Als Arnold am folgenden Nachmittag in das Speisezimmer trat, waren Hyrtl
und Pottgießer bei Anna Borromeo.
Kurz darauf wurde Frau Borromeo aus dem Zimmer gerufen. Ein Börsen-Agent
war draußen, der sie zu sprechen wünschte. Pottgießer sprach von einer
großen Gesellschaft, die demnächst in seinem Hause stattfinden sollte
und lud Arnold ein.
Anna Borromeo kam zurück. Sie war sehr bleich, sagte aber mit
heuchlerischer Lebhaftigkeit: »Ich höre eben, daß es im Parlament morgen
eine Interpellation über den Fall Elasser gibt. Das ist doch was für
dich, Arnold.«
»Ich weiß es«, erwiderte Arnold. »Ich habe den Abgeordneten unseres
Bezirks dazu veranlaßt.«
Hyrtl und Pottgießer sahen ihn mit sonderbaren Blicken an.
»Da können Sie einen netten Skandal erleben«, bemerkte Pottgießer, indem
sich sein Gesicht verfinsterte. »Wozu mischen Sie sich eigentlich da
hinein?« wandte er sich an Arnold. »Die Juden sollen ihre Geschäfte
selber austragen.«
»Sie sind doch auch ein Jude,« entgegnete Arnold verwundert und maß ihn
von oben bis unten. »Gestern erst hat mir’s jemand erzählt, zufällig.«
Anna Borromeo war sichtlich erschrocken, Hyrtl spitzte moquant die
Lippen.
»Ich _war_ ein Jude,« versetzte Pottgießer scharf, »und ich hatte
innerlich nie etwas mit Juden gemein. Aber lassen wir das.« Er lachte
halb spöttisch, halb verlegen.
Hyrtl verabschiedete sich. Da Arnold sich ebenfalls erhoben hatte und in
der Nähe der Türe stand, drückte ihm Hyrtl mit befremdlicher
Herzlichkeit die Hand und sagte: »Kommen Sie doch einmal auf eine Stunde
zu mir. Ich langweile mich so.« Nichts konnte ehrlicher klingen als
diese wenigen Worte. Arnold schaute ihn groß an und lächelte
freundschaftlich. Er versprach, zu kommen.
Er erwartete mit Ungeduld den nächsten Morgen. Als er im Zuhörerraum des
Parlaments saß, war es unten noch leer. Langsam füllten sich die Reihen,
auch rings um ihn nahmen Leute Platz. Wenn dies anfangs den Schein der
Feierlichkeit besessen hatte, sehr verursacht durch die Schönheit des
Raums, war es doch nur so lange, bis sich dem Auge viele von den
Gestalten hier oben und dort unten besonders darboten. Denn diese
Gesichter waren wie von einem Folterinstrument zu dem Ausdruck des
Hohns, der Habsucht, der Niedrigkeit, der Geistesertötung, des
Übelwollens, der Unwissenheit, der Langeweile und des fanatischen Hasses
verzerrt. Indessen begnügte sich Arnold mit dem Bewußtsein, daß sich die
Gesetzgeber des Landes hier versammelten und ein Teilchen des Volkes,
das seine Richter und Väter kennen zu lernen wünschte; es sei also
besser zu hören, als zu sehen und nützlicher zu warten als zu urteilen.
Erst muß man sehen und lernen, dachte er, indem er dem Beginn der
Verhandlungen lauschte und auf ein erschreckendes Geschrei aufmerksam
wurde, wie unter den Streitenden in einem Bauernwirtshaus. Sobald
nämlich der Name Elasser gefallen war, erhob sich ein betäubender Lärm,
der in Schimpf- und Hohnreden bestand; viele erhoben sich,
gestikulierten und brüllten; auch die Leute um Arnold fingen an zu
lachen und zu brüllen, stiegen auf die Bänke und schmähten gegen die
Juden und dergleichen. Die Parteigänger gaben ihre Sache natürlich nicht
auf; auch ihrerseits erprobten sie die Kraft der Lunge. Dann kam einer
zu Wort; er redete aber schlecht, stieß mit der Zunge an und ging um die
eigentliche Sache feig herum. Niemand kümmerte sich um das, was er
sagte. Mitten in seinem hudelnden Gewäsch erhob sich johlendes
Gelächter, viele begannen wiederum zu schreien, zu pfeifen, zu zetern
und das dauerte mindestens eine Viertelstunde lang, so daß ein richtiges
Wort gar nicht mehr herausdrang.
Plötzlich läutete der Präsident, verkündigte den Schluß der Debatte,
und es wurde von etwas anderm gesprochen.
Arnold schaute sich um, als ob er träume. Er hatte Lust,
hinunterzuschreien und erhob unwillkürlich die Faust. »Das ist ja
heillos, was die da treiben«, sagte er voll Wut zu seinem Nachbar, einem
ungeheuerlichen Fettwanst, der ihn höhnisch anstarrte.
Er sprang auf, verließ die Tribüne, lief durch Treppen und Gänge
hinunter, kam in eine prächtige, mit Säulen geschmückte Halle, wo
plötzlich ein junger, gewählt gekleideter Mensch auf ihn zukam und mit
gestreckten Händen und dem Ausdruck höchster Überraschung »Arnold!«
rief. Arnold blickte empor und erkannte Maxim Specht. Doch seine Sinne
waren so sehr von dem Vorgefallenen benommen, daß er leer nachdenkend in
das Gesicht des ehemaligen Lehrers starrte. Specht war von dieser Kälte
unangenehm berührt, ließ sich aber nichts merken, stellte Fragen über
Fragen, schien voll Nachrichten, Neuigkeiten, Neugier, aber auch voll
Behagen, Lebenslust und Lebenskenntnis. Arnold teilte ihm auf sein
Verlangen mit, wo er wohnte, darauf trennten sie sich. Auf der Straße
dachte Arnold nicht mehr an die Begegnung.
Er saß zu Hause eine Stunde lang in seinem Zimmer, als ihn Anna Borromeo
rufen ließ. Er ging hinunter. Anna lag auf der Ottomane. Sie trug ein
weißes, loses Gewand, welches über die Füße hinweg seitlich zur Erde
fiel. Den Kopf hatte sie hintübergesenkt und die Augen geschlossen.
Langsam öffnete sie die Lider, als Arnold eintrat und winkte ihm mit
dem Arm, näher zu kommen. »Du siehst mich in Angst und Sorge, Arnold«,
begann sie mit ruhiger Stimme. »Willst du mir aus einer großen
Verlegenheit helfen?« Sie stützte sich auf den Ellbogen, hob sich empor
und sah ihn erwartungsvoll an.
»Was ist es?« fragte Arnold.
Frau Borromeo schob ihre Kleidschleppe gegen sich heran und setzte sich
aufrecht mit untergeschlagenen Armen. »Ich brauche nicht allein einen
Helfer, sondern auch einen verschwiegenen Helfer«, sagte sie. »Nun das
bist du, verschwiegen bist du, du bist ja ein Mann. Warum nimmst du
nicht Platz?«
Arnold setzte sich auf einen der niedrigen Polstersessel. »Erst muß ich
wissen, was es ist«, sagte er kühl.
»Ich brauche zehntausend Gulden, heute noch«, sagte die Frau und sah ihm
starr in die Augen.
»Zehntausend Gulden! Donnerwetter, das ist viel«, rief er aus. »So viel
hab ich in meinem ganzen Leben nicht gebraucht.«
»Ich habe eine drückende Börsenschuld. Ich habe unglücklich spekuliert.
Dein Onkel darf nichts davon erfahren. Ich verlange natürlich kein
Geschenk von dir. In drei bis vier Wochen werde ich dir’s zurückgeben.«
»Ah so!« sagte Arnold.
»In gewissem Sinn hast du mein Schicksal in der Hand«, fuhr Anna fort.
Sie erhob sich und schritt, immer noch mit verschränkten Armen, auf und
ab. Dann blieb sie neben ihm stehen. Er blickte empor und sah das weiße
Kinn, den roten Mund und einen feindseligen Blick ihrer Augen. Da erhob
er sich, trat zum Tisch, riß ein Blatt aus dem Anweisungsbuch für die
Bank, das er in der Tasche trug, nahm die Feder und schrieb.
Er reichte Anna Borromeo den Scheck; sie dankte und er ging. In seinem
Zimmer angelangt, öffnete er die Fenster, setzte sich rittlings auf
einen Stuhl und schaute nachdenklich in die Luft.