Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun
weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken
zunächst auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte sich den Arnold,
den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm
gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des
Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mußte einen
Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles liebte. Und
schließlich mußte er sich gestehen, daß dieser Mensch von Sympathie
geführt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,
dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges Gefühl von Kälte gegen
Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte
noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch,
sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was führt ihn her? dachte er
trüb und trotzig. Mitleid? Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr.
Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein gegenseitiges Wissen
bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bäumen. Vielleicht wurde er
selbst verschmäht und spielt den Verräter, grübelte er voll
Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die Haut, als ob ihn Ekel
berührt hätte. Hundert Erwägungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert
Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu entstellen, immer
schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück: war ich also
blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter
Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, ließ all ihre Worte
nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu
studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder
eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand
verhüllt, Verlogenheit unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll
ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als müsse er sich auf den
Boden legen, um Jahre lang nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte
er daran, daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles entschieden
sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte er sich, daß er diese
Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schließlich so schlimm?
murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das Vergehen ist gering von
ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die
Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das
ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Für
mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man
nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht
zusammenleben.
Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, ging durch einen Salon, in
welchem die Sessel schon mit staubschützenden Überzügen versehen waren
und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und
schlief. Er zögerte, stellte dann die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf
ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. »Hast du ihn
fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch die Kerze aus,
Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, fuhr sie munter werdend fort.
»Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht
antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit
ungeduldigen Blicken. »Du könntest jetzt zu Bett gehen«, sagte sie
verdrießlich. »Wir müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine
Handtasche packen.«
»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka mit Ruhe. »Du kannst auch
reisen, wenn es dir gefällt, aber es wird ohne mich sein.«
Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du denn toll?« schrie sie
endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor,
brachte die Füße auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes
sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und
Haß.
Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. Er begann in
gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. »Ich frage dich nicht, in
welchem Verhältnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt,
im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was
zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht,
was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur
wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, daß ich
alles weiß.«
Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken krümmte sich, und ihr
Kopf sank ein wenig herab. Langsam öffneten sich die Lippen und ließen
die fest zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob sie
gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre
Zehen rührten sich in den dünnen Strümpfen, ihre Knie drückten sich
gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und sagte
mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! der Schwätzer! der gemeine
Denunziant!« Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch,
das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strümpfen stolz
zur Tür und schlug sie knallend hinter sich zu.
Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. Er blieb stehen und
drückte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, übergenug. Doch keine
Minute war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie weinte; sie
setzte sich auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Augen. »Es
liegt nun an dir«, sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie
möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und
gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verläßt. Ich
lasse dir Zeit, ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen
entsteht. Was ich dir zu einer anständigen Lebensführung materiell
biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch
etwas zu sagen?«
Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, ging eine neue
Veränderung mit ihr vor. »Ich bin unschuldig, Alexander!« rief sie aus,
»sie haben mich verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich
gemacht.« Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in
die Kissen.
»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand
und so nach ihr hinschaute.
Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender
Ausdruck.
Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine Sprache nicht zu den
Ohren dieser Frau dringen konnte, daß seine Welt in andern Sphären
rollte, daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate dies nicht
einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich nach dem, was ich gesagt habe«,
bemerkte er kühl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon
verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes Lachen.
Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans Klavier, schlug irgend
ein Notenheft auf und präludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm
und dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben dumpf und fern.
Er stand auf, öffnete die Fenster und die Glastür, die in den Garten
führte. Er ging hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das
Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes Dunkel. Am
weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter
leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze
noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen
zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die
geschlungenen Gartenwege, und das unveränderliche Tropfen des Wassers
klang ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte
tönen wollen. Es war spät, als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das
er nach allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu
einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefühl der
Müdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. Er
streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles
Denken, welches in einen hohlen Schlummer überging, als die Blätter im
Garten von der Morgenröte zu erglühen anfingen.