Dennoch zitterte beim Gehen über die Wiesen ein Hauch jener gewaltigen
Bewegung nach, die ihn einst von dieser Ebene fortgetrieben, wie das
Lüftchen, das sich von einem entfernten Orkan in stillere Regionen
verirrt hat. Er freute sich des weiten Himmels, dessen Wolken einem
dünnen Blau zu weichen begannen, er blieb träumend am Ufer des
schwärzlichen Flusses stehen und ergötzte sich am Kreischen der Krähen.
Gibt es angenehmere Töne, dachte er beim Weiterwandern, als das leise
Glucksen des Wassers in den Wiesen?
Die neugierigen Blicke der Podoliner erregten seine Heiterkeit. Er war
überrascht, jedes Häuschen noch auf seinem Fleck zu finden, blickte
lächelnd von Torweg zu Torweg und schritt über den Platz hinauf gegen
den Kirchhof. Der Fleischer Uravar stand unter der Tür seines Ladens,
als ob er sich all die Zeit hindurch nicht von dort gerührt hätte. Die
Kreuzspinne lag noch immer auf der Lauer. Arnold blieb stehen und nickte
freundlich; es war ihm, als hätte er stets freundliche Beziehungen zu
dem Mann unterhalten. Uravar glotzte und machte ein ehrerbietiges
Kompliment.
Still lag der Kirchhof; die Holzkreuze waren von Wind und Wetter schief,
verdorrt und zerbrochen. Von hier aus war der weiteste Ausblick über die
Ebene, die erst in großer Ferne bergige Formen annahm und sich glatt wie
eine ungeheure Bucht hindehnte. Das Grab der Frau Ansorge lag auf einem
Vorsprung des festungsartig erhobenen und begrenzten Raums. Ein
einfacher Stein schmückte den Hügel. Arnold lehnte sich mit dem Rücken
an die niedere Mauer-Einfassung und suchte die Gestalt der Toten
erstehen zu lassen. Aber es mischte sich zu viel Erlebtes hinein; buntes
Schweifen ergriff den Sinn und trübe nur, kaum den Rand des Grabes
überschreitend, wurde ein edler Umriß sichtbar. Arnold hatte das nicht
erwartet; er hatte nicht geglaubt, daß er sich so allein hier finden
würde. Als er sich gegen den Ausgang wandte, gewahrte er, ganz in einem
Winkel zwischen Kirche und Mauer gedrückt, einen regenverwaschenen,
kleinen Grabstein, in dem die verblaßte Photographie eines schönen,
stolzblickenden Mannes eingelassen und durch ein Stück Glas verdeckt
war. Auf der Fläche des Steins stand: Fumagalli, Zirkusreiter aus
Mailand. #Mal fa chi tanta fè obblia.#
Arnold schmunzelte. Wie mochte Herr Fumagalli nach Podolin geraten sein?
Nie früher hatte er den alten Stein mit dem süßlich-hübschen Bildnis
bemerkt. Mühsam entzifferte er den Sinn der italienischen Worte:
schlecht für den, der so viel Treue vergißt. Eine wunderliche
Traurigkeit ergriff ihn; Treue, dies schien wirklich das Wesentliche
allen Lebens und den Zusammenhalt alles Guten zu bedeuten, und als ob er
sich gegen einen Selbstvorwurf schützen wolle, rief er mit seiner
inneren Stimme den Namen Verenas. Auf dem Rückweg begleitete ihn ihr
verschöntes Bild und als er zu Hause war, empfand er Sehnsucht nach ihr
und fragte sich tausendmal, warum sie gegangen. Es erschien ihm
zweifellos, daß er sie in der Stadt wieder sehen würde, und die
Einsamkeit, in die er sich versetzt hatte, kam ihm wie eine freiwillige
Selbstprüfung vor.
Im Hof wartete ein junges Bauernweib. Sogleich eilte sie auf Arnold zu
und ihren Lippen entquoll eine unverständliche Flut von Worten. Erst
allmählich vermochte Arnold herauszubringen, worum es sich handle. Die
junge Person war das Weib des Häuslers Kubu, der früher
Eisenbahnbediensteter gewesen war und seit fünf Jahren die Wirtschaft
seines Vaters übernommen hatte. Wegen eines Steuerrückstandes von
achtundsechzig Gulden waren ihm ein paar junger Ochsen gepfändet worden
und heute hatte er die Mitteilung erhalten, daß die beiden Tiere
versteigert werden müßten, falls er die Steuer nicht bar bezahle. Um
dieses Geld bettelte das Weib und schwor bei der Mutter Gottes, daß sie
es zur Ernte richtig zurückzahlen wolle.
Arnold, allzusehr mit seinem innern Zustand beschäftigt, zwar weich
gestimmt, doch nur für sich selbst, wies das Weib ab, dessen lärmendes
Getue ihm nicht angenehm war. Sie stand noch eine Weile mit finsterem,
zur Erde gekehrtem Gesicht und Arnold ging ins Haus.
Als er am nächsten Morgen seinen Spaziergang nach Podolin machte, um
Briefe auf die Post zu tragen, sah er vor einem der ersten Bauernhöfe
eine Menge Leute stehen, deren Mienen leidenschaftliche Aufregung
verrieten. Hinter dem Zaun des Hofes standen sechs Gendarmen. Arnold
wollte einen der Bauern befragen, aber ein dicker Mann mit goldener
Brille trat auf ihn zu, fragte kurzatmig, ob er Herr Ansorge sei und ob
das Weib des Kubu gestern bei ihm gewesen sei, um Geld zu borgen. Er
selbst sei der Bahn-Expeditor und habe früher den Kubu unter sich
gehabt, der ein ordentlicher Mensch wäre. »Ist dies das Anwesen des
Kubu?« fragte Arnold dagegen.
Der Expeditor erzählte, daß um zwölf Uhr der Steuer-Exekutor aus
Sobielska beim Kubu in Begleitung zweier Gendarmen erschienen war. Kubu
sperrte den Stall zu und sagte der Kommission, daß er die Ochsen nicht
übergeben werde. Er habe acht Jahre lang die Steuern ordnungsgemäß
bezahlt, gegenwärtig sei er aber infolge der Mißernte des vorigen
Jahres nicht imstande zu zahlen. Er bot Haus und Hof als Pfand an und
fügte hinzu: ohne das Vieh bin ich ein toter Mann. Die Frau versprach,
sie werde das Geld von ihrem Paten ausleihen und beide baten mit
erhobenen Händen um Fristung. Es war jedoch vergeblich. Der Exekutor
entschied: entweder bezahlen oder die Ochsen her! Kubu schrie: ich gebe
sie nicht her; lieber geh ich gleich zugrunde, als daß ich später mit
meiner Familie zugrund gehe. Das ganze Dorf war zusammengelaufen und
nahm eine drohende Haltung ein. Man schickte nach Sobielska um weitere
Gendarmen und wartete, bis diese kamen. Sie wendeten sich gegen Kubu, um
ihn zu fesseln. Es gelang nicht. Ein Gendarm zog nun den Säbel. Die Frau
warf sich ihm entgegen und flehte: nicht auf den Kopf! Sie fing den
Schlag auf, der dem Kubu zugedacht war und wurde an der Hand so
verletzt, daß ein Finger nur noch an der Haut hing. Dann stellten sich
alle Gendarmen zwei Meter von Kubu entfernt auf und riefen ihm zu: sie
würden schießen, wenn er sich nicht ergebe. Als Kubu seine Frau bluten
sah, sprang er in den Stall, ergriff eine Heugabel und schrie: die
Ochsen können nur über meine Leiche geführt werden. Die Frau entriß ihm
die Heugabel, stellte sich vor ihn und deckte ihn gegen die auf ihn
stürmenden Gendarmen. Endlich gelang es den Männern, die Frau von dem
Häusler wegzuziehen und ihn zu fesseln. Der Exekutor band die
gepfändeten Ochsen los und ließ sie mit vier Gendarmen forttreiben.
Während Arnold alles das vernahm, wurde er so bleich, daß der Expeditor
fragte, ob er sich krank fühle. Arnold zog seine Brieftasche aus dem
Rock, zählte siebzig Gulden ab, überreichte sie dem Expeditor und sagte:
»Geben Sie das dem Steuerbeamten; ich zahle es für den Häusler. Zwei
Gulden bekomm ich zurück.« Der gutherzige Expeditor schien sehr erfreut
und drückte Arnold bewegt die Hand. Auch unter den Podolinern
verbreitete sich die Kunde von der Freigebigkeit des jungen Gutsherrn.
Mehrere drängten sich an ihn und riefen ihm anerkennende Worte zu.
Arnold mußte an einen andern Tag zurückdenken; damals hatte er ihnen
sein ganzes Wesen opfern wollen, und sie hatten Steine nach ihm
geschleudert; heute jauchzten sie ihm für verspätete siebzig Gulden zu.
Er fing an, diese begriff- und urteilslose Rotte bitter zu hassen. Aber
er betrog sich mit diesem Gefühl. Sein träger gewordenes Herz empfand
Schmerzen der Scham, die es dem Verstand nicht mitteilte und nicht
mitteilen konnte.
Auf dem einsamen Weg, der zum Wald hinüberführte, blieb Arnold stehen
und murmelte mit einem Ausdruck des Erstaunens und der unheimlichen
Erleuchtung: »sollte es möglich sein?« Er stellte sich vor einen Baum
und blickte starr auf die Rinde. Denn plötzlich begann er den wahren
Grund von Verenas Flucht zu ahnen. Er wanderte noch ein paar Schritte
bis an den Waldrand und setzte sich auf einen gefällten Baumstamm. Ja,
er begriff. Nicht länger erschien ihm als ein Mißverständnis, was so
deutlich das Gesicht eines Schicksals zeigte. Aber allmählich suchte er
doch, sich zu verteidigen. Das Tiefere, Ernsteste, das ihm einen
Augenblick furchtbar zugeleuchtet, machte verschwommenen Hoffnungen
Platz und die Waldeinsamkeit rührte ihn, weil ihn sein Kummer rührte.
Kein Laut unterbrach die Stille. Weiß, breit, sanft ansteigend, krümmte
sich die Landstraße hügelwärts hinan und bohrte sich wie aus eigener
Kraft durch das Dickicht der Stämme und des niederen Buschwerks. Arnold
empfand ein Verlangen nach Trost, Ruhe und Gedankenlosigkeit.
Am folgenden Tag regnete es, auch den zweiten Tag. Arnold stellte sich
zu Ursula in die Küche und sagte gähnend: »Was soll man anfangen bei
solchem Wetter!«
»Erzählen Sie mir doch. Wie gefällt Ihnen das Leben in der Stadt?«
fragte die Alte.
»Ja, das ist etwas für sich, Ursula. Davon wird man nie fertig. Es ist
ein Höllenkreisel. Da heißt es Augen auf. Jeder Tag bringt was Neues.
Hier weiß man nie ob es Morgen, Mittag oder Abend ist. Aber dort,
zwischen Suppe und Mehlspeise wird die Welt anders, und wer stillsitzen
möchte, der muß tanzen und springen.«
»Aber wenn es regnet, wird’s dort auch naß. Das ist kein Unterschied«,
sagte Ursula.
Arnold machte ein listiges Gesicht. »Wenn es regnet oder schneit«, sagte
er, »merkt man es gar nicht in der Stadt, denn alle Straßen und Plätze
haben Glasdächer und Öfen. Es ist immer warm und trocken.«
Ursula erwiderte verdrießlich und unsicher: »Einem alten Weib kann man
erzählen, daß der Leineweber die Kartoffeln macht.«
Arnold trat unter die Haustür. Ein verzweifeltes Wetter, dachte er und
würzte diese einförmige Betrachtung mit einem humoristischen Seufzer.
Er entschloß sich, trotz des Regens nach Podolin zu gehen. Als er bis
auf den Hauptplatz gekommen war, mußte er in einem Flur Schutz suchen,
denn ein wahrer Wolkenbruch machte das Weitergehn unmöglich. Eine krumme
Gestalt, mit schwarzem Lederpack auf dem Rücken, flüchtete gleichfalls
herein, stützte das Paket auf den Mauerabsatz und wischte das nasse
Gesicht und den triefenden Bart ab. Arnold erkannte Elasser. Der Jude
streckte ihm die Hand entgegen, und sein Gesicht strahlte vor Vergnügen,
als er ihn erkannt hatte. »Ei gnädiger Herr!« sagte er. »Gleich hab ich
mir gedenkt, es ist doch ein bekanntes Gesicht. Sind Sie wieder hier
jetzt? Un wo waren Sie die Zeit über?«
»Ja, ich bin hier«, antwortete Arnold lau und verlegen. »Wie geht es
Ihnen?«
»No, es laßt sich leben. Man muß sich eben dazuhalten. Mit der Peitsche
muß man’s treiben.« Er lachte.
Arnold schwieg und blickte gespannt in den dicken Regen. Er hätte gern
den geschützten Platz verlassen, denn ihn störte der muffige Geruch, der
von dem Juden ausging wie von fauler Erde. Eine Frage lag Arnold auf der
Zunge, aber es war ihm nicht möglich zu fragen. Ihm war, als stehe ein
Gläubiger vor ihm, der es aus Zartgefühl unterließ, ihn zu mahnen, und
er sagte sich: ich werde ihn bald bezahlen, früher als er denkt.
Endlich verdünnte sich das Strömen des Wassers. Arnold nickte dem
Hausierer zu und kehrte eilig nach Hause zurück.