Achtundzwanzigstes Kapitel

Von den Büchern, mit denen sich Arnold neuerdings beschäftigte, machten

die juristischen einen großen Teil aus. Er las sie mit Scharfsinn und

Aufmerksamkeit. Aber dabei Wissenschaft zu gewinnen, war nicht leicht

und von einer glatten Straße sah er sich bisweilen in eine Wildnis

verschlagen. Er erkannte dann stets, daß es gefährlich sei, den Weg

fortzusetzen und fing wieder am Anfang an. Damit war eine gewisse

Ermüdung verknüpft, und er griff zu etwas Neuem, um nach einer andern

Richtung, auf einer andern Bahn alsbald von neuem unberaten im

fremdesten Gebiet sich zu finden. Allmählich wurde es ihm schwer, die

Ordnung zu bewahren, nach außen und nach innen. Er wußte nicht, ob das

Leere wirklich leer sei und das Unverständliche nur ihm allein

unverständlich. Nicht selten tauchte er in ein finsteres Wasser hinab,

um mit Geringschätzung wahrzunehmen, wie leicht der Schein von Tiefe zu

vernichten sei. Aber vergebens suchte er Grenzen zu ziehen. Wie in

dunklen Nächten manchmal die Gegend eine schreckliche Weite zu haben

scheint und zugleich eine undurchdringliche Abgeschlossenheit, so

geschah es hier. Er griff dahin und dorthin; Schwieriges erschien

leicht, das Leichte unüberwindlich. Jeden Gedanken an Beistand schloß er

vorläufig mit sonderbarem Starrsinn aus; er war der Meinung, daß keine

fremde Weisung ihm die Dienste des eigenen Instinktes leisten konnte.

Manchmal nahm er zu Dichtungen seine Zuflucht. Aber das

Farbig-Täuschende, ja sogar das Bildhafte erregte sein Mißtrauen, auch

wo ein Meister schuf. Was mit Kunst zusammenhing, nahm er nicht sehr

ernst, schon weil er das Element der Gestaltung nicht zu würdigen

vermochte und er den Werken des Geistes naiv ihren unmittelbaren Nutzen

abfragte.

Er griff nach Zeitungen, um auf solche Art das Wirkliche an sich zu

pressen. Torheit, Verbrechen, Wahnsinn und Verzweiflung boten sich nun

in kalter Nähe und Trockenheit. Was Geschwätz und Schiefheit war, mußte

abgestreift werden. Vom Politischen blieb nur Lüge, Hader und Täuschung;

oder Namen: Gott, Vaterland, Kirche, Freiheit, Güterverteilung. Eine

Zeitlang irrte Arnold zwischen Phrasen wie ein Gefangener umher. Er

wollte das Festeste ergreifen, das ihm erreichbar war, und so kam er zur

Zahl und ihrer Wissenschaft. In seinem Sinn schien es heller zu werden.

Pforten, denen Licht entstrahlte, öffneten sich, durch eine Formel

gesprengt. Wie die Sehne des Bogens nach jeder Spannung in ihre

natürliche Lage zurückkehrt, so erschlaffte weder, noch überspannte sich

sein Geist bei solcher Arbeit. Aber er überschätzte das Licht; er

überschätzte die Klarheit, in welcher die Dinge demjenigen sich zeigen,

der seine innere Flamme zur Beleuchtung nach außen verwendet.

Es war ein regnerischer Tag; am Abend sollte die Gesellschaft bei

Pottgießer sein, zu der Arnold geladen war. Gegen vier Uhr brachte der

Diener eine Karte mit dem Namen Maxim Spechts.

Specht trat ein, noch eleganter gekleidet als neulich, sorgfältig

rasiert und frisiert, lächelnd und liebenswürdig. Er schilderte alsbald

das Leben, das er jetzt führte, und mit innerer Unsicherheit versuchte

er es, die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen geistigen Einklang

zu bringen. Aber wenn jemand einen allzu vollen Becher trägt, kann er

nicht gut verbergen, daß seine Hand von der überquellenden Flüssigkeit

benetzt worden ist. Arnold war nachdenklich. Er fragte sich umsonst,

weshalb Specht gekommen sei; er fragte sich, was aus dem sozialistischen

Schullehrer geworden sei, der so großen Jammer mit dem Elend des Volkes

empfunden hatte.

»Sie scheinen viel zu lesen«, bemerkte Specht, auf die zahlreichen

Bücher blickend, die auf dem Tisch lagen. »Übrigens kann ich Ihnen einen

Roman empfehlen, den ich jetzt gelesen habe. Ich will Ihnen das Buch

leihen. Es ist eine geistreiche Satire auf unsre heutige Gesellschaft.«

Arnold schüttelte den Kopf. »Ich brauch’ das nicht,« erwiderte er

abwehrend. »Das Geistreiche schmeckt mir nicht. Romane les’ ich nicht.

In den Romanen erbleichen die Leute zu oft.«

Specht meckerte. »Köstlich«, sagte er.

»Wie geht es Ihnen bei Ihrer Zeitung?« fragte Arnold.

»O, ausgezeichnet. Ich habe mir eine angesehene Stellung gemacht. Ich

sage Ihnen, Arnold, ich habe Dinge gesehen und Menschen kennen gelernt,

von denen ich mir früher in meiner Schullehrerweisheit nichts habe

träumen lassen. Es ist doch was Herrliches um so eine Großstadt.«

»Ja, das haben Sie immer behauptet.«

»Und finden Sie das nicht?«

»Es ist mir zu viel, vorläufig. Ich muß mich erst hineinleben.«

»Was mich betrifft, so tanze ich von einem Vergnügen ins andere. Kostet

aber auch teuflisches Geld; besonders die Weiber. Weiber gibt es hier,

Arnold!« Er schnalzte mit der Zunge. »Ich brauchte nur einen reichen

Verwandten oder Freund,« fuhr er fort, »und ich würde es bis zum

Minister bringen.«

Der Zusammenhang der Argumente entging Arnold.

Specht verabschiedete sich mit dem Versprechen, bald wieder zu kommen;

er habe was auf dem Herzen, fügte er hastig hinzu.

Arnold stand am Fenster und sah ihn auf der Straße in einen eleganten

Wagen steigen, der vor dem Haus gewartet hatte. Ei, dachte er, dem muß

es gut gehen.

Der Diener kam mit einer Anfrage von Doktor Borromeo herauf, ob Arnold

am Pottgießerschen Abend teilnehmen würde. Arnold bejahte. Dieser Abend

stellte sich ihm nicht als Vergnügen dar, sondern er betrachtete ihn

ernsthaft als einen Teil seiner Aufgaben.

Als Borromeo Arnolds Antwort erhalten hatte, ging er in das Zimmer

seiner Frau. Leise trat er ein, als ginge er auf den Fußspitzen. Anna

saß lesend am Fenster. Ein blasses, sommerfleckiges Fräulein kämmte ihr

das Haar. Der Doktor stutzte und wollte sich wieder entfernen.

»Hast du mir etwas zu sagen, Friedrich?« fragte Frau Borromeo sanft.

»Geben Sie acht, Lina, Sie tun mir weh,« wandte sie sich an das Fräulein

und klopfte ungeduldig mit dem Fuß auf den Boden.

»Ich wollte dich nur verständigen, Anna, daß es mir unmöglich ist, zu

Pottgießer zu gehen,« sagte der Doktor.

»Berufspflichten?« spottete Anna Borromeo, ohne den geringsten Verdruß

zu zeigen. »Dann wird mir nichts übrig bleiben als ohne dich zu gehen,«

fügte sie kalt hinzu.

Borromeo zuckte die Achseln und sah einer umhersummenden Biene nach. Er

stand wie ein untertäniger Auftragnehmer an der Türe.

»Dein Neffe wird mich führen, denke ich,« sagte Anna stirnrunzelnd.

Der Doktor bejahte.

»Er zeigt überhaupt glänzende Talente zum Gesellschaftsmenschen,« fuhr

sie fort. »Ich muß gestehen, daß ich nach deiner Schilderung etwas

anderes erwartet habe. Ich habe einen Himmelsstürmer erwartet und sehe

nichts als einen stillen, jungen Mann, der sich ganz artig anzupassen

versteht.«

Das Frisierfräulein war fertig und empfahl sich. Doktor Borromeo begann

langsam auf und ab zu gehen und sich den Bart zu streichen. »Ich habe

keinerlei Verantwortung dafür übernommen, bis zu welchem Grade du dich

an Arnold amüsieren kannst,« sagte er endlich. »Wenn du an ihm nicht

mehr findest, als er dir zeigt, so kann es dir gehen wie dem reichen

Mann mit Jesus Christus. Wir sind nie erbärmlicher, als wenn wir auf

etwas herunterzublicken glauben, was hoch über uns steht.«

Anna Borromeo senkte den Kopf. Sie war verständig genug, um einzusehen,

daß sie einen falschen Ton angeschlagen habe. Ihr Wesen war

anteilvoller, als sie rasch erwiderte: »Ganz gut; nehmen wir an, er ist

das, was _du_ in ihm siehst. Warum scheint er dann so dumpf, so

erstaunt, so simpel? Wenn so ein Mensch, wie du ihn glaubst, in unsere

Kreise versetzt wird, müßte er doch wie Dynamit wirken. Aber es macht

den Eindruck, als ob ihn alles kalt ließe. Er lächelt und schaut und

schweigt. Er hat sogar gelernt, sich in unserer Manier zu verbeugen.

Warum höre ich nichts von ihm, was mir Aufschluß gibt? Warum tut er

nichts, was mir imponiert?«

Anna Borromeo hatte ihr Gesicht erhoben. Ihre Wangen waren blaß, der

Ausdruck ihrer Augen leidenschaftlich und drohend. Sie leugnete, um zu

leugnen. Sie haßte, weil sie zu lieben sich fürchtete.

»Lassen wir es,« sagte Borromeo verdrießlich und wehrte mit der Hand ab.

»Du hast schlechte Gewohnheiten mir gegenüber angenommen,« sagte Anna.

»Es ist leicht, ein Thema abzubrechen, das einem über den Kopf wächst.«

Friedrich Borromeo blieb vor ihr stehen. »Du hast recht,« begann er

sachlich, »aber würde es dich denn bekehren, wenn ich dir sagen würde,

worin du irrst? Keine Wahrheit gilt als die erlebte. Ein Charakter von

nicht so hoher Bedeutung würde das tun, was du von Arnold erwartest. Er

würde um sich werfen, Funken schlagen, sich geberden, fruchtlose

Unternehmungen anstellen. Dieser Mensch aber hat die Ruhe, das zu

erwarten, was die Natur in ihm erschafft –«

Er hielt inne, als er das ungläubige Lächeln Annas bemerkte, schob mit

einem wunderlichen Ausdruck seinen Kragen zurecht und verließ das

Zimmer.

Anna Borromeo läutete dem Zimmermädchen, welches über eine Stunde um sie

beschäftigt war. Als sie fertig war und in das Speisezimmer trat, kam

auch schon Arnold herab. Der Wagen wartete unten.

Das Haus, welches Pottgießer bewohnte, war eine Sehenswürdigkeit.

Marmorbelegte Fluren führten zu den Empfangsräumen. Die Säle waren so

hochgebaut und luftvoll, daß auch die gedrängteste Versammlung ihnen

nichts von ihrer Weite zu rauben schien. Kostbare Kunstgegenstände,

Bilder, Statuen, Teppiche, Nippes, Vasen boten sich dem Auge in Fülle.

Arnold gewahrte Natalie und begrüßte sie. Sie war in hellgrünem

Moireekleid, trug Perlen um den Hals und Diamanten im Haar. Es war

bezaubernd, sie lächeln zu sehen, als ob sie sich selbst beneide und

bewundere. Während sie an Arnolds Seite ging, grüßte sie die Grüßenden,

schelmisch beschämt oder mit kindlichem Triumph. Jeden kannte sie,

jedermanns Erlebnisse wußte sie zu erzählen. Da war eine junge Frau,

sechs Jahre verheiratet und noch kinderlos. Und warum? Weil sie es für

unvornehm gehalten hatte, im ersten Ehejahr ein Kind zu bekommen, wurde

der Storch abbestellt. Aber im zweiten Jahr kam auch keines, im dritten

und im vierten auch nicht. Großer Familienrat; aber der Storch ist

beleidigt und der Sprößling hält es jetzt nicht mehr für vornehm,

geboren zu werden.

Arnold machte ein dummes Gesicht zu dieser Erzählung.

Und dort unter dem Kandelaber stand eine magere Person, – ist es nicht

unappetitlich, so mager zu sein? Ihr Mann hat sich aus einem Fenster

gestürzt, weil sein eigener Freund diese Magerkeit appetitlich gefunden.

Schlecht ist die Welt, nicht wahr? Dieser rotbärtige und vollbackige

Herr hat große Unterschlagungen verübt und nur seine herzlichen

Beziehungen zur Gräfin Palansky haben ihn vor dem Kerker geschützt.

»Keine von diesen Frauen ist ihrem Manne treu,« flüsterte Natalie, und

Vergnügen und Wohlwollen färbte ihr Gesicht. »Sie naschen von jedem

Tisch und sind überall gleich satt. Tausend Geschichten kann ich Ihnen

erzählen. Es ist sehr hübsch hier, nicht wahr?« So plauderte Natalie.

Petra kam den beiden entgegen, und zum zweitenmal versicherte Natalie

mit ihrer jauchzenden Kinderstimme, daß sie sich göttlich unterhalte.

Petra senkte in ihrer schweigenden Weise den Kopf und als Arnold und

Natalie ihr wieder entschwanden, seufzte sie. Ihr Wesen irrte in sich

selbst. Sie fand sich nur abgesondert, sie konnte nicht abstoßen; sie

genoß mit, wo sie sich schwächlich in die Hoffnung wiegte, vielleicht

einmal entbehren zu können, wenn das Bessere zu ihr herabwuchs, so daß

sie nur die Lippen öffnen brauchte.

Arnold blieb in Natalies Kreis gebannt, saß auch bei Tisch neben ihr.

Eine merkwürdige Heiterkeit umfing ihn, die oft nur in dem Vorsatz

bestand, die Dinge von der günstigen Seite betrachten zu wollen. Er sah

Anna Borromeos Blick auf sich gerichtet und machte die Beobachtung, daß

sie vor allen Frauen sich hervorhebe, nicht allein durch Schönheit,

sondern auch durch etwas Verschwiegenes, das sich nicht jedem Auge

biete. Indessen scherzte er mit Natalie, lachte, fühlte sich über seine

Nachdenklichkeit erhoben, strengte sich an, im Harmlosen die versteckte

Andeutung zu finden, doch blieb ihm immer das sonderbare Gefühl, mit so

vielen Menschen an einem Tisch zu sitzen, lediglich zum Zweck

gemeinschaftlichen Essens. Die endlose Reihe der Speisen wunderte ihn,

und er besah sich abermals die Leute, die mit einer Kette aneinander

gefesselt schienen, welche durch keine Kraftanstrengung zu durchreißen

war und deren helles Klirren durch vielfaches Plaudern übertönt werden

mußte.

Der Moloch · 第 34 / 84 题