Dreiundvierzigstes Kapitel

Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen

Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das

Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen

verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem

dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des

schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen.

Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise

Glucksen des Wassers in den Wiesen?

Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war

überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte

lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen

den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens,

als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die

Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte

freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu

dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges

Kompliment.

Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief,

verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die

Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie

eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem

Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein

einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken

an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten

erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes

Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes

überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht

erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden

würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem

Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen,

kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen,

stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt

war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus

Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.#

Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein?

Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis

bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte:

schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche

Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche

allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er

sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner

inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr

verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr

und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm

zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die

Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige

Selbstprüfung vor.

Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu

und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst

allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die

junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher

Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft

seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von

achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden

und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere

versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um

dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie

es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle.

Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich

gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes

Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,

zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.

Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um

Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe

eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung

verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold

wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener

Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob

das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er

selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich

gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des

Kubu?« fragte Arnold dagegen.

Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus

Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu

sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht

übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß

bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen

Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und

fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach,

sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit

erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor

entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe

sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit

meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und

nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere

Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um

ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau

warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den

Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so

verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich

alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie

würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten

sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die

Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm

die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn

stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem

Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die

gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.

Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor

fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem

Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte:

»Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei

Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut

und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern

verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn.

Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu.

Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen

sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm

geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu.

Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber

er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand

Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht

mitteilen konnte.

Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen

und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen

Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum

und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren

Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte

bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja,

er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so

deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er

doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen

Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen

Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte.

Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte

sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener

Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold

empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.

Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich

zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei

solchem Wetter!«

»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?«

fragte die Alte.

»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist

ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues.

Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort,

zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen

möchte, der muß tanzen und springen.«

»Aber wenn es regnet, wird’s dort auch naß. Das ist kein Unterschied«,

sagte Ursula.

Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte

er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze

haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«

Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man

erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.«

Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und

würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer.

Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis

auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen,

denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme

Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls

herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse

Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude

streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen,

als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich

mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier

jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?«

»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es

Ihnen?«

»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche

muß man’s treiben.« Er lachte.

Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern

den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der

von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der

Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein

Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und

er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt.

Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem

Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück.

Der Moloch · 第 52 / 84 题