Fünfunddreißigstes Kapitel

In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier

und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig

großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte

in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung

war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und

einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit

Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und

läßt auf sich warten.«

Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr,

schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden

Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein

Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens

interessiert mich Ansorge viel mehr.«

Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie.

»Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang

ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du,

du schläfst bei Tag und Nacht.«

Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast

du denn die Fahrkarten bestellt?«

Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die

Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen

war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft

seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend

Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung

einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für

ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu

können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen.

Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie

hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre

immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm.

Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die

Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich

ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er

genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich

geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer

Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz

kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der

Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit

ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte.

»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber

gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und

wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas

ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch.

Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch

den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf

und fragte Arnold, weshalb er so spät komme.

»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte

Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt

gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau

Beate, aber es hat seinen Grund.«

Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig.

»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er

freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es

erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.

Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.

Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber

bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor

Angst.

»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die

auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.«

Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach

dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin.

Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu

beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in

ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem

hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht,

ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer.

Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das

Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten

Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem

interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und

mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht

aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und

ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat

langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich

aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates,

anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu

verdächtig.

Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat

sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich

habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je

etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber

Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie

nicht so geschwind wieder loslassen.«

»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,«

erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.

»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns

wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse

auf den Teller.

»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur

darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.«

»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da

sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte

nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber

es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu

naiv dazu.«

Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus

Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte

in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.

»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor

dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer

Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und

fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht,

ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist

für mich eher angenehm als verstimmend.«

Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom

fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die

Teller.

»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er

gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er

erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb

auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen

sah.«

Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?«

fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang

und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin

zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem

unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich

vielleicht.«

»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des

Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.«

Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte

er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den

Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen

zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche

Blässe hervor.

»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau

war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen

auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka

unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und

bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s nicht

wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach

Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen

Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der

Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns

jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie

dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten

vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So

trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen

leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander

halten. Das ist alles.«

Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht

beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines

Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein

Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei

es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.

Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen

Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes,

geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg,

und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor.

Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein

Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe,

wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise –?«

Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen

Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in

seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück,

als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf

den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder

daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und

wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an.

Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold

verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder

Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.«

Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die

Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah

ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte

kalte Hand.

Der Moloch · 第 43 / 84 题