Einundvierzigstes Kapitel

Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte

dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte

ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es

entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich

selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem

Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie.

Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg

eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr

Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum

Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.

In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem

Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm

Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und

er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein

Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand

Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold

offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und

er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie

durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen

überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball

veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die

Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel

größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor

den Kopf zu stoßen.

Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine

Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu

überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die

Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie

empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische

Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen.

Doch was mochte ihn bewegen?

Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold

machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr

treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen.

Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und

selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln,

wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war

überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und

faul zumute gewesen.

Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb

ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra

ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste

aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.«

»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.

»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch

gute Bücher verdorben.«

»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit

dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei

zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst

du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur

ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter

Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß

selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß

die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne

herunterziehen können.«

»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte

Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr.

Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein

Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld

angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor

angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre

Hand fest.

»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit

dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die

Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen

gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie

mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen

kannst.«

Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du

denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?«

»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete

Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes

Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben

aufhören, zu überlegen.«

Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er

stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach

herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden

Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer

arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch

ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des

Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend,

daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da

sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen

von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der

Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold

gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.

Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer

herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun

furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig

zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und

Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals

so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in

die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich

selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn,

unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann.

Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich

selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es

doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein

Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für

immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier

Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht

fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter.

Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber

schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden

und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem

Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die

Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß

kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich

mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete

Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit

machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so

früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er

sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig

sein, heute wollen wir hinaus –« Er stockte, als er ihr unschlüssiges

und müdes Gesicht sah, »– hinaus aufs Land.«

»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein

wichtiges Examen steht bevor ...«

Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte

Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas

anderes wollen als ich.«

»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise,

indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel

verzog.

Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug

dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen,

was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das

bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam

emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde

gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.

»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer

seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du

aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das

ist schlecht ...«

»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und

schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den

Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden.

In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch

regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von

herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den

Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick

mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen

wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand

über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr

vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren

Mund fast sprengen wollte.

Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit

brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er,

als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er

wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm

selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein

kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete

sich aufmerksam und lächelte zerstreut.

Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang

nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen.

Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu

tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den

landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des

Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune

Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel,

helle Herden und weitgestreckte Ackergründe.

Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde

es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen

nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte

Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie

immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«

Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« fragte er, und die

weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig

riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl.

Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst.

Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann

würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um

nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.«

Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen

Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse

zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast

besinnungslos.

Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie’s vollbracht. Er lief

wieder herab, ging zwei Häuser weiter, – auch Tetzner war auf und davon,

und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten.

Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle.

Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer

vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der

eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält.

Der Moloch · 第 49 / 84 题