Mitte März legte Arnold die Prüfungen mit Erfolg ab. Es war ihm nur ein
Spiel. Er entschied sich für das juristische und philosophische Fach. An
einem stürmischen Frühlingstag entrichtete er an der Universität die
festgesetzten Gebühren und begleitete dann Wolmut vom Ring bis weit
hinaus in die Vorstadt.
»Sie haben keine bestimmte Idee von der Richtung, die Sie in den
nächsten Jahren nehmen wollen?« fragte Wolmut zum wiederholten Mal.
»Vergessen Sie nicht, daß Sie viel älter sind, als die Burschen, die mit
Ihnen äußerlich jetzt auf demselben Punkt stehen.«
»Ich mache kein Programm«, erwiderte Arnold lebhaft. »Damit geht jede
Unbefangenheit verloren. Ich will zugreifen und alles packen, was zu mir
kommt. Später kann ich dann mein Gebiet begrenzen.«
»Sehr gut; und wollen Sie jetzt gleich zu arbeiten anfangen?«
»Das weiß ich nicht.«
»Sie scheinen ein wenig zerstreut, oder vielleicht auch zu sehr in einen
gewissen Gedanken verbohrt«, bemerkte Wolmut freundschaftlich.
Sie gingen an einem Garten vorbei. Die Kronen der Bäume bogen sich im
Wind. Der Sturm entführte Arnold den Hut, wirbelte ihn über den Zaun,
und Arnold mußte am Tor des Gartens läuten und ziemlich lange barhaupt
stehen, ehe er wieder in den Besitz seiner Kopfbedeckung gelangte. Als
er durch die stillen Gartenwege wieder gegen die Straße schritt, hatte
er die Empfindung einer schönen, jedoch dunklen Erinnerung. Plötzlich
stand es in ihm fest, daß er nach Podolin gehn werde.
Zu Hause angekommen, zog er den ländlichen Holzkoffer aus dem Winkel,
aber es zeigte sich, daß dieses ehrwürdige Stück zu klein und zu häßlich
war. Er ging daher von neuem aus und kaufte einen großen Lederkoffer und
eine Handtasche. Er packte bis zum Nachmittag, und erst als er fertig
war, bemerkte er mit Verwunderung, daß er sich wie zu einer langen
Abwesenheit gerüstet habe.
Nachdem er die Stunde der Reise festgesetzt hatte, wollte er bei
Borromeos Abschied nehmen. Man sagte ihm, der Doktor sei im Salon. Er
durchschritt die Reihe der Zimmer und als er einen roten Türvorhang
beiseite schob, sah er unvermutet Frau Anna und den Leutnant Valescott
vor sich. Die Beiden saßen an einem schmalen Teetisch einander gegenüber
und drehten das Gesicht gespannt mit einem Ausdruck verdrießlicher
Abwehr nach ihm zurück. Arnold entschuldigte sich, trat vollends in das
Gemach und sagte, weshalb er käme. Da sein Benehmen unbefangen war,
wurde Anna Borromeo freundlich. Valescott schien geärgert. Er erhob sich
alsbald, reichte Frau Anna die Hand, verbeugte sich vor Arnold mit
widerwilliger Höflichkeit und verschwand. Nach einer langen Pause sagte
Anna Borromeo: »Valescott ist eine warme, tiefe, ehrenhafte Natur.« Mit
beiden Händen und gespreizten Fingern schob sie die kupferfarbene
Haarkrone zurecht, lächelte Arnold mütterlich zu, stemmte dann beide
zur Faust geballten Hände tief in ihren Schoß, und starrte auf den
Boden. »Was tust du jetzt in Podolin?« fragte sie, aus ihrem Brüten
aufschreckend. »Es ist noch kalt draußen. Hast du aufgehört zu arbeiten
und machst dir Ferien? Ich möchte auch einmal wissen, wie es ist, Ferien
zu haben.«
Unangenehm berührt von ihrem Ton wie von dem, was sie sagte, entgegnete
Arnold, die Ferientage einer vornehmen Dame begännen wahrscheinlich erst
im Himmel.
Anna Borromeos Lippen verzogen sich hochmütig. Sie beugte sich vor,
legte eine Hand auf die Arnolds, und ihre Augen sahen smaragdgrün aus,
als sie erwiderte: »Kannst du mit meinem Herzen fühlen? Nein. Es gibt
nur einen einzigen Augenblick, auf den ich mich täglich freue, nämlich
der, wenn ich nachts das Licht auslösche.«
Arnold zuckte die Achseln und sagte, er müsse eilen. Als er gehen
wollte, kam Borromeo. Anna erzählte ihm von Arnolds Vorhaben. Er stutzte
und schüttelte den Kopf, dann fragte er Arnold, wann er reisen wolle.
Jetzt, in einer Stunde. »Dann werde ich dich zum Bahnhof begleiten, wenn
es dir recht ist.«
»Gewiß.«
Arnold übergab sein Gepäck einem Wagen, während er selbst mit dem Oheim
zu Fuß ging. »Wie lange willst du bleiben?« fragte Borromeo. »Und warum
fährst du eigentlich? Zieht es dich hin oder hast du einen bestimmten
Zweck? Es ist eine schlechte Jahreszeit.«
Das leise, sammetartige Wesen dieses Mannes ließ alle Anzeichen äußeren
Mitlebens vermissen. Doch lag in seinem Gehaben ein so scheues,
scheinbar ganz bewußtloses Anschmiegen an die Person Arnolds, daß dieser
ganz verwundert darüber war. Bis kurz vor der Abfahrt des Zuges blieb
Borromeo ziemlich schweigsam; in den letzten Minuten wurde er auf einmal
gesprächig und gab Ratschläge und Meinungen in betreff der
Bewirtschaftung in Podolin. Der Zug setzte sich in Bewegung und Borromeo
wartete, bis die Bahnhofshalle leer war.
Das stürmische Wetter war unverändert geblieben, als Arnold im
dämmernden Morgen von der Station nach Podolin fuhr. Der Wagen ächzte im
Straßenkot und auf dem Schottergestein; die Felder lagen wüst und der
Nebel verhüllte die Wälder. Ursula war nicht wenig verblüfft über die
Ankunft des jungen Herrn. Der böhmische Verwalter, der seit dem Sommer
angestellt war, stand mit entblößtem Kopf am Gartentor. Sein rotes
Gesicht war zum Ausdruck sklavischer Ehrerbietung erstarrt. Ursula
wollte Rechnungen vorlegen und die brieflichen Berichte des Verwalters
ergänzen, aber Arnold bedeutete ihr, daß er vorläufig damit nichts zu
tun haben wolle. »Sie sind größer und schöner geworden«, meinte Ursula
und bewunderte seine Kleidung, seinen veränderten Gang, – nichts entging
ihrer harmlosen Beobachtung. Ihr Benehmen aber verwandelte sich nach der
ersten Stunde. Am Anfang suchte sie den alten Ton spielerisch-polternder
Befehlshaberei wieder anzunehmen, aber sie merkte bald, daß er darauf
nicht einging. Mit diesem Augenblick sah sie einen fernen, kalten Herrn
in Arnold und fand sich fremd. Sie umgab ihn mit einer Wolke von
Respekt, welche alle lebendige Erinnerung mürrisch verhüllte.
Nur kurze Zeit ruhte Arnold von der Fahrt. Aus wohlbekannter Tasse nahm
er das Frühstück ein; alles mutete ihn neuartig und klein an. Die Stube
war eng, kahl und düster. Die Fenster waren winzig wie Schießscharten,
Möbel und Geräte von unbequemer Dürftigkeit. Arnold lächelte in sich
hinein wie ein alter Mann, der an seine Jugend denkt. Als er durch den
Vorgarten schritt, um hinüber nach Podolin zu gehen, dachte er darüber
nach, wie er es nehmen würde, wenn er hierzubleiben gezwungen wäre. Er
schüttelte eine solche Vorstellung eilig von sich ab.