Seitdem Hyrtl den eigentlichen Beweggrund von Arnolds Aufenthalt in der
Stadt kannte und ihm die Erzählung Arnolds von Anna Borromeo wenn auch
widerwillig, so doch ohne Entstellung, bestätigt worden war, hatte er
nicht nur Respekt vor dem jungen Menschen (er achtete und bewunderte das
Vortreffliche wie ein Leser von Kriegsgeschichten den Feldherrn, welcher
Schlachten gewinnt), sondern er benutzte auch jeden Anlaß, Arnold vor
andern zu erheben, und was er wußte, andern mitzuteilen, verschönt durch
edle Einzelheiten, welche seine eigene Phantasie geboren hatte. Hyrtl
schmückte sich mit den besten Eigenschaften seiner Freunde, indem er sie
anerkannte, und er liebte seine Freunde leidenschaftlich, das will
sagen, alle Menschen, die ihm Gesellschaft leisteten.
Als der Diener die Tür von Hyrtls Wohnung öffnete, sprang ein kleiner
gelber Hund zur Begrüßung heraus. Die Ausstattung der Zimmer zeigte alle
Arten und Größen von Sofas und gepolsterten Sesseln. Auf Glastischen
standen in roten, grünen, blauen und gelben Fläschchen Essenzen und
Wohlgerüche, auf dem Schreibtisch lagen in gewählter Ordentlichkeit
Siegel, Uhren, Brieftaschen, Anhängsel, Ringe, Dosen, Ketten und aus
allen Ecken und von jeder Wand starrten Photographien von Herren und
Damen mit liebevollen Unterschriften. Dem Bücherkasten gegenüber stand
eine kleine, uralte Zimmerorgel.
In Hyrtls blassen Zügen zitterte schon jetzt die Angst, daß die Gäste
ihn zu früh verlassen könnten, denn wie sehr fürchtete er die einsamen
Stunden der Nacht! Durch diese Furcht wurde er witzig; etwas Berückendes
und Liebenswertes trat aus seinem Wesen hervor, je mehr die Stunde
vorrückte. Hilfsbedürftig klammerte er sich an jedes Lächeln seiner
Gäste.
Specht setzte sich an die Orgel und trat den Windbalg. Aus seinen
Schulmeistertagen war er noch mit einigen Griffen vertraut, und er
spielte eine choralähnliche Folge von Akkorden.
Hyrtl lobte sein Spiel, dann wandte er sich zu Arnold und sagte: »Ich
möchte Sie nächstens mit einer Freundin von mir bekannt machen, einer
russischen Studentin.«
»Aus welchem Grund?«
»Ihr beide würdet wunderbar zusammenpassen. Es macht mir manchmal
Freude, Menschen zueinander zu führen, Schicksale zu erzeugen.«
»Die reine Alchimisterei,« spottete Specht.
»Nein wirklich,« beharrte Hyrtl, »Verena Hoffmann würde Ihnen gefallen.«
»Verena Hoffmann?« rief Specht. »Die kenn’ ich ja. Lebt die nicht mit
einem gewissen Tetzner?«
»Ja. Aber es ist ein ganz einwandfreies Verhältnis.«
Specht lachte. »Hat sie’s Ihnen schriftlich gegeben? Einwandfrei! Was
heißt denn das? Soll übrigens sehr reich sein, dieser Tetzner.«
»Jawohl. Es ist ein reicher Gutsbesitzer, der Nihilist geworden ist.
Wenn Sie erlauben, Herr Ansorge, werd’ ich Sie morgen mit dem Wagen
abholen und wir fahren zu Verena.«
Arnold nickte.
»Gehen Sie schon?« fragte Hyrtl traurig, da die jungen Leute Anstalt
machten, aufzubrechen, und indem er Arnold die Hand reichte, fügte er
hinzu: »Alleinsein ist bitter. Lieber einen Raubmörder zur Gesellschaft
haben als allein sein.«
»Warum arbeiten Sie nicht?« fragte Arnold hart.
Hyrtl zuckte die Achseln. »Ich kann nichts,« antwortete er. »Ich war
Kaufmann, aber ich hätte ebensogut Strümpfe stopfen können. Ich würde ja
nur irgend einem Berufenen den Platz wegnehmen, wozu? Mein Vater hat mir
genug hinterlassen, daß ich die paar Jahre, die ich noch zu leben habe,
in Gemütsruhe erledige.«
»Was heißt das?«
»Das heißt, daß ich sehr krank bin. Mein Herz ist kaput.«
Als seine Gäste gegangen waren, gab sich Hyrtl eine Zeitlang seinen
trostlosen Betrachtungen hin. Dann versuchte er zu lesen. Die Buchstaben
tanzten. Wie albern und schrecklich das Gedichtete der Dichter in den
einen Ruf zusammenklang: wir können dir nicht helfen. Er griff zu
medizinischen Werken, zu philosophischen Schriften, zu alphabetischen
Lexika, zu alten Zeitungen; schließlich öffnete er ein Fach seines
Schreibtischs, nahm ein schwarzes Heft heraus und schrieb. Es war eine
Art Tagebuch, das die oberflächlichen Dienste eines Spiegels verrichtete
und einen Widerklang der eitlen, leeren, ärmlichen und empfindsamen
Dinge bildete, die sich im Kopf dieses Menschen wie eine Schar von
Insekten herumtrieben. Doch Hyrtl prahlte mit diesem Heft vor seinen
Freunden und hielt es geheim. Das Schloß, hinter dem es lag, zeigte
dreifachen Verschluß und gab zuletzt erst dem Druck einer verborgenen
Feder nach.
Hyrtls Gesicht war müd und welk geworden. Er kleidete sich aus, wälzte
sich noch lange unter der himmelblauen Atlasdecke umher, und erst als
das Tageslicht auf die Dielen fiel, sank er in Schlaf.