Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren
bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft
bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die
Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch
ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.
Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.
Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis
zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu
erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der
Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen
Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er
hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds
bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft
wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere
Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den
Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache
keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien
schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht
hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.
Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und
Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln
in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine
Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es
treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und
düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur
Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds
paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war
die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn
oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre
Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein,
und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern
verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises
seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener.
Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser
dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor
ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder
troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer
Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als
abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden,
das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu
treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei
der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben
jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und das muß ihm
ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.«
Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der
keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die
übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein
ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als
etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr
zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit,
die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.
Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine
geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die
schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in
Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein
zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er
begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit
den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.
Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten
Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn
Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede
darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine
Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich
Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es
Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für
ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau
wie Verenas Hals und Hände.
Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte
Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da
hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat.
Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die
Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und
sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß
Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen
hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an
Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao
gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es
ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, –
meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes
Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.