Fünfundzwanzigstes Kapitel

Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier

zusammengefunden hatten. Mitteilsam glänzten die Augen, voll

Geschäftigkeit öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen.

Viele Männer waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als hätten

sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron

Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn zu sehen. Er führte ihn zu

einem jungen Mädchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine

Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, lächelte flüchtig und

wandte sich zu einem Herrn, der in majestätisch-nachlässiger Haltung

dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher

Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in anmaßender Bescheidenheit

zu verbergen wünscht.

»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, flüsterte Drusius Arnold

zu. »Er will einen Staat von freien Menschen gründen, ohne Steuern und

ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen

Landstrich in Amerika anzukaufen ...«

Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verständigen

Gesicht einen altjüngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit

fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche Namennennen,

Verbeugen, Händedrücken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?

Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man große

Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, weshalb sie freundlich seien, ohne

daß sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies

überfließende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand

gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es

feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen

freundlich und leer.

Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: »Sind Sie

nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen

gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus Podolin. Sie kennen

Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie

doch, – bitte!«

Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz außer sich vor

Neugierde und biß sich auf die Lippen vor Verdruß, daß sie nicht früher

den Einfall gehabt, Arnold zu fragen.

Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er

einige Sekunden überlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise

den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr Hanka hätte

ein besseres Frauenzimmer finden können, glaube ich. Die Beate oder wie

sie heißt, ist dem Teufel zu schlecht.«

Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den

Mund und erwiderte betreten: »Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch!

Das dürfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, daß Doktor

Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst können Sie sich schöne

Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit

für sich aufgezogen.«

»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold kalt. »Von mir aus

mag sie treiben, was sie will, aber ich weiß, was ich weiß.«

Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie

Arnolds Arm und führte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.

Zwei alte Herren saßen am Fenster und unterhielten sich leise; sie

erhoben sich nun und gingen hinaus.

»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen Sie!« begann Natalie

sogleich.

Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl’ ich Ihnen«, antwortete er

grob.

Natalie sah ihn entsetzt an.

Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein Geld haben, um die

ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich

hab’ auch noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber jetzt nicht

reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?«

Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte über den ganzen

Körper, trat einen Schritt zurück und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn

ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?«

Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. Als er jedoch

ihre hübschen Kinderaugen voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es

nicht wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er treuherzig.

Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das Taschentuch und

verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrückten

Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst

zurückverhalf. Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit

benutzen.

»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das Gesicht erhebend und

unter Tränen lächelnd. »Wir müssen ausführlich miteinander reden, wir

würden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.«

Arnold verabschiedete sich und ging.

Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir die Zeit vertrieben,

Arnold?« fragte Anna Borromeo.

Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: »Ich will nicht die

Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.«

Frau Anna lachte.

Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz recht«, sagte er. »Man

sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht

lassen, bis sie zertreten sind.«

Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem spärlichen

Gespräch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an,

ohne daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch

gestern hätte Arnold das nicht gespürt. Einen Augenblick lang wollte er

das rätselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch

eine ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, daß er

einsah, das dürfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem

Nachdenken. Wo er stand, wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall

wuchs ein Anderssein-Müssen aus dem Boden.

Der Moloch · 第 31 / 84 题