Er wünschte zu wissen, wovon all die Leute sprachen, die sich hier
zusammengefunden hatten. Mitteilsam glänzten die Augen, voll
Geschäftigkeit öffneten sich die Lippen, um zu schwatzen und zu lachen.
Viele Männer waren feist und ansehnlich; andere sahen aus, als hätten
sie schreckliche Sorgen. Jemand ergriff Arnold beim Arm. Es war Baron
Drusius, der seine Freude ausdrückte, ihn zu sehen. Er führte ihn zu
einem jungen Mädchen, das eine Narbe auf der Wange hatte. »Meine
Schwester«, sagte der Alte. Sie grüßte flüchtig, lächelte flüchtig und
wandte sich zu einem Herrn, der in majestätisch-nachlässiger Haltung
dastand und einem Menschen glich, welcher von dem Bewußtsein unendlicher
Geistesüberlegenheit erfüllt ist, dies aber in anmaßender Bescheidenheit
zu verbergen wünscht.
»Das ist der berühmte Bernay, eine Kapazität«, flüsterte Drusius Arnold
zu. »Er will einen Staat von freien Menschen gründen, ohne Steuern und
ohne Städte. Er hat eine Aktiengesellschaft gewonnen, um einen
Landstrich in Amerika anzukaufen ...«
Petra trat zu Arnold. Ihre vorgeschobene Oberlippe gab dem verständigen
Gesicht einen altjüngferlichen Ausdruck. Sie machte Arnold wieder mit
fremden Menschen bekannt. Von neuem das unerklärliche Namennennen,
Verbeugen, Händedrücken. Wer sind sie? dachte Arnold; was bedeutet das?
Einige waren so freundlich wie gegen jemand, auf den man große
Hoffnungen setzt. Arnold grübelte, weshalb sie freundlich seien, ohne
daß sie ihn kannten; weshalb sie, zuerst kalt, plötzlich dies
überfließende Betragen annahmen, wenn sie sich verbeugt und die Hand
gereicht hatten. Sie schienen Geheimnisse zu wissen und oft strahlte es
feindselig und angstvoll aus ihren Augen. Aber ihre Worte klangen
freundlich und leer.
Auf einmal kam Natalie mit Lebhaftigkeit auf ihn zu und sagte: »Sind Sie
nicht aus Podolin, Herr Ansorge? Haben Sie da nicht Doktor Hanka kennen
gelernt? Anna Borromeo sagte mir, Sie kämen aus Podolin. Sie kennen
Hanka? Und kennen Sie auch seine Frau, diese Beate? Ja? Erzählen Sie
doch, – bitte!«
Das alles sprudelte Natalie nur so. Sie war ganz außer sich vor
Neugierde und biß sich auf die Lippen vor Verdruß, daß sie nicht früher
den Einfall gehabt, Arnold zu fragen.
Arnold fühlte sich abgestoßen durch das zudringliche Wesen. Nachdem er
einige Sekunden überlegend geschwiegen, hob er in jener heitern Weise
den Kopf, die ihn sonderbar auszeichnete und sagte: »Herr Hanka hätte
ein besseres Frauenzimmer finden können, glaube ich. Die Beate oder wie
sie heißt, ist dem Teufel zu schlecht.«
Natalie erblaßte, sah sich erschreckt um, legte einen Finger auf den
Mund und erwiderte betreten: »Was machen Sie denn, Sie komischer Mensch!
Das dürfen Sie doch nicht so offen sagen. Geben Sie nur acht, daß Doktor
Hanka nicht so etwas zu Ohren kommt, sonst können Sie sich schöne
Unannehmlichkeiten zuziehen. Er hat doch diese Beate seit ihrer Kindheit
für sich aufgezogen.«
»Es ist aber doch so, wie ich sage«, beharrte Arnold kalt. »Von mir aus
mag sie treiben, was sie will, aber ich weiß, was ich weiß.«
Natalies Neugier war aufs äußerste gestiegen. Ungeduldig nahm sie
Arnolds Arm und führte ihn in ein nebenan gelegenes, kleineres Gemach.
Zwei alte Herren saßen am Fenster und unterhielten sich leise; sie
erhoben sich nun und gingen hinaus.
»Also was wissen Sie? Erzählen Sie! Erzählen Sie!« begann Natalie
sogleich.
Arnold runzelte die Stirn. »Gar nichts erzähl’ ich Ihnen«, antwortete er
grob.
Natalie sah ihn entsetzt an.
Er aber fuhr fort: »Ist es wahr, daß Sie gar kein Geld haben, um die
ganze Herrlichkeit zu bezahlen, die Sie da den Leuten vormachen? Ich
hab’ auch noch ganz andre Dinge gehört, davon will ich aber jetzt nicht
reden. Was treiben Sie denn eigentlich? Warum ist denn das so?«
Natalies Entsetzen war mitleiderregend. Sie zitterte über den ganzen
Körper, trat einen Schritt zurück und flüsterte: »Was fällt Ihnen denn
ein? Sind Sie toll geworden, Monsieur?«
Ah, Monsieur sagt sie zu mir, dachte Arnold verdrießlich. Als er jedoch
ihre hübschen Kinderaugen voll Tränen sah, wurde er gerührt. »Wenn es
nicht wahr wäre, würden Sie nicht weinen«, bemerkte er treuherzig.
Natalie hätte plötzlich lachen mögen. Sie zog das Taschentuch und
verbarg das Gesicht. Sie erstickte beinahe an dem unterdrückten
Lachanfall. Dann kam ihr ein Einfall, der ihr in den Ernst
zurückverhalf. Er ist reich, dachte sie, man könnte seine Dummheit
benutzen.
»Sie sind ein sonderbarer Mensch«, sagte sie, das Gesicht erhebend und
unter Tränen lächelnd. »Wir müssen ausführlich miteinander reden, wir
würden uns sicher verstehen. Kommen Sie doch mal, wenn ich allein bin.«
Arnold verabschiedete sich und ging.
Er aß bei Borromeos zu Abend. »Wie hast du dir die Zeit vertrieben,
Arnold?« fragte Anna Borromeo.
Er dachte einige Sekunden lang nach und erwiderte: »Ich will nicht die
Zeit vertreiben. Ich will die Zeit halten.«
Frau Anna lachte.
Borromeo liebkoste seinen Bart. »Er hat ganz recht«, sagte er. »Man
sollte diese Redensarten immer beim Schwanz packen und sie nicht
lassen, bis sie zertreten sind.«
Arnold betrachtete Borromeo und die Frau und lauschte ihrem spärlichen
Gespräch. Sie sprachen wie durch eine Wand. Sie sahen einander nie an,
ohne daß in ihren Blicken etwas wie Unmut oder Feigheit lag. Noch
gestern hätte Arnold das nicht gespürt. Einen Augenblick lang wollte er
das rätselhafte Dunkel, das zwischen den zwei Personen herrschte, durch
eine ehrliche Frage ergründen. Daß er dies nicht vermochte, daß er
einsah, das dürfe nicht geschehen, war die Ursache zu tieferem
Nachdenken. Wo er stand, wo er saß, wohin sein Herz sich wandte, überall
wuchs ein Anderssein-Müssen aus dem Boden.