Einunddreißigstes Kapitel

Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der

Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch

widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er

nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das

Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher

Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor

andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch

edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl

schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie

anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will

sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.

Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner

gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle

Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen

standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und

Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit

Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus

allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und

Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand

eine kleine, uralte Zimmerorgel.

In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste

ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen

Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes

und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde

vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner

Gäste.

Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen

Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er

spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden.

Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich

möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer

russischen Studentin.«

»Aus welchem Grund?«

»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal

Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.«

»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.

»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.«

»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich ja. Lebt die nicht mit

einem gewissen Tetzner?«

»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«

Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was

heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.«

»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist.

Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen

abholen und wir fahren zu Verena.«

Arnold nickte.

»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt

machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er

hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft

haben als allein sein.«

»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.

Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war

Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja

nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir

genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe,

in Gemütsruhe erledige.«

»Was heißt das?«

»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.«

Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen

trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben

tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den

einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu

medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen

Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines

Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine

Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete

und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und empfindsamen

Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von

Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen

Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte

dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen

Feder nach.

Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte

sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als

das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.

Der Moloch · 第 37 / 84 题