Neunundzwanzigstes Kapitel

Natalies halb entblößte Brust, ihre entblößten Schultern zogen seinen

Blick von ihrem listigen Gesichtchen ab. Oft schlossen sich ihre Augen

für eine Sekunde, und sie wiegte den Kopf nach dem Takte der Musik.

»Petra ist kopfhängerisch,« sagte sie und zerlegte dabei das Fasanstück

auf ihrem Teller. »Soll ich Ihnen etwas anvertrauen?« Doch sofort wandte

sie sich zu ihrem linken Nachbar, um auf eine Frage zu antworten.

Arnold sah zwischen zwei Blumenbüschen ein sehr schönes Frauengesicht.

Er schaute unbeweglich lächelnd hin. Dumpfes Besitzenwollen erwachte in

ihm. »Was wollen Sie mir anvertrauen?« fragte er Natalie. Natalie drehte

sich wieder zu ihm. »Richtig,« sagte sie leise und mit einer heiteren

Wendung des Kopfes. »Petra ist mit Emerich Hyrtl verlobt. Aber schweigen

Sie darüber. Es ist nicht alles in Ordnung. Petra ist jedenfalls nicht

mit dem Herzen dabei. Wissen Sie, was ich glaube?« sagte sie dann in

verändertem Ton. »Ich glaube, daß nicht leicht zwei Menschen so gut

geschaffen sind, Freunde zu werden wie wir beide.«

Arnold nahm vorsichtig und ungeschickt von dem Eis, welches

umhergereicht wurde. Dann erst blickte er Natalie an und legte

unbekümmert seine Hand auf ihren Arm. Er erwiderte mit einer Freiheit,

die ihm sonst keineswegs eigen war: »Freundschaft muß man sich

erwerben.«

Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Dann lachte sie und

antwortete: »Es gehört auch Talent zur Freundschaft. Man muß Opfer

bringen können. Welches Opfer könnten Sie mir zum Beispiel bringen?« Und

da er etwas verblüfft schwieg, fuhr sie scheinbar ganz treuherzig fort:

»Würden Sie mir die Hälfte Ihres Vermögens schenken? Nein? Oder

hunderttausend Gulden? Nein? Oder fünftausend? Sie sehen, ich lasse mit

mir handeln. Ach,« schloß sie wehleidig, »was hängt alles am Gelde! Wenn

Sie ahnten, was ich für Kummer habe, lieber Freund.«

Sie wartete umsonst auf seine Antwort. Man muß deutlicher mit ihm sein,

dachte sie; er ist einfältig wie eine Köchin. Wahrhaftig, mit ein paar

tausend Gulden wäre mir gedient und ich brauchte morgen meinen Schmuck

nicht wieder zu versetzen.

»Ach, ich bin so froh gelaunt heute,« rief Natalie laut, indem sie sich

ein wenig dehnte, »ich könnte die ganze Welt küssen.«

Betroffen, mit langsam forschendem Blick schaute Arnold sie an, als

wolle er sich jede ihrer Bewegungen einprägen. »Sie sind wie ein Kind,«

sagte er. »In der einen Hand haben Sie Spielzeug, in der andern

aber ...«

»Was?« Natalie war sehr gespannt. Jedes Urteil über sie selbst, auch das

vernichtendste, setzte sie in einen Zustand wohliger Aufregung. »Nun,

und in der andern?«

»Etwas Giftiges.«

Man hörte die Stimme des Doktor Bernay: »Gebt uns reinen Boden, Luft,

Wald, Acker und wir werden edle Menschen hervorbringen.«

Alle erhoben sich. »Der alte Rousseau-Schwindel,« sagte ein Herr mit

langen, weißen Haaren.

Bernay trat vor den würdigen Herrn; »Rousseau! Was für ein

Mißverständnis!« rief er. »Wir wollen die Rasse erneuern. Kein

phantastisches Zukunftsideal. Wir wollen Männer. Immer hört man von der

Frauenfrage schwatzen. Es ist endlich einmal Zeit, von der Männerfrage

zu reden.«

Ein verdrießliches Schweigen entstand. Gleichgültig wandte Arnold der

Gruppe den Rücken. Seine Gedanken suchten ein Ziel, ein Echo, ein Empor.

Von allen Seiten hörte er nichts weiter als Geschwätz.

»Haben Sie die Antinous-Statue gesehen, die Pottgießer in Spalato

gekauft hat?« hörte er einen jungen Mann zu einem andern jungen Mann

sagen. »Fabelhaft? was?«

»Halten Sie sie für echt?« antwortete der zweite.

»Pottgießer soll bei der Ausgrabung zugegen gewesen sein. Hat

sechzehntausend Gulden gekostet, der Spaß.«

Osterburg eilte auf Arnold zu. Er hatte gehört, wie Hyrtl von diesem

Herrn Ansorge als von einem Elementarereignis gesprochen hatte. Dies

wurmte ihn, und er nahm sich vor, dem Elementarereignis »auf den Zahn zu

fühlen«, wie er sich ausdrückte, denn was sich nicht unter seine

Begriffe von Welt und Leben bringen ließ, das bekläffte er in aller

Stille und Hinterlist. Er fragte Arnold aus über Aktien,

Kaltwasserkuren, Leberkrankheiten und erzählte schließlich Geschichten

eigenen Fabrikats. Je geduldiger Arnold zuhörte, je abenteuerlicher

wurden die Vorfälle und je höher stieg er in Osterburgs Achtung.

Pottgießer hatte einige Herren zu verschiedenen Kartenspielen verteilt.

Im Musikzimmer wurde eine Dame aufgefordert, zu spielen. Arnold stellte

sich neben den Flügel, als die ersten Takte ertönten. Zuerst beobachtete

er nur die Finger der Spielerin, dann ließ er einen prüfenden, immer

mehr erstaunten Blick umherschweifen. Etwas Dämmeriges, Verblasenes ging

von der Musik wie von der Spielenden aus. Die ganze willenlose Seele

dieser Menschen war es, die aus ihr erklang. Die Geldgeschäfte und

Geldgedanken schienen vergessen, ebenso wie die nutzlosen Aufregungen

eines eifersüchtigen Beisammenseins. In den Gesichtern der Frauen lag

eine süßliche Verlorenheit, um den Mund ein zerstreutes Lächeln, in den

Augen schwüle Träumerei und ein ungesunder Glanz.

Während die Spielerin nach langem Beifall ein neues Stück begann,

verließ Arnold das Musikzimmer. Er überschritt einen gepflasterten

Vorraum; in einem Winkel versteckt sah er einen jungen Mann und ein

junges Mädchen in friedlichem Gespräch. Er ging weiter und kam alsbald

in ein kleines, rondellförmiges Gemach. Hier stand als einzige Zierde

die Antinous-Statue. Beim Anblick der Marmorfigur blieb er ergriffen

stehen. Im ersten Augenblick glaubte er, ein Geschöpf aus einer

Märchenwelt vor sich zu sehen, märchenhaft belebt, in märchenhafter

Nacktheit. Aber als er sich überzeugt hatte, daß es ein Stein war, der

in feierlicher Unbeweglichkeit vor ihm aufragte, wich sein kühles

Befremden. Unwillkürlich ahmte er die heroisch-ruhige Bewegung im linken

Arm der Statue nach, die göttlich-kalte und ungerührte Neigung des

Hauptes. Der Ausdruck der dicken und leidenschaftlichen Lippen wurde

geklärt durch den Blick der Augen, welche alles Seiende mild beschauten

und erst das Werk zum Wirkenden werden ließen. Das ist schön, dachte

Arnold, das gefällt mir.

Er kehrte zur Gesellschaft zurück. Anna Borromeo, die nach Hause wollte,

hatte ihn gesucht. Schweigend saß er neben ihr im Wagen. Sie beugte sich

vor und drückte beide Hände an die Augen.

»Hüte dich vor dieser Natalie,« sagte sie plötzlich. »Es ist kein wahrer

Blutstropfen in der Person. Sie spielt mit sich und mit den Menschen.«

»Sie ist nicht schlechter als andere,« gab Arnold kühl zurück. »Ihr seid

alle so. Ihr spielt nur mit den Menschen.«

Frau Borromeo richtete sich auf und sah ihm durch die Dunkelheit

forschend ins Gesicht.

Der Moloch · 第 35 / 84 题