Wohltätig wurde Arnold von dem Gewirr und dem Lärm berührt, als sie am
Nachmittag in der Stadt eintrafen. Am Bahnhof trennte er sich von Hanka.
Die Wärme des Lebens strömte ihm aus den Straßen entgegen. Hier war es
nicht von Belang, ob die Sonne schien oder nicht, ob es regnete oder
nicht.
In seinem Zimmer angelangt, entlohnte Arnold die Leute mit dem Gepäck,
und während dem trat Anna Borromeo unter die Türe. Mit großer Freude
streckte sie ihm beide Hände entgegen und Arnold war sehr überrascht, in
ihr eine so schöne Frau zu sehen, denn für sein Auge war sie bisher nur
die Gattin Borromeos gewesen. Sie erzählte ihm Neuigkeiten, und obwohl
sie beide nie in so vertraulicher Weise geplaudert hatten, schien es
Arnold doch natürlich zu sein und entsprach seiner gehobenen Stimmung.
Anna war erstaunt darüber, daß er auch ihre halbgesprochenen Sätze im
Stillen zu ergänzen wußte, und daß er jenes andeutungsreiche Wesen
begriff, welches zwischen Menschen von gleicher Kultur und gleichen
Gewohnheiten entsteht.
Später las Arnold die Briefe, die für ihn eingetroffen waren. Zuerst
nahm er Stück um Stück in die Hand, jedoch er fand nicht, was zu finden
er gehofft hatte. Es waren meist Bettelbriefe und Einladungen. Ein
Schreiben Wolmuts war dabei, der ihn benachrichtigte, daß er in die
Statthalterei nach Graz berufen worden sei, und daß ihm wahrscheinlich
bald eine weitere Beförderung in Aussicht stehe. Arnold war nicht sehr
zufrieden damit; ihm war, als habe ein guter Geist das Haus verlassen.
Geschäftig räumte Arnold alle Bücher aus den Regalen, rief den Diener,
damit die Bände abgestaubt würden, und ordnete alles mit peinlicher
Sorgfalt nach Größe, Gattung und Aussehen wieder ein. Die Schreibereien
legte er Blatt auf Blatt zusammen und spannte das Gleichartige zwischen
Drähte. Er ließ die Fenster waschen, die Dielen fegen, die Teppiche
klopfen, begab sich auf die Jagd nach Tintenflecken, Spinneweben, Flöhen
und setzte alles im Haus in Bewegung.
Als einige Tage vergangen waren, suchte er Hanka auf. In der Villa wurde
ihm gesagt, Hanka wohne in einem Hotel in der Stadt. Verwundert fuhr er
hin und fand ihn in trübseliger Laune. Hanka gestand ihm, daß er den
größten Teil seines Vermögens an der Börse verloren habe.
Die Unterhaltung schleppte sich einsilbig weiter. Plötzlich begann
Arnold von Verena zu erzählen. Die Ereignisse verschoben sich sonderbar
in seinem Mund; gefärbt durch selbstsüchtiges Leiden, wirkten sie
romantisch und verzwickt. Schon die Befürchtung, ein Liebesabenteuerchen
wie hundert andere zu erzählen, verwischte den natürlichen und so
ruhigen Lauf der Begebenheit. Hanka wurde nicht klug aus der Geschichte.
Er äußerte sanfte Zweifel an der gepriesenen Verena, und mehr als den
Verlust seines Vermögens betrauerte er plötzlich Arnolds übertriebene
Beredsamkeit. Arnold fühlte es. In ziemlicher Erregung begann er von
neuem, Verenas seltene Natur begreiflich zu machen; aber stets überhebt
man sich, wenn man loben muß, was man liebt, und Hanka wurde immer
mißtrauischer und betrübter. So sehr er Äußerungen des Temperaments
achtete, so sehr schreckte ihn erhitzte Empfindung ab.
Aber er begab sich des Nachdenkens darüber und begnügte sich mit der
Feststellung der Tatsache. Er ging an den Ereignissen vorüber wie man im
Flur eines Hotels an den Zimmern vorbeigeht, in denen man nicht wohnt.
Aber da sein alles voraussehender und stets auf das Schlimmste
vorbereiteter Geist von Schrecken erfüllt war durch die Erwartung der
Millionen Wirkungen aus einer einzigen Ursache, so wurde all sein
Handeln eigentlich durch ein alles umgürtendes Verantwortlichkeitsgefühl
erdrosselt. Hanka dachte an die Worte Marc Aurels: Schändlich ist es,
wenn deine Seele ermüdet, ohne daß dein Leib müde ist; und grübelte mit
dem heiligen Augustinus: Woher diese Unnatur? und warum? Der Geist
gebietet dem Körper, und der Körper gehorcht; der Geist gebietet sich
selbst und findet Widerstand.
Hankas einzige Zuflucht bildete das Glücksspiel. Er verbrauchte alle
Kräfte seines Gemüts gegen die aufreibenden Erregungen am Kartentisch.
Hier sah er alles im kleinen vollendet, was sonst seinen rechnenden
Geist mit finsterm Beharren erfüllte, das Ungefähr, das
vernunftlos-notwendige, seit Ewigkeit im Weltraum lauernde Ungefähr,
welches als Zufall, mit einer Narrenkappe versehen, oder als Schicksal,
das Antlitz eines Gottes tragend, den kleinen und großen Gerichtshof für
die Lebendigen bildet. Aber betrübte Spieler können nicht gewinnen. Er
hatte das Gefühl, als werfe er das Geld ins Wasser. In wenigen Wochen
verlor er gegen fünftausend Gulden. Als die Summe voll war und sich der
Weg deutlich zum Abgrund hinunterbog, erhob er sich mit der ihm eigenen
Kaltblütigkeit und sagte: »Genug, ich werde keine Karte mehr berühren.«
Als ob er nun die Mauer zerstört hätte, die ihn von Arnold trennte, war
sein erster Gedanke, den Freund aufzusuchen. Die Zimmer, in die er trat,
sahen aus wie ein Platz nach dem Jahrmarkt. Kisten, Koffer, Bücher,
Betten lagen durcheinander; Arnold hantierte mit rotem Kopf auf einer
Leiter, der Diener war mit Packen beschäftigt. »Hollah!« rief Arnold
herab, »Sie kommen gerade recht. Bei mir gibt es Arbeit, wie Sie sehen.«
»Ich sehe wenigstens, daß Sie beschäftigt sind«, erwiderte Hanka etwas
verdrießlich.
»Ich ziehe nämlich aus«, erklärte Arnold, sprang mit einem Satz auf den
Boden und rollte eifrig einen Strick über die Hand. »Hier ist mir alles
zu klein. Ich habe eine neue Wohnung gemietet mit hohen Zimmern. Man muß
atmen können.«
»Da bin ich also überflüssig«, meinte Hanka; »ich dachte, wir könnten
eine kleine Spazierfahrt unternehmen.«
»Sehr gut!« rief Arnold, wandte sich zum Diener und gebot ihm, einen
Wagen zu besorgen. »Ich habe schon zu viel Staub geschluckt«, sagte er
und bahnte sich einen Weg zu Hanka, dem er nun mit strahlendem Lächeln
die Hand drückte.
»Ich finde eigentlich keinen Grund, weshalb Sie das stille Haus hier
verlassen«, sagte Hanka kopfschüttelnd.
»Es ist mir eben zu still«, erwiderte Arnold. »Alles ist alt und krumm
hier im Haus. Wenn man ordentlich auftritt, krachen die Bretter im
Boden. Es wird zu früh dunkel, es kommt keine rechte Sonne herein. Das
ist nichts für mich. Dort, Sie werden sehen, der reinste Palast. Und
etwas hab ich gekauft, Hanka! Da werden Ihnen die Augen vor Erstaunen
herausfallen.« Er lachte, auch Hanka lächelte.
»Man kommt nicht zur Besinnung«, sagte Arnold, als sie im Wagen saßen,
der die Richtung gegen den Prater nahm. »Und wie schön es heute ist, wie
gut die Luft. Das Leben ist eine sehr angenehme Erfindung.«
»So?« erwiderte Hanka ernsthaft und blickte bedächtig in den vollkommen
blauen Himmel.
»Und Sie, schwarzer Kater, schnurren immer noch über schlechtes Wetter?«
»Ich schnurre«, gab Hanka zurück, »obwohl es mir dabei nicht so wohl
ist, wie es die Beschäftigung des Schnurrens mit sich bringen sollte.«
Der Kutscher ließ die Pferde laufen, und das leichte Fuhrwerk sauste
geschwind die breite Allee hinab und mit gleicher Geschwindigkeit flogen
zurückkommende Wagen an ihnen vorbei. Wunderschöne Frauengesichter
tauchten auf und Arnolds Mund öffnete sich begehrlich. Unersättlich im
Wunsch, ließ er die Augen über die Massen hingleiten, welche sich auf
den Fußwegen drängten, und ihm war, als sei er es, der ihre Herzen
schneller schlagen lassen könnte. Keiner weiß vom andern, jeder birgt in
sich die größte Fülle der Bitterkeit, des Lebensüberdrusses und der
Armut, und Arnold hat die Macht, all ihre Fähigkeit auf ein Ziel zu
richten, tätig nach außen werden zu lassen, was zerstörend im Innern
wirkte, aber er rast an ihnen vorbei zu andern Sternen.
Sie fuhren zurück gegen die Stadt. Arnold lud Hanka zum Tee ein. »Anna
Borromeo hat mich längst gebeten, Sie zu ihr zu führen. Sie vermutet in
Ihnen einen Philosophen.« Die Pferde gingen im Schritt, Dampf entstieg
ihren Lenden, gleichwie auch von den Straßen der schwüle Dampf der
Arbeit emporstieg.
»Ah, Besuche und noch dazu Damen«, sagte Arnold im Vorzimmer der
Borromeoschen Wohnung. Sie traten ein. Baron Valescott war da, dessen
Mutter und zwei seiner Schwestern. Arnold stellte Hanka vor und wurde
selbst mit den fremden Damen bekannt gemacht.