Es wurde über ein Blumenfest gesprochen, das im Belvederegarten
stattfinden und wozu der Kaiser und der ganze Hof kommen sollte. Der
Leutnant Valescott hatte zu der Gelegenheit ein Festspiel mit lebenden
Bildern gemacht und forderte Arnold auf, dabei mitzuwirken.
»Es ist auch beschlossen worden, daß du dem Komitee beitrittst«, sagte
Anna Borromeo.
»Beschlossen worden?«
»Ja, wir werden Sie einfach zu unserm Gefangenen machen«, sagte die
Baronin.
»Aber hauptsächlich sollen Sie mitspielen«, fügte Valescott hinzu.
»Ich habe keine Ahnung, wie man so was macht«, erwiderte Arnold
verlegen.
»Das ist überflüssig. Es genügt, daß Sie gut gewachsen sind. Sie sollen
nur Figur machen.«
»Also ungefähr das Beschwerlichste, was es gibt«, meinte Hanka trocken.
Alle lachten, ausgenommen die ältere der Baronessen, deren kluges und
etwas verdrossenes Gesicht sich bloß für einen Augenblick erhellte.
»Ich glaube sogar, Sie müßten den Narziß geben«, fuhr Valescott eifrig
fort. »Das Spiel behandelt nämlich die Sache vom Narziß in etwas
modernisierter Form, ins Barock übersetzt. Kommen Sie doch dieser Tage
zu mir, wir wollen darüber sprechen. Sie haben wirklich nichts weiter zu
tun als eine Pose anzunehmen. Die Verse werden von einem Schauspieler
gesprochen.«
»Was sagen Sie dazu, Hanka?« fragte Arnold lachend.
Hanka zuckte die Achseln. Plötzlich stand er auf und verabschiedete
sich. Er wurde mit Kälte entlassen.
»So schweigsam zu sein, das ist unbescheiden«, sagte Anna Borromeo, als
er fort war.
Arnold verabredete mit Valescott den Tag, an dem er kommen wollte.
Gegen Abend schritt er seiner neuen Wohnung zu. Das Pflaster war rot vom
Sonnenuntergang, auch der Staub in der Luft schimmerte farbig.
Auf einmal blieb er stehen und starrte erschrocken einem Manne nach, der
soeben an ihm vorübergegangen war; einen langen Bart und trübe, fast
erloschene Augen hatte Arnold gewahrt; er glaubte, Elasser sei es
gewesen. Rasch folgte er dem Menschen, konnte ihn aber nicht mehr
einholen. Er blickte in die Hausgänge, schaute durch die Glastüren in
die Läden, vergeblich. Nachdenklich blieb er im Menschengewühl stehen.
Und plötzlich sah er die Erscheinung, zurückkehrend, zum zweitenmal, –
es war nicht Elasser; eine Ähnlichkeit hatte Arnold genarrt. Er setzte
seinen Weg fort und erwog im Stillen einen Plan. Er suchte das nächste
Postamt auf, schrieb eine Anweisung auf hundert Gulden und sandte sie an
den Hausierer Elasser in Podolin. Er atmete auf, als er wieder die
Straße betrat.
Am nächsten Abend kam Hanka zu Arnold. In den saalartigen Zimmern waren
überall noch Leute beschäftigt. Kostbare Gegenstände lagen umher wie im
Laden eines Trödlers.
»Sie treffen Anstalten, das Geschäft zu vergrößern«, meinte Hanka und
machte einen Riesenschritt über eine flache Kiste. Arnold führte ihn
durch ein halbdunkles Zimmer in einen vollständig finstern Raum und
sagte: »Passen Sie auf.« Er drehte den Knopf dreier elektrischer Lampen
auf und es entstand blendende Helle. In der Mitte des Gemachs stand auf
breitem Postament der marmorne Antinous.
»Wo haben Sie das Ding her?« fragte Hanka nach einigem Stillschweigen.
»Es hat dem reichen Pottgießer gehört.«
»Richtig, auch den hat der Krach zerschmettert. Sie haben es gekauft?
Eine wertvolle Sache.«
»Wie gefällt es Ihnen, Hanka?« fragte Arnold fast schüchtern.
»Ganz gut. Sehr schön, – vorausgesetzt, daß Sie keine Tendenz damit
verbinden.«
»Was soll das heißen?«
»Ich meine, etwa Griechentum, Schönheit und so weiter.« Hanka ging mit
seinem sonderbar stampfenden Schritt umher, hatte die Hände fest auf die
Hüftknochen gestemmt und so schien alles an ihm in einer Art Bewegung,
ausgenommen die Augen, die in eine eingebildete Tiefe starrten und zwei
Ebenholzkugeln glichen.
»Und wenn ichs täte –?« erwiderte Arnold. »Ich weiß nichts davon, aber
wenn ichs täte –?«
Hanka blieb stehen. »Es wäre nicht weiter schlimm«, sagte er. »Ich meine
nur, damit haben wir nichts zu tun. Das ist alles Schwindel. Wir müssen
unsere Ideale viel niedriger hängen. Es ist für uns schon Ideal genug,
ein anständiger Mensch zu sein. Übrigens«, fügte er hinzu, mit einer
eklen Mundbewegung, als ob seine Worte ihm bitter geschmeckt hätten,
»wollen Sie wirklich ein lebendes Bild machen –, dort?«
»Ich denke nein«, entgegnete Arnold.
Hanka fing an zu rauchen und zu schweigen. Arnold stand am Fenster, und
blickte auf die Statue.
Hanka ging und Arnold blieb allein vor der marmornen Figur, aber wenn
sie ihm gleich in Hankas Gegenwart belebt erschienen war, so erblickte
er jetzt nichts anderes als den gemeißelten Stein darin. Er lauschte
gegen die Straßen. Ein leises, unveränderliches Kochen, Surren und
Zittern drang zu seinem Ohr und durchbrach die täuschende Stille. Dort
war Leben, ewiges Wach-Sein. Ein unersättlicher Hunger erfüllte Arnolds
Brust. Ohne Zögern hätte er all das Unbekannte an sich reißen mögen,
anstatt hier zu sitzen und zu warten. Nicht Glück, nicht Befriedigung,
nicht Ausfüllung der Stunden, nicht Freundschaft, nicht Wissenschaft war
es, wonach dies Unersättliche Verlangen trug. Kein Wort konnte es
benennen, kein Gedanke es umfassen. Es glich einem aufgesperrten Rachen,
für den die Millionen eines Goldbergwerks nur ein verächtlicher Bissen,
die Umarmung der Psyche kaum ein Tröpfchen Erquickung bedeutet hätte. Im
Schmerz der Willensanstrengung oder im Rausch der Ahnung umhergetrieben,
schien es ihm, als ob sein blindes Begehren die Welt ausfülle. Was ihn
ehedem hatte erglühen lassen, erschien ihm nichtig, was er ehemals
begehrt, bettelhaft. Zahllose Wünsche waren beschäftigt, ihm ein
reizendes Wandelpanorama der Welt zu malen, dessen entzückter
Betrachtung er sich hingab. Doch so oft der Sturm sich legte, woher kam
es, daß aus irgend einer Ecke ein lauerndes Ungeheuer kroch, wie eine
Spinne, deren feine Fäden das Herz umspannen und es kalt und lustlos
machten?
Am Tag darauf hatte Arnold mit Borromeo wegen der veränderten Anlage
eines Kapitalsteiles zu reden. Er hatte Lust zu kühnen Unternehmungen;
was er anpackte, ging den glücklichsten Weg. In der Kanzlei traf er den
Oheim nicht. So wartete er bis zum Abend und ging dann in die Wohnung.
Als er angepocht hatte und eintrat, standen Borromeo und Anna einander
gegenüber. Beide waren blaß.
»Verzeiht«, sagte Arnold und reichte die Hand. Frau Anna sah ihn mit
einem durchbohrenden Blick ihrer glühendblauen Augen an, Borromeo
lächelte dünn und leer.
»Habt ihr zu sprechen?« fragte Anna Borromeo. Mit einem trägen Nicken
gegen Arnold verließ sie das Zimmer. Arnold nahm eine Zigarette von der
Schale und setzte sie mit nachdenklichen Geberden in Brand.
Borromeo konnte zu dem Vorhaben Arnolds nicht seinen Segen geben. Mit
halbgeschlossenen Augen und zur Seite geneigtem Kopf ging er langsam auf
und ab. Bisweilen hob er mit dem Handrücken den Bart unter dem Kinn
empor und zog die fahlen Lippen zwischen die Zähne. Dann blieb er
stehen, lauschte, öffnete die Türe, durch welche Anna gegangen war, und
finster lag der große Raum des Empfangszimmers vor ihm. Dann ging er zur
zweiten Türe, die er gleichfalls öffnete, aber nach kurzem Hinausstarren
wieder schloß. Die Augen emporschlagend, mit regungslos hängenden Armen,
im festgeschlossenen langen Gehrock stand er vor Arnold.
»Du hast mir noch nichts von Podolin erzählt«, sagte er. Er hatte etwas
ganz anderes unterdrückt, das ihm zu sagen näher lag.
»Es hat sich nichts verändert«, antwortete Arnold. »Der Verwalter
scheint mir nicht zuverlässig, Ursula wird alt. Ich möchte das Ganze
losschlagen. Es ist ein Stein am Hals.«
Borromeo starrte auf den Tisch, auf welchem Spielkarten verstreut lagen.
Er nahm einen Pack in die Hand und zog einen König heraus, den er düster
betrachtete.
»Was denkst du dazu?« fragte Arnold.
Borromeo schüttelte sanft den Kopf. »Ich kann nicht raten«, sagte er
leise. »Ich bedürfte selbst des Rates. Warum willst du deine Heimat
verkaufen?«
Arnold blickte ihn aufmerksam an. Ein innerer Unwille erhob sich in ihm
gegen die eisige Trauer dieses Mannes.
»Ich bedürfte selbst des Rates«, wiederholte Borromeo.
Erschrocken zuckte Arnold zusammen; doppelt erschrocken, als er den
verehrenden, klaren, gläubigen Blick des Oheims auf sich ruhen fühlte.
Er vermochte nichts zu sagen, doch war es ihm eine Sekunde lang zumute
wie damals, als er in Verenas Hause in den Spiegel geschaut, um zu sehen
ob sein Bild auch wirklich darin sei.