Ende August kehrte Anna Borromeo vom Landaufenthalt zurück. Sie machte
sofort Besuche, empfing Besuche, abonnierte für Konzerte und Theater und
bereitete sich auf das gewohnte Herbst- und Winterleben vor. Stöße von
Romanen kamen von der Buchhandlung und vom Leihgeschäft und keiner
konnte sie länger als einen Vormittag festhalten. Sie jagte hierhin und
dorthin, klagte über Schlaflosigkeit, schien bald entkräftet, bald
überreizt, bald geschwätzig und bald allzu still. Arnold verfolgte
aufmerksam ihr Treiben, und ihn beklemmte es, sie und den Oheim in einem
so engen und ewigen Verhältnis zu denken, als welches ihm die Ehe
erschien.
Friedrich Borromeo war tief in sich gekehrt. Nichts kam der Müdigkeit
und Gelassenheit gleich, mit welcher er Messer und Gabel führte, die
Speisen auf seinen Teller legte, nichts der Appetitlosigkeit, mit der er
aß oder ein Gespräch zu einem vorläufigen Endpunkt schleppte.
Es verdroß und kränkte Arnold, dies zu beobachten. Noch brannte in ihm
der Wunsch, sich um Menschen zu bemühen. Als er an einem Morgen mit
Borromeo allein beim Frühstück saß, begann er offen: »Könntest du mir
nicht sagen, was dich so niederdrückt? Muß denn alles so sein, wie es
ist?«
Borromeo zog die Brauen langsam empor. Seine beiden Augensterne rollten
erlöschend in die Winkel. »Du fragst wie ein Jüngling«, sagte er, »aber
ich kann dir nicht antworten wie ein Mann. Lassen wir das. Auch die
Sterbenden haben ein #nil nisi bene#.«
Als sie sich voneinander trennten, war Borromeos Händedruck voll Wärme.
Nichts konnte deutlicher ausdrücken, wie zufrieden er mit ihm war und
wie sehr er ihm vertraute.
Mit seinem jungen Lehrer Wolmut hatte Arnold ein gutes Verständnis
erreicht. Er erkannte sofort dessen glückliche und gesunde Veranlagung,
allen Kräften seines Wesens gleichmäßig zur Entwicklung zu verhelfen
und beobachtete ihn so scharf, als ob er durch die fremde Natur seine
eigene ohne weiteres vervollkommnen könne.
Völlig das Kind eines wissenschaftlichen Zeitalters, gehörte Wolmut zu
jenen Menschen, welche sich eine Weltanschauung aufbauen, um damit das
Leben zu kommandieren. Seine kleinsten Geschäfte verrichtete er mit
unermüdlichem Eifer und strenger Gewissenhaftigkeit, und seine Armut
trug er mit selbstverständlichem Stolz. Er liebte um jeden Preis zu
lernen und suchte stets zu helfen. Sein klares Urteil befähigte ihn,
jede schadhafte Stelle in der Lebensführung des Andern sofort zu
übersehen. Die neugierige Frage tauchte in Arnold auf, wie sich Wolmut
gegenüber Elasser und der Gewalttat des Klosters benommen hätte. Seit
jener Nacht, die unter dem Kastanienbaum in Regen verflossen war, hatte
er nicht aufgehört, sich zur Rechenschaft zu ziehen, mit sich und der
Welt zu hadern. Allmählich war sein leidenschaftliches Wollen einem
dumpfen Zwiespalt gewichen. Er glich einem Mann, der kampf- und
rechtbegeistert vom Schlachtfeld reitet, um Verstärkungen gegen den
Feind zu holen; er eilt anfangs und seine Botschaft benimmt ihm noch den
Atem. Dann wird seine Stirne kühler. Er beginnt Gefallen an der
Landschaft zu finden, läßt allmählich das Pferd im Tritt gehen und an
geschützter Stelle grasen; aus der Nacht wird Morgen, aus dem Morgen
Mittag. Der drängende Ruf, der seine Schritte beflügelt hatte,
verklingt, die schreckensbleichen Gesichter, die ihre flehenden Blicke
dem Abgesandten in die Seele bohrten, entrücken unter dem Horizont, und
aus dem Geschehenen wird sozusagen eine Vorstellung.
Dazu war Arnold in den letzten Tagen sehr bemüht gewesen, eine ihm neue
Weichheit der Stimmung abzuschütteln von der er kaum wußte, woher sie
kam. Er stellte also eine Frage an Wolmut, die harmlos schien. Er
gedachte zu ersehen, welches Echo die Podoliner Ereignisse in einem so
Fern-, doch wahrhaft Mit-Lebenden gefunden hätten.
»Soviel ich weiß, steht die Geschichte auf dem alten Fleck«, erwiderte
der Student. »Ich hörte, die Regierung habe jemand zum Papst gesandt,
aber dadurch wird nichts geändert werden. Wenn die Justiz ihre
unmittelbaren Handhaben verloren hat, ist für den Einzelnen keine
Möglichkeit mehr, sich zu widersetzen. Der Rechtsbegriff wird nicht
erzwungen und gemacht, sondern bildet sich wie die Sprache.«
Arnold sah ziemlich betroffen vor sich nieder. »Das hört sich gut an«,
erwiderte er schroff, »so lange, bis Sie selber dabei den Hieb bekommen.
Wollen Sie verzichten, an dem Unrecht teilzunehmen, das nicht an Ihnen
selbst ausgeübt wird?«
Wolmut lächelte. »Das müßte man auch. Es handelt sich nur um eine
Ausschaltung unzweckmäßiger Triebe. Was soll platonische Teilnahme? Sich
selbst in Betrieb setzen, eine Maschine sein, die möglichst viel Räder
in Bewegung setzt, mit der Feuerung haushalten und bei der größten
Arbeitsleistung den kleinsten Kräfteverbrauch erzielen, ist das nicht
Teilnahme genug?« Der kleine, schmale, hübsche Mensch mit dem
rosenroten Gesicht sprach ruhig und überlegen, mit einer Verhaltenheit,
als wolle er Meinung und Gebahren sogleich in Einklang bringen.
»Das ist wahr, weil es wahr sein kann«, gab Arnold gereizt zurück. »Ich
will nicht sagen, daß ich anders denke, aber wenn ich gar nicht denke,
wird alles anders.«
»Gefühl zerstört«, behauptete Wolmut mit seiner unerschütterlichen
Lehrsamkeit. »Ziehen Sie Ihren Kreis; verbieten Sie Ihrer Fußspitze, ihn
auch nur um einen Millimeter zu überschreiten. Glück ist Positivität.
Die Welt ändern wollen heißt, sich selbst vernichten.«
Arnolds Gesicht rötete sich. »Das ist Streberweisheit«, rief er zornig
aus. »Das Judenmädchen ist also nur deshalb nicht zu retten, damit wir,
ich und Sie, glücklich werden?«
Wolmut zuckte die Achseln. »Warum denn nicht? Jede Kultur schleppt noch
einen Rest von Finsternis hinter sich her, der von selbst kleiner wird
wie ein Schatten, je höher die Sonne steigt. Ich predige nicht Apathie
oder banalen Egoismus. Aber jeder Mensch muß unbedingt seine Handlungen
nach dem Maß seiner Hilfskräfte modeln. Ebenso wie er zu jeder Minute
sich darüber klar sein muß, daß nichts in seinem eigenen Charakter ihn
überraschen und daß kein Vorfall der Welt ihn verführen kann, die Arme
statt des Kopfes oder das Herz statt der Füße zu gebrauchen.«
Arnold hatte das Gefühl, als ob ein schädlicher Doppelgänger auf ihn
zugetreten wäre, um die Gedanken der Entschuldigung und entfremdeten
Kälte, die er gehegt, in ein System zu pressen. Dieser feste und
ehrliche Mensch, weit entfernt, ihn zu überzeugen, verdunkelte ihn nur
vor sich selbst und vermehrte seine Unsicherheit.
Er klagte im stillen seine Jugend und erste Erziehung an, die ihm
vorenthalten hätten, wozu andere so mühelos und planvoll kämen:
Sichbescheiden. Darüber erhob sich die Gestalt der Mutter, und mit einem
Gemisch von Schrecken und Scham kehrte er wieder zu jener weichen
Stimmung und Verstimmung zurück, aus deren Wolken sich das Gesicht
Verenas erhob. Aber nicht mit Innigkeit stand er vor der Erscheinung,
sondern mit Trotz und Wachsamkeit, als ob sich neuerdings eine Sache der
Gewalt und der unbefugten Eingriffe zu entscheiden habe.
Eines nachmittags machte er sich auf, um Verena zu besuchen. Er fand in
ihrem Zimmer eine kleine Gesellschaft fremder und halbfremder Menschen
beim Tee, unter ihnen Wolmut und Tetzner. Verena war zurückhaltend wie
sonst, doch heiterer. Tetzner saß schweigsam beim Fenster, und Wolmut
setzte seine Ansicht über Askese auseinander.
Verena stand auf und trat zu Arnold. »Ich habe für morgen Abend zwei
Billette zum Konzert«, sagte sie freundlich. »Vielleicht kommen Sie
mit?«
Arnold lächelte ohne zu antworten. Verena war etwas verwundert; dann
preßte sie die Lippen zusammen, erblaßte und warf einen flüchtigen Blick
auf Tetzner, der schweigend und abgekehrt saß. Hierauf sahen sie sich
zum erstenmal von solcher Nähe in die Augen, Arnold mit großem, etwas
knabenhaftem Blick, Verena mit einem zugleich bösen und flehenden
Ausdruck. »Kommen Sie nur«, wiederholte sie schließlich mit der vorigen
Freundlichkeit, »man spielt Beethoven.«
Am nächsten Abend holte er sie gegen sieben Uhr ab, und sie fuhren zum
Konzertsaal.
Wunderbare Klänge hörte Arnold in diesen Stunden. Er sah eine Säule
langsam und zart bis in den höchsten Himmel wachsen, und oben erst
sprühten die erdgeborenen Blitze. Es war, als würden ihm zwei neue Ohren
aufgerissen, und er lauschte mit einem Zustimmen seines tiefsten
Herzens.
Aus einer hastigen Äußerung entnahm Verena, daß er ganz und gar nicht
zerflossen war. Das hatte sie wohl erwartet, allein sein bestimmtes und
heiteres Wesen erfüllte sie mit seltsamer Furcht.
Als es aus war, gingen sie lange schweigend auf der Straße
nebeneinander. »Ich habe Hunger«, sagte Arnold endlich. »Wollen wir
nicht in das Gasthaus da?« Er deutete auf die erleuchteten Fenster eines
vornehmen Restaurants.
Verena schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich bin keine Millionärin«, sagte
sie. »Überdies habe ich Tetzner versprochen, nach Haus zu kommen.«
Sie gingen weiter. »Ich lebe nämlich von Tetzners Geld«, sagte sie auf
einmal mit veränderter Stimme.
Arnold hatte Mühe, einer rätselhaften Freude Herr zu werden, die ihn von
der Stirn bis zu den Sohlen einhüllte.
»Aber ich will nicht sprechen,« fuhr Verena fort. »Wozu auch. Man kann
doch nichts aus sich herausbringen. Ich bin auch kaum mehr fähig, mich
zu verständigen. Ach, das Leben, das elende Leben!«
»Das elende Leben? Nein, das schöne Leben«, versetzte Arnold. »Das
schöne, herrliche, gute glückliche Leben! Jeden Tag bin ich froh, daß
ich lebe.«
Bei diesem unerwarteten Ausbruch sah ihm Verena mit einem forschenden
und ergebenen Blick in die Augen.
Sie waren im Haus. Verena zündete eine Kerze an und ging gedankenvoll
voraus, den Arm mit der Kerze hochhaltend und Arnolds Gegenwart lebhaft
und dankbar fühlend.
Oben angelangt, klopfte sie dreimal an die Türe und sah mit dem breiten
schwarzen Hut, dem langen glatten Mantel und dem vorgebeugten Kopf, der
von dem Licht magisch bestrahlt wurde, wie eine Zauberin aus.
Tetzner kochte Wasser zum Tee. Als der Tee fertig war, nahm er sein Buch
und setzte sich abseits. Verena legte Brot, Butter und kaltes Fleisch
auf einige Teller. Ihre niedere Stirn leuchtete über den blauen stillen
Augen wie ein weißes Blatt. Während sie aß, nahm sie ein Stückchen
Kreide und zeichnete auf der Tischplatte herum, dabei lächelnd und
verstohlen einigemal nach Arnold schielend. Er beugte sich über die Ecke
und erkannte verwundert sein übertriebenes Profil: ein rundes,
ausladendes Kinn, dessen Linie gegen den Mund abenteuerlich weit einbog
und so mit dem vorstehenden Lippenpaar einen wahren Hafen bildete, eine
griechisch kurze Oberlippe, das Stück eines kümmerlichen Schnurrbarts,
eine lange, gerade und unbescheiden in die Luft stechende Nase und über
der ungewölbten Stirn anständig und gleichmäßig gestrichenes Haar.
Arnold nahm nun seinerseits die Kreide und begann damit, Verenas Frisur
zu zeichnen. Mit diesem schwierigen Stück verging aber so geraume Zeit,
daß Verena belustigt ausrief: »Sehen Sie, auch dazu braucht es Talent.«
Tetzner hatte die Brille abgenommen und sie auf das offene Buch gelegt.
Mit großen, weit offenen Augen blickte er herüber.
»Was liest du?« fragte Verena.
»Ein Buch über die Liebe«, antwortete Tetzner.
Arnold blickte Verena an. Es gibt Augenblicke, wo ein einziges Wort
genügt, um die Seele zu entflammen. Sein berücktes Herz sammelte sich
plötzlich zu aller Sehnsucht und Leidenschaft, deren es fähig war.
»Wenn ich so das Leben überblicke«, fuhr Tetzner versonnen plaudernd
fort, und sein Blick richtete sich düster gegen die Wand, »so ist nichts
als Irrtum. Was man hat und rechtmäßig in sich trägt, wird
verschleudert, und das Schlechte, das trügerisch glänzt, kauft man um
teuren Preis. Auch die Liebe ist eigentlich ein Irrtum, und sie trübt
das Bild der Welt.«
Gegen den Ofen gelehnt, flüsterte Verena nervös: »Was soll das ewige
Reden! Ich bin satt von Worten. Ich bin überdrüssig, alles zu wissen,
was ich empfinde und empfinden soll.«
Tetzner ging auf und ab und seufzte. »So lange es Tee und Schinken auf
Erden gibt, soll man nicht über Liebe reden, das ist richtig«, sagte er
in seiner wiederkehrenden kaustischen Manier. Breitbeinig stellte er
sich vor den Tisch, starrte ins Licht der Lampe und trällerte mit
veränderter, heiserer Stimme:
»Wenn er bei einer Hochzeit ist,
Da sollt ihr sehen, wie er frißt;
Was er nicht frißt, das steckt er ein,
Das arme Dorfschulmeisterlein.
Wenn er einmal gestorben ist,
Legt man ihn sicher auf den Mist.
Ach wer setzt einen Leichenstein
Dem armen Dorfschulmeisterlein.«
Dann warf er den Wettermantel um, nahm den Schlapphut und sein Buch und
entfernte sich, ohne irgend Abschied genommen zu haben. Bald hörte man
ihn die Außentüre zuschlagen.
Die Stirn an die Scheibe gedrückt, stand Verena am Fenster. »Es ist
finster draußen«, murmelte sie mit erzwungener Gelassenheit. Als sie
sich umdrehte und Arnold gewahrte, entfärbte sich ihr Gesicht. Er ging
auf sie zu und packte mit Heftigkeit ihre Hände. Sie schwieg, atmete
jedoch wie eine Gehetzte. Er drückte ihre Hände nur um so fester, als
umschlösse er alles, was er im Leben an sich reißen wollen. Vergeblich
war sie bemüht, sich ihm zu entwinden.
»Sind Sie denn glücklich, Verena?« fragte Arnold endlich flüsternd, im
innigsten Ton, mit einem Ausdruck von Treuherzigkeit und
Selbstanerbietung.
Ihr Gesicht wurde kalt, verschlossen und todesruhig, und er gab ihre
Hände frei. Während sie sich an den Tisch setzte und den Kopf in die
Hand stützte, stand Arnold ratlos, wie niemals durchwühlt, gekränkt und
geängstigt. »Sie müssen jetzt gehen, Arnold«, sagte Verena plötzlich
weich.
Mit der Lampe leuchtete sie ihm in den dunklen Flur und wartete, weit
über das Geländer gebeugt, bis er unten war. Dort blieb er noch einmal
stehen und schaute nun in Wirklichkeit zu ihr empor, wie er es sonst in
seinen Gedanken zu tun pflegte. So begegneten sich ihre Augen durch eine
nächtige Ferne, einander grüßend, doch ohne Versprechen, ohne Begehren.