Am folgenden Tag war Arnold mit Hyrtl wirklich in die Wohnung Verena
Hoffmanns gefahren. Das Fräulein hatte sie ziemlich kühl empfangen und
Arnold merkte gleich, daß es mit der Freundschaft, deren sich Hyrtl
gerühmt, nicht so recht stimmte. Er selbst verhielt sich schweigsam und
beobachtend. Nach einer Viertelstunde gingen sie wieder.
Durch einen scheinbar unerklärlichen Anstoß begann Arnold sich plötzlich
abzuschließen. Er folgte keiner Einladung mehr und war unzugänglich für
jeden Besucher. Er nahm auch an den Mahlzeiten bei Borromeos nicht mehr
teil, sondern versorgte sich entweder zu Hause mit Schinken und Wurst
oder suchte irgend eine nahegelegene billige Wirtschaft auf. Trotz des
Alleinseins wimmelte es um ihn her von Bildern und Gesichtern, die
seinen Geist in unaufhörliche Beschäftigung versetzten und den Stunden
der Arbeit die Leichtigkeit raubten. Wohin mit all der Mühe? dachte er
bisweilen in Zweifeln, die wie schwarze Vögel am Horizont flogen, –
wohin? zu welchem Ufer, du Segler? Er arbeitete, ohne die Anerkennung
eines Freundes zu genießen.
Eine Stimme klang in seinem Ohr, die ihm diese Anerkennung zu
versprechen schien und deren Widerhall nicht erlöschen wollte.
Eines Nachmittags entschloß er sich plötzlich, Verena Hoffmann
aufzusuchen. Als er vor der Wohnungstür stand, zögerte er eine Weile,
bevor er auf den elektrischen Knopf drückte. Als es läutete, hatte er
das Gefühl, über seine Zukunft entschieden zu haben.
Verena selbst öffnete. Sie war sichtlich verwundert, ihn zu sehen, hieß
ihn jedoch eintreten. Er kam in ein ziemlich großes Zimmer; es schien
ihm, als sähe er es zum erstenmal. Überall lagen Bücher umher, an den
Wänden, auf dem Tisch, auf Bett und Stühlen und auf dem Boden. In einem
Winkel stand ein menschliches Skelett, in einem anderen Winkel ein
kleiner Sparherd, auf welchem Wasser kochte. Daneben befand sich eine
Art Anricht, worauf ein Hohlspiegel stand, ein Mikroskop, eine Retorte,
Flaschen, zwei Krautköpfe und ein Laib Brot. Arnold betrachtete all
dieses mit Verwunderung und mußte schließlich lächeln. Das junge Mädchen
schaute halb gespannt, halb verdrießlich in sein Gesicht, das auf sie
einen Eindruck von Vierschrötigkeit und Hausbackenheit machte. »Womit
kann ich dienen?« fragte sie mit einer hellen deutlichen Stimme und
etwas ausländischer Betonung.
»Erinnern Sie sich nicht, ich war ja mit Herrn Hyrtl neulich bei Ihnen,«
antwortete Arnold unbefangen. »Ich heiße Ansorge, Arnold Ansorge.«
Verena machte große Augen. Der seltsame Besucher fing an, sie zu
belustigen. Sie forderte ihn durch eine Geberde auf, Platz zu nehmen und
setzte sich ebenfalls.
»Ich dachte mir gleich,« begann Arnold zutraulich, »daß Sie fragen
würden, warum ich käme und daß ich nicht antworten könnte. Ich will
einen Vorschlag machen. Denken Sie doch, daß wir schon lange bekannt
wären und daß Sie mich heute erwartet hätten.«
Das junge Mädchen wendete mechanisch die Blätter eines Buches um, das
auf dem Tisch lag. »Wenn ich Ihnen jetzt antworten würde, wie Sie es
wünschen,« sagte sie, ohne den Kopf zu bewegen, der zu dem offenen Buch
geneigt war, »dann würde ich Sie belügen. Ich weiß nicht, was Sie gerade
hierher treibt; vielleicht ein Straßeninteresse. Ich habe wenig Zeit,
sehen Sie, und ich will wenig Zeit haben. Nur was mir nützt, kann ich in
mein Leben aufnehmen.«
Arnolds Gesicht rötete sich. »Da führen Sie aber ein trauriges Leben,«
entgegnete er schnell.
Verena Hoffmann zuckte die Achseln und machte eine unbestimmte Geberde
gegen die überall verstreuten Bücher. Sie schien nicht aufgelegt, sich
in Erörterungen einzulassen. Langsam, mit wiegendem, gedankenvollem
Schritt ging sie hinter dem Tisch auf und ab, berührte zerstreut einige
Gegenstände mit der Hand und schielte bisweilen mit Erstaunen auf den
Besucher, der keine Anstalten machte, sich zu entfernen.
»Was studieren Sie eigentlich?« fragte Arnold.
»Medizin.«
»Medizin,« wiederholte er. »Ja, das ist etwas Festes, danach kann man
greifen.« Er machte eine Bewegung, als nähme er die ganze Medizin in die
Hand. »Da gibt es Arbeit,« fuhr er fort, »man weiß, wo man anfangen und
aufhören soll. Es hat einen Sinn und einen Zweck.«
Als sie ihn so nachdenklich sprechen sah, änderte sich der Ausdruck von
Verenas Gesicht. »Das allein genügt nicht,« antwortete sie mit Wärme.
»Die Arbeit genügt nicht und das Ziel genügt nicht. Was ist Arbeit ohne
innere Freude und Ziel ohne Persönlichkeit! Darum handelt sich’s.«
Das Geräusch eines auf den Steinfließen der Treppe Schlürfenden wurde
hörbar, erst entfernt, dann ein Scharren und Aussetzen, vermischt mit
Seufzen und Schnauben, dann klopfte es draußen und Verena ging, um zu
öffnen.
Ein wunderlich aussehender Mann trat ein. Verena stellte vor: »Herr
Tetzner, Herr Ansorge.«
Tetzner trug eine blaue Brille, einen Schlapphut, einen Wettermantel und
außerordentlich große Stiefel. Unter dem Arm hatte er einen dicken
Folianten. Sein Gesicht war schwammig und aufgedunsen; die Lippen
schwollen förmlich aus dem Bart heraus, der in der Dämmerbeleuchtung
schier eine kanariengelbe Farbe zeigte.
Verena sagte leise ein paar russische Worte. Tetzner blickte Arnold an
und lachte gutmütig.
Fragend schaute Arnold von einem zum andern. Verena reichte ihm die Hand
und sagte mit freundlich-ernstem Lächeln: »Ich hoffe, Sie
wiederzusehen.« In ihren Augen lag auf einmal etwas Kameradschaftliches.