Sechsundzwanzigstes Kapitel

Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit

seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach

Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in

der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin

vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen.

Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka

in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen

Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen

Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit müde sei und daß sie

endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte

sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als

läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den

Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein

Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt

vergessen.

Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in

der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den

Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und

nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu

und sah die Zukunft klar.

Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und

um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr

Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter

beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie

sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde

ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz

ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb

für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität.

Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering

und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.

Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten,

suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte

er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er

sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber

zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.

Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit

erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu

springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die

Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht.

Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das

eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?

Wo ist Ihre Frau?«

»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka

humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.«

Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist,

wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen

bestätigt fand.

Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie

nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas

Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und

das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas

Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte

Petra den erstaunten Hanka auf.

Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf

Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm

nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas

heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor

diesem Menschen.

»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich

dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.«

Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit

für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie

gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu

betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide

konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch

betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht.

Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller

Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den

Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und

Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold.

Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie

bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf.

»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie

heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«

Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun

am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der

stille Mann fing an, ihm zu gefallen.

»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße.

Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie,

Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.

Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch

eine Donquichoterie.«

»Was heißt das?«

»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen

Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens,

ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der

Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden

sollte.

Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt

war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten

Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk.

Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl

und blickte regungslos an die Decke.

»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.

Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid

strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.«

Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und

hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den

ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete

sie sich um und saß bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite

im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er

umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang

Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka

mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig,

sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner

Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische

Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran,

sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach

Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war

formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer

Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht

selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke

gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen,

erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen

aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im

Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte

ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte

sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von

Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie

wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos

blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag

ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, daß ihr Geist nicht zum

Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich

sehen.

Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht

möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand

des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach

Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine

Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am

schnellsten entdecken.

In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische

Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann

stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien

ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken

verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln

Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war

feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen

bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren

verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter,

um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und

hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn

preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,«

flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst

du?«

Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier

gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«,

sagte sie.

Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit

entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen,

aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte

Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als

das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind,

das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung

von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft,

das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.

Der Moloch · 第 32 / 84 题