Wenn Arnold zu Verena kam, vereinigten sich unbewußt alle seine Kräfte
dahin, sie willfährig zu machen. Worin sie sich unterordnete, das lockte
ihn nicht mehr. Sie glaubte seinem Temperament zu erliegen, doch es
entstand keine Glückesgewißheit für sie. Sie suchte den Mangel in sich
selbst. Warum kann ich nicht gedankenlos sein? klagte sie in ihrem
Innern. Oftmals legte sich Ernüchterung wie ein grauer Mantel um sie.
Dies Treiben war es nicht, was sie gehofft: von Kreuzweg zu Kreuzweg
eilen, ratlos warten und fragen. Nie schwieg ihr Verstand, nie war ihr
Urteil still, und sie wußte, daß es hätte sein müssen, so wie im Traum
Uhr und Glocke ihren Sinn verlieren.
In der letzten Karnevalswoche ging sie in Arnolds Begleitung zu einem
Ball der Studentinnen. Arnold tanzte nicht, aber es machte ihm
Vergnügen, als Außenstehender das rhythmische Gewühl zu beobachten, und
er freute sich, Verena zu führen. Die Beziehung zwischen beiden war kein
Geheimnis, sollte es auch nicht sein; im engen Kreis der Freunde fand
Verena eine wohltuende Unbefangenheit. Aber dennoch gestand sie Arnold
offen, daß sie nicht sobald wieder in eine Gesellschaft gehen werde, und
er gab ihr recht. Gerade die Gutmütigsten und Nachsichtigsten hatten sie
durch Neugierde und Zudringlichkeit verletzt. Aber nach wenigen Tagen
überredete Emerich Hyrtl, der in einem Hotel eine Art Hausball
veranstaltete, Arnold, mit Verena zu kommen. Hyrtl ergriff gern die
Gelegenheit, eine moderne Gesinnung an den Tag zu legen, und noch viel
größeren Spaß bereitete es ihm, seine bürgerlich gesinnte Umgebung vor
den Kopf zu stoßen.
Verena weigerte sich. Schweigsam und verletzt setzte sich Arnold in eine
Ecke. Sie suchte ihn vergeblich zu besänftigen, vergeblich zu
überzeugen. Als er sich anschickte zu gehen und ihr, eigensinnig, die
Hand nicht reichte, willigte sie ein. Er schloß sie in die Arme, hob sie
empor, erdrückte sie beinahe, jauchzte, küßte sie, gab ihr kindische
Kosenamen, preßte ihre Hände. Hingerissen, verzieh sie ihm im Stillen.
Doch was mochte ihn bewegen?
Unter den übrigen Ballbesuchern trafen sie auch Petra König, und Arnold
machte sie mit Verena bekannt. Sie blieb beständig um Verena. Ihr
treuherziger Bildungshunger glaubte dabei einen Brocken zu erhaschen.
Aber sie suchte auch hervortreten zu lassen, wie viel freier und
selbständiger sie dachte, als die andern und betonte mit jedem Lächeln,
wie unbekannt die Prüderie der Gesellschaft ihrem Wesen sei. Verena war
überlegen genug, es humoristisch zu nehmen, aber nie war ihr so öde und
faul zumute gewesen.
Auf dem Heimweg, sie gingen zu Fuß, machte Verena halb bittere, halb
ironische Andeutungen über Petras anschmiegende Jüngferlichkeit. »Petra
ist so«, antwortete Arnold bedächtig. »Immer sucht sie sich das Beste
aus, was man reden und tun muß, aber es bleibt ihr fremd.«
»Du weißt sehr gut zu urteilen«, meinte Verena mit abgewandtem Gesicht.
»Petra ist nicht übel«, fuhr Arnold fort. »Sie ist vielleicht nur durch
gute Bücher verdorben.«
»Gewiß«, bestätigte Verena. »Sie verwechselt das, was sie bewundert, mit
dem, was sie vermag. Dadurch wird sie gekünstelt. Aber was hab ich dabei
zu schaffen? Weshalb soll ich mich stundenlang preisgeben? Warum willst
du mich hinüberziehn auf den Markt, wenn ich Ruhe will? Dort hat man nur
ein kurzes Leben. Aber ich begreife doch«, sagte sie mit veränderter
Stimme, zu einer Vorstellung überspringend, die sie betrübte, »daß
selbst die freiesten Mädchen sich die Ehe wünschen. Es ist traurig, daß
die Menschen eine Sittlichkeit erfunden haben, mit der sie das Schöne
herunterziehen können.«
»Wäre es dir angenehm, mit mir verheiratet zu sein, Verena?« fragte
Arnold und beugte sich lächelnd zu ihr.
Verena biß sich auf die Lippen. Mit kurzem Seitenblick streifte sie sein
Gesicht. Sie mußte an jenen Tag zurückdenken, an dem er ihr sein Geld
angeboten hatte. Arnold schwieg etwas betreten. Als sie am Haustor
angelangt waren, wollte sich Verena verabschieden, doch er hielt ihre
Hand fest.
»Heute laß mich allein, Arnold«, bat sie. Ihre Augen waren von Müdigkeit
dunkler. Trotzig wich Arnold nicht von der Stelle. Verena runzelte die
Stirn und seufzte; ihre geöffneten und in die Höhe gerichteten Augen
gaben dem Gesicht einen bitteren Ausdruck. »Mein Liebster«, sagte sie
mit wunderbarer Sanftmut, »prüfe dich genau, ob du nicht widerstehen
kannst.«
Arnold lachte. »Immer betrachten und zerpflücken!« rief er. »Kannst du
denn noch zwischen Freude und Nichtfreude unterscheiden?«
»Es gibt nur Leiden, denn nur Leiden sind wahrnehmbar«, entgegnete
Verena leise. »Das andere sind Ruhepausen. Ich will nur noch nicht jedes
Leiden als ein Symbol hinnehmen, das ist alles. Sonst müßte ich eben
aufhören, zu überlegen.«
Ohne sie ganz zu verstehen, machte Arnold eine ungeduldige Bewegung. Er
stand und pfiff leise. Zwischen ihnen fielen Wassertropfen vom Dach
herab. Die Straße entlang plätscherte und sickerte es vom tauenden
Schnee. Verena war es, als ob ihr Herz und ihre Adern in einer
arktischen Kälte zusammenschrumpften. Lautlos brachen die noch
ungesprochenen Worte in ihrem Innern entzwei. Mit langsamer Bewegung des
Armes drückte sie auf den Knopf der Hausglocke, im Stillen erwartend,
daß Arnold nun doch mit hinaufgehen würde. Sie selbst wünschte es, da
sie nicht eine ganze Nacht lang durch Mißverständnis und böses Sinnen
von ihm getrennt bleiben wollte. Aber der Teufel war in ihm. Als der
Hausmeister drinnen den Schlüssel ins Schloß steckte, wünschte Arnold
gute Nacht, verbeugte sich in lustiger Ehrerbietung und ging.
Verena konnte nicht schlafen. Lange Stunden wanderte sie in ihrem Zimmer
herum. Was vorher still und fern in ihr gewühlt, durchbrach nun
furchtbar die Hüllen und entlockte ihr Frage über Frage, vor denen feig
zurückzuprallen nicht in ihrem Wesen lag. Wenn es zwischen ihr und
Arnold nicht so geworden war, wie sie gewollt, so hatte es auch niemals
so werden können. Die Natur selbst rief dann ihr vorbestimmtes Nein in
die zukunftlosen Freuden. Sie wollte nicht warten, bis Arnold sich
selbst vergessen hatte. Sie wünschte vorher von ihm zu gehn,
unterzutauchen in die Flut, an deren Ufer für ihn die Erinnerung begann.
Nur so kann ich ihn erleichtern, dachte Verena; nur so kann ich ihn sich
selbst zurückgeben und mich zugleich für ihn bewahren. Einmal würde es
doch kommen, daß er mich vom Weg stieße und dann säß ich da wie ein
Bettelweib, während ich jetzt noch ein Stück von ihm mitnehmen kann, für
immer. Ich weiß, was ich weiß; das Wort Ende besteht aus vier
Buchstaben, und wenn man es auch zehnmal schreibt, werden doch nicht
fünf daraus. Nach dem letzten Kuß kommt kein allerletzter.
Angekleidet legte sie sich aufs Bett und schlief allmählich ein. Aber
schon um sechs Uhr wachte sie auf, konnte keinen Schlummer mehr finden
und war doch müde, unfähig zu überlegen, welche Arbeit sie an diesem
Tage erwarte, der nach ersten Frühnebeln einen blauen Himmel über die
Stadt spannte. Die Sonne trieb Verena empor. Sie entkleidete sich, goß
kaltes Wasser über sich herab, daß ihre Haare troffen, dann zog sie sich
mit so schwermütiger Langsamkeit an, als könne sie das gefürchtete
Vorrücken der Stunden dadurch hemmen. Sie wollte sich eben bereit
machen, in die Klinik zu gehen, als Arnold kam. Zum erstenmal war er so
früh bei Verena. »Ich war niederträchtig gestern, verzeih«, sagte er
sofort und nahm ihre Hand. »Und heute, Verena, darfst du nicht fleißig
sein, heute wollen wir hinaus –« Er stockte, als er ihr unschlüssiges
und müdes Gesicht sah, »– hinaus aufs Land.«
»Ich kann nicht einen ganzen Tag verlieren«, antwortete Verena; »ein
wichtiges Examen steht bevor ...«
Hin und her gehend, verstimmt und erregt durch ihre Weigerung, sagte
Arnold: »Ich will aber, daß du mitgehst, Verena. Du sollst nicht etwas
anderes wollen als ich.«
»Ich habe schon gesagt, daß ich nicht gehe«, entgegnete Verena leise,
indem sie nach ihrer Weise die Brauen erhob und den einen Mundwinkel
verzog.
Arnolds Gesicht wurde rot. »Du mußt!« rief er mit Heftigkeit und schlug
dabei in die Hände. Aber der Anblick Verenas ließ ihn sofort bereuen,
was er getan. Ihr plötzliches, unwillkürliches Händefalten, das
bestürzte und klagevolle Abwenden ihres Gesichts und die gewaltsam
emporsteigende Entschlossenheit, die sich in ihrem schräg zur Erde
gerichteten Blick kundgab, erschreckten ihn.
»Ich lebe nicht nur in der Liebe«, sagte endlich Verena mit einer
seufzend sich hebenden Stimme, »und das ist vielleicht meine Schuld. Du
aber, Arnold, bist in Gefahr, dich ganz in Liebe zu verlieren, und das
ist schlecht ...«
»Ich weiß nicht, daß du mich liebst«, erwiderte Arnold trotzig und
schüchtern zugleich, »ich habe keine Beweise.« Er setzte sich auf den
Kohlenkasten und, den Kopf zwischen den Händen, starrte er zu Boden.
In tiefstem Erstaunen verharrte Verena eine lange Minute hindurch
regungslos. Dann zuckte ihr Mund, und ihre Züge strahlten plötzlich von
herrlichem inneren Licht. Sie ging hin, legte Arnold den Arm um den
Nacken und suchte, wobei sie sich tief niederbeugen mußte, seinen Blick
mit ihrem zu vereinen. »Nun geh«, flüsterte sie endlich. »Heute wollen
wir uns nicht mehr sehen.« Sie küßte ihn, erhob sich, deckte die Hand
über die Augen und wandte sich ab. Sie weinte, doch gelang es ihr
vollkommen, dies zu verbergen, wenn auch das innerliche Schluchzen ihren
Mund fast sprengen wollte.
Auch Arnold stand auf. »Gut, auf morgen also, Verena«, sagte er mit
brennendem Schamgefühl. Hier ist irgend ein Mißverständnis, dachte er,
als er die Treppe hinabschritt. Sehnsucht ergriff ihn plötzlich, und er
wußte nicht recht, war es Sehnsucht nach Verena, oder nach etwas in ihm
selbst, das er verloren geben mußte. Im untern Stockwerk hing ein
kleiner Spiegel neben einer Türe. Er blieb davor stehen, betrachtete
sich aufmerksam und lächelte zerstreut.
Zu Hause machte er sich über seine Bücher und Hefte her, aber es gelang
nichts. Die Gedanken blieben wie faule Spaziergänger unterwegs liegen.
Er besuchte, wie er es jetzt bisweilen mit erwachendem Verständnis zu
tun pflegte, eine Gemälde-Galerie. Meist blieb er vor den
landschaftlichen Darstellungen stehen. Heute, da die ersten Boten des
Frühlings durch die Gassen zogen, betrachtete er auf den Bildern braune
Bäume mit machtvollen Kronen, stille Teiche, verglimmende Abendhimmel,
helle Herden und weitgestreckte Ackergründe.
Es schien, als ob die Zeit auf dem Flecke bleiben wolle. Endlich wurde
es Abend, endlich Nacht. Arnold begriff seine Ungeduld und sein Bangen
nicht. Am andern Morgen kam Wolmut zur bestimmten Stunde. Er reichte
Arnold einen verschlossenen Brief und sagte, ruhig und sachlich wie
immer: »Ich soll Sie vielmals grüßen. Verena Hoffmann ist abgereist.«
Arnold starrte ihm entsetzt ins Gesicht. »Was –?« fragte er, und die
weißen Blätter auf dem Tisch schienen auf einmal rot zu werden. Hastig
riß er den Brief auf und las: »Mein Liebster, ich sage dir Lebewohl.
Mühe dich nicht, mich zu finden oder mir zu folgen, es wäre umsonst.
Wenn du das Warum spürst, wirst du mich nicht anklagen, wenn nicht, dann
würde uns dies doch allzubald auseinander reißen. Ich werfe weg, um
nicht zu verlieren. Lebe wohl! Tetzner begleitet mich.«
Arnold nahm Mantel und Hut, stürzte fort, warf sich unten in einen
Wagen, nachdem er mit heiserer Stimme dem Kutscher Verenas Adresse
zugerufen hatte. Zorn, Schrecken, Reue, Scham machten ihn fast
besinnungslos.
Die Wohnung Verenas war leer. Schnell hatte sie’s vollbracht. Er lief
wieder herab, ging zwei Häuser weiter, – auch Tetzner war auf und davon,
und jetzt erst glaubte es Arnold, da seine Augen ihn überzeugt hatten.
Er stand vor dem Haus, als wisse er nicht, wohin er sich wenden solle.
Welch ein Mißverständnis ist dies? fragte er sich verstört. Noch immer
vermochte er nichts zu sehen als ein Mißverständnis, wie jemand, der
eine Mauer nicht gewahrt, weil er die Hand vor die Augen hält.