Dreiunddreißigstes Kapitel

Von nun an ging Arnold mit ganz anderm Sinn an eine Tätigkeit, deren

bloße Grenzen zu bestimmen er bisher mit bedenklicher Leidenschaft

bemüht gewesen war. Er begriff endlich, daß die Fülle ihn verwirrt, die

Vielfältigkeit zerstreut hatte, und er beschloß, dem nächsten, praktisch

ausnutzbaren Ziel zuzusteuern.

Es war, als ob Wolken aus seinem Gehirn fortgeblasen seien.

Er verschaffte sich ein genaues Verzeichnis der Fächer, deren Kenntnis

zur Abiturialprüfung erfordert wurde. Nicht so leicht wurde es ihm zu

erfahren, bis zu welchem Grade diese Kenntnisse reichen mußten. In der

Universität wies man ihn da- und dorthin. Schließlich nahm er einen

Wagen und fuhr in die Wohnung eines Professors der Jurisprudenz, den er

hatte nennen hören. Der Mann war mürrisch und kalt. Doch Arnolds

bestimmtes Auftreten und Fragen schüchterten ihn ein; er gab Auskunft

wie ein aus dem Schlaf geweckter Schüler. Arnold notierte; seine heitere

Liebenswürdigkeit verwunderte endlich den Gelehrten und nahm ihn für den

Besucher ein. Er glaubte den Eifrigen warnen zu sollen: dies Brot mache

keinen fett, der Andrang sei groß und die Brüste der Alma mater seien

schlaff geworden. Arnold verstand den Schmälenden nicht. »Ich bin nicht

hungrig,« sagte er kurz, dankte und entfernte sich.

Er suchte nun einen Studenten, mit dessen Hilfe er Lateinisch und

Griechisch treiben konnte; von beiden Sprachen waren nur Anfangsregeln

in seinem Kopf. Er folgte dem Rat des Professors und hinterlegte seine

Adresse beim Pedell der Universität. Am nächsten Morgen schon ging es

treppauf, treppab im Borromeoschen Haus. Junge Männer mit leidenden und

düstern Gesichtern kamen. Sie trugen meist eine angenommene Demut zur

Schau, eine Unterwürfigkeit, die schlecht zu den Vorstellungen Arnolds

paßte. Was aber viel entmutigender und schrecklicher auf ihn wirkte, war

die große Menge dieser nahrungslosen Studenten. Im Korridor, wo oft zehn

oder fünfzehn auf einmal warteten, hatte der Diener Mühe, ihre

Eifersucht und Vordringlichkeit zu zähmen. Jeder wollte der erste sein,

und nicht durch seine Person oder sein Wesen glaubte er den andern

verdrängen zu können, sondern durch die größere Niedrigkeit des Preises

seiner Dienste. Von Einem zum Nächsten wurde Arnold unentschlossener.

Manches Gesicht war ihm sympathisch, da stieß ihn wieder ein gewisser

dunkler Schmerz darin ab. Blutlos und kraftlos tauchten ihre Züge vor

ihm auf, redeten nicht, sondern lispelten und verschwanden wieder

troglodytisch-fahl. Arnold fragte oft nach ihren Lebensumständen, ihrer

Heimat, ihren Absichten, aber jeder betrachtete sein Geschäft als

abgetan, sobald seine Erwartungen durch ein Interesse getäuscht wurden,

das ihm frivol erschien. »Ich bin nicht da, um Sozialpolitik zu

treiben,« meinte einer höhnisch, »dafür bleibt mir Zeit, wenn andere bei

der Tafel sitzen.« Arnold schwieg, überlegte, dann sagte er, daß er eben

jemand suche, der darauf Antwort zu geben verstünde, »und das muß ihm

ebenso natürlich sein, wie mir, zu fragen.«

Der Student entfernte sich mit einem kurzen Auflachen, und Arnold, der

keinen mit leeren Versprechungen hingehalten, wollte nun auch die

übrigen nicht mehr sehen. Seiner Natur widerstrebte es, sich in ein

ungesundes Mitleid einzubohren und betrübende Verhältnisse entweder als

etwas Unabwendbares hinzunehmen oder durch unreife Handlungen noch mehr

zu verwirren. Ihm war es klar geworden, daß eine geregelte Tätigkeit,

die auf Taten zielt, mehr ist als eine verfrühte Tat.

Er beschloß sich an Verena zu wenden, welche ihm vielleicht eine

geeignete Person empfehlen konnte. Zu seiner Arbeit hatte er nun die

schönste Muße; Frau Anna war auf dem Land, Borromeo war in

Prozeßangelegenheiten nach Ungarn gefahren. Der Sommer und Sonnenschein

zog Arnold nicht ab. Tag und Nacht waren seine Fenster offen, und er

begnügte sich mit dem kleinen Himmelsstück zwischen den Dächern und mit

den kurzen Vogelschreien, die über die Straße hallten.

Verena Hoffmann antwortete ihm unverzüglich, sie wisse einen geeigneten

Menschen und werde ihn bald schicken. Sie sei indessen wieder mit Herrn

Hyrtl zusammen gewesen, fügte sie hinzu; »er erzählte mir, da die Rede

darauf kam, Interessantes von Ihnen. Er scheint in bezug auf seine

Freunde ein sehr ruhmrednerischer Mann zu sein, aber dennoch möchte ich

Sie bald wiedersehen. Ein Punkt vor allem gibt mir zu denken. Sollte es

Geschwätz sein, so hätte ich den Mann unterschätzt, der so etwas für

ein kurzes Gespräch erfindet.« Die Schrift war fein und rundlich, genau

wie Verenas Hals und Hände.

Was bedeutet das? dachte Arnold. Was will sie wissen? und was könnte

Hyrtl von mir wissen? Er hatte kaum Zeit, den Brief auszulesen, da

hinter dem meldenden Diener ziemlich aufgeregt Specht ins Zimmer trat.

Ohne seinen Hut abzunehmen, warf er sich in einen Sessel, spannte die

Knie zwischen seine Arme und das vorgehaltene Spazierstöckchen und

sagte, indem er die kleinen, unruhigen Augen aufriß: »Gott sei Dank, daß

Sie zu Hause sind. Ich wäre verzweifelt, wenn ich Sie nicht angetroffen

hätte. Sie müssen mir helfen, lieber Freund. Ich habe gestern abend an

Hyrtl vierhundert Gulden auf Ehrenwort verloren. Wir haben Macao

gespielt, ich, Hyrtl, ein gewisser Herr Osterburg und noch ein Herr. Es

ging ziemlich hoch. Bis heute abend muß ich – Sie begreifen, Arnold, –

meine Ehre –« Er stotterte, denn Arnolds verwundertes und verletztes

Gesicht ließ ihn nicht das Beste hoffen.

Der Moloch · 第 40 / 84 题