Hankas Verheiratung hatte in aller Stille stattgefunden. Er blieb mit
seiner jungen Frau vorläufig in der Stadt und im Herbst wollten sie nach
Paris. Beate träumte von Italien wie die kleinen Bürgermädchen, die in
der Überlieferung der Hochzeitsreise aufgewachsen sind und sich darin
vergnügen, ihr gesellschaftlich anerkanntes Glück spazieren zu führen.
Einstweilen gab sie sich in der schönen Wohnung zufrieden, welche Hanka
in einer Villa in Döbling eingerichtet hatte. Aber in heimlichen
Augenblicken gestand sie sich, daß sie das Leben im abseits gelegenen
Häuschen eigentlich kenne, daß sie der Einsamkeit müde sei und daß sie
endlich Menschen, Straßen, Bälle und Theater haben wolle. Sie stellte
sich trotzdem, als sei Hankas Glück auch das ihre. Sie stellte sich, als
läse sie in den Büchern, die er ihr empfahl, als freue sie sich mit den
Büsten, Stichen und Kunstdingen, mit denen sein Geschmack und sein
Verständnis sie umgeben hatte. Sie stellte sich, als habe sie die Welt
vergessen.
Hanka befand sich wohl. Er kam sich im stillen wie ein Pudel vor, der in
der Sonne liegt und nach Fliegen schnappt, denn er gehörte zu den
Leuten, die sich im Glück possierlich finden. Er betrieb historische und
nationalökonomische Studien, gedachte seines früheren Lebens mit Abscheu
und sah die Zukunft klar.
Beates Züge wurden kräftiger und energischer. Ihr Kinn ründete sich und
um den bogenförmigen Mund legte sich das Lächeln der Gewißheit. Ihr
Körper zeigte meist eine Ruhelosigkeit der Bewegung, die unter
beobachtenden Blicken ins Krankhafte ging. Oft war es, als schäme sie
sich ihrer Füße, ihrer Hände, ihres Halses, und sinnlich schamvoll wurde
ihr Lächeln auf der Straße. Dann redete sie Dinge, unter deren Schutz
ein hartnäckiger und boshafter Gedanke zu schlummern schien. Hanka blieb
für sie ein großes, ernsthaftes Tier, belustigend in seiner Gravität.
Sie glaubte sich ihm überlegen, denn seine Bildung schätzte sie gering
und die Art seines Geistes war ihr unbekannt.
Unter allen Bekannten, die für Hanka in einem feindlichen Land hausten,
suchte er sich doch Natalie als eine Ausnahme heraus. Für sie bewahrte
er die Zuneigung eines Großvaters, nach ihrem bunten Geschwätz konnte er
sich zuweilen wünschen. Er hatte Beate diesen Besuch versprochen, aber
zuerst wollte er allein gehen, die lästigen Fragen allein schlucken.
Er fand Natalie und Petra zu Hause. Natalie begrüßte ihn mit
erkünstelter Entrüstung. Ihr Gaumen schien von tausend Fragen zu
springen. Hanka lehnte sich in den Sessel zurück, schlug schmunzelnd die
Beine übereinander und machte ein heiteres und geduldiges Gesicht.
Natalie konnte nicht länger an sich halten. »Doktor!« rief sie, »ist das
eine Art, sich zu verheiraten? Und ist das eine Art, zu mir zu kommen?
Wo ist Ihre Frau?«
»Erst muß ich auskundschaften, meine Teure«, erwiderte Hanka
humoristisch. »Übrigens freue ich mich, Sie wiederzusehen.«
Petra lachte, wie so oft, wenn nichts zu lachen war. Es geschah meist,
wenn sie ihre stillen Vorstellungen über das Benehmen eines Menschen
bestätigt fand.
Das Zimmermädchen trat ein und sagte, ein Herr Ansorge sei da. Natalie
nickte überrascht und verlegen und gleich darauf kam Arnold. Hankas
Verwunderung war außerordentlich. Er blickte von einem zum andern und
das ergötzte Natalie. Sie kam sich wichtig vor und sah nun selbst etwas
Geheimnisvolles in Arnolds Besuch. Während sie ihn begrüßte, klärte
Petra den erstaunten Hanka auf.
Arnold nahm Platz; er war schweigsam und antwortete nur spärlich auf
Fragen. Er hatte geglaubt, Natalie allein zu finden und es schien ihm
nun, als ob sie überhaupt nie allein sei. Natalie spürte auch so etwas
heraus, denn sie war ziemlich kleinlaut geworden. Sie hatte Angst vor
diesem Menschen.
»Sie haben sich rasch zurechtgefunden«, sagte Hanka zu Arnold. »Ich
dachte nicht, Sie schon im Mittelpunkt der Gesellschaft zu finden.«
Trotzdem er nun wußte, wie es zugegangen war, hatte Arnolds Anwesenheit
für ihn immer noch etwas Unerklärliches. Er war gewohnt, sich Natalie
gegenüber in einer unveränderlich trockenen und spaßhaften Weise zu
betragen; Natalie hatte sich diese Manier zurechtgelegt und beide
konnten stets hinter den Worten, womit sie einander spielerisch
betrogen, etwas anderes suchen. Dies reizte heute Hanka nicht.
Schließlich schwiegen sie alle drei. Natalie war ratlos. In heller
Verzweiflung studierte sie Arnolds Gesicht, fand die Nase zu klein, den
Mund häßlich, das Haar zu glatt und lachte endlich vor Zorn und
Verlegenheit gerade hinaus. Das ärgerte Arnold.
Hanka erhob sich und Arnold entschloß sich, mit ihm zu gehen. Natalie
bat ihn, noch zu bleiben, aber er schüttelte den Kopf.
»Ich habe etwas Wichtiges mit Ihnen zu sprechen,« sagte sie; »wenn Sie
heute keine Zeit haben, kommen Sie nächsten Donnerstag um fünf Uhr.«
Er versprach es. Ihre Worte verwunderten ihn immerhin, und er wäre nun
am liebsten gleich dageblieben, doch wollte er mit Hanka reden, denn der
stille Mann fing an, ihm zu gefallen.
»Was machen Sie eigentlich in Wien?« fragte Hanka auf der Straße.
Mit wenigen Worten, fast mit denselben, die er neulich gegen Natalie,
Petra und Hyrtl gebraucht, setzte Arnold sein Vorhaben auseinander.
Hanka machte große Augen. »Um Himmelswillen,« sagte er, »das ist doch
eine Donquichoterie.«
»Was heißt das?«
»Na, wissen Sie, der Junker Don Quichote, der zog aus, um gegen
Windmühlen zu kämpfen. Lesen Sie doch die famose Geschichte. Übrigens,
ich will Ihnen nicht zu nahe treten.« Er sah Arnold verstohlen von der
Seite an und wußte nicht, ob er ihn närrisch oder bewundernswert finden
sollte.
Arnold verdroß jedoch diese Art zu reden, die ihm nun schon wohlbekannt
war, und die ihm etwas Niedriges zu enthalten schien. An der nächsten
Straßenecke verabschiedete er sich daher kurz und brüsk.
Hanka spazierte nachdenklich nach Hause. Beate lag auf einem Langstuhl
und blickte regungslos an die Decke.
»Schläfst du, Beate?« fragte Hanka väterlich.
Sie verdrehte die Augen und erwiderte, mit den Füßen unter dem Kleid
strampelnd: »Ich langweile mich, ich langweile mich.«
Hanka schwieg betroffen. Beate erhob sich, reckte gähnend die Arme und
hielt sie dann vor sich, wie zu einer nachlässigen Umarmung. Auf den
ruhigen Vorschlag Hankas, mit ihm eine Spazierfahrt zu machen, kleidete
sie sich um und saß bald darauf mit festlichem Gesicht an seiner Seite
im Wagen. Er sollte ihr erzählen, und berichtete von Natalie. Während er
umständlich und etwas grübelnd seine Gedanken ausdrückte, verschlang
Beate mit den Blicken die Leute der Straße und bemerkte nicht, daß Hanka
mit spöttischem Schmunzeln abbrach. Sie ist jung, lebendig und hungrig,
sagte er sich, legte ein Bein über das andere und blies den Rauch seiner
Zigarre mit der Versöhnlichkeit eines alten Landpfarrers in die frische
Frühlingsluft. Beate schmiegte sich näher an ihn, als läge ihr daran,
sich dankbar zu erweisen und sann in unergründlicher Schlauheit nach
Mitteln, um Versprechungen zu erhalten. Aber was sie begehrte, war
formlos, denn sie hatte mehr Wünsche als Gedanken. Alle Wege ihrer
Phantasie waren mit Begierden belagert, deren Schatten ihr Gesicht
selbst im Schlaf überzogen. Um Beschäftigung zu haben, spann sie Ränke
gegen die Dienstboten, schrieb sie Briefe an eingebildete Personen,
erzählte sie erfundene Träume, streute sie Verleumdungen über Personen
aus, mit denen sie kaum gesprochen hatte. Es kam heraus, daß sie im
Gartenhäuschen eine Katze an den Beinen aufgehängt hatte. Hanka machte
ihr Vorwürfe. Während er dann ein Buch nahm und zu lesen begann, umarmte
sie ihn und biß ihn ins Ohr. Hanka riß die Augen auf, ertappte ihren von
Ungeduld, ja von Haß glühenden Blick und starrte sie sprachlos an. Sie
wurde finster und nahm eine Moden-Zeitschrift, in der sie wahllos
blätterte. Sich ein Bild des Mannes zu entwerfen, mit dem sie lebte, lag
ihr fern. Ihr war alles in solcher Nähe, daß ihr Geist nicht zum
Schauen, sondern nur zum Betasten kam. Sie wollte Leidenschaften um sich
sehen.
Hanka freilich fühlte sich als den Herrn. Anders zu leben war ihm nicht
möglich. Glücklich sein hieß für ihn, unabhängig sein und jeden Zustand
des Behagens mit freiem Urteil abmessen zu können. Da er so nach
Sicherheit im Innern strebte, gab er nach außen Verläßlichkeit, eine
Eigenschaft, worauf die Unverläßlichsten am meisten bauen und die sie am
schnellsten entdecken.
In der Nacht konnte Hanka nicht schlafen. Er drehte die elektrische
Lampe auf und versuchte zu lesen. Aber die Worte entglitten ihm. Dann
stützte er sich auf den Arm und betrachtete Beates Gesicht. Es erschien
ihm so fremd in seinem Schlaf, daß er einen leichten Schrecken
verspürte. Die krampfhaft verschlossenen Lider ließen die dunkeln
Streifen der Wimpern kaum bemerkbar erzittern. Die gewölbte Stirn war
feucht, die weißen Schläfen bebten unter dem Lauf des Blutes. Die Lippen
bewegten sich in unhörbaren Worten, welche vielleicht den Zügen ihren
verschlossenen und rohen Ausdruck gaben. Hanka berührte ihre Schulter,
um sie von dem quälenden Schlaf zu befreien. Kaum war sie erwacht und
hatte ihn mit einem feuchten Blick angesehen, als sie ihre Arme um ihn
preßte und ihren Körper fest an ihn schmiegte. »Ach Alexander,«
flüsterte sie mit gebrochener Stimme, »du mußt mir etwas kaufen. Willst
du?«
Sie wünschte sich eine Perlen-Halskette, die sie bei einem Juwelier
gesehen. »Nie wieder will ich etwas, wenn du mir den Schmuck kaufst«,
sagte sie.
Hanka versprach es. Aber darauf schwieg er bedachtsam. Unzufriedenheit
entstand in ihm. Gründe der Leidenschaft konnten ihn nachgiebig stimmen,
aber sie sickerten durch bis in seine Vernunft, wo eine ernsthafte
Prüfung ihrer harrte. Dennoch schloß er Beate in alle Betrachtungen als
das wertvollste Besitztum seines Lebens. Er sah in ihr das reine Kind,
das sich ihm aufbewahrt. Daß er selbst es gewesen, der in einer Handlung
von dunkler Kraft schon so frühe ihre Zukunft mit der seinen verknüpft,
das erschien ihm als ein besonders trostvoller Wink des Schicksals.