Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für Arnold, andere Laute
hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben
erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine süße,
gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu können; sein eigenes
Spiegelbild kam ihm näher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen
bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an
einem verlorenen Punkt seiner Träume finden. Nichts löste sich in
Weichheit auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, aber alles, was
er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und
Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht
günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die
Flut des Glückes.
Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander täglich und
gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straßen
spazieren. Sonst saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen
Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die
Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der
gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung
ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden schien.
Allmählich erschütterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie fürchtete für
ihn, denn je schärfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie
fürchtete auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen
Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu
entweichen, um immer stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu
spüren. Sie sah sich verfallen.
Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und Untiefen des
Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde,
und da es wenig genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und
dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu übertreffen
brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr
stutzig; es betrübte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,
die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr;
Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als
Arnold Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon
verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte
sie: »Nun ist es entschieden. Ich bin frei.«
Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, was sie meinte.
»Wovon wollen Sie leben?« fragte er.
Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an seinem Unvermögen«,
entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lächelnd und breitete in
ihrer sinnlich-müden Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden geben,
Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. Übrigens bin ich
nicht ganz entblößt.«
In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die nächsten Tage. Eine
Verachtung alles Glänzenden, Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst
in seiner Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber
eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt von einem wie im Traum
gefaßten Entschluß. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht
zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, wartete er anderthalb
Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den
Widerglanz ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen
Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie
selten. Sogleich begann Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht
müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich
nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur
nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten
und alles gehört Ihnen.«
Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße einen Strick mit einem
Messer vertauschen«, antwortete sie schroff und ließ ihn vor dem Haus
stehen.
Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der
Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim.
Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem
fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden vor ihn
hinströmen, malte Schatten, deren Körper er nicht zu sehen vermochte.
Zum erstenmal tönte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm;
getröstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und
erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein
seiner Gefühle auf festem Grunde hielt.
Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht
verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von
Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena.
Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich
behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen
wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald
füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten
Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke,
Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute
und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle
warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht,
jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich
Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern
nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum
Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und
Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es
Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und
aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von
Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod
verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk
ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und
der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen
der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum,
– aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber
Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte,
daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben
hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn
beschlich eine frevelhafte Sicherheit.
Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden
Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe
aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend,
die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich
auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und
Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so
ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde.
Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie
hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm
begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten
lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme.
»Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde
Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu
lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.«
»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein
Versorgungsstübchen in Podolin betteln.«
Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit
kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte.
Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück
begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art.
Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu
besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert
Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das
geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch
besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei.
Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in
Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es
für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis
zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der
Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von
kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren
Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre
Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du
solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du
es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein
bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein
schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen.
Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog
schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.
Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte
Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau
König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold
eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß
alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte
Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra
spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder
beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte
kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag,
sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu
schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf
entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der
würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt
hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank
danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen
hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.
Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer
Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie
nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit
heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit
auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.
Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem
Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen
blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines
Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter
aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre,
zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.
»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen
Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.«
Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch
nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten
reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er
begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei
war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen
Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt,
das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte
irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und
war sehr stolz darauf.
Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke
und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser
Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab’ es erst vor einer
Woche erfahren –, wissen Sie es?«
»Was?« Arnold war verdutzt.
»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich
Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie
Silbe für Silbe glauben wollen?«
»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt
aussah.
Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das
ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch
nichts? Seien Sie aufrichtig.«
»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein,
»kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit
verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen
Kartenreihen.
»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und
sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit
dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort:
»Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit
Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander
bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die
Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht
entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas –«
Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die
Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit
mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn
sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie
glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich
selbst.
Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch
dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte
sie ärgerlich.
Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß
sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber
hinweg.