Zweiundvierzigstes Kapitel

Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein

Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An

einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die

festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit

hinaus in die Vorstadt.

»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den

nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal.

»Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit

Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.«

»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede

Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir

kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.«

»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?«

»Das weiß ich nicht.«

»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen

gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich.

Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im

Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun,

und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt

stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als

er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte

er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich

stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde.

Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel,

aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich

war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und

eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig

war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen

Abwesenheit gerüstet habe.

Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei

Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er

durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang

beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott

vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber

und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher

Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das

Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war,

wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich

alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit

widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte

Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit

beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene

Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide

zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den

Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten

aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten

und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien

zu haben.«

Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete

Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst

im Himmel.

Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor,

legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus,

als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt

nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich

der, wenn ich nachts das Licht auslösche.«

Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen

wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte

und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle.

Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn

es dir recht ist.«

»Gewiß.«

Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim

zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum

fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten

Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.«

Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren

Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues,

scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser

ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb

Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal

gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der

Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo

wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.

Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im

dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im

Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der

Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die

Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer

angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes

Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula

wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters

ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu

tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula

und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, – nichts entging

ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der

ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder

Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf

nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn

in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von

Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte.

Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm

er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube

war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten,

Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich

hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den

Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber

nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er

schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.

Der Moloch · 第 51 / 84 题