Nachdem Arnold Hankas Haus verlassen hatte, stand er eine Weile
unschlüssig vor dem Tor. Dann schritt er die unbekannte Gasse entlang,
kehrte aber wieder zurück. Schweigend standen die Villen und Landhäuser
zu beiden Seiten der Straße, und sein Ohr vernahm keinen andern Laut als
den des Regens. Er gelangte vor eine Bank, die unter dem Schutze eines
alten Kastanienbaumes leidlich trocken geblieben war und setzte sich
nieder.
Der letzte Blick und Händedruck Alexander Hankas wollten ihm nicht aus
dem Kopf. Arnold fühlte wohl, daß darin mehr und anderes enthalten war
als die dankbare Quittung für einen wohlgemeinten Dienst, anderes
jedenfalls, als was Arnold erwartet hatte. Er hatte erwartet, daß ein
Mann, der behäbig im Finstern gesessen, sich überrascht, tätig und
entschlossen dem Licht zuwenden würde, das ihm ein Freund ins Haus
getragen. Statt dessen, das verrieten ihm Empfindung und Beobachtung,
hatte er einen Gedemütigten hinter sich gelassen. Arnold hatte geglaubt,
eine Wahrheitsschuld abzutragen, und er hatte ein Gericht abgehalten.
Hankas Blick war deutlich: du hast gerichtet, aber wer hat dich gerufen?
War dies nun die Schwäche Hankas oder war es die menschliche Schwäche
oder war es Arnolds Irrtum?
Ist es Hankas Schwäche, dachte Arnold, dann beruht sein Glück darauf,
nicht zu sehen, wie das meine, sehen zu wollen. Und so wenig ich die
Macht habe, ihm mein Gehirn und mein Auge zu geben, so wenig steht bei
mir das Recht, ihm meine Wahrheit aufzureden. Hier ist kein Ausweg,
obwohl ich sehe, daß jedes Ding, gutes Ding und böses Ding zwei Seiten
hat. War es eine menschliche Schwäche, dann kann es ja auch meine
Schwäche sein, und es wird für mich um so vielmal schwerer, Recht zu
haben, als es außer mir noch Menschen gibt. Was Hanka besitzt, das ist
sein Eigentum: Kleid, Haus und Weib. Ich nehme an, Hanka käme zu mir und
sagte: deines Vaters Geld, von dem du zehrst, ist durch List, fremden
Schweiß und fremde Not zusammengehäuft. Ich müßte es prüfen und richtig
finden und müßte von mir werfen, was ich durch Lüge besitze, weil ich
doch behauptet habe, daß jeder seine Lüge von sich werfen soll. Aber wie
ist es mit Beate? Vielleicht war es der beste Weg, den sie erkannt hat,
zu schweigen? Vielleicht war es ihre Kraft, _nicht_ zu bekennen, und sie
liebte Hanka am besten, wenn sie sein Nichtwissen liebte? Vielleicht
war hier die Lüge das Bessere. Lüge, das ist doch nur ein Wort. Aber
wie? wenn er es auf rohe und niederträchtige Art erfahren hätte? ist ein
Wille, der etwas vollbringt, nicht ebenso gut wie das Ungefähr? und gilt
es darum nicht als Wahrheit, weil ich es gewollt?
Und wenn Lüge nur ein Wort ist, bald so, bald so zu nehmen, dann ist ja
auch Ungerechtigkeit nur ein Wort. Wenn man eine Wahrheit nicht schaffen
kann, dann kann man ja auch eine Gerechtigkeit nicht schaffen.
Vielleicht ist es irgendwo bestimmt, daß die Jüdin ins Kloster kam,
vielleicht hat das irgendwo sein Gutes, nur weiß ichs nicht. Aber das
wäre ja eine verzweifelte, eine höchst verzweifelte Geschichte, wenn der
Mensch nicht mehr imstande ist, zu wissen, was er soll und darf.
Sehr verwirrt erhob sich unser Held und ging wie in einem trübseligen
Rausch nach Hause.