Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen
Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen
für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.
»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück
auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte
sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.
Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht.
Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in
ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte
sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren
Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen
Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht
mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in
verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut
geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.«
Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches
umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte
unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit,
die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich
erwerben.«
Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und
antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer
bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und
da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort:
»Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder
hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit
mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn
Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.«
Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein,
dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar
tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck
nicht wieder zu versetzen.
»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich
ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.«
Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als
wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,«
sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern
aber ...«
»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das
vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun,
und in der andern?«
»Etwas Giftiges.«
Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft,
Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«
Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit
langen, weißen Haaren.
Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein
Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein
phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der
Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage
zu reden.«
Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der
Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.
Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.
»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato
gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann
sagen. »Fabelhaft? was?«
»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.
»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat
sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«
Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem
Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies
wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu
fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine
Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller
Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien,
Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten
eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher
wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.
Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt.
Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte
sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete
er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer
mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging
von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele
dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und
Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen
eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag
eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den
Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.
Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann,
verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten
Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein
junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald
in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde
die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen
stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer
Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter
Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der
in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles
Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken
Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des
Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde
geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten
und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte
Arnold, das gefällt mir.
Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte,
hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich
vor und drückte beide Hände an die Augen.
»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer
Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«
»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid
alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«
Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit
forschend ins Gesicht.