Durch Schneegestöber und hochliegenden Schnee ging Verena von der
Universität nach Hause. In der Nachbarschaft versorgte sie sich für den
Mittag mit Schinken und Brot und erstieg nachdenklich die Treppen zu
ihrer Wohnung: mit jeder einzelnen wurde ihr Herz schwerer und vergaß
die schneeweiße Fröhlichkeit der Straßen. Oben wollte sie Tee kochen,
fand aber, daß kein Spiritus mehr da sei. In Hut und Mantel kauerte sie
vor den Ofen hin und legte Späne hinein, um aus der Glut noch einmal
frisches Feuer zu gewinnen, dann stellte sie sich ans Fenster und ihr
Blick schweifte ernsthaft über die zahllosen schneeberahmten Fenster der
Höfe, hinter denen bisweilen ein umrißloses fremdes Gesicht auftauchte.
Als es im Zimmer warm zu werden begann, nahm sie die Flasche, und, die
Treppen hinuntergehend, hatte sie abermals das Gefühl, als nähere sie
sich einem Schauplatz der Heiterkeit; in der Tat glich die Straße einem
blendend weißen Saal, in welchem die Flocken einen schwerelosen Tanz
aufführten.
Oben angelangt, setzte sie sich, anstatt Tee zu bereiten, vor das
Knochengerüst, stützte den Arm auf die Lehne des Holzstuhls, den Kopf in
die Hand und blickte unter halbgeschlossenen Lidern schräg auf den
dürren Schädel. Wunderliche Anwandlungen, mit diesem Ding ein Gespräch
anzuknüpfen, unterdrückte sie, ja sie erblickte sich selbst, losgelöst
von Fleisch, Blut und Empfindung, doch immer noch Zwischenglied,
beinernes Abstraktum. Eine seltsame Zärtlichkeit erschütterte sie von
oben bis unten und bald darauf, als ob ihr Organismus von Kämpfen
ermüdet sei, hatte sie Schlafbedürfnis. Sie legte sich auf das Bett und
schlief ein, um nach einer Viertelstunde von dem Geräusch eines
Eintretenden zu erwachen. Es war Arnold; erschreckt fragte sie, wie er
hereingekommen sei. Seine Erklärung, daß die Außentüre nur angelehnt
gewesen sei, nahm sie mit einem nachdenklichen und süßen Lächeln auf, in
welchem noch ein Traum zitterte. Sie erhob sich, reichte ihm die Hand
und strich die braunen Haare aus der Stirn. Über Arnold legte sich eine
Erstarrung. Er glaubte glücklich zu sein oder doch die Nähe des Glücks
zu ahnen. Das Bild eines märchenhaften Sommers stieg vor ihm auf; nackte
Menschen wanderten zwischen Blumen und buntem Laub. Nie hatte er Verena
so gesehen, still und von gleichsam animalischer Zutraulichkeit. Er
ergriff ihre Hände, um zu sehen, ob sie es auch wirklich sei, er preßte
ihre Hand an die Lippen und drückte die Zähne in die Haut, so daß zwei
Halbkreise von blutunterlaufenen Strichen entstanden. Sie seufzte
schmerzlich und drängte von ihm weg; er flüsterte, ungewiß lächelnd.
Sein Gesicht war feucht und er breitete die Arme aus – nach nichts. Er
folgte ihr nun, umschloß sie bei den Schultern und küßte sie. Ihre
erstickten Bewegungen, sich zu befreien, glichen den Zuckungen eines
betäubten Tieres. Der beschwörende Ausdruck und Glanz ihrer Augen
erlosch langsam. Ihre beiden offenen Hände lagen zuerst wie zwei tote
Körper auf seinem Haupt und glitten dann bis zum Nacken herab, um
endlich schlaff mit den Armen völlig zu sinken. Arnold ließ sie nicht.
Ihr tränennasses Gesicht sah er nicht. Er fragte nicht mehr, ob sie mit
Freude gewähre, er sah nicht ihre Lebensangst; als sie nachgiebig
geworden war, unfähig, einen vergangenen oder zukünftigen Augenblick zu
bedenken, als alle gesprochenen Worte plötzlich leichter schienen wie
die Luft, erfüllte Verena ein Verlangen, dessen räuberische Wildheit für
sie etwas Elementares hatte.
Am Abend ging sie noch mit ihm fort. Allein im Zimmer zu bleiben,
erschien ihr auf einmal unmöglich. Ihr Anschmiegen an ihn hatte etwas
Furchtsames. Sie war überaus schweigsam; ihre Lippen waren wie
versiegelt vor Erstaunen und Ratlosigkeit. Was ihr körperlich
zurückgeblieben, war ein alle Glieder umgürtender Schmerz; und im Gemüt
lag Nüchternheit, Selbsthaß und Erschöpfung. Noch gestern über den
gewöhnlichen Dingen und Menschen der Straße schreitend, kam sie sich
heute mit ihnen vermählt vor, jedenfalls vereinigt, verurteilt, ihr
Eigenleben zu verlassen und an den tausend endlosen Geschäften der zum
Tode strebenden Menschheit teilzunehmen. Der Lärm und die Unrast der
unzähligen enggedrängten Häuser strömte auf sie ein. Die Stadt, wie eine
dampfende Maschine mit glühendem Bauch, Dampf und Feuer ausspeiend,
lebendige Leiber in ihren Fäusten zerquetschend, erhob sich aus der
beunruhigten Erde, deren unsichtbarer Mund um Gnade bat. Sie ging ohne
Festigkeit und spürte zwischen ihren Füßen und ihrem Leibe keinerlei
Zusammenhang. Sie wußte kein Mittel, sich vor ihrem aufstürmenden Innern
zu verschließen, als den Schlaf, aber sie mochte sich noch nicht von
Arnold trennen. Seine Gegenwart erschien ihr notwendig; an ihm
aufblickend glaubte sie ihn viel größer als sonst, und sie spürte etwas
wie bange Erwartung vor seinem Urteil und seinem heiteren Blick.
Arnold begleitete Verena wieder zurück. Die kalte, stille Luft hatte sie
beide erfrischt. Vor dem Tor blieben sie noch eine Weile plaudernd
stehen; aber es war, als ob jeder nur aus Gefälligkeit gegen den
anderen rede, da das Reden der inneren Stimme vorlaut zu werden begann.
Verena suchte den Abschied von einer Minute zur andern zu verschieben.
Ihr Gesicht war gerötet; einmal legte sie den Kopf auf die rückwärts
gekreuzten Hände, wodurch die atmende Bewegung der Brust etwas
Friedliches und Erstaunliches erhielt. Dann sagte sie gute Nacht und
reichte ihm den Mund zum Kuß. Lange sah sie ihm nach, wie er sicher und
fest dahinschritt und wie sich frohe Laune und frohe Leichtigkeit des
Herzens in seinen Bewegungen ausdrückte. Ihr war es einsam.
Arnold dagegen war in der Tat voll Zufriedenheit. Er ging so aufrecht,
als wäre ihm der Befehl über eine Armee übertragen worden, lächelte
bisweilen verschmitzt und gemütlich in sich hinein, und als er nach
Hause gekommen war, legte er sich sogleich ins Bett und schlief fest bis
zum Morgen.
Die Sonne schien ins Fenster, als er beim Frühstück saß. Der Diener kam
und meldete eine Dame. Es war Verena. Sie trat ein; ihr Gesicht war von
einer eigentümlich strahlenden Blässe. Sie nahm mit den Bewegungen eines
Gastes Platz. Mit weiten Augen, die keinem Aufenthalt begegnen wollten,
schaute sie umher und sagte: »Ich wollte dich nur sehen, Arnold. Wie
hast du geschlafen? Wie geht es dir?«
»Gut, sehr gut, Verena«, antwortete Arnold glücklich und mit erwachendem
Stolz darüber, sie zu besitzen. Aber er sah an ihrem Wesen, daß sie
wieder »gedacht« hatte, wie er es innerlich nannte und suchte seine
sich regende Scheu durch eine etwas heuchlerische Freimütigkeit zu
bemänteln.
Verena legte den Kopf zurück und sah ihn an. Ihre Handschuhe fielen zu
Boden und Arnold bückte sich danach. Dann standen sie einander
gegenüber. »Du sollst wissen, Arnold«, begann Verena und wühlte mit den
runden Fingern im Pelzbesatz ihrer Winterjacke, »daß ich mich keiner
Täuschung hingebe. Ich habe die ganze Nacht dazu benutzt, um über uns
beide klar zu werden. Denn das Nebeneinandergehen genügt nicht, man muß
doch auch wissen, wohin man geht.«
»Warum, Verena«, unterbrach sie Arnold mit leisem Unwillen und mit
Furcht vor dem, was sie sagen würde, »warum immer das zerpflücken, was
schön ist und was von selber entstanden ist? Es ist genug, über das
Schlechte zu grübeln, und warum brauchst du ein Wohin? Die Erde ist rund
und man geht immer nur im Kreis.«
»Das ist doch eine etwas oberflächliche Wahrheit«, entgegnete Verena,
erstaunt über das Bestimmte und Fertige seiner Meinung. Eine Sekunde
später, und sie wurde traurig, denn sie erkannte, daß er ihr entweichen
wollte.
»Du bist zu schwermütig, Verena«, sagte er mit begütigender Kritik,
vergeblich nach dem Grund ihres ahnungsvollen Schweigens suchend.
Verena erhob schnell den Kopf. »Darin hast du recht!« rief sie aus.
»Begreifst du es nun?«
»Ich begreife nichts«, entgegnete er mit stockender Stimme.
»Ich weiß zu viel von mir. Leider«, sagte Verena. »Denke doch nach,
Arnold, du fliegst umher in der Luft. Ich bin ein im Erdreich
verfallenes Etwas. Meine Wurzeln sind abgestorben, während du noch in
blühenden Geschlechtern stehst. Und hauptsächlich wenn man so in der
Tiefe lebt, ist alles dunkel oder wie du sagst, schwermütig. Nicht
Einzelschwermut, weil es mir vielleicht schlecht ergangen ist, und es
ist mir herzhaft schlecht ergangen, oder weil ich zu wenig Zeit zum
Spazierengehen habe, sondern die Schwermut unseres ganzen Lebens,
unseres Siechtums, unserer falschen Kultur. Ich bin kraftlos und durch
Kraftlosigkeit bin ich die deine geworden. Deshalb hab’ ich gefragt,
wohin es gehen soll, denn du müßtest mich auf deinem Weg nicht nur
schleppen, sondern sogar heruntersteigen, um mich zu schleppen. Also
lebe und rette dich.«
Sie stand vor ihm und sah ihn an. Sein ganzes Innere wurde bewegt und
umfaßt von diesem zauberhaften Blick ehrlicher Bedrängnis. Aber er
zweifelte, ob er derjenige war, den sie in ihm erblickte, und dies
machte ihn zu feig, ihr zu widersprechen, statt dessen nahm er sie in
die Arme und küßte sie. Dann gingen sie zusammen fort.
Jetzt waren sie meist in Verenas stiller Wohnung. Tetzner hatte nach und
nach aufgehört, ihre Gesellschaft zu suchen. Einmal trat er ein, die
Hände in den Manteltaschen, scheinbar gut gelaunt. Aber bald wurde es
klar, daß seine Aufgeräumtheit nur eine Larve war. Er legte die Hand vor
den Kopf, als fürchte er, seine Stirn könne zusammenbrechen. Seine
wulstigen Lippen lagen wie zwei Fäuste aufeinander und mit dem runden,
fahlen Bart und dem blinden Ausdruck der Augen sah er aus wie ein
Bildnis des alten Homer. Ohne zu sprechen, entfernte er sich wieder,
seine aufpatschenden Schritte fast furchtsam dämpfend. Verdunkelung des
Gemüts kam über ihn.
Vier Tage danach, es war am Abend, zur Haussperrstunde, trieb es ihn
wieder zu Verena hinauf. Der Portier, der ihm das Tor öffnete, sagte mit
böswillig-wissendem Lächeln, der junge Herr sei oben bei dem Fräulein.
Während Tetzner die Stiegen emporkeuchte, hatte er Mühe, nicht
aufzuheulen.
Er klopfte an der Türe in der Weise, wie er es mit Verena seit je
verabredet hatte, aber alles blieb still. Traurig lehnte er sich im
Finstern an die Mauer. Er wagte es nicht, noch einmal zu klopfen. Er
wollte auch nicht fortgehen, um dem Hausmeister nicht wieder Anlaß zu
bösem Grinsen zu geben. Aber er hörte nun trippelnde Schritte in dem
Flur drinnen; er glaubte sogar, einen hauchenden Atem zu vernehmen. Es
schien, als ob eine schuldige Person an die Türe schliche. Dieses Bild
auf Verena angewandt, erschien ihm plötzlich so toll und widerwärtig,
daß er laut auflachte. »Tetzner, sind Sie es?« ertönte die Stimme
Verenas hinter der Türe. »Ich«, erwiderte Tetzner, und es wurde
geöffnet.
Es war warm und hell im Zimmer. Vor der Lampe lag ein aufgeschlagenes
Buch. Tetzner schob die blaue Brille auf die Stirn und blickte Arnold
zuerst wie einen fremdartigen Gegenstand zerstreut an, dann zogen sich
die Muskeln des Gesichts zu einem nachtwandlerischen Lächeln
auseinander. Etwas Angstvolles, Zärtliches und Geistreiches tauchte in
seinem Gesicht auf, als er sagte: »Wollen wir nicht fröhlich sein, Tee
trinken, über die Zukunft plaudern? Na, Verena –? Wie –?« Mit
geschlossenen Augen lächelte er und hing seinen Mantel an die Wand.
Verena blickte nachdenklich gegen das Fenster. Arnold war unruhig und
unwillig. Er begehrte mit Verena allein zu sein und hatte große Mühe,
nicht merken zu lassen, wie verdrießlich ihm Tetzners Anwesenheit war,
der nun in dem großen Sessel Platz nahm, die Beine ausstreckte und beide
Hände auf den Kopf legte. »Sind Sie müde, Tetzner?« fragte Verena
verlegen und mitleidig.
»Ja, mein Seelchen«, antwortete er. »Nicht Fußmüdigkeit, sondern Herz-,
Herzmüdigkeit.«
Arnold brütete in sich hinein. Ohne Sympathie, ohne Milde der
Wahrnehmung, wünschte er nichts anderes, als daß Tetzner fortgehe, und
da er sich nicht verstellen konnte, merkte Verena, was ihn bedrückte und
auch sie begann dasselbe zu wünschen. Sie sah, daß Tetzner litt, sie
fragte ihn und er gab Auskunft, ein wenig verstört durch die hämmernden
Schmerzen im Kopf. Verena erschrak und sie bemühte sich um den Freund,
legte ihm ein nasses Tuch über die Schläfen, zählte die Pulsschläge und
blickte grübelnd zu Arnold hinüber, der keine Teilnahme zeigte, der
ungeregt und unberührt nur seiner egoistischen Sehnsucht nachhing. Eine
bittere Betrübtheit umfing Verenas Herz. Wach auf, Arnold! hätte sie
rufen mögen. Verschließ dich nicht, vergiß dich nicht! umfange die
Welt! Sie kam sich selbst auf einmal sündhaft vor, denn das wollte sie
nicht: von einer Seele Besitz ergreifen, die sich in ungenügender
Begierde selbst zerstört.
Als sie so neben Tetzner stand, besorgt und versonnen, konnte sich
Arnold nicht länger bezähmen. Er stand auf, ergriff Verena bei den
Schultern und küßte die sich ehrlich Sträubende ungestüm und lachend auf
die Wange. Das hatte Verena nicht erwartet.