Not wurde größer;

er machte Reisepläne und verwarf sie wieder in der Befürchtung,

Wichtiges zu versäumen. Die Welt lockte ihn, sobald er die Augen schloß;

offenen Auges stieß sie ihn ab. In seinem Innern entstanden Zänkereien

wie unter den Parteien eines Hauses. Ungesammelt begann der Tag,

ungesammelt endigte er. Jede Kraft erwies sich nun als verderblich, auch

die der Selbstbeherrschung, denn sie nötigte zur Heuchelei. Mitten in

einer Nacht erhob sich Arnold aus dem Bett und begann den Aufenthalt in

diesen Räumen widerwärtig zu finden. Er beschloß Hanka aufzusuchen, den

er seit Wochen nicht gesehen hatte. Kaum war es Tag geworden, so führte

er seinen Vorsatz aus.

Im Hotel erhielt er die Auskunft, daß Hanka nicht mehr dort wohne,

sondern ein Logis im dritten Bezirk bezogen habe. Er nahm einen Wagen

und fuhr hin. Die Köchin sagte, der Herr Doktor schlafe noch. »Wecken

Sie ihn nur auf«, erwiderte Arnold, »es ist elf Uhr. Sagen Sie ihm, ein

Freund sei da.«

Hanka räkelte sich im Bette, als Arnold eintrat, und fragte: »Nun, mein

Teurer, was führt Sie zu mir?«

»Ich wollte mich nur überzeugen, ob Sie noch am Leben sind«, antwortete

Arnold und nahm neben dem Bett Platz. »Weshalb machen Sie sich

unsichtbar? Warum sind Sie nicht zu mir gekommen?«

Hanka richtete sich ein wenig empor und stützte den Kopf auf den Arm.

»Es ist kein gutes Zeichen für Ihr geistiges Wohlbefinden, daß Sie

gerade mich suchen«, sagte er.

»Unsinn«, versetzte Arnold. »Stehen Sie auf und reden wir vernünftig.«

Hanka lachte, sprang aus dem Bett, streichelte mit kläglichem Gesicht

seine dünnen Beine und fuhr schlotternd in die Unterhosen. »Was treiben

Sie?« orgelte seine tiefe Stimme. »Haben Sie noch immer so großen

Lebensappetit?«

Der Moloch · 第 61 / 84 题