Siebenundvierzigstes Kapitel

Arnold träumte, er stehe auf einem gläsernen Feld und bei jedem Schritt,

den er zu machen versuchte, rutschte er in eine glatte Furche zurück.

Über diesen Bemühungen erwachte er und verspürte Kopfschmerzen. Er

konnte nicht mehr einschlafen, machte Licht, nahm ein Buch und las.

Während des Lesens faßte er den Plan, in der neuen Wohnung alle

Bekannten und Freunde an einem Abend zu versammeln. Er beschäftigte sich

mit der Zusammenstellung köstlicher Speisen und seine Phantasie

schmückte im voraus die Räume. Antinous sollte eine Rosenguirlande über

der Schulter tragen. Dann dachte er an Arbeit; es schien ihm lockend,

viel zu wissen und durch Wissen zu herrschen. In der Tat ging er am

Morgen zur Universität, um eine Vorlesung zu hören, schrieb fleißig mit

und zwang seine widerspenstigen Gedanken in den Kreis des Gegenstandes.

Zum Mittagessen ging er nicht nach Hause, obwohl er dort für sich hatte

kochen lassen, sondern in ein Restaurant, welches in der Nähe der Oper

lag. Es war ein sehr vornehmes und teures Haus, aber Arnold hatte Lust

bekommen, gute und seltene Dinge zu essen. Solche Antriebe lagen für ihn

in der Luft. Es machte ihm Vergnügen, einen Kellner zu beobachten, der

vor ihm zusammenknickte wie ein Messerchen. Als er am Tisch saß,

gewahrte er gegenüber an der entgegengesetzten Wand Maxim Specht und

Beate. Specht grüßte mit einem nachlässigen kalten Neigen seines

Kopfes. Zwei Diamantringe funkelten an seiner Hand, und eine erbsengroße

Perle steckte in seiner Kravatte. Beate trug ein hellgrünes Tuchkleid in

englischer Machart. Ihr Gesicht war außerordentlich bleich, müde,

langgezogen und hatte den Ausdruck einer maskenhaften, kalten

Anständigkeit. Als Arnold grüßte, lachte sie ihm einfach ins Gesicht.

Specht schien innerlich zu kämpfen; er flüsterte mit Beate, nach einer

Weile kam er herüber und drückte Arnold die Hand. Er zeigte eine

boshafte Förmlichkeit in seinem Benehmen.

»Es scheint Ihnen gut zu gehen?« sagte Arnold. Seine Miene suchte jede

überflüssige Annäherung im voraus abzuweisen.

»Ich bin jetzt Redakteur des Adelsblattes«, erzählte Specht und nahm mit

einer leichten Verbeugung Platz. »Auch Sie haben viel Erfolg, wie ich

höre«, fuhr er fort und legte den Kopf leicht fragend gegen die eine

Schulter. »Sie haben vorteilhaft in bulgarischer Rente spekuliert,

erzählt man sich.«

Arnold legte seine Forelle auseinander und schabte das weiße Fleisch

sorgsam von den Gräten. Er lächelte.

»Übrigens muß ich Ihnen etwas mitteilen«, sagte Maxim Specht plötzlich

in heiterer Belebtheit, »und es ist gut, daß ich Sie treffe. Eine ganz

unheimliche Parallelgeschichte, wie Sie bald sehen werden. Ich hatte

mich mit einer kleinen Schauspielergesellschaft verabredet. Wir wollten

nach dem Theater im Stephanskeller essen und hatten ein separiertes

Zimmerchen bestellt. Ich telephoniere am Nachmittag, und der Oberkellner

nennt mir die Nummer des Zimmers. Das Theater ist aus, ich gehe hin,

der Kellner, der mich sehr gut kennt, läßt mich vorbeigehen, und ich

höre schon von weitem unsere Gesellschaft lärmen. Da passiert mir das

Unglück, ich muß die Nummer des Zimmers vergessen haben, daß ich nun

eine falsche Türe öffne und sehe, wen glauben Sie? Den jungen Baron

Valescott und –«

»Nicht weiter Specht!« rief Arnold herrisch und legte die Gabel auf den

Tisch.

Specht senkte die hochgewölbten Lider und sagte: »Namen sind verpönt,

Sie haben Recht. Aber Sie verstehen mich hoffentlich. Ich sah später

noch dieselbe Dame, dicht vermummt, in einem undurchsichtigen Schleier,

es war Mitternacht, als sie gingen. Baron Valescott hatte sich beim

Kellner erkundigt und war sehr aufgebracht über den dummen Irrtum, der

mir passiert war. Ich dachte mir nur, Sie könnten hier ebenso

erfolgreich den Wahrheitsmann machen wie damals Hanka gegenüber. Die

Wahrheit ist eine sehr schöne Sache, besonders wenn man für sie einsteht

... Teufel, ich verplaudere mich, leben Sie wohl, auf Wiedersehn.«

Arnold reichte ihm nicht die Hand. Er hatte die Eßlust eingebüßt, zahlte

und ging. Zorn gegen Specht erfüllte ihn, Unschlüssigkeit, Trauer,

allgemeine Tatensehnsucht, aber es dauerte nicht lange, so senkte sich

ein wohltätiger Schleier über das unharmonische Wogen der Gefühle.

Es war vier Uhr und er entschloß sich, zu Valescott zu gehen. Das Haus,

welches die Familie bewohnte, lag im Mittelpunkt der Stadt und war einer

jener alten verwitterten Paläste, deren ursprüngliche Majestät, in eine

enge, finstere, wurmartig gekrümmte Gasse verdrängt, sich ganz in

Melancholie verwandelt hat. Das Zimmer, in welches Arnold geführt wurde,

war sehr hoch, hatte rot tapezierte Wände und eine stuckverkleidete

Decke, von der ein altmodischer, kostbarer Kronleuchter herabhing. Der

Diener kam zurück und sagte, der Herr Baron müsse jeden Augenblick

zurückkommen, er habe hinterlassen, Herr Ansorge möge bestimmt auf ihn

warten.

Arnold nickte. Er stand am Fenster und blickte ruhig auf die einsame

Gasse hinab. Während er bemüht war, einem bestimmten Gedanken Einlaß in

sein Gehirn zu verwehren, ertönte ein Klavier im Nebenraum und ein

wiegender Gesang, sehr gedämpft durch die geschlossene Türe und die

dicke Portiere. Arnold ging zur Tür und lauschte. Es war eine

Mädchenstimme, welche die Tanzweise begleitete. Lächelnd schob er die

Portiere beiseite, drückte auf die Klinke, öffnete behutsam und steckte

den Kopf vorsichtig in die Spalte. Die ältere Valescott saß am Klavier

und spielte mit einer müden, doch rhythmisch schaukelnden Bewegung des

Körpers. Das brünette Haar, im griechischen Knoten lose gesteckt, hing

tief über den Nacken und gab der Gestalt von rückwärts etwas

Nachlässig-Verträumtes. Die andere Schwester und noch ein sehr junges

Mädchen tanzten auf dem Teppich in der Mitte des Zimmers. Sie hielten

einander zag bei den Händen. Die ältere der beiden war im Straßenkleid;

die jüngste trug ein Kostüm, kurzes lila Röckchen, zu den Knieen

reichend, violette Strümpfe und seidene Schuhe von der gleichen Farbe.

Das braune Haar war mit violetten Stiefmütterchen bekränzt, und in der

Hand trug sie einen Strohkorb, dicht gefüllt mit denselben Blumen.

Diese erblickte zuerst Arnolds Kopf in der Türe. Sie schrie und lief

davon. Die Spielerin erhob sich erschreckt, aber bald lachte sie mit der

zweiten Schwester im Verein. »Kommen Sie nur ganz, da Sie doch einmal

eingebrochen sind«, sagte die mittlere, welche die gewandteste war. Die

Älteste blieb still mit rückwärts verschränkten Armen am Flügel stehen.

In ihrem Gesicht lag Sinnlichkeit und Selbstsucht, aber ohne Frohsinn.

Sie schien weder leichtsinnig noch ernst. Ihre schlanke Gestalt machte

den Eindruck der Gesundheit, die aber durch irgendwelche einander

entgegenwirkenden Kräfte gestört wurde. Ein seltsames Gemisch von

Haltlosigkeit und dumpfem Eigensinn war an ihr auffallend.

Arnold drückte beiden die Hand und sagte: »Nun weiß ich noch nicht

einmal Ihre Namen.«

»Raten Sie«, sagte die Älteste fast streng.

Er riet, – stellte sich ein wenig verschmitzt und verzweifelt, bis die

Mädchen ihm zu Hilfe kamen. Felicia hieß die älteste, Dora die zweite

und die jüngste, die eben fortgelaufen war, Anastasia.

»Sind Sie denn allein zu Hause?« fragte Arnold.

»Mama und Franz wurden zu Tante Rochlitz gerufen«, antwortete Dora.

»Jedenfalls müssen Sie auf Franz warten. Es ist sonst nicht üblich, auf

diese Art Herrenbesuche zu empfangen«, – sie lachte, – »aber bei Ihnen

wollen wir eine Ausnahme machen.«

Felicia, die sich wieder ans Klavier gesetzt hatte, schlug leise einen

Mollakkord an.

»Sind Sie eigentlich schon lange in Wien?« fragte Dora, indem sie Platz

nahm. »Erzählen Sie uns doch etwas. Wir hören gern Geschichten.«

»Geschichten weiß ich nicht«, erwiderte Arnold.

»Dann erzählen Sie Wahrheiten oder Lügen oder Träume.« Dora lachte.

»Es ist sehr schwer, nicht zu lügen, wenn man Träume erzählt«, sagte

Arnold. Er stockte, schwieg und sah geradeaus. Ein sinnendes und sogar

ein wenig schwärmerisches Lächeln wich nicht von seinen Lippen. Das

gerade schien die Mädchen wunderbar zu berühren. Dora blickte voll

ernster Aufmerksamkeit in sein Gesicht. Felicia hatte ein paarmal kurz

über die Schulter zurückgeschaut, nun legte sie die Hände in den Schoß

und lauschte. »Ich erinnere mich«, begann Arnold, »einst hatte ich einen

sonderbaren Traum. Es waren zwei Pferde da ... grüne Pferde. Auf einer

Mauer stand geschrieben: diese Pferde können sprechen. Eine Glocke hing

über der Mauer und sobald die Glocke tönte, machte das eine Pferd sein

Maul auf und sagte: wer reiner Hände ist, mehrt die Kraft. Ich fürchtete

mich, mir grauste und ich lief davon. Aber damals verachtete ich

Träume.«

»Wo waren Sie denn da?« fragte Dora.

»In Podolin. Dort ist meine Heimat. Es ist ein schmuckloses Land, eine

Ebene, Wald, ein Hügel, ein schmutziger Fluß. Aber wenn ich

zurückdenke –! Einmal, ich war siebzehn Jahre alt, passiert folgendes.

Ich liege im Wald, weitab vom Weg in der Nähe der wilden Kapelle, wie

sie genannt wird. Ein ganz altes Weiberl kommt, schaut sich um, sieht

mich aber nicht und gräbt etwas in den Boden. Ich denke nichts dabei,

niemals dacht ich über etwas nach. Ein paar Tage später heißt es, der

Waldhofbäuerin ist die Mutter Gottes im Traum erschienen und hat ihr

angezeigt, daß bei der wilden Kapelle ein wundertätiger Rosenkranz

vergraben ist. Am Sonntag strömen Tausende aus allen Dörfern hinaus, die

bucklige alte Bäuerin voraus. Ein schreckliches Gedränge entsteht bei

der Kapelle, die Alte betet, dann gräbt sie und gräbt mit bloßen Fingern

die Erde, die tausend Männer, Weiber und Kinder knieen hin, weinen,

beten und schluchzen und graben ebenfalls mit den Händen in den Boden,

als meine Alte ihren gefundenen Rosenkranz in die Luft hält. Hunderte

fallen über sie her, reißen ihr die Kleider vom Leib, denn sie ist jetzt

eine Heilige, und jedes will seine Reliquie haben. Die rohesten Bauern

küssen sie, heulen und sind zerknirscht. So ein Land ist das mit solchen

Menschen.«

Die Mädchen schwiegen. Felicia hatte sich umgewandt, in vorgebeugter

Haltung blickte sie anscheinend ruhig zu Boden.

»Mademoiselle Dora!« rief eine krähende Stimme vom Flur.

Dora erhob sich. »Die Französin«, sagte sie geringschätzig und ging

hinaus.

Arnold blickte Felicia an. Er trat vor sie hin und fragte: »Warum

spielen Sie nicht?«

»Was lieben Sie?« entgegnete das junge Mädchen, indem es ihn mit

prüfenden Augen ansah und die linke Hand rückwärts auf den Haarknoten

legte.

Auf einmal hatte Arnold sein Gesicht herabgebeugt, und sie küßten

einander hastig wie Verbrecher. Arnold blickte trüb vor sich hin.

Der Moloch · 第 58 / 84 题