Maxim Specht hatte die Partei und die Zeitung verlassen, die ihm seinen
ersten Wirkungskreis eröffnet hatte. Er war Redakteur eines Blattes
geworden, welches von der Regierung unterhalten wurde. Er verdiente
durch seine Arbeit etwa zweihundert Gulden im Monat. Er verbrauchte
ungefähr fünfhundert. Dabei wurden seine Bedürfnisse mit jeder Woche
größer und die Hoffnung, das Schuldennetz zu zerreißen, in welchem er
verstrickt war, täglich geringer. Er geriet in schwierige Verhältnisse
und war der Sklave einer Genossenschaft von Menschen, in deren Mitte er
den Herrn zu spielen dachte. Der Boden schwankte unter ihm.
Abenteuerlichkeiten aller Art mußten vorhalten, um ein im Grunde
erbärmliches Dasein fortzuführen.
Da dachte er an Arnold. Zu gleichen Teilen wollte er der Harmlosigkeit
und der Menschlichkeit Arnold Ansorges seinen Vorteil abgewinnen, dieses
Arnolds freilich, den er unter dem Verkleinerungsglas sah, das sein
jetziges Leben für alle Ereignisse und Gestalten der Vergangenheit
bildete. Sein erster Besuch sollte nur als ein Freundschaftszeichen
gelten, auch wagte er noch nicht zu bitten. Als er zum zweitenmal kam,
hatten ihn die Überlegungen der dazwischen liegenden Tage gestärkt, und
er forderte von Arnold mit dringender Herzlichkeit achthundert Gulden
als Darlehen.
Arnold blickte ihn still und verwundert an. Er goß ein Glas Wasser aus
der Karaffe, ohne jedoch zu trinken.
Irgend eine Stimme gebot ihm Vorsicht.
Specht beobachtete ihn mit hin und her zitternden Augen. »Es ist ein
Freundschaftsdienst,« sagte er lächelnd.
Arnold nickte. »Ich habe nicht so viel zu Hause,« erwiderte er. »Morgen
will ich es Ihnen schicken.« Er betrachtete das Gesicht Spechts und es
erschien ihm neu und fremd, völlig verändert gegen früher. Wangen und
Kinn waren aufgeschwemmt, breiter, behäbiger, trotzdem die modische
Kleidung ungünstige Linien verwischte. Indem er den Lehrer Specht aus
Podolin mit dem geschmeidigen, wünschevollen, verstörten, kühlen und
trunkenen Mann verglich, der vor ihm saß, suchte er nach den Ursachen
einer so unheilvollen Verwandlung. Irgend welche Kräfte schienen
zerstört in Specht; er war wie ein Mensch, der wider seine Absicht an
einem Tanz teilnimmt, teilnehmen muß, und der mit allen Zeichen der
Hitze, der Benommenheit, der Atemlosigkeit eigentlich nicht weiß, was
mit ihm vorgeht.
Specht lud ihn ein, mit ins Theater zu gehen, er habe zwei Sitze von der
Zeitung; Arnold nahm das Anerbieten an. Er war vor einem Monat zum
erstenmal bei einem Shakespeareschen Stück gewesen und hatte einen
tiefen Eindruck gewonnen.
Es wurde ein neues Stück aufgeführt, welches in andern Städten schon
großen Beifall erlangt hatte. Specht saß als überlegener Mann da. Die
zwei ersten Akte waren vorüber, und brausendes Händeklatschen begann.
»Ein glänzendes Stück«, sagte Specht befriedigt, erhob sich und grüßte
einige Personen mit einem Winken seiner Hand. Dann forderte er Arnold
auf, ihn zu begleiten, und sie schritten draußen im teppichbelegten
Wandelgang auf und ab. »Wie gefällt es Ihnen?« fragte Specht etwas
gönnerhaft.
»Ich finde es vollkommen sinnlos,« erwiderte Arnold.
»Sind Sie toll?« rief Maxim Specht verdutzt.
»Muß er sich denn verlieben? Warum verliebt er sich, wenn er dadurch
zugrunde geht?« fuhr Arnold unbeirrt fort. »Oder vielmehr, warum geht er
durch Verlieben zugrunde? Kein Mann geht dadurch zugrunde, das ist nicht
wahr, ist lauter verlogenes Zeug.«
»Aber begreifen Sie denn nicht,« entgegnete Specht ironisch und
nachsichtig, »der Verfasser will zeigen, wie ein Mann gerade durch eine
ideale Liebe zugrunde gehen muß, wenn einmal das Innere seiner Seele
krank oder angefault ist.«
»Gewiß versteh ich das,« sagte Arnold ruhig. »Aber an einem solchen
Schwachkopf war doch nichts mehr zu verderben. Und heißt denn das
zugrunde gehen, wenn man sein Geld verliert?«
Spechts Gesicht wurde immer länger. Der Mann ist gar nicht so dumm,
schien er sagen zu wollen. Beide schickten sich an, auf ihre Plätze
zurückzukehren, als Beate und Hanka aus einer Logentüre traten und die
vier, einander betrachtend, sich gegenüberstanden. Beate verlor nur eine
Sekunde lang die Fassung, dann reichte sie gleich Hanka den jungen
Männern die Hand. Specht ließ kein Auge von ihr. Sie trug ein Kleid,
welches wie von tausend Schuppen fischhaft schillerte und das Schultern,
Arme und die Wölbung der Brüste freiließ. Gelangweilt vorbeischleichende
Männer hefteten den frech-studierenden Blick auf sie, die sich dessen zu
freuen schien, denn ihre Augen liefen unruhig funkelnd von Wand zu
Wand, von Gesicht zu Gesicht.
»Mich langweilt dieses schlechte Stück,« sagte Hanka humoristisch
gelaunt. Er hatte sich auf Beates Wunsch den Schnurrbart rasieren lassen
und sah nun aus halb wie Napoleon, halb wie ein Jesuitenpater.
»Wir müssen uns sputen, es fängt an,« drängte Beate. »Weißt du was,
Alexander,« rief sie plötzlich, »wir wollen vor unserer Abreise noch
einen Podoliner Abend geben. Specht und Herr Ansorge sollen bei uns
essen ...«
»Sehr gut; aber Sie können auch sonst einmal zu einem Plauderstündchen
kommen,« sagte Hanka zu Arnold, dessen Hand er in der seinen hielt.
Arnold nickte. Er fühlte auf einmal eine große Zuneigung zu Hanka.
Die Leute waren im dunkeln Theater wie in einer Höhle verschwunden.
Specht blickte auf die Tür, durch die Beate gegangen war. »Haben Sie die
Schultern gesehen?« murmelte er Arnold zu; »und das Gesicht? Sie sieht
aus wie eine Prinzessin.«
Noch ein letzter Gast kam aus einem der Außenräume, Hyrtl. Specht
stellte sich vor, und es wurde ausgemacht, daß alle drei nach dem
Theater bei Hyrtl zu Abend essen sollten.