Hanka zuckte die Achseln. »Die Nerven, das Blut.«

»Bleiben Sie lange hier?« fragte er. »Ist es Ihnen nicht langweilig?«

Arnold schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich langweile mich nie«,

antwortete er.

»Das ist ein großes Wort«, meinte Hanka und nickte nachdenklich. »Was

mich betrifft, ich langweile mich in hervorragendem Maße.«

Die breite Behäbigkeit, mit der Hanka das O aus den Eingeweiden

heraufbrummte, machte Arnold lachen. »Jetzt darf man doch nicht mehr

klagen«, sagte er. »Schauen Sie sich doch um: Frühling!«

»Seit drei Monaten habe ich Frühling und bin den blühenden Mandeln von

Syrakus bis Florenz nachgereist. Auch das bekommt man satt.« Mit

verschwiegener und ehrlicher Bewunderung blickte Hanka Arnold an. Hier

sah er quellend und in Blüte, was in ihm selber eine Wüste war. Hier

vermutete er naiven Überschwang der Kräfte und die Fruchtbarkeit eines

unbefangenen Geistes. Während seines langen Alleinseins hatte sich das

Bild Arnolds in seinem Innern erhoben, und ihm hatte er sich im Stillen

zugewandt als der Verkörperung alles dessen, was seiner Natur niemals

auch nur aus der Ferne hatte winken dürfen. Ihm jetzt gegenüberstehend,

sah er in sich selbst eine Gefahr für Arnold und er beschloß, ihn zu

meiden.

»Wollen wir nicht abends öfter zusammenkommen?« fragte Arnold. »Die

Abende sind sehr lang.« Er zuckte zusammen, da er gerade dieses nicht

hatte sagen wollen; auch Hanka wurde ein wenig stutzig. Indessen es war

geschehen. Errötend wandte er sich an Hanka und sagte, mit freundlichem

Tadel auf dessen Zigarette blickend: »Nie sieht man Sie ohne das Zeug.

Weshalb rauchen Sie? Vergiften Ihr Blut. Das gefällt mir nicht.

Verzeihen Sie.«

Hanka lächelte gelassen. »Ich komme vielleicht morgen zu Ihnen«, sagte

er stehen bleibend und sich verabschiedend.

Die Gesunden glauben, dem Kranken sei das Bett angenehm, dachte Hanka,

als er allein war und sich dem Zaun des Vorgärtchens näherte. Er öffnete

die Gattertüre und sah neben dem Weg einen sterbenden Vogel liegen.

Betroffen bückte er sich und hob ihn auf. Das kleine Herz schlug langsam

unter dem erkaltenden Federkleid, die Flügel waren schlaff ausgebreitet,

die gelben Beinchen waren starr. Hanka schaffte Stroh herbei und legte

das kranke Wesen in die Küche dicht neben den Ofen. Der gelbe, mit der

Erde beschmutzte Schnabel wetzte sich mechanisch am Eisenfuß des Herdes,

dann kam der Tod. Die kleinen schwarzen Perl-Augen, soeben noch von der

unbegreiflichen Bewegung erfüllt, welche Leben heißt, glänzten nun

mineralisch leer.

Hanka ging an das Lager der Schwester. Abgezehrt und hilflos wie sie

lag, erinnerte sie ihn an den Vogel, den er im Garten aufgelesen. Er

unterhielt sich mit ihr, erzählte Reisegeschichten und machte sie

lachen. Agnes wußte das Notwendigste über ihres Bruder schnell

vergangene Ehe. Es waren darüber nicht drei Sätze gewechselt worden, und

Agnes war nicht so überrascht, als Hanka wohl glauben mochte. Sie sah

ihn verändert, in einer Weise, die kaum mit Worten zu bezeichnen war.

Dies ist Beates Werk, glaubte sie kurzsichtig und gefühlvoll. Hanka war

es im Grunde gleichgültig, wofür man ihn nahm. Der Sturm kann darüber

erhaben sein, daß ihn taube Ohren für das Summen einer Fliege halten.

»Jahrelang war kein solch wunderbarer Tag«, sagte Agnes, sich

aufstützend. In dem milden, mattblauen Himmel sah sie die knospenden

Zweige der Bäume schwimmen. Als Hanka fragte, ob er ihr vorlesen solle,

nickte sie beglückt. Ihr Lieblingsschriftsteller war Jean Paul; sie

hatte nie etwas anderes gelesen. Früher hatte Hanka die ihm altmodisch

erscheinende Neigung verspottet, denn er vermochte unter dem

faltenvollen Gewand dieser Sprache keinen Leib zu finden. Jetzt aber

hatte er eine bessere Ansicht darüber gewonnen.

Er entnahm der Bändereihe ein Buch, das die Kranke bezeichnet hatte,

setzte sich hin und las mit sehr lauter Stimme, damit Agnes ihn gut

hören könne. Bald kam er zu einer Stelle, die sein vorauseilendes Auge

überblickt hatte. Er schwieg und las für sich: Sobald wir anfangen zu

leben, drückt das Schicksal aus der Ewigkeit den Pfeil des Todes ab. Er

fliegt so lange, als wir atmen und wenn er ankommt, hören wir auf. O

stürben wir doch auch so alt und lebenssatt wie dieser Greis, sagen dann

diejenigen, deren Pfeile noch fliegen.

Mit erschrecktem Stirnrunzeln ließ Hanka das Buch sinken. Er

entschuldigte sich bei Agnes, stand auf und ging in den Garten. Ihn

quälte die Einsamkeit. Er sehnte sich nach dem Anblick vieler Menschen,

nach ihrem Geschwätz und nach Spiel. Der weite Himmel drückte auf ihn

nieder. Mit gesenktem Kopf beobachtete er jetzt, wie viele Tausende von

schwarzen Ameisen über einen Regenwurm hergefallen waren, ihn zerbissen

und in geteilten Haufen die roten Stücke fortzerrten. Voll Ekel wandte

er sich ab. Er nahm Mantel und Hut, um Arnold aufzusuchen und fand ihn

im Garten auf und ab gehend, wie er selbst vorhin getan. Sie setzten

sich auf eine Bank und plauderten. Der Garten und besonders seine

parkartige Fortsetzung sahen verwildert aus; geknickte dürre Zweige

lagen umher und ein Teppich feuchter, brauner Blätter leuchtete in der

Sonne. Die Spatzen lärmten und auf den Feldern schritt schon der

pflügende Bauer.

Das Beisammensein der beiden Männer trug den Ausdruck gegenseitiger,

natürlicher Achtung. Arnold sprach von der Landwirtschaft und erwähnte,

daß er sich die Zeit her um nichts gekümmert habe; er finde nicht die

Ruhe, es treibe ihn zu großen Geschäften, die ein Wagnis und Einsetzen

verlangten, denn wenn man nur dasitze und sein inneres Kräftevermögen in

sich selber verzehre, käme man bald zur Schwäche. Darum sei es ihm

zweifellos, daß das Leben auf dem Lande für junge Menschen, wenn nicht

gefährlich, doch sehr einschränkend sei. Arnold redete mit einer ganz

kleinen Überspannung des Temperaments; dies entging Hanka nicht nur,

sondern er hatte auch seine Freude daran. Er trat aus sich heraus, und

das Weben seiner Gedanken wurde weniger beklommen. Arnold meinte, daß

ein solches Wagen und Opfern, wie er es auffasse, mit Geldgeschäften

nichts zu tun habe. Hanka stimmte ihm bei, denn obwohl er gegenwärtig

sein ganzes Vermögen in Börsen-Unternehmungen stehen habe, empfinde er

keine Tätigkeit, sondern fühle sich faul und gleichmütig. Es entstand

ein kurzes Schweigen, bis Arnold ohne Übergang die Geschichte mit dem

Häusler Kubu berichtete. Hanka sagte: »Solange es nur gute Menschen

gibt, die mit den Unglücklichen fühlen, ist nichts gewonnen für die

Welt. Mit den Glücklichen zu fühlen, dazu müßte man die Menschen

erziehen.«

Sie verabredeten für den nächsten Morgen einen Ausflug, aber da Hanka zu

träg war, um zu gehen, wollte er im Ort eine Kutsche auftreiben. Zur

bestimmten Stunde kam das Gefährt zur Stelle, mit zwei dicken Gäulen

bespannt. Langsam ging es über die Heerstraße; der Tag war noch schöner

als der gestrige. Nach einer Stunde nahm sie der Wald auf. Frisch

geschälte Baumstämme lagen quer über dem Graben und glänzten in der

Sonne wie Goldbarren. Die Straße war schmal. Hinter ihnen fuhr im

scharfen Trab ein Bauernwagen heran. Vier verwegen aussehende Burschen

hockten auf den Leitern; einer schwang die Peitsche, deren Knallen den

ganzen Wald mit Getöse erfüllte, die andern, mit schiefsitzenden Kappen,

schrien drohend und lachend drauflos. Das Fuhrwerk kam näher, auch die

Kutsche rollte schneller. Die Kerle warfen die Arme und brüllten; ihre

beiden Pferde hatten Schaum am Maul, als nähmen sie an der Erregung

teil. Arnold riß dem Kutscher die Zügel aus der Hand; lachend trieb er

die dicken Gäule vorwärts, und sie jagten nun auch ihrerseits wild

dahin. Die Bauern blieben scharf hinterher; Hanka blickte den

nachstürmenden Pferden in die rötlich lohenden Augen. Seine

Gleichmütigkeit schwand unter einer grausigen Vorstellung, und er dachte

an den Mann jenes Gedichts, der im Brunnen hängt, Tod unter und Tod über

sich erblickt.

Endlich kam eine Schenke und da hielt die Bauernkarre still. Arnold und

Hanka kehrten auf einem näheren Weg gegen Podolin zurück. Eine

eigentümliche Verachtung begann in Hanka zu wirken. Er verachtete das

Ding, welches ihm das Herz auffraß.

Im Schweigen liegt oft die aufdringlichste Mitteilung. Das erfuhr Arnold

bald. Seine Lebensstimmung wurde durch das beeinflußt, was Hanka

schweigend in sich verschloß. Er trieb wieder mathematische Studien. Er

spielte und es ist im Grund, dasselbe, ob man mit Zahlen oder mit Karten

spielt. Über all dem, wolkengleich, spannte sich etwas trist die

Sehnsucht nach Verena. Bisweilen senkte sie sich nieder wie Regen und

erfüllte seine Brust mit Traurigkeit. Er suchte das Rätsel ihrer Person

zu ergründen und wollte ihr beikommen wie den algebraischen Formeln.

Er langweilte sich. Mitten in die Stille und Einsamkeit kam ein Brief

Anna Borromeos. Sie schrieb an Arnold, daß sie für sein langes

Ausbleiben keine andere Ursache vermuten könne, als daß ihn ihr Haus

abgestoßen und ihre Person verscheucht habe. »Aber lieber Neffe und

Freund, wir können dich, so scheint es, weniger entbehren als du uns.

Wir zerbrechen uns den von zahllosen Geschäften ermüdeten Kopf, indessen

du boshaft hinter deinem Dorfofen sitzest. Mein Gatte quält sich mit der

Befürchtung, daß du unsere Gastfreundschaft mangelhaft gefunden haben

könnest, und auch mich drängt es, dir eine bessere Idee von Anna

Borromeo zu geben, als du jetzt in deine Heimat getragen. Für die

Schlechtesten gibt man sich aus und dem, den man umschließen sollte, dem

sperrt man sich zu. Komm bald. Deine A. B.«

Arnold war Anna Borromeo fast dankbar für dieses Schreiben, durch

welches sein Schwanken beendigt und der Entschluß der Abreise bewirkt

wurde. Er freute sich auf die Stadt, und gleich teilte er Hanka seinen

Vorsatz mit.

Der Moloch · 第 54 / 84 题