Neununddreißigstes Kapitel

Eine andere Sprache redeten jetzt die Stunden für Arnold, andere Laute

hatte der Tag, andere Strahlen das Licht. Sein zurückliegendes Leben

erschien ihm als ein einziger Schritt vom Nichts in eine süße,

gesammelte Welt. Jetzt erst glaubte er, sehen zu können; sein eigenes

Spiegelbild kam ihm näher und wesensvoller vor. Er war mit allen Sinnen

bei der Arbeit, aber zur selben Zeit konnte er sich mit ganzer Seele an

einem verlorenen Punkt seiner Träume finden. Nichts löste sich in

Weichheit auf, keine Ader seines Körpers wurde schlaff, aber alles, was

er unternahm, hatte einen bestrickenden Reiz von allgemeiner Liebe und

Erkenntnis des Besseren. Jede Schwierigkeit versank unter der Wucht

günstiger Notwendigkeiten; die Gefahren tauchten schon von ferne in die

Flut des Glückes.

Abends war er mit Verena beisammen; sie trafen einander täglich und

gingen, wenn das Wetter es erlaubte, stundenlang in den Straßen

spazieren. Sonst saßen sie im Zimmer oder in einem kleinen

Vorstadtkaffeehaus. Verena war es, die den Aufenthalt bestimmte, die

Zeit begrenzte. Sie war es, welche die Schranken zog, und Arnold, der

gehorsam davor stehen blieb. Sie erstaunte, wie er unter der Berührung

ihres Blickes weicher, wärmer, empfindlicher zu werden schien.

Allmählich erschütterte es sie sogar, dies zu sehen. Sie fürchtete für

ihn, denn je schärfer der Stahl, je tiefer die Scharte, dachte sie. Sie

fürchtete auch für sich; sie hatte nicht geglaubt, einen solchen

Menschen ohne Anstrengung zu gewinnen. Nach allen Seiten suchte sie zu

entweichen, um immer stärker und glühender den Hauch seiner Nähe zu

spüren. Sie sah sich verfallen.

Ihre Gespräche bedeckten gleichmäßig Tiefen und Untiefen des

Beisammenseins. Verena wartete stets ab, was von ihr gefordert wurde,

und da es wenig genug war, so konnte sie sich großmütig erweisen und

dort schenken, wo sie nur ein bescheidenes Verlangen zu übertreffen

brauchte. Ihre eingeschränkte Lebensweise machte Arnold mehr und mehr

stutzig; es betrübte und beleidigte ihn, sie in einer Lage zu wissen,

die von der seinigen so sehr verschieden war. Einmal kam er zu ihr;

Tetzner stand mit gekrümmtem Rücken und gebeugtem Kopf nahe der Tür. Als

Arnold Verena begrüßt hatte und sich nach ihm umschaute, war er schon

verschwunden. Verena blieb einsilbig und abgekehrt. Erst am Abend sagte

sie: »Nun ist es entschieden. Ich bin frei.«

Erst nach sorgenvoller Überlegung verstand Arnold, was sie meinte.

»Wovon wollen Sie leben?« fragte er.

Sie zuckte die Achseln. »Man verhungert nur an seinem Unvermögen«,

entgegnete sie. Sie wandte sich ab, seufzte lächelnd und breitete in

ihrer sinnlich-müden Weise die Arme aus. »Ich werde Stunden geben,

Schreibarbeiten machen, Holz hacken, was sich bietet. Übrigens bin ich

nicht ganz entblößt.«

In ungreifbarer Betrübnis verbrachte Arnold die nächsten Tage. Eine

Verachtung alles Glänzenden, Reichen, Geputzten erfaßte ihn; er selbst

in seiner Unbekümmertheit und Sattheit erschien sich verwerflich. Aber

eines Morgens erwachte er, förmlich erhitzt von einem wie im Traum

gefaßten Entschluß. Er machte sich auf den Weg zu Verena. Sie war nicht

zu Hause; auf der Straße auf und ab gehend, wartete er anderthalb

Stunden. Sie kam. Morgendlich hell, freudig bewegt, ihn zu sehen, den

Widerglanz ihrer Tätigkeit und ihrer Besonnenheit in den weichen

Gesichtszügen und in der robusten Gestalt, reif und anziehend wie

selten. Sogleich begann Arnold. »Ich bin ein Esel, Verena; wie schlecht

müssen Sie von mir denken. Ich habe einen Sack voll Geld und wenn ich

nur ein Loch hineinschneide, rollt es aufs Pflaster. Sie brauchen nur

nehmen, Verena, und nicht einmal das, Sie brauchen nur darauf zu treten

und alles gehört Ihnen.«

Kalt und stolz sah ihn Verena an. »Das hieße einen Strick mit einem

Messer vertauschen«, antwortete sie schroff und ließ ihn vor dem Haus

stehen.

Nicht imstande, ihr zu folgen, blieb Arnold wie geschlagen auf der

Schwelle. Mit schleichenden Schritten ging er endlich langsam heim.

Gegen Abend empfing er einen wunderlichen Brief von Verena. Mit einem

fast widerwilligen Anschmiegen ließ sie dunkle Leiden vor ihn

hinströmen, malte Schatten, deren Körper er nicht zu sehen vermochte.

Zum erstenmal tönte ihr Wesen in einer weiblichen Klage vor ihm;

getröstet und aufatmend machte er sich das tote Papier zum Freund und

erblickte in ihm einen Anker, der das ratlos schweifende Schifflein

seiner Gefühle auf festem Grunde hielt.

Aber die wunderliche Scham über seinen Besitz wollte ihn nicht

verlassen. Er faßte plötzlich den Plan zu einer Art von

Wohltätigkeitsinstitut. Dies erschien ihm wie ein Opfer für Verena.

Wolmut, der diesen Einfall zuerst verwarf, war ihm schließlich

behilflich, da er doch wenigstens etwas Zweckmäßiges getan wissen

wollte. Das Gerücht trug den Namen des Helfers rasch genug herum. Bald

füllte sich das Vorzimmer von Arnolds Wohnung täglich mit den buntesten

Figuren: Frauen und Greise, Jünglinge, Familienväter, Kinder; Kranke,

Vorsteher von Vereinen, Unternehmer von Sammlungen, verarmte Kaufleute

und Handwerker, mittellose Schauspieler, Beamte, Adlige, Arbeiter, alle

warteten auf ihre Viertelstunde und zogen befriedigt oder enttäuscht,

jeder nach seiner Veranlagung wieder davon. Es kam so weit, daß sich

Leute einfanden, welche durchaus nicht nach Geld trachteten, sondern

nur in einer schwierigen Lebensverwickelung Rat einholen wollten, zum

Beispiel, wenn sie amtliche Scherereien hatten, in Heirats- und

Erbschaftsangelegenheiten, ja sogar in Fragen ihres Berufs. Oft gab es

Stoff zum Lachen, oft seltsame Einblicke in das Treiben der Leute, und

aus mancher geheimnisvollen Not sprach das Leiden und der Irrtum von

Geschlechtern. Und wie wenn die schlaffe Haut von einem zu Tod

verwundeten Tier sich löst, so daß das in Krämpfen zuckende Muskelwerk

ans Licht tritt, so konnte Arnold in das kranke Fleisch des Landes und

der Gesellschaft blicken. Unduldung und Willkür, gelassenes Hinnehmen

der Rechtlosigkeit, grausamstes Ränkespiel und hartnäckiges Strebertum,

– aus ebensovielen Wunden rieselte die Lebenskraft des Staates. Aber

Arnold litt nicht so sehr darunter, als er sich glauben machen wollte,

daß er litt. Es war, als ob Leidenschaft ein Gitter um ihn gewoben

hätte. Wohl sah er Pfeile fliegen und Getroffene niederstürzen, aber ihn

beschlich eine frevelhafte Sicherheit.

Wolmut, wie ein uneigennütziger und gewandter Minister, behandelte jeden

Fall mit trockener Sachlichkeit und stand in dem kleinen Tatengewebe

aufmerksam da, vielleicht mit Wissen die größere Rolle einstudierend,

die er der Welt einst vorzuspielen gedachte. Arnold lernte von ihm, sich

auf das Einfache und Zweckdienliche zu beschränken, alles Gebauschte und

Überflüssige zu vermeiden. Auch äußerlich lebte er so einfach und mit so

ängstlicher Sparsamkeit, daß er zum Spott seiner näheren Umgebung wurde.

Anna Borromeo beobachtete sein Tun mit Verdruß und Entrüstung. Sie

hatte jetzt selten Gelegenheit, ihn zu sehen, aber wenn sie ihm

begegnete, erbleichte sie vor Zorn. Sie beklagte sich bei ihrem Gatten

lebhaft über das Gesindel, welches nun täglich Flur und Treppen stürme.

»Gut«, erwiderte der Doktor mit niedergeschlagenen Augen, »ich werde

Arnold ersuchen, vor dem Haustor Fräcke und seidene Kleider austeilen zu

lassen. Dann kannst du die Herrschaften getrost auch bei dir empfangen.«

»Du hast recht«, gab Anna zurück; »und wir beide werden bei ihm um ein

Versorgungsstübchen in Podolin betteln.«

Man meldete Besuch, den Baron Valescott, einen jungen Leutnant, der seit

kurzem zu Anna Borromeos eifrigen Verehrern gehörte.

Borromeo begegnete Arnold im Stiegenhaus. »Willst du mich ein Stück

begleiten?« fragte er in seiner zurückhaltenden und bescheidenen Art.

Arnold erklärte sich bereit; er war auf dem Wege, Natalie Osterburg zu

besuchen. Sie hatte ihm geschrieben, einen langen Brief mit hundert

Entschuldigungen, er möge nicht böse sein, sie werde auf Ehrenwort das

geliehene Geld am ersten Januar zurückerstatten, er solle sie doch

besuchen und damit zeigen, daß er ihr noch freundlich gesinnt sei.

Sie gingen ein Stück Wegs, ohne daß Borromeo, was ihn beschäftigte, in

Worte zu fassen vermochte. Er war redensmüde; immer schwerer wurde es

für ihn, sich mit der realen Teilnahme des Lebenden vor ein Geschehnis

zu stellen, da all und jedes Ding für ihn in ein unermeßliches Meer der

Nutzlosigkeit floß. Trotzdem sagte er schließlich mit einem Anflug von

kränklicher Ironie: »Du ziehst das lebhafte Mißfallen der besseren

Kreise auf dich. Die besseren Kreise wollen nicht, daß man ihre

Privilegien, die sie ja freilich nicht ausüben, zu wörtlich nimmt. Du

solltest dir ein Sammetpolster kaufen und darauf sitzenbleiben. Tust du

es nicht, so werden die besseren Kreise dafür sorgen, daß dein

bisheriger Sitz mit Nadeln gepolstert wird. Du siehst, es ist kein

schöner Kampf, man kann ihn nicht auf ehrliche Weise führen.

Stecknadelschlacht ist es.« Er reichte Arnold die Hand und zog

schwermütig die Brauen empor. Arnold sah ihm sinnend nach.

Bei Osterburgs wurde er in das große Wohnzimmer geführt. Im Ofen brannte

Feuer. Es war eine ordentliche Versammlung da: Petra, die alte Frau

König, Natalie, ihr Mann, ihre beiden Kinder und Hyrtl. Als Arnold

eintrat, herrschte die größte Stille, und er gewahrte mit Erstaunen, daß

alle Sieben in der gleichen Weise beschäftigt waren. Frau König legte

Patiencen mit zierlichen Elfenbeinkärtchen, dasselbe tat Natalie; Petra

spielte mit Herrn Osterburg Beziques. Selbst die beiden Kinder

beschäftigten sich mit einem Kartenspiel und Hyrtl legte die sogenannte

kleine Patience. So saßen sie seit Stunden, nicht nur an diesem Tag,

sondern jeden Tag, den Gott gab. Bisweilen fing Frau König an zu

schmälen, dann sagte Natalie Pst und vertiefte sich wieder. Hierauf

entspann sich unter den Kindern ein bedeutender Kriegslärm und der

würdige Vater brachte sie durch einen Zornanfall zur Ruhe, der genügt

hätte, um eine Schar von Landsknechten einzuschüchtern. Auch er versank

danach wieder im Spiel wie ein Frosch, der flüchtig das Wasser verlassen

hat, nur um ein Donnerwetter am Himmel zu bequaken.

Natalie begrüßte Arnold etwas verlegen. Alle hörten auf zu spielen außer

Frau König, die dem jungen Mann so vertraulich zulächelte, als ob sie

nichts Lieberes als ihn kenne. »Gleich bin ich fertig«, sagte sie mit

heiserer Stimme und deutete mit einer übertriebenen Rokokohöflichkeit

auf einen leeren Stuhl an ihrer Seite.

Osterburg gähnte, befühlte seine Lenden und warf sich mit gelangweiltem

Gesicht auf eine Ottomane, wo er einstweilen wie ein Gestorbener liegen

blieb. Die beiden Kinder, gestachelt durch die Anwesenheit eines

Fremden, brachen wechselsweise in ein völlig unbegründetes Gelächter

aus, als ob es an sich verdienstvoll und der Aufmerksamkeit wert wäre,

zu lachen. Mit verurteilendem Gesicht blickte Petra ins Leere.

»Denken Sie nur, ich schlafe nicht mehr«, klagte Natalie. »Seit vielen

Nächten kann ich kein Auge mehr schließen.«

Osterburg bewegte sich. »Seit ich dich kenne, meine Liebe, hast du noch

nie geschlafen«, rief er verdrossen und gereizt. Zu gewissen Zeiten

reizte ihn der harmloseste Laut. Jemand gebrauchte das Wort Kunst und er

begann unbestimmt ins Blaue zu schimpfen. Besonders auf neuere Malerei

war er schlecht zu sprechen und Richard Wagner war aus unerfindlichen

Gründen sein Todfeind. »Wissen Sie, daß ich krank bin?« sagte er jetzt,

das Haupt matt nach Arnold drehend. »Ich habe Psorias.« Er hatte

irgendwo den Fachausdruck für einen unbedeutenden Ausschlag gefunden und

war sehr stolz darauf.

Natalie zog Arnold, der bisher kein Wort gesprochen hatte, in eine Ecke

und nahm auf einem niedrigen Sesselchen neben ihm Platz. In atemloser

Erregung sagte sie: »Wissen Sie denn schon? Ich hab’ es erst vor einer

Woche erfahren –, wissen Sie es?«

»Was?« Arnold war verdutzt.

»Ich möchte Ihnen gern etwas mitteilen, Herr Ansorge«, ließ sich

Osterburg wieder vernehmen, »aber geben Sie mir das Ehrenwort, daß Sie

Silbe für Silbe glauben wollen?«

»Er braucht einen Maulkorb«, murmelte Hyrtl, der müde und verstimmt

aussah.

Natalie klatschte in die Hände. »Petra!« rief sie triumphierend über das

ganze Zimmer, »er weiß noch nichts. Also Sie wissen wirklich noch

nichts? Seien Sie aufrichtig.«

»Wenn du so schreist, liebes Kind«, fiel die alte Dame mahnend ein,

»kann ich unmöglich nachdenken. Ich habe kein Aß mehr, ...« Mit

verglasten Augen starrte sie auf die soldatisch regelmäßigen

Kartenreihen.

»Hanka hat seine Frau weggejagt«, begann Natalie mit Feierlichkeit und

sah, die Wirkung erwartend, Arnold gespannt an. Da die Unbeweglichkeit

dieser Züge sie enttäuschte, fuhr sie mit berechneter Steigerung fort:

»Hanka ist verreist und niemand weiß wohin. Beate hat ein Verhältnis mit

Pottgießer, Ihr Freund, Maxim Specht, hat die beiden miteinander

bekannt gemacht. Alle Welt spricht davon, jetzt erst, obwohl die

Geschichte schon Monate alt ist. Nun? was sagen Sie dazu? Ist das nicht

entsetzlich? Aber so reden Sie doch etwas –«

Jetzt erhob sich Petra, schaute tief aufatmend und verzweifelt gegen die

Decke des Zimmers und ging schweigend hinaus. Sie kam nach kurzer Zeit

mit einem Buch zurück und ihre Züge zeigten ein ehernes Lächeln. Wenn

sie ein Wort sprach, war es von der gewähltesten Natürlichkeit, denn sie

glaubte sich von andern ebenso unaufhörlich beobachtet wie von sich

selbst.

Natalie war unzufrieden mit Arnold. Er war weder überrascht, noch

dankbar, weder erschreckt, noch anteilvoll. »Sie sind ein Stock«, sagte

sie ärgerlich.

Hyrtl und Arnold gingen zusammen. Hyrtl sagte, er glaube im Ernst, daß

sein Herz nicht mehr lange gehorchen werde. Kühl hörte Arnold darüber

hinweg.

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