In dem Zimmer, welches gegen den Garten hinausging, saß Hanka am Klavier
und spielte eine Haydnsche Sonate. Beate saß in der Ecke des mäßig
großen, noch von der untergehenden Sonne beleuchteten Raumes, blätterte
in einem Photographiealbum und gähnte von Zeit zu Zeit. »Diese Einladung
war ganz unnötig,« sagte sie in der Pause zwischen einem Andante und
einem Allegro, »besonders da Specht nicht kommt. Was tun wir denn mit
Ansorge allein und was geht er uns an? Dazu ist er noch unhöflich und
läßt auf sich warten.«
Hanka wandte sich langsam mit dem Drehstuhl um. Er blickte auf die Uhr,
schmatzte mit den Lippen und erwiderte: »Wir wollten doch die beiden
Podoliner einmal beisammen haben, vielmehr du wolltest es. Daß dein
Freund Specht absagen würde, konnte man ja nicht vermuten. Übrigens
interessiert mich Ansorge viel mehr.«
Beate pendelte ungeduldig mit den Füßen. »Mich langweilt er,« sagte sie.
»Ich langweile mich überhaupt. Wenn wir nur schon fort wären. Wie lang
ist es noch bis morgen früh! Ich will jeden Tag wo anders sein, und du,
du schläfst bei Tag und Nacht.«
Und zwischen einem Lächeln und einem Zähneknirschen fuhr sie fort: »Hast
du denn die Fahrkarten bestellt?«
Mit dem ihm eigenen, schlenkernden Schritt spazierte Hanka über die
Breitseite des Zimmers. Er antwortete nichts. Seit einer Reihe von Tagen
war er von unnennbaren, wechselnden Empfindungen bewegt. Mit der Kraft
seines ganzen Wesens hing er an Beate, doch erspähte er fortwährend
Auflehnung in ihrem Innern. Für eine Person wie Hanka ist die Äußerung
einer Empfindung nicht das Mittel, um Glauben an sie zu erwecken; für
ihn war es wichtig, den Weg einer scheinbaren Trockenheit einschlagen zu
können. Wer dies, ihn verstehend, ermöglichte, konnte ihn ganz besitzen.
Es war ihm unwidersprechlich geworden, daß Beate nicht sah, was sie
hätte sehen, nicht fühlte, was sie hätte fühlen müssen, daß ihre
immerwährende Beweglichkeit nichts anderes war als eine Flucht vor ihm.
Verdruß machte oft die Ruhe seines Nachdenkens düster. Die
Anziehungskraft wächst mit dem Quadrat der Entfernungen, pflegte er sich
ironisch zu sagen, und mit seiner pedantischen Gründlichkeit wünschte er
genau zu erkennen, durch welche Eigenschaften ihm Beate so unentbehrlich
geworden. Doch hier machten seine Gedanken Halt, und in einer
Zärtlichkeit, wie sie nur sein von allen Seiten verschlossenes Herz
kannte, erblickte er immer wieder das kräftige und kapriziöse Kind der
Natur in ihr, dem sein eigener, schwachgewordener Wille sich mit
ebenbürtiger Laune unterwerfen mußte.
»Trabst schon wieder herum wie ein Bär,« sagte Beate, sprang aber
gleichzeitig auf, da es geläutet hatte. Bald darauf trat Arnold ein und
wurde von Hanka mit herzlichem Händedruck, von Beate mit etwas
ungeschickter Kälte begrüßt. Alle drei setzten sich sogleich zu Tisch.
Draußen hatte sich der Himmel verfinstert, und Gewitterwind wehte durch
den Garten. Hanka erhob sich wieder, drehte die elektrischen Flammen auf
und fragte Arnold, weshalb er so spät komme.
»Zur Strafe sollten Sie eigentlich nichts zu essen bekommen,« sagte
Beate ärgerlich. Arnold entschuldigte sich nicht. »Ich habe bis zuletzt
gezögert, ob ich kommen soll,« sagte er. »Das ist nicht höflich, Frau
Beate, aber es hat seinen Grund.«
Beate stutzte. »Er hat immer Gründe,« erwiderte sie bissig.
»Als alte Bekannte seid ihr zu spitz,« bemerkte Hanka gutmütig. Er
freute sich eigentlich, daß Arnold Ansorge ihm nun gegenüber saß, es
erschien ihm fast wichtig, diesen Menschen zu sehen und zu beobachten.
Aus solchem Holz schnitzt man Freunde, dachte er.
Unter dem heranrollenden Donner begannen sie zu essen. Beate legte aber
bald Messer und Gabel hin, und ihr Gesicht veränderte sich zusehends vor
Angst.
»Ja, mit den Gewittern,« meinte Hanka stirnrunzelnd. »Für eine Frau, die
auf dem Land aufgewachsen ist, ist das beschämend.«
Ein außerordentlicher Blitz ließ die Lichter des Zimmers erblassen. Nach
dem langen Donner erhob sich Beate und murmelte verstört vor sich hin.
Auch Hanka stand auf. Er faßte Beate bei den Händen und suchte sie zu
beruhigen. Ein zweiter Blitzstrahl erzeugte ein krampfhaftes Zittern in
ihrem Körper. Voll Heftigkeit stieß sie Hanka von sich; mit einem
hexenartigen Ausdruck schrie sie in den Donner hinein: »Ich will nicht,
ich will euch nicht,« und lief aus dem Zimmer.
Hanka folgte ihr sogleich. Nach einer Weile kam er zurück, rief das
Stubenmädchen, und Arnold fand sich abermals allein an dem gedeckten
Tisch. Er nahm weniger Anteil an diesem Auftritt, als es in seinem
interessevollen Wesen lag. Was von Beate kam, glitt ihm vorüber und
mischte sich so wenig mit seinem Geist wie Öl mit dem Wasser. Vielleicht
aber war das Spiel der Elemente draußen für ihn anziehender und
ergreifender als die selbstsüchtige Bangnis einer kleinen Seele. Er trat
langsam an das Gartenfenster, und beim Schein der Blitze fühlte er sich
aufgefordert, Wahrheit in dies Haus zu tragen. Und das Benehmen Beates,
anstatt ihn mitleidig zu stimmen, machte ihm ihre ganze Person geradezu
verdächtig.
Unbefangen und fast humoristisch aufgelegt, kam Hanka zurück. »Sie hat
sich in Betttücher eingehüllt und die Ohren verstopft,« sagte er. »Ich
habe ihr versprechen müssen, daß Sie bald gehen werden. Haben Sie je
etwas mit ihr gehabt? Es ist mir unbegreiflich. Kommen Sie, lieber
Freund, essen wir weiter. Ich freue mich, daß Sie da sind und werde Sie
nicht so geschwind wieder loslassen.«
»Frau Beate fürchtet vielleicht, mich mit Ihnen allein zu lassen,«
erwiderte Arnold ruhig und folgte Hanka zum Tisch.
»Warum? Warum fürchten? Sie wollte ja selbst, daß Sie einmal bei uns
wären.« Vergnügt und voll Appetit legte sich Hanka Fleisch und Gemüse
auf den Teller.
»Das kann ich mir erklären,« sagte Arnold. »Vielleicht wollte sie es nur
darum, um zu sehen, wie sie sich gegen mich verhalten muß.«
»Ei, was Sie für ein Psycholog geworden sind! Allerdings, was Sie da
sagen, hat etwas für sich. Gerade die Frauen wollen oft das Verhaßte
nahe haben. Darin steckt ein kindlicher Instinkt, sich zu schützen. Aber
es ist lächerlich, wenn Sie das bei Beate annehmen. Beate ist viel zu
naiv dazu.«
Arnold schwieg. Unschlüssigkeit überkam ihn. Und er spürte nun aus
Hankas Worten deutlich eine vollständige Ahnungslosigkeit. Dies erregte
in ihm einen stummen Zorn gegen das lügnerische Weib.
»Es berührt uns doch, ich möchte sagen ästhetisch, wenn Frauen sich vor
dem Gewitter fürchten,« fuhr Hanka angeregt zu plaudern fort. »In einer
Frau liegt etwas ebenso Elementares wie in einer elektrischen Wolke, und
fast möchte man glauben, daß die Natur sich einen Spaß daraus macht,
ihre latenten Instinkte gegeneinander platzen zu lassen. Dergleichen ist
für mich eher angenehm als verstimmend.«
Ein bläulicher Blitz fuhr durch den Raum, schnitt Hankas Rede ab und vom
fast gleichzeitigen Donnerkrach zitterten die Wände und rasselten die
Teller.
»Warum ist eigentlich Specht nicht gekommen?« fragte Arnold, indem er
gegen das Fenster sah, an welches der Regen gepeitscht wurde. »Er
erzählte mir zuerst, daß er hier sein würde. Es fällt mir nur deshalb
auf, weil ich ihn gestern mit Frau Beate in einem verschlossenen Wagen
sah.«
Hanka schaute rasch empor und machte ein sehr erstauntes Gesicht. »So?«
fragte er kurz. Er erinnerte sich plötzlich, daß ihm die Stunden lang
und ungewöhnlich erschienen waren, die Beate gestern bei der Schneiderin
zugebracht haben wollte. Er schüttelte den Kopf und sagte mit einem
unsichern und wohlwollenden Lächeln: »Darin täuschen Sie sich
vielleicht.«
»Ich täusche mich nicht,« erwiderte Arnold, »obwohl die Vorhänge des
Wagens nur einen Augenblick zurückgeschoben wurden.«
Hanka hörte auf zu essen. Warum erzählte sie mir davon nichts? dachte
er, wie um sich noch einmal gewaltsam zu betrügen. Er lehnte sich in den
Stuhl zurück, öffnete den Mund, schloß ihn aber wieder, ohne gesprochen
zu haben. Zu beiden Seiten der Nasenflügel trat eine seltsame gelbliche
Blässe hervor.
»Ich dachte mir, Sie wüßten um alles was zwischen Specht und Ihrer Frau
war,« fuhr Arnold mit unerbittlichem Ernst fort. Er hatte den Ellenbogen
auf den Tisch und den Kopf in die Hand gestützt und schaute Hanka
unverrückt an. »Beide waren in Podolin wie Mann und Frau, bei Tag und
bei Nacht. Das weiß ich und würde es Ihnen nicht sagen, wenn ich’s nicht
wüßte. Darum hören Sie alles auf einmal, damit ich Sie nicht quäle. Nach
Specht hatte sie ein Verhältnis mit dem Oberknecht auf dem Randomirschen
Gut, das heißt, im Anfang betrog sie den einen mit dem andern, bis der
Knecht sie durch Schläge gehorsam machte. Davon wußten die Mägde bei uns
jeden Tag zu erzählen. Mir hat von jeher eine Stimme gesagt, daß Sie
dabei im Finstern sind, denn Sie sahen eine andere Beate, hätten
vielleicht nicht einmal die gewollt, die es ehrlich gestanden hätte. So
trieb es mich also her, wie schwer es auch ist; ich denke mir, die einen
leben von Lüge, die andern von Wahrheit, die beiden muß man voneinander
halten. Das ist alles.«
Während dieser Worte hatten die gelblichen Flecke auf Hankas Gesicht
beständig zugenommen. Auch er sah unverrückt in das Gesicht seines
Gegenübers; und allmählich verlor er das Bewußtsein davon, daß da ein
Mensch sitze; er gewahrte nur einen weißlichen Kreis; ihm war, als sei
es der Mond, der vom Himmel heruntergeglitten war, um zu sprechen.
Jedoch er hörte, hörte. Er verspürte einen ungeheuren, verschlungenen
Schmerz im Kopf, und als Arnold geendigt hatte, glitt ein dünnes,
geistloses Lächeln über seine Lippen. Arnold schwieg und Hanka schwieg,
und so saßen sie lange schweigend, während das Gewitter sich verlor.
Endlich rückte Hanka seinen Stuhl, beugte sich vor, als mache er ein
Kompliment und sagte mit heiserer Stimme und richterlicher Schärfe,
wobei er die schwarzen Augen weit aufriß: »Beweise –?«
Arnold erwiderte nichts; er heftete stumm seine Blicke in diejenigen
Hankas. Es war ein überlegener, strenger und vornehmer Ausdruck in
seinen Augen wie in seinem Gesicht und Hanka beugte sich wieder zurück,
als ob er sein Wort vergessen haben wolle. Er legte eine Hand glatt auf
den Kopf, Farbe kehrte in seine Wangen zurück und verschwand wieder
daraus. Er gab einen unbestimmten kurzen Laut von sich, stand auf und
wie zum Zeichen seiner Fassung zündete er langsam eine Zigarre an.
Darauf ging er schweigend mit großen Schritten auf und ab. Auch Arnold
verließ seinen Platz. »Adieu, Doktor Hanka,« sagte er; »Freund oder
Feind; wie Sie mich nennen wollen, das steht bei Ihnen.«
Hanka kehrte ihm den Rücken, verschränkte die Arme und blickte gegen die
Fenster. Doch als Arnold sich zur Tür wandte, schritt er ihm nach, sah
ihn mit einem unbeschreiblichen Blick an und reichte ihm die feuchte
kalte Hand.