Sechsunddreißigstes Kapitel

Hanka setzte seinen Spaziergang durch das Zimmer fort. Er dachte nun

weder an sich selbst, noch an Beate, sondern er richtete seine Gedanken

zunächst auf die Person Arnolds. Er vergegenwärtigte sich den Arnold,

den er in Podolin kennen gelernt und hielt den dawider, der heute zu ihm

gesprochen. Er warf gleichsam ein Senkblei aus, um die Tiefe des

Vertrauens zu diesem Mann zu ermessen. Das Lot sank weit. Er mußte einen

Verstand anerkennen, der die Aufrichtigkeit über alles liebte. Und

schließlich mußte er sich gestehen, daß dieser Mensch von Sympathie

geführt wurde, um ihn, Hanka, sehen zu lehren. Folglich war ich blind,

dachte Hanka. Gewaltsam suchte er ein haßartiges Gefühl von Kälte gegen

Arnold von sich abzuwehren. Wie er sich auch stellen mochte, er konnte

noch nicht glauben. Es erschien ihm einen Augenblick lang phantastisch,

sich einem Zweifel an Beate zu ergeben. Was führt ihn her? dachte er

trüb und trotzig. Mitleid? Dann wäre selbst seine Wahrheit nicht wahr.

Wie konnte er annehmen, daß zwischen uns kein gegenseitiges Wissen

bestand? Hankas Eigenliebe begann sich zu bäumen. Vielleicht wurde er

selbst verschmäht und spielt den Verräter, grübelte er voll

Verzweiflung, doch ein Schauer fuhr ihm über die Haut, als ob ihn Ekel

berührt hätte. Hundert Erwägungen verbrannten sein Gehirn, durch hundert

Kunstgriffe suchte er das Gesicht des Anklägers zu entstellen, immer

schüttelte er den Kopf und kehrte zu sich selbst zurück: war ich also

blind! Und abermals ging er auf und ab. Er stellte um sich her lauter

Beates mit allen ihren Gesichtern, ihren Geberden, ließ all ihre Worte

nachklingen, die ihm erinnerlich waren, begann an ihrem Schweigen zu

studieren, und endlich schien es ihm, als ob von einzelnen dieser Bilder

eine Maskenhaut abfiele, und er sah Lieblosigkeit, in kindisches Gewand

verhüllt, Verlogenheit unter tausendfach täuschendem Lächeln. Was soll

ich tun? entfuhr es ihm endlich und ihm war, als müsse er sich auf den

Boden legen, um Jahre lang nur darüber nachzudenken. Erst jetzt dachte

er daran, daß er ja zu Beate gehen könne und daß dann alles entschieden

sein müsse. Mit grausamer Logik überzeugte er sich, daß er diese

Entscheidung nur verschieben wolle. Ist es denn schließlich so schlimm?

murmelte er. Ein Weib weniger für mich, gut. Das Vergehen ist gering von

ihrer Seite, da sie doch nicht die ist, die ich glaubte. Man darf die

Einfachheit der Sachlage nicht verwickeln. Betrug oder Nichtbetrug, das

ist schließlich Angelegenheit des Geschmacks und der Reinlichkeit. Für

mich handelt es sich um mehr. Einen Weg, der nicht da ist, kann man

nicht gehen, mit jemand, der nicht existiert, kann ich nicht

zusammenleben.

Er zündete eine Kerze an, verließ das Zimmer, ging durch einen Salon, in

welchem die Sessel schon mit staubschützenden Überzügen versehen waren

und betrat das Schlafgemach. Beate lag im Schlafrock auf dem Bett und

schlief. Er zögerte, stellte dann die Kerze vorsätzlich geräuschvoll auf

ein Marmortischchen und Beate schreckte empor. »Hast du ihn

fortgeschickt?« fragte sie schlaftrunken. »Lösch doch die Kerze aus,

Alexander, sonst verbrennt der Vorhang«, fuhr sie munter werdend fort.

»Es ist ja Licht genug, siehst du denn das nicht?« Da er nicht

antwortete, sondern auf- und abzugehen begann, verfolgte sie ihn mit

ungeduldigen Blicken. »Du könntest jetzt zu Bett gehen«, sagte sie

verdrießlich. »Wir müssen ausschlafen, ich muß morgen früh noch meine

Handtasche packen.«

»Die magst du wohl packen«, entgegnete Hanka mit Ruhe. »Du kannst auch

reisen, wenn es dir gefällt, aber es wird ohne mich sein.«

Beate riß erstaunt die Augen auf. »Ja, bist du denn toll?« schrie sie

endlich, starrte wieder und lachte darauf laut. Sie hob sich empor,

brachte die Füße auf die Erde und indem sie auf dem Rand des Bettes

sitzen blieb, zeigte ihr Gesicht einen Ausdruck von Angst, Sorge und

Haß.

Es schien, als ob Hanka von alledem nichts sähe. Er begann in

gleichmütigem Tonfall wieder zu sprechen. »Ich frage dich nicht, in

welchem Verhältnis du zu Maxim Specht stehst; weder was dich veranlaßt,

im Wagen geheimnisvoll mit ihm durch die Stadt zu fahren, noch was

zwischen euch schon in Podolin vorgegangen ist. Ich frage auch nicht,

was es mit dem Knecht beim Grafen Randomir auf sich hatte. Ich will nur

wissen, was du mir jetzt zu sagen hast, da dir bekannt ist, daß ich

alles weiß.«

Beates Gesicht war erdfahl geworden. Ihr Rücken krümmte sich, und ihr

Kopf sank ein wenig herab. Langsam öffneten sich die Lippen und ließen

die fest zusammengepreßten Zähne sehen. Es schien, als ob sie

gleichzeitig lachen und schreien wolle. Ihre Finger bewegten sich, ihre

Zehen rührten sich in den dünnen Strümpfen, ihre Knie drückten sich

gegeneinander, ihre Arme zuckten, dann stand sie jählings auf und sagte

mit grenzenloser Verachtung: »Der Hund also! der Schwätzer! der gemeine

Denunziant!« Mit einer blitzartigen Bewegung nahm sie das Umhangtuch,

das auf dem Bett lag, schlug es um den Kopf, ging auf Strümpfen stolz

zur Tür und schlug sie knallend hinter sich zu.

Ein verblasenes Lächeln glitt über Hankas Mund. Er blieb stehen und

drückte die Augen zu, als wollte er sagen: Genug, übergenug. Doch keine

Minute war verflossen, als Beate wieder zurückkam. Sie weinte; sie

setzte sich auf einen Stuhl und drückte die Hände vor die Augen. »Es

liegt nun an dir«, sagte Hanka, »dein Leben in Zukunft so gut wie

möglich einzurichten. Ein öffentlicher Skandal widerstrebt mir ganz und

gar. Es ist also gut, wenn du in aller Stille die Stadt verläßt. Ich

lasse dir Zeit, ich will für einige Wochen weg, damit kein Aufsehen

entsteht. Was ich dir zu einer anständigen Lebensführung materiell

biete, werde ich morgen schriftlich feststellen lassen. Hast du noch

etwas zu sagen?«

Als Beate merkte, daß es so bitterer Ernst war, ging eine neue

Veränderung mit ihr vor. »Ich bin unschuldig, Alexander!« rief sie aus,

»sie haben mich verführt, bei Gott. Sie haben mich unglücklich

gemacht.« Sie fiel vor dem Bett auf die Knie und legte ihr Gesicht in

die Kissen.

»Das mag wahr sein«, sagte Hanka freundlich, der vor dem Spiegel stand

und so nach ihr hinschaute.

Beate erhob rasch den Kopf und in ihrem Gesicht war ein naiv hoffender

Ausdruck.

Hanka lächelte schmerzlich. Er begriff, daß seine Sprache nicht zu den

Ohren dieser Frau dringen konnte, daß seine Welt in andern Sphären

rollte, daß sein Blut anders beschaffen war und daß Beate dies nicht

einmal zu ahnen vermochte. »Richte dich nach dem, was ich gesagt habe«,

bemerkte er kühl und wandte sich zum Gehen. Als er den Raum schon

verlassen hatte, hörte er Beates aufschreiendes Lachen.

Er kehrte in das Eßzimmer zurück, setzte sich ans Klavier, schlug irgend

ein Notenheft auf und präludierte. Aber es war, als ob sich zwischen ihm

und dem Instrument eine Wand befinde; die Töne blieben dumpf und fern.

Er stand auf, öffnete die Fenster und die Glastür, die in den Garten

führte. Er ging hinaus. Von Bäumen und Sträuchern tropfte das

Regenwasser, und über den Beeten lag schwärzestes Dunkel. Am

weißlichgrauen Himmel schoben sich Wolken hin, und das Gewitter

leuchtete noch in der Ferne. Ich war ein andrer Mensch, als jene Blitze

noch auf der andern Seite des Horizonts standen, dachte Hanka; zwischen

zwei Windstößen hat sich das Schicksal gewandt. Er verfolgte die

geschlungenen Gartenwege, und das unveränderliche Tropfen des Wassers

klang ihm wie die Hämmer des Klaviers, das an diesem Abend nicht hatte

tönen wollen. Es war spät, als er wieder in das Zimmer zurückkehrte, das

er nach allen Seiten abschloß. Er nahm in einer Ecke Platz und griff zu

einem Buch, zu einem zweiten und dritten. Hanka hatte ein Gefühl der

Müdigkeit und Schwere, als ob er zwei Nächte durchzecht hätte. Er

streckte sich im Sessel aus, und in seinem Kopfe begann ein hohles

Denken, welches in einen hohlen Schlummer überging, als die Blätter im

Garten von der Morgenröte zu erglühen anfingen.

Der Moloch · 第 44 / 84 题