Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld und bei jedem Schritt,
den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück.
Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er
konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las.
Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle
Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich
mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen und seine Phantasie
schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosenguirlande über
der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend,
viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am
Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit
und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.
Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte
kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nähe der Oper
lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust
bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn
in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der
vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch saß,
gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und
Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen seines
Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße
Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in
englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde,
langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten
Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht.
Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer
Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine
boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen.
»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede
überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen.
»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit
einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich
höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine
Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert,
erzählt man sich.«
Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weiße Fleisch
sorgsam von den Gräten. Er lächelte.
»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte Maxim Specht plötzlich
in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz
unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte
mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten
nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes
Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner
nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin,
der Kellner, der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich
höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das
Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun
eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron
Valescott und –«
»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den
Tisch.
Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt,
Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später
noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier,
es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim
Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der
mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso
erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die
Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht
... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.«
Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte
und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer,
allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich
ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle.
Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus,
welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer
jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine
enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in
Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde,
war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete
Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der
Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick
zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn
warten.
Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame
Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in
sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein
wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die
dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine
Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die
Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte
den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier
und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des
Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing
tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas
Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges
Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten
einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid;
die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen
reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe.
Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der
Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.
Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief
davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der
zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal
eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die
Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen.
In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn.
Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte
den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander
entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von
Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.
Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht
einmal Ihre Namen.«
»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng.
Er riet, – stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die
Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite
und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.
»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.
»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora.
»Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf
diese Art Herrenbesuche zu empfangen«, – sie lachte, – »aber bei Ihnen
wollen wir eine Ausnahme machen.«
Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen
Mollakkord an.
»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Dora, indem sie Platz
nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.«
»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold.
»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte.
»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte
Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar
ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das
gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll
ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz
über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die Hände in den Schoß
und lauschte. »Ich erinnere mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen
sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer
Mauer stand geschrieben: diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing
über der Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein
Maul auf und sagte: wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete
mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich
Träume.«
»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora.
»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine
Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich
zurückdenke –! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.
Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie
sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht
mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei,
niemals dacht ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der
Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr
angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz
vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die
bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei
der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern
die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,
beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden,
als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte
fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt
eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern
küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen
Menschen.«
Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter
Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.
»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur.
Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging
hinaus.
Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum
spielen Sie nicht?«
»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit
prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten
legte.
Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten
einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin.