Zweiunddreißigstes Kapitel

Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena

Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und

Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl

gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und

beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.

Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich

abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für

jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr

teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst

oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des

Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die

seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden

der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er

bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, –

wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung

eines Freundes zu genießen.

Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu

versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte.

Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann

aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile,

bevor er auf den elektrischen Knopf drückte. Als es läutete, hatte er

das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.

Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß

ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien

ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den

Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem

Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein

kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine

Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte,

Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all

dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen

schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie

einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit

kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und

etwas ausländischer Betonung.

»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,«

antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«

Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu

belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und

setzte sich ebenfalls.

»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen

würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will

einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt

wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«

Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das

auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es

wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch

geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade

hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit,

sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in

mein Leben aufnehmen.«

Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,«

entgegnete er schnell.

Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde

gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich

in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem

Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige

Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den

Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.

»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.

»Medizin.«

»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man

greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die

Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und

aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«

Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von

Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme.

»Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne

innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.«

Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde

hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit

Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu

öffnen.

Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr

Tetzner, Herr Ansorge.«

Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und

außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken

Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen

schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung

schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.

Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an

und lachte gutmütig.

Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand

und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie

wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.

Der Moloch · 第 39 / 84 题